{"id":22067,"date":"2001-06-18T16:35:40","date_gmt":"2001-06-18T14:35:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22067"},"modified":"2025-03-18T16:38:12","modified_gmt":"2025-03-18T15:38:12","slug":"jesaja-551-3b-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jesaja-551-3b-4\/","title":{"rendered":"Jesaja 55,1-3b"},"content":{"rendered":"<h3>2. Sonntag nach Trinitatis | 24. Juni 2001 | Jesaja 55,1-3b | Ulrich Braun |<\/h3>\n<p>(Gottesdienst des Johanniterordens, Subkommende G\u00f6ttingen in der St. Martins-Kirche J\u00fchnde)<\/p>\n<p>Predigttext: Jesaja 55, 1-3b<\/p>\n<p>1 Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! Und die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und esst! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch!<\/p>\n<p>2 Warum z\u00e4hlt ihr Geld dar f\u00fcr das, was kein Brot ist, und sauren Verdienst f\u00fcr das, was nicht satt macht? H\u00f6rt doch auf mich, so werdet ihr Gutes essen und euch am K\u00f6stlichen laben.<\/p>\n<p>3 Neigt eure Ohren her und kommt her zu mir! H\u00f6ret, so werdet ihr leben! Ich will mit euch einen ewigen Bund schlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>In der Welt trivial-philosophischer Weisheit ist alles so einfach.. Geld allein macht nicht gl\u00fccklich. Die wirklich wichtigen Dinge im Leben kann man nicht kaufen kann. Als vergr\u00e4mte Kronzeugin wird Ilsebill, die uners\u00e4ttliche Gattin des Fischers vorgef\u00fchrt. Zerknirscht folgt ihr Scrooge, der schmerzvoll gel\u00e4uterte Gesch\u00e4ftsmann aus Charles Dickens&#8216; Weihnachtserz\u00e4hlung.<\/p>\n<p>Der reiche Kornbauer im Gleichnis Jesu muss sterben, gerade als seine zus\u00e4tzlich errichtete Scheune randvoll ist. Er f\u00fchrt &#8211; gewisserma\u00dfen als ihr Ahnherr &#8211; die Riege der ungl\u00fccklichen Raffkes und Nimmersatts der Weltliteratur an. Die depressiven K\u00f6nigskinder aus den bunten Bl\u00e4ttern im Zeitschriftenregal, magers\u00fcchtige Adelsspr\u00f6sslinge und verkrachte Existenzen mit f\u00fcrstlichen Apanagen vervollst\u00e4ndigen den Reigen.<\/p>\n<p>Irgendwie ist es beruhigend zu sehen, dass die, die alles haben, deswegen auch nicht gl\u00fccklicher sind. Seltsam nur, dass es so wenige davon abh\u00e4lt, das Rennen um z\u00e4hlbaren Erfolg mit aller gebotenen Erbitterung aufzunehmen. Ganz so trivial und einfach scheint es am Ende eben nicht zu sein, vom wahren Wasser des Lebens zu trinken.<\/p>\n<p>Neben der Beruhigung, dass Ruhm und Geld nicht alles sind, geben die Geschichten der Entt\u00e4uschung keinen Hinweis auf das Wasser des Lebens. Wo die Quelle zu finden ist &#8211; diese Frage bleibt einstweilen offen.<\/p>\n<p>Auch unser Predigttext bleibt die Ortsangabe schuldig. Er lebt vom \u00dcberraschungseffekt, indem er in marktgerechter Sprache feilbietet, was sich den Gesetzen des Marktes gerade entzieht. Wer Ohren hat, zu h\u00f6ren, sp\u00fcrt wie die Melodie der Sehnsucht darin angespielt wird..<\/p>\n<p>Die Sehnsucht gebraucht \u00fcblicherweise ganz \u00e4u\u00dferliche Zeichen. Unn\u00fctz gro\u00dfe H\u00e4user, Autos mit sechzehn Zylindern und offenem Dach, kurz: alles, was wir Statussymbole nennen. Im Grundschulalter beginnt man Marken zu tragen. Dick gesteppte Helly Hansen Jacken, Hosen, deren Preise den Eltern die Tr\u00e4nen in die Augen treiben, und Buffalo-Schuhe, deren gr\u00f6\u00dfter Vorteil sein d\u00fcrfte, dass man mit ihnen \u00fcberhaupt nur gehen kann, wenn man unter sechzehn Jahren alt ist. Aber auch das tollste Sweatshirt und das coolste Handy scheinen gerade gut genug, die gr\u00f6\u00dfte Not zu lindern. Die Gesichter ihrer Besitzer jedenfalls erz\u00e4hlen von ungestillten Sehns\u00fcchten. Nennen wir sie den Durst nach Leben.<\/p>\n<p>In diesem Durst nach Leben lebt zugleich der Wunsch, dass sich dies Menschenleben an seinen sichtbaren R\u00e4ndern doch nicht verlieren m\u00f6ge &#8211; sozusagen im Einheitsbrei des Universums verschwinden. Nur: offensichtlich tut es das. Jedenfalls in Hinsicht auf alles, was man erwerben und besitzen kann.