{"id":22088,"date":"2000-12-19T10:04:13","date_gmt":"2000-12-19T09:04:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22088"},"modified":"2025-03-19T10:06:35","modified_gmt":"2025-03-19T09:06:35","slug":"johannes-831-36-6","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-831-36-6\/","title":{"rendered":"Johannes 8,31-36"},"content":{"rendered":"<h3>Altjahresabend \/ Silvester | 31.12.2000 | Johannes 8,31-36 | Peter Kusenberg |<\/h3>\n<p>Da sprach nun Jesus zu den Juden, die an ihn glaubten: Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine J\u00fcnger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.<\/p>\n<p>Da antworteten sie ihm: Wir sind Abrahams Kinder und sind niemals jemandes Knecht gewesen. Wie sprichst du dann: Ihr sollt frei werden?<\/p>\n<p>Jesus antwortete ihnen und sprach: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer S\u00fcnde tut, der ist der S\u00fcnde Knecht. Der Knecht bleibt nicht ewig im Haus; der Sohn bleibt ewig. Wenn euch nun der Sohn frei macht, so seid ihr wirklich frei.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>dicke Brocken bietet dieser Predigttext zum Jahreswechsel: Wahrheit, Freiheit, S\u00fcnde. Drei Schlagworte, drei Begriffe, zu denen schon ganze Bibliotheken geschrieben worden sind, von den Reden \u00fcber sie ganz zu schweigen. Es sind Worte und Begriffe, die bei jedem unter uns eine ganze Reihe von Bildern und Gef\u00fchlen hervor rufen, gerade weil sie uns so oft begegnen. Es sind auch Worte und Begriffe, die h\u00e4ufig missbraucht werden.<\/p>\n<p>Ich denke deshalb, es wird gut sein, sich dem Text langsam zu n\u00e4hern, um die Gefahr voreiliger Schlussfolgerungen oder falscher Untert\u00f6ne zu vermeiden. Nicht gleich nach einer neuen, griffigen Schlagzeile suchen, m\u00f6glichst spektakul\u00e4r, sondern zun\u00e4chst den Hintergrund ausleuchten, vor dem die S\u00e4tze des Predigttextes stehen.<\/p>\n<p>\u201eWenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine J\u00fcnger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.\u201c Diese Worte redet Jesus zu \u201eden Juden, die an ihn glaubten\u201c, also zu Menschen, die bereit sind, seinem Ruf zu folgen.<\/p>\n<p>Und was antworten ihm diese Frauen und M\u00e4nner darauf? \u201eWir sind Abrahams Kinder und sind niemals jemandes Knecht gewesen. Wie sprichst du dann: Ihr sollt frei werden?\u201c<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, es lohnt sich, wenn wir versuchen, uns diese Szene vorzustellen. Jesus im Tempel von Jerusalem, umringt von einer Gruppe Zuh\u00f6rer. Aber das ist keine Schar and\u00e4chtig Lauschender, wie wir sie vielleicht bei der Bergpredigt vor Augen haben. Diese Leute sperren nicht staunend Mund und Ohren auf, nein, sie sind ganz und gar nicht auf den Mund gefallen.<\/p>\n<p>Wir sind Nachkommen Abrahams, protestieren sie. Wir sind doch Erben der g\u00f6ttlichen Verhei\u00dfung, Angeh\u00f6rige des erw\u00e4hlten Volkes. Nicht einmal feindliche Weltm\u00e4chte haben uns versklaven k\u00f6nnen. Ich sehe f\u00f6rmlich das Blitzen in ihren Augen, den Nachfahren stolzer Nomadenv\u00f6lker. Willst du, Jesus, uns etwas \u00fcber Freiheit erz\u00e4hlen?<\/p>\n<p>Zur Erinnerung: Jesus hatte von Wahrheit gesprochen. \u201eWenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine J\u00fcnger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.