{"id":22079,"date":"2001-06-18T16:54:34","date_gmt":"2001-06-18T14:54:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22079"},"modified":"2025-03-18T16:56:37","modified_gmt":"2025-03-18T15:56:37","slug":"4-mose-622-27-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/4-mose-622-27-2\/","title":{"rendered":"4. Mose 6,22-27"},"content":{"rendered":"<h3>Trinitatis | 10. Juni 2001 | 4. Mose 6,22-27 | Rainer Stahl |<\/h3>\n<p>Liebe Schwestern und Br\u00fcder,<\/p>\n<p>1980 hat der israelische Arch\u00e4ologe Gabriel Barkay s\u00fcdwestlich der Altstadt von Jerusalem eine Grabanlage entdeckt. Im Urzustand bestand sie aus einem Felsenraum, der von drei Seiten mit B\u00e4nken umgeben war. Auf diesen B\u00e4nken konnten die Leichen abgelegt werden &#8211; mit den K\u00f6pfen in vorbereiteten Kuhlen. Der Ausgr\u00e4ber fand nur noch diese B\u00e4nke. Der ganze obere Teil des Felsens war abgetragen. Aber unter einer dieser B\u00e4nke wurde eine Kammer entdeckt, in der die Knochen und die Grabbeigaben nach der Verwesung eingelagert wurden. Man konnte noch die Knochen von fast hundert Menschen voneinander unterscheiden. Weit \u00fcber 1000 Einzelst\u00fccke an Grabbeigaben wurden gefunden: Gef\u00e4\u00dfe, \u00d6llampen, Pfeilspitzen, Schmuck. Vom 7. Jahrhundert vor Christus bis ins 1. Jahrhundert vor Christus sind hier Menschen bestattet worden &#8211; \u00fcber fast 600 Jahre hin.<\/p>\n<p>Der faszinierendste Fund waren zwei R\u00f6llchen aus Silberblech. Drei Jahre dauerte es, bis sie aufgerollt waren &#8211; ohne sie zu zerst\u00f6ren. Auf den Innenseiten wurden eingekratzte Buchstaben entdeckt. Und man konnte den Text lesen:<\/p>\n<p>&#8222;Es segne dich der Herr, und er beh\u00fcte dich.<\/p>\n<p>Es lasse leuchten der Herr sein Angesicht \u00fcber dir<\/p>\n<p>und er gebe dir Frieden.&#8220;<\/p>\n<p>Worin besteht der Sinn der wissenschaftlich-theologischen Arbeit zum Alten Testament? Er besteht darin, da\u00df die Gespr\u00e4chsbeziehungen aufgedeckt werden, in die die Texte urspr\u00fcnglich geh\u00f6ren &#8211; die Fragen, auf die sie Antworten waren, oder die Antworten, die sie herausforderten. Mit unserem Amulettfund ist das gro\u00dfartig m\u00f6glich:<\/p>\n<p>Ich stelle mir Eltern vor, die zur Hochzeit des Sohnes ihrem Sohn &#8211; nennen wir ihn Jochanan &#8211; und ihrer Schwiegertochter &#8211; vielleicht Sara &#8211; alles Gute w\u00fcnschen wollen. Sie tun es mit zwei Amuletten. Sie wissen, da\u00df die Gesundheit, der berufliche Erfolg, das Wohlergehen der Kinder nicht in ihren H\u00e4nden liegt. Sie \u00fcberlassen das alles bewu\u00dft dem Segen Gottes. Gewi\u00df haben sie auch an Frieden und sozialen Wohlstand gedacht. Denn sie geh\u00f6rten wohl zur F\u00fchrungsschicht in Jerusalem und haben den K\u00f6nig gekannt. Nehmen wir an, da\u00df die Hochzeit im Jahr 625 vor Christus war, kurz vor der Religionsreform des K\u00f6nigs Joschija. Mit dem Segenswort auf den Amuletten zeigten die Eltern, da\u00df sie diese Reform unterst\u00fctzen werden. Sie empfahlen dies auch ihren Kindern, sie stellten sie &#8211; 15 Jahre waren sie wohl alt gewesen sein &#8211; unter den Segen des einzigen Gottes.