{"id":22073,"date":"2001-06-18T16:46:01","date_gmt":"2001-06-18T14:46:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22073"},"modified":"2025-04-11T10:35:15","modified_gmt":"2025-04-11T08:35:15","slug":"17-juni-2001","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/17-juni-2001\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 9,35-10,5a"},"content":{"rendered":"<h3>1. Sonntag nach Trinitatis mit Diamantener Konfirmation | 17. Juni 2001 | Matth\u00e4us 9,35-10,5a | Wolfgang Petrak |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde, vor allem liebe Diamantene Konfirmandinnen und Konfirmanden,<\/p>\n<p>Da ist nun unser Herr in die St\u00e4dte und D\u00f6rfer gegangen, um die Menschen in ihrem Leben aufzusuchen und anzusprechen, denn die Welt Gottes will hineingehen in unsere Zeit. Dazu braucht es Menschen, die dieses weitertragen. Sollten wir da nicht auch hineingehen in unsere Zeit, aufsuchen, was gewesen ist, und ansprechen, was sein soll, zumal an diesem Tag?<\/p>\n<p>Da machen sich die Gedanken auf. Damals, vor 60 Jahren. Weende. Wie ein Bild wird euch eure Konfirmation vor Augen stehen. Ich stelle mir es vor: Eher ernst als fr\u00f6hlich dreinschauende Junges, das Haar zumeist kurz und knapp gescheitelt, die M\u00e4dchen mit einem angedeutetem L\u00e4cheln. Und in der Mitte, w\u00fcrdig mit hohem steifen Kragen und gut gest\u00e4rktem B\u00e4ffchen, euer Konfirmator, Pastor Krohn. Der Fotograf Schulte hatte kurz zuvor noch etwas gesagt, und dann&#8230; ja dann ist aus dem Bild nichts geworden, vielleicht, weil das Filmmaterial in dieser Zeit schon so schlecht war. Oder weil es irgendeinen anderen Fehler gegeben hatte. Sicher, es w\u00e4re so wichtig gewesen, ein Foto in den H\u00e4nden gehabt zu haben, das man h\u00e4tte weitergeben k\u00f6nnen und an dem sich die Erinnerung entfaltet: sieh, das ist doch der&#8230;Und da ist sie. Doch du wei\u00dft auch so noch um die Namen, auch derer, die gegangen sind, hast im Ged\u00e4chtnis auch die, die nicht zur\u00fcck gekommen sind aus diesem Krieg. Du wei\u00dft genau um jene Zeit, die f\u00fcr Jugendliche eigentlich fr\u00f6hlichen , gewissen Aufbruch bedeutet, ihr aber, eure Eltern: ihr musstet euch den Konfirmationsanzug per Bezugsschein besorgen, und vielleicht hatte die Nachbarin noch Samtstoff, um daraus ein Konfirmationskleid zu n\u00e4hen; es lie\u00dfe sich auf keinem Foto der Welt festhalten, wie irgendwie alles ging, und nat\u00fcrlich wurde gefeiert, und am n\u00e4chsten Tag seid ihr mit Pastor Krohn hinaufgezogen nach Nikolausberg, dort gab es dann Brause, und wieder stellen sich Bilder ein, wie die Jungens unterwegs Knepe machten und nach den M\u00e4dchen schielten und die M\u00e4dchen keine Knepe machten, aber ihrerseits nach den Jungens schielten, und der Pastor ging mit sicherem Schritt voran. &#8222;Ein Pastor geht durch seine Gemeinde zu Fu\u00df&#8220; , hatte Pastor Krohn jenen M\u00e4nnern in den langen Lederm\u00e4nteln gesagt, als sie ihn zum Verh\u00f6r bringen wollten. Und so war er durch das Dorf gegangen, gefolgt von dem Wagen der Gestapo.