{"id":22092,"date":"2000-12-19T10:10:01","date_gmt":"2000-12-19T09:10:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22092"},"modified":"2025-03-19T10:12:48","modified_gmt":"2025-03-19T09:12:48","slug":"jesaja-111-9-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jesaja-111-9-5\/","title":{"rendered":"Jesaja 11,1-9"},"content":{"rendered":"<h3>Christfest II | 26. Dezember 2000 | Jesaja 11,1-9 | Paul Kluge |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde, Schwestern und Br\u00fcder,<\/p>\n<p>Jesaja hat eine Welt von morgen, f\u00fcr morgen beschrieben, eine Welt, von der er tr\u00e4umte und an die er glaubte. Rund 500 Jahre sp\u00e4ter schrieb ein anderer, \u201ePrediger\u201c genannt: \u201eDas Auge wird nicht satt zu sehen, das Ohr wird nicht voll vom H\u00f6ren. Was gewesen ist, wird wieder sein, und was geschehen ist, wird geschehen. Es gibt nichts Neues unter der Sonne.\u201c<\/p>\n<p>Der diese Gedanken aufschrieb, zog Bilanz, und er bilanzierte nicht nur sein eigenes Leben. In alten Schriften hatte er geforscht, hatte bei den Alten erfragt, wie es fr\u00fcher war, von Menschen aus fernen und fremden L\u00e4ndern hatte er wissen wollen, wie es dort zuging. Wo immer er an Nachrichten kommen konnte, hatte er sie gierig aufgenommen. Doch was er sah, was er h\u00f6rte, was er erfuhr: Es \u00e4hnelte sich, und das oft so sehr, da\u00df ihm schien: \u00dcberall auf der Welt das gleiche Schema, nach dem alles ablief. Gewi\u00df, Einzelschicksale unterschieden sich, jedenfalls manchmal. Und so schwer Einzelne auch an ihrem Los zu tragen hatten: Dahinter stand immer das gleiche Schema, ob zwischen einzelnen Menschen oder zwischen V\u00f6lkern: In \u00c4ngsten die einen, und die anderen lebten gar nicht schlecht. Nichts Neues unter der Sonne.<\/p>\n<p>Der Schreiber lehnte sich zur\u00fcck, er mu\u00dfte noch einmal nachdenken, ob dieser Satz so stehenbleiben konnte. Schlie\u00dflich sollte, was er aufschrieb, anderen zur Lehre dienen. Seine Erfahrungen sollten anderen, j\u00fcngeren helfen, mit ihrem Leben besser fertig zu werden, in einer besseren Welt zu leben.<\/p>\n<p>Ja, als er noch jung war: Wie hatte er sich da eingesetzt! F\u00fcr Gerechtigkeit zum Beispiel. Unter den Geschwistern, in der Clique, sp\u00e4ter auch in der \u00d6ffentlichkeit. Je mehr er sah und h\u00f6rte, um so mehr sah und h\u00f6rte er von Ungerechtigkeit und Unrecht. Menschen wurden ihre Rechte vorenthalten, sie wurden um ihr Recht betrogen. Er wurde nicht m\u00fcde, dies anzuprangern, und da\u00df es offensichtlich nur das Recht des St\u00e4rkeren g\u00e4be, niemand aber das Recht des Schw\u00e4cheren verteidige. Dabei gab es doch so viele von den Schw\u00e4cheren und eigentlich recht wenige Starke.<\/p>\n<p>Die Starken aber verbreiteten Angst und Schrecken, \u00fcbten Gewalt aus, stifteten Unfrieden. Unfrieden zwischen Menschen, Unfrieden zwischen V\u00f6lkern. Auch f\u00fcr Frieden hatte er sich vehement eingesetzt, hatte &#8211; obwohl kein Schw\u00e4chling &#8211; schon als Kind jede Rauferei vermieden, hatte mutig manchen Streit geschlichtet, auch niemals zur Waffe gegriffen. In \u00f6ffentlichen Reden, mit Briefen und Aufrufen hatte er sich f\u00fcr Frieden stark gemacht, f\u00fcr Frieden in den H\u00e4usern, unter Menschen, zwischen V\u00f6lkern und Staaten. Doch die Starken h\u00f6rten nicht, die Machthaber machten, was sie wollten &#8211; ohne R\u00fccksicht auf die Schwachen. Und die lie\u00dfen mit sich machen, denn sie hatten Angst. Sie f\u00fcrchteten um ihr karges t\u00e4gliches Brot und waren dankbar f\u00fcr die paar Kr\u00fcmel, die von den Tischen der reichen herabfielen. Merkten nicht, da\u00df sie durch Hunger schwach gehalten wurden. Und durch Unwissen.