<\/p>\n<p>\u00dcber sein ganzes Leben hin hat nun dieses Paar t\u00e4glich und st\u00fcndlich aus diesem Segenswunsch gelebt. Sagen wir, 24 Jahre sp\u00e4ter sterben beide, also mit 39 Jahren, im Jahr 601 vor Christus. Jetzt herrscht K\u00f6nig Jojakim, der Steuern hatte ausschreiben lassen f\u00fcr Tributzahlungen und sich dann noch einen neuen Palast hatte bauen lassen. Die Kinder von Sara und Jochanan fragen sich jetzt, was das Wichtigste ist, was sie f\u00fcr ihre Eltern tun k\u00f6nnen. Sie geben ihnen die Segensw\u00fcnsche mit ins Grab. Sie bekennen so ihren Glauben, da\u00df Gott auch in den Tod hinein segnen, auch in den Tod hinein sein Angesicht leuchten lassen, auch in den Tod hinein Frieden setzen wird.<\/p>\n<p>Liebe Schwestern und Br\u00fcder,<\/p>\n<p>auch wir wollen diese pers\u00f6nliche Beziehungsebene zur\u00fcckgewinnen: Eltern f\u00fcr ihre Kinder; Kinder f\u00fcr ihre Eltern. Wir wollen den Mut finden, uns gegenseitig Segen zu spenden.<\/p>\n<p>Damit werdet Ihr eine dritte Kraft in Euren Beziehungen gewinnen &#8211; als Ehepartner, als Vater zum Sohn, als Mutter zur Tochter, als Tochter zum Vater, als Sohn zur Mutter. Diese dritte Kraft entlastet:<\/p>\n<p>Ihr k\u00f6nnt Gesundheit und Wohlergehen, Gl\u00fcck und Paradies nicht wirklich garantieren. Das wissen schon die Schlagers\u00e4nger unserer Zeit. Aber Ihr k\u00f6nnt sie in Gottes Hand legen, indem Ihr Eure Kinder, indem Ihr Euren Partner, indem Ihr Eure Eltern segnet.<\/p>\n<p>Und Ihr habt eine Br\u00fccke bei Schuld und Versagen. Gott h\u00e4lt die Beziehung, wenn das Gespr\u00e4ch abgebrochen ist. Deshalb ist es so wichtig, da\u00df Ihr einander den Segen Gottes w\u00fcnscht selbst dann, wenn die Auseinandersetzungen vorherrschen.<\/p>\n<p>Leider ist uns dieser pers\u00f6nliche, famili\u00e4re Bezug verloren gegangen. Kaum haben Eltern den Mut, ihre Kinder zu segnen. Noch weniger Kinder, ihre Eltern zu segnen. Auch in der biblischen \u00dcberlieferung ist dieser Segenstext dem pers\u00f6nlichen Bezug entzogen und ganz neu zugeordnet worden:<\/p>\n<p>&#8222;Und der Herr redete mit Mose und sprach: Sage Aaron und seinen S\u00f6hnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet&#8220; (Verse 22-23). Damit wird der Segen den V\u00e4tern und M\u00fcttern weggenommen und nur den Priestern zugeordnet &#8211; das sind &#8222;Aaron und seine S\u00f6hne&#8220;. Auch bei uns scheint dieser gro\u00dfe Text reserviert f\u00fcr die Pfarrerinnen und Pfarrer. Aber das braucht nicht zu sein. Jede und jeder von uns kann segnen.<\/p>\n<p>Gut ist an der Zuordnung zu den Pfarrerinnen und Pfarrern, da\u00df der Segen lebendig blieb in unserer Kirche: Wo der Mut zum Segnen in den Familien verloren geht, wird der Segen selbst doch nicht vergessen, denn mit ihm endet jeder Gottesdienst. Bei der Besichtigung der beiden Silberr\u00f6llchen im Israel-Museum in Jerusalem kam ich kurz mit zwei r\u00f6misch-katholischen Nonnen ins Gespr\u00e4ch. Ich sagte ihnen: &#8222;Wir beenden jeden Gottesdienst mit diesem alten Segen!&#8220; Da staunten sie ehrf\u00fcrchtig.<\/p>\n<p>So bleibt uns dieser Segen erhalten. Seine Kraft und seine Wirksamkeit gehen nicht verloren:<\/p>\n<p>&#8222;Segnen&#8220; hei\u00dft ja auch &#8222;gr\u00fc\u00dfen&#8220; und &#8222;Gutes w\u00fcnschen&#8220;. Deshalb ist da ein Bogen vom Anfang zum Schlu\u00df. &#8222;Frieden&#8220;, &#8222;Wohlergehen&#8220;, &#8222;Zukunft&#8220; f\u00fcr die zu segnende Person oder Gruppe sind das Ziel. Zugleich wird der Weg zu diesem Ziel verb\u00fcrgt. Dabei wird das &#8222;Segnen&#8220; richtiggehend gegenst\u00e4ndlich ausgesagt: Gott m\u00f6ge &#8222;sein Angesicht leuchten lassen&#8220;, Gott m\u00f6ge &#8222;sein Angesicht heben&#8220;. Das sind Beziehungsbilder. Sie sind \u00fcbernommen aus der Erfahrung menschlicher Kontakte. Wer auf eine andere Person offen zugeht, schaut sie an, zeigt das eigene Gesicht. Wer einer anderen Person freundlich begegnen will, l\u00e4chelt, strahlt im Gesichtsausdruck. So m\u00f6ge Gott selbst erfahren werden. So m\u00f6ge er sich f\u00fcr jede und jeden erweisen. Das w\u00fcnscht dieser alte Segen.