{"id":22096,"date":"2000-12-19T10:15:31","date_gmt":"2000-12-19T09:15:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22096"},"modified":"2025-03-19T10:17:35","modified_gmt":"2025-03-19T09:17:35","slug":"johannes-331-36-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-331-36-4\/","title":{"rendered":"Johannes 3,31-36"},"content":{"rendered":"<h3>Christfest | 25. Dezember 2000 | Johannes 3,31-36 | Robert Schelander |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Gestern war Heiliger Abend. Wahrscheinlich haben Sie einen Weihnachtsbaum gehabt, die Kerzen entz\u00fcndet, vielleicht haben Sie Lieder gesungen, Geschenke verteilt und sich an ihnen gefreut bzw. Freude bereitet. Vielleicht geh\u00f6rt auch eine Krippe und das Lesen des Weihnachtsevangeliums f\u00fcr Sie zum Weihnachtsfest dazu. Vielleicht sind Sie jetzt sogar etwas erleichtert, dass das anstrengende Fest vorbei ist. Nehmen wir uns jetzt die Zeit, noch mal nachzudenken \u00fcber das, was da geschehen ist \u2013 gestern bei diesem Fest und \u00fcberhaupt in dieser Nacht, da vor 2000 Jahren Jesus geboren wurde. Gott kommt und wird Mensch, so glauben und so bekennen wir es. H\u00f6ren wir auf den Predigttext f\u00fcr den heutigen Christtag.<\/p>\n<p>\u201eDer von oben her kommt, ist \u00fcber allen. Wer von der Erde ist, der ist von der Erde und redet von der Erde. Der vom Himmel kommt, der ist \u00fcber allen und bezeugt, was er gesehen und geh\u00f6rt hat; und sein Zeugnis nimmt niemand an.<\/p>\n<p>Wer es aber annimmt, der besiegelt, da\u00df Gott wahrhaftig ist. Denn der, den Gott gesandt hat, redet Gottes Worte; denn Gott gibt den Geist ohne Ma\u00df. Der Vater hat den Sohn lieb und hat ihm alles in seine Hand gegeben. Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben. Wer aber dem Sohn nicht gehorsam ist, der wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt \u00fcber ihm.\u201c Joh. 3, 31-36<\/p>\n<p>Der Evangelist Johannes schreibt von der Menschwerdung Gottes. Gott ist der, der oben ist, und wir Menschen sind hier auf Erden \u2013 unten. Es ist uns, weil wir unten sind, nicht m\u00f6glich, das, was im Himmel ist, zu sehen. Das ist die Ausgangslage. Doch jetzt kommt Bewegung in das Bild. Jemand, der oben ist, macht sich auf, steigt herab, kommt nach unten zu uns. Er ist mitten unter uns, er wird unseresgleichen. Und er l\u00e4sst uns einen Blick in das, was oben ist, tun. Er spricht davon und er handelt danach. So k\u00f6nnen wir den Himmel sehen, aber nicht als eine entfernte, entr\u00fcckte Welt, sondern mitten unter uns. Nicht als Ideal, das hoch \u00fcber uns schwebt, damit wir eifrig strebend ihm nacheifern \u2013 quasi als hochherzigen Menschen \u2013 sondern als eine Erkenntnis, die in unser Herz gelegt wird. Eine geistvolle Erkenntnis, die uns das neue, ewige Leben \u2013 so schreibt Johannes \u2013 sehen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Freilich nicht alle k\u00f6nnen es sehen, k\u00f6nnen es glauben.