\u201c Doch seine Zuh\u00f6rer st\u00fcrzen sich auf das kleine W\u00f6rtchen \u201efrei\u201c am Ende des Satzes. Was davor gesagt ist, wird gewisserma\u00dfen ausgeblendet.<\/p>\n<p>Es ist immer wieder komisch, wie schnell bei bestimmten Reizworten Emotionen hochkochen. Kaum sind sie ausgesprochen, gehen die Wogen hoch. Und noch eins ist typisch: die klare Sicht ist im Nu vernebelt.<\/p>\n<p>Nun reicht es allerdings nicht, wenn wir auf diese Weise am Rande feststellen, dass die Unf\u00e4higkeit, richtig zuzuh\u00f6ren, schon zu biblischen Zeiten verbreitet war.<\/p>\n<p>Die Frage bleibt umso st\u00e4rker: Was meint Jesus, wenn er von \u201eWahrheit\u201c redet? \u2013 \u201eWahrheit\u201c ist bei ihm die himmlische Welt, an der Menschen in dieser Welt allein durch den Glauben Anteil haben. \u201eWahrheit\u201c bedeutet, ich erkenne an, dass Gott wirklich ist, dass er der Ursprung und das Ziel meines Lebens ist. Und der Weg dazu, den Jesus nennt, hei\u00dft \u201ebleiben an seinem Wort\u201c.<\/p>\n<p>Und \u201efrei sein\u201c \u2013 das ist dann letztlich nur eine Folgerung, wenn ich Gottes Wahrheit erkannt habe. Es ist die Konsequenz des Glaubens.<\/p>\n<p>So hat es Jesus damals im Tempel gesagt, doch seine Zuh\u00f6rer taten sich sehr schwer damit. Uns heute geht es nicht besser. Ich wei\u00df zwar nicht, woher es kommt, dass wir Menschen die Dinge so oft von der anderen Seite her aufziehen wollen, aber ge\u00e4ndert hat sich daran nichts.<\/p>\n<p>Wahrheit? Wahrheit als Erkennen der Wirklichkeit Gottes? \u2013 Dann doch eher zuerst die Suche nach der Freiheit. Das glauben wir eher zu schaffen. Freiheit, das ist Selbstverwirklichung, das ist Unabh\u00e4ngigkeit. Das kriegen wir doch allein hin, die stolzen T\u00f6chter und S\u00f6hne des Technik- und Informationszeitalters an der Schwelle des Jahres 2001.<\/p>\n<p>Und wir haben eine Menge Animateure, die uns den Weg zur grenzenlosen Freiheit weisen: die Apostel der Medien- und Spa\u00dfgesellschaft. Rund um die Uhr fl\u00fcstern sie mir in der Werbung zu, dass ich nur die richtigen Utensilien brauche, vom Handy \u00fcbers Duschgel bis zum Turnschuh. Markenbewusstsein erzeugt Selbstbewusstsein, so locken sie. Konsum macht frei, ist ihre Devise. \u201eNichts ist unm\u00f6glich\u201c, t\u00f6nt das Autohaus. \u201eWir machen den Weg frei\u201c, wirbt die Bank. Wohin? Nat\u00fcrlich zur Freiheit der grenzenlosen Pr\u00e4rie am Lagerfeuer des rauchenden Cowboys.<\/p>\n<p>Mal im Ernst: Glaube ich das? Helfen mir Love-Parade, Internet-Zugang und wom\u00f6glich eine T\u00e4towierung auf dem Hinterviertel, mich frei zu f\u00fchlen?<\/p>\n<p>All diese Rattenf\u00e4nger der Ichbezogenheit werden nicht m\u00fcde, den Menschen auf ein br\u00f6ckelndes Podest zu heben, das in Wirklichkeit nicht mehr ist als eine schillernde F\u00e4lschung. Eine F\u00e4lschung dessen, was Mensch sein von seinem Ursprung her meint: Bild Gottes.<\/p>\n<p>Wo der Mensch sich selbst vollkommen machen will oder auf die hereinf\u00e4llt, die ihm versprechen, sie k\u00f6nnten es f\u00fcr ihn tun, da ist der Mensch auf einmal wieder an Stelle von Adam und Eva beim Griff nach der verbotenen Frucht. Dort handelt er gegen Gottes Willen. Dort wird er schuldig. Dort entsteht die Kluft zwischen Gott und Mensch, die die Bibel mit dem Wort S\u00fcnde bezeichnet.