<\/p>\n<p>Wer Ohren hat zu h\u00f6ren, bei dem schl\u00e4gt das Prophetenwort diese Saite der Sehnsucht an. &#8222;H\u00f6ret, so werdet ihr leben!&#8220; sagt Jesaja. Und indem er so schreibt, verschmelzen in seinen Worten f\u00fcr Momente die Grenzen zwischen Gott und dem Menschen. Und so kann er fortfahren: &#8222;Ich will mit euch einen ewigen Bund schlie\u00dfen&#8220;. Die Verhei\u00dfung \u00fcbersteigt jede Grenze des sichtbaren Lebens. Das ist gewaltig und zugegebenerma\u00dfen nur schwer zu belegen.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens w\u00fcrden schon bescheidenere Verhei\u00dfungen verwegen gewirkt haben. Denn sie treffen ein aufgeriebenes Volk, erm\u00fcdet in jahrzehntelangen politischen und religi\u00f6sen Richtungsk\u00e4mpfen, belagert, besiegt und verschleppt. Jetzt hat man sich mit den Verh\u00e4ltnissen arrangiert. Die Gl\u00fccklicheren haben ihr Auskommen und sind besch\u00e4ftigt. In den Gesichtern der weniger Gl\u00fccklichen sind die Spuren einer fast verloschenen Sehnsucht &#8211; wenn \u00fcberhaupt &#8211; nur mehr zu ahnen als zu sehen.<\/p>\n<p>Wer Ohren hat zu h\u00f6ren, soll nun die Verhei\u00dfung von dem ewigen Bund h\u00f6ren. Historisch gesehen gibt es immerhin einen Silberstreif am Horizont. Er hei\u00dft Kyros, hat die Babylonier besiegt und entl\u00e4sst einen ersten Teil der Leute aus dem Exil nach Israel. Gleichwohl kommt die Hoffnung auf bessere Zeiten auf d\u00fcnnen Beinen daher.<\/p>\n<p>Das, was den M\u00fchseligen und Beladenen aller Zeiten und aller V\u00f6lker mit der Rede von einem ewigen Bund gesagt ist, reicht aber tiefer hinab und greift ohnedies weiter als die Grenzen des sichtbaren Lebens: Du bist kein Vergessener am Rand der Weltgeschichte.<\/p>\n<p>So verwegen es ist: genau deshalb muss hier von Ewigkeit die Rede sein. Die Bedeutung des Menschenlebens verlangt es. Sie gilt \u00fcber jeden Augenblick hinaus, unabh\u00e4ngig von sichtbarem Erfolg, und besteht sogar dann, wenn einer kaum das n\u00f6tigste zum Leben hat. Denn er hat Ohren zu h\u00f6ren und kennt den Durst nach dem Wasser des Lebens. Er ist f\u00e4hig zur Selbstachtung und bleibt es bei aller Widerspr\u00fcchlichkeit.<\/p>\n<p>Ein Vers aus der Feder desselben Propheten formuliert den Grund dieser Selbstachtung in der Achtung Gottes: F\u00fcrchte dich nicht, denn ich habe dich erl\u00f6st; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein! Auf diesem Grund k\u00f6nnen Menschen famose Dinge. Sie k\u00f6nnen die tollsten Tr\u00e4ume tr\u00e4umen und kaum f\u00fcr m\u00f6glich gehaltene Erfolgsgeschichten m\u00f6glich machen. Ein Ende der Erfolgsgeschichten ist nicht abzusehen.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens: Dieselben Lebensweisheiten kann man nat\u00fcrlich auch f\u00fcr teures Geld erwerben. Eine ganze Branche lebt von dem Versprechen, den Weg zum Erfolg zu weisen. Die Riege der Motivationsk\u00fcnstler, der Erfolgscoaches und der Pers\u00f6nlichkeits-Optimierer l\u00e4sst sich f\u00fcr gutes Eintrittsgeld in vollen Hallen bejubeln.<\/p>\n<p>Wer zahlt, kann \u00fcber Glasscherben und gl\u00fchende Kohlen gehen, &#8222;Tschakkaa&#8220; schreien lernen und Eisenst\u00e4be mit dem Adamsapfel verbiegen. F\u00fcr durchschnittlich DM 59.90 sind die B\u00fccher der Meister im Foyer zu erwerben. H\u00f6rkassetten gibt es schon ab DM 19,90. Postmoderne Gebetsm\u00fchlen f\u00fcr lange Autofahrten und Gute-Nacht-Gebete aus dem Walkman f\u00fcr das Unterbewusstsein ambitionierter Filialleiter. Wer ganz sicher in der Erfolgsspur gehen will, erwirbt die Videokassette zur Nacharbeit f\u00fcr DM 39,90. Anmeldeformulare f\u00fcr die Aufbaukurse des Erfolges liegen bei.<\/p>\n<p>Warum nur geben Menschen ihr sauer verdientes Geld f\u00fcr diese Radaubr\u00fcder des Erfolgs aus? Anderswo ist doch auch zu h\u00f6ren: &#8222;Ihr seid das Salz der Erde&#8220; und &#8222;Ihr seid das Licht der Welt&#8220;? Im Griff zum teureren Produkt zeigt sich nicht nur die unvern\u00fcnftige Hoffnung, dass das, was viel kostet, auch viel hilft.