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, Johannes spricht sehr n\u00fcchtern von Weihnachten, der Menschwerdung Gottes. Keine Krippe, kein Ochs und Esel, kein Stall. Manche Menschen sch\u00e4tzen diese N\u00fcchternheit, scheint sie doch ein Gegengewicht zu unserer oft religi\u00f6s \u00fcberladenen Weihnachtszeit zu sein. Hier noch ein Engel und da noch eine Kerze &#8211; nach dem Motto, darf es ein bisschen mehr sein an religi\u00f6sen Symbolen, Br\u00e4uchen, Texten und Liedern. Die Welt der Wirtschaft feiert kr\u00e4ftig mit, bis das letzte Rentier, die neueste Weihnachts-CD und der harmonischste Duft \u2013 es ist ja Weihnachten \u2013 verkauft sind. Bevor wir uns aber zu sehr ereifern \u00fcber die b\u00f6se Wirtschaft, die uns um ein besinnliches Weihnachtsfest betr\u00fcgt, bedenken wir: Die Wirtschaft, der Markt, das sind die Verk\u00e4ufer und K\u00e4ufer, also letztendlich wir selber!<\/p>\n<p>Bei Johannes fehlt das alles, kein Rentier, keine Musik, keine Engel, keine Schafe und Hirten. Nur: \u201eJesus ist kommen, Grund ewiger Freude &#8230;\u201c Doch ganz ohne Bilder kommt auch Johannes nicht aus. Meine Fantasie, mein inneres Auge wird vor allem durch das Oben und Unten angeregt. Gott kommt zu Weihnachten. Woher kommt er eigentlich?<\/p>\n<p>Gott kommt von oben.<\/p>\n<p>Wenn ich an Weihnachten in meiner Kindheit zur\u00fcckdenke, so f\u00e4llt mir dies zuerst ein: Gott kommt von oben. Vielleicht haben Lieder meine Fantasie angeregt. \u201eVom Himmel hoch da komm ich her.\u201c Ich konnte dies sehen, wie das Christkind auf einem Schlitten hinunter f\u00e4hrt. Meine Bilder stammen aus der alpenl\u00e4ndischen Umgebung. (Ich bin in \u00d6sterreich aufgewachsen.) Schnee war auf alle F\u00e4lle mit dabei. Es ist faszinierend, welche Bilder von Weihnachten wir im Kopf haben. Vielleicht haben Sie \u00e4hnliche Bilder.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde! So kam Gott, wenn ich mich an meine Kindheit zur\u00fcckerinnere.<\/p>\n<p>Ein zweites Bild erscheint in meiner R\u00fcckerinnerung. Weihnachten erlaubt einen Blick hinein in den Himmel. Da ist eine T\u00fcr, die sich \u00f6ffnet, und das Christkind und die Engel kommen daraus hervor. Es ist nicht viel zu sehen, schlie\u00dflich \u00f6ffnet sich die T\u00fcr nur einen Spalt weit. Aber doch so viel, dass ein heller, warmer Raum deutlich wird. Ich vermutete immer, dass dahinter ein Weihnachtsbaum sich bef\u00e4nde, hell erleuchtet mit Kerzen und Kugeln. Damit wurde das irdische Weihnachtszimmer selbst zum Abbild des himmlischen Raumes.<\/p>\n<p>Erst zur festgesetzten Stunde durften wir Kinder hinein. Erst wenn ein Gl\u00f6cklein l\u00e4utete, \u00f6ffnete sich die T\u00fcr und darin stand der brennende Baum. Ja, so musste es hinter dem Spalt der ge\u00f6ffneten Himmelst\u00fcre aussehen.<\/p>\n<p>Vielleicht haben Sie \u00e4hnliche oder ganz andere Kindheitsbilder von Weihnachten im Kopf. Weihnachten ist jedenfalls auch ein Fest des Auges.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, ich wei\u00df nicht, wie es Ihnen mit solchen Bildern geht. Ob Sie sie versch\u00e4mt verstecken oder aufgekl\u00e4rt hinter sich gelassen haben? Ob Sie abgekl\u00e4rt dar\u00fcber l\u00e4cheln oder kritisch dar\u00fcber den Kopf sch\u00fctteln? Vieles davon ist jedenfalls auch heute noch der Stoff, aus dem Weihnachten gemacht wird. Immer wieder bin ich erstaunt, wie verzaubert Kinder sind, wenn sie dann den brennenden Baum sehen und etwas von dieser Atmosph\u00e4re sp\u00fcren. Weihnachten ist offensichtlich doch ein Fest f\u00fcr Kinderherzen und \u2013augen.