<\/p>\n<p>Sie wu\u00dften etwa nicht, da\u00df sie das Land verw\u00fcsteten, wenn sie f\u00fcr Hungerlohn den Wald abholzten f\u00fcr die H\u00e4user der Reichen &#8211; und da\u00df ihre Kinder dort nichts mehr zum Leben haben w\u00fcrden. Auch darauf hatte er immer wieder hingewiesen und da\u00df man Gottes Sch\u00f6pfung pflegen mu\u00dfte f\u00fcr kommende Generationen. Doch die Armen wollten jetzt satt werden, die Reichen jetzt prassen, und an diesem Jetzt w\u00fcrde die Welt noch zu Grunde gehen.<\/p>\n<p>Ja, so hatte er geredet, hatte er geschrieben, als er jung war. Als er \u00e4lter wurde, stellte er fest: Nichts hat sich ge\u00e4ndert, aber die Welt dreht sich noch immer; Menschen, Tiere und Pflanzen leben noch immer in ihr. Doch Ungerechtigkeit, Unfrieden, Zerst\u00f6rung der Natur emp\u00f6rten ihn nach wie vor. Nur, da\u00df er nicht mehr anprangerte, sondern an Vernunft und Einsicht appellierte. Allerdings schien ihm, da\u00df nicht nur die Schwachen in der Mehrheit waren, sondern auch die Uneinsichtigen. Nun war er alt und m\u00fcde geworden, bilanzierte sein Leben, damit andere daraus lernten. Nichts Neues unter der Sonne? Jedenfalls, solange Menschen \u00fcber Menschen herrschten, Starke \u00fcber Schwache.<\/p>\n<p>Er erinnerte sich an einen Text, den er fr\u00fcher immer und immer wieder gelesen, den er auswendig gekonnt hatte, und der f\u00fcr ihn so etwas wie ein Glaubensbekenntnis gewesen war. Gewesen war?<\/p>\n<p>Er versuchte, sich den Text aufzusagen, doch einige S\u00e4tze fielen ihm nicht mehr ein. Er schlug nach, und las: Jes 11, 1-9.<\/p>\n<p>Er seufzte. Das war nun ein paar hundert Jahre her, da\u00df Jesaja dies verhei\u00dfen hatte. Nichts dergleichen war seitdem geschehen. Nichts Neues unter der Sonne. Ob das daran lag, da\u00df immer noch Menschen \u00fcber Menschen herrschten, Starke \u00fcber Schwache? Wahrscheinlich. Denn was Jesaja beschrieb, war die K\u00f6nigsherrschaft Gottes. Die aber bedeutete das Ende aller Herrschaft von Menschen \u00fcber Menschen. Anarchie, w\u00fcrden die Machthaber rufen, und Gottes Herrschaft zu verhindern trachten. Und die Unterdr\u00fcckten w\u00fcrden sich nach Befehlen und Anordnungen sehnen.<\/p>\n<p>Dennoch: Visionen braucht das Land, dachte er, und Jesaja hatte eine: Weisheit und Einsicht, Recht und Gerechtigkeit zeichnen Gottes Volk aus, Schlu\u00df ist mit aller Gewaltherrschaft, Friede herrscht zwischen den V\u00f6lkern (er wu\u00dfte nicht mehr genau, welches Tier f\u00fcr welches Volk stand, aber das war auch egal), Gott der Herr regiert, ihm allein geb\u00fchrt Ehre, Macht und Reich.<\/p>\n<p>Er sp\u00fcrte wieder etwas von seiner alten Begeisterung f\u00fcr diese Worte Jesajas. Zugleich erinnerte er sich, da\u00df seit Jesaja mancher Herrscher diese Worte auf sich bezogen, ihnen aber mit seinen Taten widersprochen hatte. War \u00fcberhaupt eine einzelne Person gemeint, oder sprach Jesaja hier von denen, die nach dem Gericht Gottes \u00fcbrigbleiben w\u00fcrden und mit denen Gott sein Reich errichten wollte? Wohl eher dies, dachte er, denn ein einzelner Mensch wird das &#8211; auch mit Gottes Hilfe &#8211; kaum schaffen. Da m\u00fcssen viele, da m\u00fcssen alle Menschen das Gleiche wollen: Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Sch\u00f6pfung. Am Abend wollte er seinen Enkelkindern den Text vorlesen und h\u00f6ren, was sie dazu sagten. \u201eEigentlich,\u201c gestand er sich ein, \u201eeigentlich will ich sie mit diesem Text infizieren, will ihnen die Vision Jesajas weitergeben. Damit sie nicht in jungen Jahren schon resignieren, weil sie keine Zukunft sehen. Damit sie an den erstarrten Formen r\u00fctteln, gegen Ungerechtigkeit rebellieren, f\u00fcr Frieden auf die Stra\u00dfe gehen, die Sch\u00f6pfung bewahren lernen. Sie sollen weitermachen, was ich nicht zu Ende bringen werde. Einmal mu\u00df es doch anders, besser werden!