{"id":22094,"date":"2000-12-19T10:12:52","date_gmt":"2000-12-19T09:12:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22094"},"modified":"2025-03-19T10:15:27","modified_gmt":"2025-03-19T09:15:27","slug":"johannes-331-36-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-331-36-3\/","title":{"rendered":"Johannes 3,31-36"},"content":{"rendered":"<h3>Christfest | 25. Dezember 2000 | Johannes 3,31-36 | Georg Kretschmar |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>wir feiern Weihnachten, das Fest der Geburt Christi. Vor unsere Augen tritt die alte Weihnachtsgeschichte. Wir denken an das Kind in der Krippe und h\u00f6ren vom Gesang der Engel in der Heiligen Nacht: \u201eEuch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus der Herr in der Stadt Davids\u2026 Ehre sei Gott in der H\u00f6he und Frieden auf Erden bei den Menschen Seines Wohlgefallens\u201c (Lk. 2, 11.14). Das ist eine wundersame Geschichte, weil sie ja von dem Wunder aller Wunder erz\u00e4hlt, dass in einem kleinen Kind damals, vor 2000 Jahren, Gottes Sohn und damit Gott selbst zu uns gekommen ist. Es war der Anfang eines Menschenlebens, von der Geburt zum Tode am Schandpfahl des Kreuzes und dann zur Auferstehung. Es war ein Menschenleben, wie wir es leben, von der Geburt zum Tod. Er hatte eine Mutter, wie wir alle eine Mutter haben. Es ist heute eine gebr\u00e4uchliche Redensart geworden, Jesus unseren Bruder zu nennen. Das ist wahr, obgleich es besser w\u00e4re zu sagen: er hat sich uns zum Bruder gemacht.<\/p>\n<p>Aber neben dieser Linie gibt es eine andere, die im Apostolischen Glaubensbekenntnis so klingt: \u201eich glaube&#8230; an Jesus Christus, Gottes Sohn, unseren Herrn, der geboren ist von der Jungfrau Maria\u2026\u201c. Dazwischen steht noch \u201eempfangen durch den Heiligen Geist\u201c. Das ist dann integraler Teil der Weihnachtsgeschichte in den Evangelien nach Lukas und Matth\u00e4us, aber das Johannesevangelium greift dieses St\u00fcck der Weihnachts\u00fcberlieferung nicht auf; er redet \u00fcberhaupt nicht von der menschlichen Geburt Jesu. Der Apostel Paulus schreibt: \u201eals die Zeit erf\u00fcllt war, sandte Gott Seinen Sohn, geboren von einer Frau\u2026\u201c (Gal. 4,4). Jesus Christus ist Gottes und Marien Sohn. Das wei\u00df nat\u00fcrlich auch der Evangelist Johannes. Aber im Vordergrund steht f\u00fcr ihn, dass unser Herr Gottes Sohn ist und vom Verh\u00e4ltnis des Sohnes zum Vater und des Vaters zum Sohn handelt auch unser Evangeliumtext. Das Interesse liegt nicht zu sehr daran, dass diese Sohnschaft der Geburt aus Maria vorangeht und \u00fcber den Tod hinaus bleibt, so wahr das ist. Aber das Gewicht des Evangeliums liegt darauf, dass dieser Mann Jesus von Nazareth in allem, was er lehrte, handelte und erlitt, aus der Gemeinschaft mit Gott lebte und handelte, dass im Sohn der Vater begegnet.