<\/p>\n<p>M\u00f6glicherweise steht dahinter die gar nicht so unvern\u00fcnftige Ahnung, dass das Wasser des Lebens von mir selbst am Ende den h\u00f6heren Preis verlangt. Davon zu trinken, k\u00f6nnte das eigene Leben wahrhaft ver\u00e4ndern. Und dazu geh\u00f6rt eben mehr, als sich von einem Motivationscoach einreden zu lassen, ich selbst sei ein Adler und der Rest der Welt ein H\u00fchnerhaufen.<\/p>\n<p>Zur Selbstachtung m\u00fcsste die Achtung des Anderen hinzutreten. Das Geschenk des Lebens w\u00fcrde sich untrennbar mit der Verantwortung daf\u00fcr verbinden. Es k\u00f6nnte auch bedeuten, Wasser in den Champagner des Erfolgsrausches zu gie\u00dfen, weil das Versprechen unfehlbarer Gewinnmaximierung eben nicht inbegriffen ist. Daf\u00fcr ist aber von etwas die Rede, das auch zur Sehnsucht nach dem wahren Leben geh\u00f6rt. N\u00e4mlich vom Kennzeichen des Menschlichen, die Achtung des Anderen mit der Selbstachtung zu verbinden und weder das eine noch das andere von irgend einer Art sichtbaren Erfolgs abh\u00e4ngig zu machen. Und davon ist die Rede, dass es dem Menschen nichts n\u00fctzen w\u00fcrde, die ganze Welt zu gewinnen und dabei Schaden an der Seele zu nehmen.<\/p>\n<p>Es gilt weiterhin bew\u00e4hrte Alltagsphilosophie. Keiner wird sich auf seinen Lorbeeren ausruhen d\u00fcrfen, weil Stillstand R\u00fcckschritt bedeutet. Von nichts wird auch forthin nichts kommen. Auch in Zukunft wird nichts umsonst sein, au\u00dfer eben dem Tod, der bekanntlich das Leben kostet. Dass Geld auch weiterhin nicht gl\u00fccklich macht, wird die beruhigen, die keines haben, was wiederum niemanden davon abhalten wird, sich mehr davon zu w\u00fcnschen. Aber wer Ohren hat zu h\u00f6ren, der lasse sie sich nicht von solcherlei Allerweltsweisheit verstopfen. Er und sie lausche in sich hinein und h\u00f6re darauf, welche Saiten in ihm zum Klingen kommen. Und wer im Gesicht eines anderen Menschen liest und f\u00fcr m\u00f6glich h\u00e4lt, dass Gott gerade mit dem einen ewigen Bund geschlossen haben mag, der trinkt wohl in diesem Augenblick aus der Quelle des Lebens.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Ulrich Braun, Pastor in Meensen, J\u00fchnde und Barlissen, Kirchenkreis Hann. M\u00fcnden<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"mailto:Ulrich.F.Braun@t-online.de\"><strong>eMail: Ulrich.F.Braun@t-online.de<\/strong><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2. Sonntag nach Trinitatis | 24. Juni 2001 | Jesaja 55,1-3b | Ulrich Braun | (Gottesdienst des Johanniterordens, Subkommende G\u00f6ttingen in der St. Martins-Kirche J\u00fchnde) Predigttext: Jesaja 55, 1-3b 1 Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! Und die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und esst! Kommt her und kauft [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":14912,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[409,22,2,727,157,853,114,431,349,109,1237],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-22067","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-2-so-n-trinitatis","category-jesaja","category-at","category-archiv","category-beitragende","category-bibel","category-deut","category-kapitel-55-chapter-55","category-kasus","category-predigten","category-ulrich-braun"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22067","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=22067"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22067\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":22068,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22067\/revisions\/22068"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/14912"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=22067"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=22067"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=22067"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=22067"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=22067"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=22067"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=22067"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}