\u201c<\/p>\n<p>Er stand auf, reckte sich und sah nach drau\u00dfen, von wo er Gekreische h\u00f6rte. Sein j\u00fcngster Enkel pr\u00fcgelte sich gerade mit der kleinen Tochter des Nachbarn. \u201eVielleicht aber geht das mit diesen Menschen \u00fcberhaupt nicht,\u201c zweifelte er an seinen eigenen Gedanken, \u201eMenschen sind einfach keine Friedensengel. Wird man sie je dazu machen k\u00f6nnen? Oder mu\u00df Gott selbst eingreifen, da\u00df die Welt so wird, wie er sie wollte?\u201c<\/p>\n<p>Er rief seinen Enkel zu sich. \u201eH\u00f6r mal,\u201c mahnte er, \u201eihr sollt euch vertragen.\u201c &#8211; \u201eDie hat aber angefangen,\u201c verteidigte sich der Kleine und bekam zur Antwort: \u201eDann sei du so stark, nicht zur\u00fcckzuschlagen!\u201c Sein Enkel blickte etwas verwundert und lief wieder hinaus, er aber dachte an Jesajas Vision, und da\u00df sie wohl immer Vision bliebe. Da\u00df Visionen von einer besseren Welt, in der Gerechtigkeit und Friede sich k\u00fcssen und in der die Sch\u00f6pfung bewahrt wird, aber unbedingt n\u00f6tig seien &#8211; sonst w\u00fcrde die Welt vollends in Ungerechtigkeit, Unfriede und zerst\u00f6rter Sch\u00f6pfung versinken. \u201eVielleicht,\u201c murmelte er vor sich hin, kommt ja mal einer und bringt, wovon Jesaja gesagt hat. Wer wei\u00df!\u201c Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p>Gebet:<\/p>\n<p>Liturg: Ewigvater, Friedef\u00fcrst, wir haben Grund zu klagen<\/p>\n<p>Chor: Unfriede herrscht auf der Erde, Kriege und Streit bei den V\u00f6lkern, und Unterdr\u00fcckung und Fesseln bringen so viele zum Schweigen (EG RWL 671,1)<\/p>\n<p>Gemeinde: Friede soll mit euch sein, Friede f\u00fcr alle Zeit, nicht so, wie ihn die Welt euch gibt, Gott selber wird es sein (Refrain)<\/p>\n<p>Liturg: Ewigvater, Friedef\u00fcrst, wir haben Grund zu bitten:<\/p>\n<p>Chor: In jedem Menschen selbst herrschen Unrast und Unruh ohn End, selbst, wenn wir st\u00e4ndig versuchen, Frieden f\u00fcr alle zu schaffen (EG RWL 671, 2)<\/p>\n<p>Gemeinde: Friede soll mit euch sein, Friede f\u00fcr alle Zeit, nicht so, wie ihn die Welt euch gibt, Gott selber wird es sein (Refrain)<\/p>\n<p>Liturg: Ewigvater, Friedef\u00fcrst, wir haben Grund zu danken:<\/p>\n<p>Chor: La\u00df uns in deiner Hand finden, was du f\u00fcr alle verhei\u00dfen. Herr, f\u00fclle unser Verlangen, gib du uns selber den Frieden (EG RWL 671, 3)<\/p>\n<p>Gemeinde: Friede soll mit euch sein, Friede f\u00fcr alle Zeit, nicht so, wie ihn die Welt euch gibt, Gott selber wird es sein (Refrain)<\/p>\n<p>Liedvorschlag<\/p>\n<p>Es ist ein Ros\u2019 entsprungen, EG 30; Freu\u2019 dich, Erd und Sternenzelt, EG 47; Singt, singt dem Herren neue Lieder, EG 286 (oder 287); Lobt und preist die herrlichen Taten, EG 429; Gott, der Herr regiert, EG RWL 625<\/p>\n<p><strong>Paul Kluge, Provinzialpfarrer im<\/strong><\/p>\n<p><strong>Diakonischen Werk der Kirchenprovinz Sachsen, Magdeburg<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"mailto:Paul.Kluge@t-online.de\"><strong>E-Mail: Paul.Kluge@t-online.de<\/strong><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christfest II | 26. 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