<\/p>\n<p>&#8222;Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben&#8220; hat unser Herr gesagt. So ist das Gehen der Ausdruck der Wahrheit, so geht der Herr in die St\u00e4dte und D\u00f6rfer, um zu heilen und zu helfen, um die Wahrheit zu sagen und die Freiheit des Lebens zu bringen. Du kannst dir die Bilder ausmalen, wie die Menschen darauf gewartet haben hinter ihren verschlossenen T\u00fcren, im beengten abgedunkelten Raum, mehrere Generationen zusammen. Wie sich die Bilder, die Zeiten \u00fcberlagern. Wie aus tiefstem Herzen heraus &#8222;Gott sei Dank&#8220; gesagt wird .Wie gleich daneben dieses &#8222;Warum?&#8220; steht, wie in einem dunklen und abgeschlossenen Raum, und niemand soll dran r\u00fchren.<\/p>\n<p>Und du wei\u00dft auch, wie es weiter gegangen ist, mit dir und den anderen. Wie ihr zur\u00fcckgehrt seid, siebzehnj\u00e4hrig oder auch sp\u00e4ter, eigentlich so jung, und doch so alt, denn die Bilder haben sich eingegraben, von dem Minensuchboot und dem brennendem Bremen und dem Himmel \u00fcber Kassel, den Lazaretten und Stacheldrahtverhauen. Irgendwann h\u00f6rtest du auch von den anderen und von denen, die nicht wiedergekommen waren: Beschuss der Stra\u00dfenbahn im Ruhrgebiet, vermisst im Osten. Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich als Kind am Volksempf\u00e4nger, diesem Bakalit-Radio, sonnabends vor Peter Frankenfeld die Suchmeldungen des DRK h\u00f6rte und froh dar\u00fcber war, dass der Vater zu Haus war und dass er die Schlager, die nach den Meldungen kommen w\u00fcrden, mitpfeifen w\u00fcrde: &#8222;Die s\u00fc\u00dfesten Fr\u00fcchte essen nur die gro\u00dfen Tiere&#8230;Bin nur ein Jonny&#8220;. Angst hatte ich insgeheim vor unserer Nachbarin, die in einem Zimmer neben unserer Stube wohnte. Die Mutter hatte erkl\u00e4rt: &#8222;Sie ist eine Kriegerwitwe und tr\u00e4gt Schwarz&#8220;. Wie zerrissen diese Zeit gewesen ist!<\/p>\n<p>Wie nah rastloser Aufbruch und j\u00e4her Abgrund waren! Menschen, zerstreut und vertrieben, hungernd und voller Lebenserwartung, den Blick nach vorn richtend. Ja, es ging um Ziele und um Arbeit und Aufbau. Und abends wurde am Klostergut, versehen mit einem Hei\u00df- oder Kaltgetr\u00e4nk zur singenden S\u00e4ge und Akkordeon getanzt, w\u00e4hrend Bier und Band zun\u00e4chst nur den Tommies vorbehalten waren. Gesungen wurde auch. Vielleicht in der einen Jugendgruppe: &#8222;Jesu geh voran&#8220;. Und in der anderen: &#8222;Br\u00fcder, zur Sonne, zur Freiheit&#8220;. Gedacht wurde dabei wahrscheinlich das Gleiche: hoffentlich geht es aufw\u00e4rts.<\/p>\n<p>Und der Herr ging umher in alle D\u00f6rfer und St\u00e4dte, und da er das Volk sah, jammerte ihn desselben, denn sie waren verschmachtet und zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben: ja, das Reich Gottes kommt mit Orientierung und Aufbau. Erinnerst du dich, an die Zeiten und an den Konfirmandenunterricht? Jesus nennt Namen, Wenn man ganz oben anf\u00e4ngt, kennt man die auch nocht: Petrus und Andreas, Johannes und auch Jakobus, aber wer ist Thadd\u00e4us und die anderen? Wie man ja auch heute noch von Adenauer und Kurt Schumacher spricht, von Heu\u00df und Dehler, vielleicht auch von Hermann Ehlers oder Otto Dibelius einerseits und Martin Niem\u00f6ller andererseits, aber sicher auch von Gustav Heinmann, der sein christliches Gewissen \u00fcber die politische Karriere gestellt hatte. Wenn man heute die Namen von damals nennt, dann