<\/p>\n<p>Ich war vor wenigen Wochen zu einem kirchlichen Treffen in Damaskus, zum ersten Mal wieder nach 33 Jahren. Wie viel hatte sich in dieser Stadt ver\u00e4ndert! Vor allem fiel mir auf, dass \u00fcberall in der Stadt, in den Schaufenstern, an den \u00f6ffentlichen Geb\u00e4uden Bilder hingen von Hafis Assad, dem j\u00fcngst verstorbenen Staatspr\u00e4sidenten, und dem Sohn, der sein Nachfolger wurde und heute die Arabische Republik Syrien leitet. So hatte es der Vater gew\u00fcnscht, und alle zust\u00e4ndigen staatlichen Organe hatten zugestimmt. Das Ziel der Botschaft dieses Doppelbildnisses ist klar: der noch junge, relativ unerfahrene neue Staatspr\u00e4sident wird durch den Vater legitimiert. Sehet, unser Staatsoberhaupt hatte den vollen Segen seines allseits verehrten Vaters und er wird unsere Nation in diesen schwierigen Zeiten weiter im Sinne des Vaters f\u00fchren.<\/p>\n<p>Das mag eine Hilfe zum Verstehen der Worte des Johannesevangeliums sein. Der Vater, das ist der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Und Er legitimiert den Wanderlehrer und Wundert\u00e4ter Jesus, so wie es die Geschichten von der Taufe Jesu und seiner Verkl\u00e4rung festhalten: Du bist mein Sohn.<\/p>\n<p>Was das hei\u00dft, legt das Johannesevangelium aus. Es geht dabei um die letzte g\u00fcltige Wahrheit f\u00fcr Himmel und Erde und unser Leben, unser ewiges Leben. Die M\u00f6glichkeiten unserer Sprache, ja unseres Denkens werden dabei gesprengt. Deshalb redet der Evangelist wieder in Bildern: Er kommt von \u201eoben\u201c und bezeugt, was Er doch wohl \u201eoben\u201c gesehen hat. Die Botschaft Jesu, sein Ruf zur Umkehr in die Gemeinschaft mit Ihm, dem Sohn und damit dem himmlischen Vater ist nicht ein Ausplaudern himmlischer Geheimnisse, wie es der Stil mancher damaliger, sich als Prophetie verstehender Schriften war. Jesu ruft zum Leben, seine Einladung an alle ist Gottes Angebot an die von Ihm geschaffene Welt zur Heimkehr. \u201eLeben\u201c ist die johann\u00e4ische Zusammenfassung dessen, was die Engel in der Weihnachtsgeschichte nach Lukas sangen: \u201eEuch ist heute der Heiland, der Retter geboren &#8211; Friede auf Erden f\u00fcr alle, an denen Gott Wohlgefallen hat\u201c.<\/p>\n<p>Wir alle verstehen, dass ein relativ junger in h\u00f6chste Verantwortung berufener Staatsmann Best\u00e4tigung, Beglaubigung seiner Autorit\u00e4t braucht. Aber der Weg Jesu war anders. Er endete dem Anschein nach mit der Aussto\u00dfung durch sein eigenes Volk und die Hinrichtung durch die R\u00f6mer. Aber eben von diesem Mann und dem ganzen Weg, der zu diesem Ende f\u00fchrte, gilt: \u201eDer Vater hat den Sohn lieb und hat Ihm alles in Seine Hand gegeben\u201c (3,35). Seine Worte, die ihm \u2013 menschlich gesprochen \u2013 zum Verh\u00e4ngnis wurden, sind Gottes Worte. Es ist der Ruf zur Vergebung, zur Menschlichkeit, zur Umkehr der Gel\u00fcste: nicht die Reichen werden selig gepriesen, sondern die Armen.<\/p>\n<p>Aber von diesem Zeugnis des Willens Gottes wird gesagt: niemand nimmt es an. Gemeint ist: die Mehrheit der Menschen h\u00f6rt es nicht; wer aber doch umkehrt, tritt damit an die Seite der Wahrhaftigkeit und Treue Gottes, denn er glaubt ihm und nicht dem, was sonst als W\u00fcnsche und Werte verbreitet sind.