<\/p>\n<p>\u201eJesus antwortete ihnen und sprach: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer S\u00fcnde tut, der ist der S\u00fcnde Knecht. Der Knecht bleibt nicht ewig im Haus; der Sohn bleibt ewig. Wenn euch nun der Sohn frei macht, so seid ihr wirklich frei.\u201c<\/p>\n<p>Jesu Werk ist es, die Kluft zwischen Gott und Mensch wieder zu schlie\u00dfen. Deshalb widerspricht er den Juden seiner Zeit, die sich auf angeblich ererbte oder erworbene Rechte Gott gegen\u00fcber berufen. Das Bild vom Knecht, der nicht im Haus bleibt, ist Warnung. Dass ihr Nachkommen Abrahams seid, so sagt er es denen im Tempel, ist keine Garantie, dass ihr f\u00fcr immer die Auserw\u00e4hlten Gottes bleibt. Nur der Sohn des Vaters, der legitime Nachkomme, bleibt f\u00fcr alle Zeit.<\/p>\n<p>Deswegen f\u00fchrt der Weg zur Wahrheit, zur himmlischen Welt, nur \u00fcber den Sohn, den Mittler zwischen Gott und Mensch. \u201eWenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine J\u00fcnger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.\u201c<\/p>\n<p>Und das hei\u00dft auch f\u00fcr Christinnen und Christen heute, dass der lebendige Zusammenhang mit Christus und seinem Wort nicht ein Zustand ist, den wir durch Taufe und Konfirmation erreichen wie einen Gesellen- oder Meisterbrief, wie eine Medaille oder einen akademischen Titel. Im Glauben an Jesu Wort \u201ebleiben\u201c \u2013 das ist Bewegung. Jeden Tag neu.<\/p>\n<p>Martin Luther in seiner unnachahmlichen Sprache hat es so beschrieben: \u201eDieses Leben ist nicht eine Frommheit, sondern ein fromm Werden, nicht eine Gesundheit, sondern ein gesund Werden. Wir sind\u2019s noch nicht, wir werden\u2019s aber. Es gl\u00fcht und glitzt noch nicht alles, es regt sich aber alles.\u201c<\/p>\n<p>Und das ist dann zum Ende der Predigt auch ein tr\u00f6stliches Wort. Ich muss ja nicht zuerst der perfekte, vollkommene Mensch werden, bevor ich Gott unter die Augen trete. Das kann ich nicht, und jeder Versuch ist nicht nur aussichtslos, sondern w\u00e4re stets auch bedroht von der Versuchung der Eitelkeit. Der Eitelkeit eines Bildes, das sein will wie der Ursprung.<\/p>\n<p>Ich will dankbar sein, dass ich Bild Gottes bin. Ich bin erleichtert, dass ich nicht vollkommen sein muss \u2013 nach welchem Ma\u00dfstab auch immer. Ich nehme mit, dass meine Beziehung zu Gott ein \u201eBleiben\u201c sein will, eine lebendige, eine bewegliche Beziehung. Jeden Tag neu. So kann ich in das Neue Jahr gehen. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Peter Kusenberg Pastor und freier Journalist<\/strong><\/p>\n<p><strong>Adelebsen-Erbsen<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"mailto:peter.kusenberg@kirche-erbsen.de\"><strong>E-mail: peter.kusenberg@kirche-erbsen.de<\/strong><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Altjahresabend \/ Silvester | 31.12.2000 | Johannes 8,31-36 | Peter Kusenberg | Da sprach nun Jesus zu den Juden, die an ihn glaubten: Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine J\u00fcnger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen. 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