um zugleich leicht skeptisch anzudeuten, wie sehr heute die gro\u00dfen Namen fehlen,- aber es ist doch so gewesen, dass ihr alle damals, so zerrissen und so niedergeschlagen ihr auch gewesen seid, doch vom Willen zum Neuanfang getragen worden seid, zwar k\u00e4mpferisch unterschiedlich in den Ansichten, doch vereint in dem Wissen, dass wir Ziele f\u00fcr unser Leben und unsere Arbeit brauchen. Und das es von au\u00dfen gesehen Unbekannte sind, die dieses weitergegeben haben. Was w\u00e4ren wir ohne unsere Eltern. Was w\u00fcrden wir denken, ohne die, die uns unterrichtet und mit denen wir uns auseinandergesetzt haben. Wo w\u00fcrden wir heute ohne den Rat und die Hilfe der Freunde und Nachbarn stehen? Nach den Zeiten gefragt und was sie darin getragen h\u00e4tte, sagte mir eine von euch hatte mir ihren Konfirmationsspruch. Den wollte ich eigentlich gar nicht wissen, weil man heute als Pastor danach nicht fragt. Doch sie musste es einfach sagen. Denn das Wort ist wichtig. als Grund und Ziel: &#8222;F\u00fcrchte dich nicht, glaube nur&#8220;. Daran kann man das Leben ausrichten. Es ist ja nicht so, sagte sie, dass alles Gold ist was gl\u00e4nzt; und dass das Leben auch seine Tiefen hat, die Werte der F\u00fcnfziger und Sechziger: Geld, Gesundheit und Sch\u00f6nheit: alles viel zu flach. Allein der Glaube. Man muss ja kein Kirchg\u00e4nger sein&#8230;<\/p>\n<p>Ach ja? Aber der Herr geht in die St\u00e4dte und D\u00f6rfer und sieht was los ist und was den Menschen fehlt. Und er sendet Bekannte und Unbekannte in die Welt. Weil es die J\u00fcnger sind, haben sie bei ihm gelernt, was zu tun und zu hoffen ist. Jesus, Joshua, Gott sieht , wie niedergeschlagen, wie zerrissen und orientierungslos die Menschen sind. Und es jammert ihn, ja es r\u00fchrt ihn zutiefst. Die Menschen, die von ihm gesandt sind zu heilen und zu helfen: wir werden damit anfangen m\u00fcssen, die Zerrissenheit und Orientierungslosigkeit an uns herankommen lassen m\u00fcssen. So wie der Tag gestern (in G\u00f6ttingen vielleicht) gewesen ist, liegen uns Kritik und Abgrenzung, der Ruf nach verbindlichen Werten und ihrer Durchsetzung nahe. Die Sendung der Christen in die Welt f\u00e4ngt jedoch mit dem Erbarmen an. Ob wir es schaffen k\u00f6nnen, uns von den J\u00fcngeren zutiefst anr\u00fchren zu lassen, auf sie zuzugehen, obwohl sie nicht viel wissen von den Zeiten und Namen, der Arbeit und dem Glauben, die euch gepr\u00e4gt haben? Wie es mit unserer Zeit weitergeht, ist offen. Es bleibt die Bitte, dass Menschen, bekannte, unbekannte, in diese Welt gesendet werden, die eines r\u00fcberbringen in diese Zeit: die Liebe Gottes, die h\u00f6her ist als alle Vernunft, bewahrt allein Herz und Sinn.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>P. Wolfgang Petrak<\/strong><\/p>\n<p><strong>St.Petri G\u00f6ttingen-Weende<\/strong><\/p>\n<p><strong>Schlagenweg 8a<\/strong><\/p>\n<p><strong>37077 G\u00f6ttingen, den 14.Juni 01<\/strong><\/p>\n<p><strong>Tel: 31838<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"mailto:W.Petrak@gmx.de\"><strong>e-mail: W.Petrak@gmx.de<\/strong><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Sonntag nach Trinitatis mit Diamantener Konfirmation | 17. 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