<\/p>\n<p>Wenn das so ist, was ist das dann f\u00fcr eine Welt, in der wir leben? Hier werden dann viele zustimmen. Fr\u00fcher zogen fahrende Leute, \u201eB\u00e4nkels\u00e4nger\u201c nannte man sie, von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf und berichteten, was es alles an Gutem und an Schlimmem in der Welt gab. Heute k\u00f6nnen wir jeden Tag durch das Fernsehen mit eigenen Augen das Elend von Menschen rund um den Erdball verfolgen. Manchmal sind es Naturkatastrophen, die schreckliche N\u00f6te zur Folge haben. Meist ist es menschliche Feindschaft, Neid, sind es falsche Anspr\u00fcche, gottlose Missbrauch mit religi\u00f6sen \u00dcberlieferungen, die zu Krieg, Mord, Zerst\u00f6rung f\u00fchren. Damit sind wir doch wieder bei Weihnachten. Die Krippe in Bethlehem steht f\u00fcr den ganzen Weg Jesu und seine Botschaft, seine Heilungskraft, die hier ihren Ausgang hatten, ja noch haben. Die Krippe stand in einem armen Winkel unserer Welt und doch ging von ihr ein Leuchten auf, das durch den Glanz der Auferstehung von Ostern best\u00e4tigt und verst\u00e4rkt wird.<\/p>\n<p>Das \u00e4lteste Weihnachtslied der abendl\u00e4ndischen Kirche stammt aus dem vierten Jahrhundert und wurde nach der \u00dcberlieferung von Bischof Ambrosius von Mailand, dem Lehrer Augustins geschrieben. Darin besingt er das Licht, das von der Krippe ausgeht. Martin Luther hat seinen Hymnus ins Deutsche \u00fcbertragen. Hier lautet der vierte Vers:<\/p>\n<p>\u201eDas ewig Licht geht da herein, gibt der Welt ein\u00b4 neuen Schein.<\/p>\n<p>Es leucht wohl mitten in der Nacht und uns des Lichtes Kinder macht. Kyrieeleis\u201c.<\/p>\n<p>Das ist mehr, als Ambrosius zu schreiben wagte. Er hat den letzten Satz nur als Wunsch formuliert. Ein Zeitgenosse Luthers, ein fr\u00fcherer Sch\u00fcler, der gegen seinen Lehre glaubte, die Erneuerung von Kirche und Gesellschaft mit Gewalt erzwingen zu k\u00f6nnen und dabei umkam, Thomas M\u00fcntzer hat den Hymnus des Ambrosius gleichfalls ins Deutsche \u00fcbersetzt aber die vierte Strophe ausgelassen: das Licht der Krippe leuchtet eben nicht mehr in unserer Welt, erst eine neue k\u00fcnftige Gesellschaft wird wieder von Licht und Leben sprechen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Solche Rede von der erst revolution\u00e4r zu erzwingender Zukunft hat sich unter uns l\u00e4ngst als Illusion, als L\u00fcge enth\u00fcllt. Wir sehen das Dunkel und wir d\u00fcrfen das Licht sehen. Das ist nichts anderes, als das, was der Evangelist Johannes schreibt: \u201ewer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben\u201c (3, 36). Das ist die Entscheidung zwischen Licht und Finsternis, zwischen ewigem Leben und Gottes Zorn. Die Krippe von Bethlehem ist f\u00fcr uns Wegweiser zum Leben.<\/p>\n<p>Gott sei gelobt, der uns Seinen Sohn gesandt hat, den Retter der Welt, als Kind in der Krippe.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>D. Georg Kretschmar<\/strong><\/p>\n<p><strong>Erzbischof der ELKRAS (Ev.-luth. Kirche in Ru\u00dfland, der Ukraine, in Kasachstan und Mittelasien)<\/strong><\/p>\n<p><strong>St. Petersburg<\/strong><\/p>\n<p><strong>Fax-Nr.: 007 812 3 10 26 65<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"mailto:kanzlei@elkras.convey.ru\"><strong>E-Mail: kanzlei@elkras.convey.ru<\/strong><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christfest | 25. Dezember 2000 | Johannes 3,31-36 | Georg Kretschmar | Liebe Gemeinde, wir feiern Weihnachten, das Fest der Geburt Christi. Vor unsere Augen tritt die alte Weihnachtsgeschichte. 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