<\/p>\n<p>Allerdings beobachte ich bei uns in Deutschland eine Ver\u00e4nderung, die ich kaum verstehe: Viele Kolleginnen und Kollegen \u00e4ndern beim Segen am Ende des Gottesdienstes das &#8222;Dich&#8220; in &#8222;Euch&#8220;. Warum tun sie das? Sie wissen doch, da\u00df das &#8222;Du&#8220; der Bibel immer auch kollektiv gemeint ist. Mit ihm wird die gesamte Gemeinschaft, das ganze Volk, angesprochen. Aber es wird eben auch jede einzelne und jeder einzelne angesprochen!<\/p>\n<p>Haben viele Pfarrerinnen und Pfarrer den Mut verloren, der einzelnen Person direkt den Segen zuzusprechen? Ist ihnen der Sinn dieses Segenswunsches zu direkt? &#8211; &#8222;Du bist gemeint!&#8220;<\/p>\n<p>Denken sie, mit dem &#8222;Euch&#8220; einen Freiraum bieten zu m\u00fcssen, so da\u00df die eine oder der andere sich dem Zugriff des Segens entziehen k\u00f6nnen? Da\u00df sie auch meinen k\u00f6nnen: &#8222;Ach &#8211; mich geht&#8217;s heute nichts an!&#8220;<\/p>\n<p>Mit dieser scheinbaren H\u00f6flichkeit und Zur\u00fcckhaltung dienen wir Pfarrerinnen und Pfarrer niemandem. Ja, wir verpassen unseren eigentlichen Auftrag, n\u00e4mlich den Namen Gottes auf jede und jeden zu legen. Wie es f\u00fcr die j\u00fcdische Gemeinde hei\u00dft: &#8222;Denn ihr sollt meinen Namen auf die Israeliten legen, da\u00df ich sie segne&#8220; (Vers 27).<\/p>\n<p>Deshalb m\u00f6chte ich mit einer zweiten Ermutigung schlie\u00dfen:<\/p>\n<p>Die erste ist: Findet Mut, Euch den Segen Gottes direkt zuzusprechen &#8211; als Eltern Euren Kindern, als Kinder Euren Eltern, als Partner einander.<\/p>\n<p>Die zweite ist: Bezieht den Segenswunsch der Pfarrerinnen und Pfarrer im Gottesdienst direkt auf Euch!<\/p>\n<p>Dazu brauchen wir nichts Neues zu erfinden. Wir brauchen nur zu tun, was Martin Luther getan hat, was unsere orthodoxen, unsere r\u00f6misch-katholischen Schwestern und Br\u00fcder tun: Wir brauchen nur mit dem Segen das Kreuz zu schlagen!<\/p>\n<p>Liebe Schwestern und Br\u00fcder,<\/p>\n<p>\u00fcberwindet jede Form der Arroganz gegen\u00fcber den Schwestern und Br\u00fcdern in den anderen konfessionellen Traditionen. \u00d6ffnet Euch der Kraft, die in der bewu\u00dften Handlung liegt, und vollzieht sie, schlagt also das Kreuz \u00fcber Euch selbst und lest als meinen Gru\u00df f\u00fcr Euch:<\/p>\n<p>&#8222;Der Herr segne dich und beh\u00fcte dich;<\/p>\n<p>der Herr lasse sein Angesicht leuchten \u00fcber dir und sei dir gn\u00e4dig;<\/p>\n<p>der Herr hebe sein Angesicht \u00fcber dich und gebe dir Frieden.&#8220;<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pfarrer Dr. Rainer Stahl, Erlangen<\/strong><\/p>\n<p><strong>Generalsekret\u00e4r des Martin-Luther-Bundes<\/strong><\/p>\n<p><strong>E-Mail:\u00a0<a href=\"mailto:gensek@martin-luther-bund.de\">gensek@martin-luther-bund.de<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Trinitatis | 10. 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