<\/p>\n<p>Doch f\u00fcr manche liegt genau darin auch der Ansto\u00df. Diese Bilder \u2013 so der Vorwurf \u2013, dieser religi\u00f6se Kitsch, der uns zu Weihnachten geboten wird, verdeckt die eigentliche Botschaft von Weihnachten.<\/p>\n<p>Ich h\u00f6re die Anklage eines guten Freundes: Wie kannst du Weihnachten feiern, obwohl du wei\u00dft um die Armut und Not in der Welt. Hier wird das Kind zum Christkind hochstilisiert, und dort \u2013 z.B. in der Dritten Welt \u2013 leben Kinder unter unzumutbaren Verh\u00e4ltnissen. Hier werden Kinder mit Geschenken \u00fcberh\u00e4uft, die sie vielleicht nicht einmal brauchen, und dort fehlt ihnen das Lebensnotwendigste. Nein, meint er, diese Art wie Weihnachten gefeiert wird, bringt nicht den Himmel auf Erden, sondern deckt in Wirklichkeit die, die unten sind, zu mit einer Glitzer- und Glamourschicht.<\/p>\n<p>Ich denke, wir m\u00fcssen die Kritik ernst nehmen. Sie \u00e4u\u00dferst sich ja auch bei mir selbst und bei anderen, wenn Sie von einem neuen Weihnachten reden, wo es um mehr Besinnung geht, um den radikalen Verzicht, z.B. auf Geschenke, um sich eben jenen Blick auf Weihnachten nicht verstellen zu lassen.<\/p>\n<p>Aber was machen wir mit unseren Bildern von Weihnachten und ich mit meinen kindlichen Erinnerungen? Sollen wir den Blick, abwenden von dem, was oben ist, hinunter auf das, was unten ist?<\/p>\n<p>Vielleicht kann aber unser Text selbst eine Antwort auf die Frage nach dem richtigen Blick auf Weihnachten sein: dem Blick nach oben oder dem Blick nach unten. Der, der oben ist, erz\u00e4hlt von dem, was oben ist, dem Himmel, aber er tut es unten. Gott ist Mensch geworden, nicht in den festlichen Weihnachtszimmern mit Christbaum, Kerzen, Weihnachtsmen\u00fc und Bach-CD, sondern \u2013 wie es bei Lukas berichtet wird &#8211; in einem Stall. Einen Schafstall, den vermutlich keiner von uns, so wie wir heute angezogen sind, betreten w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, wir werden Gott nicht finden und das Leben nicht sehen, wenn wir den Blick nur nach oben richten, auf das Helle, Lichte und Warme. Gott ist zu Weihnachten zu uns gekommen \u2013 nicht am hohen Himmel \u2013 sondern unten im Dunkeln, Kleinen, Schmutzigen, dem Harten und Schweren.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, ich w\u00fcnschen Ihnen gute Weihnachtserinnerungen, dass Sie den Blick auf das, was oben ist, mit dem, was unten ist, verbinden k\u00f6nnen. Dass Sie sich freuen k\u00f6nnen und aufgerichtet werden durch den Blick auf die himmlische Herrlichkeit, dass Sie gest\u00e4rkt den Blick auf das Bed\u00fcrftige und Niedrige wagen k\u00f6nnen bei sich und anderen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Prof. Dr. Robert Schelander<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"mailto:Robert.schelander@univie.ac.at\">**E-Mail: Robert.schelander@univie.ac.at<\/a><a href=\"http:\/\/www.univie.ac.at\/etf\/**\">http:\/\/www.univie.ac.at\/etf\/**<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christfest | 25. Dezember 2000 | Johannes 3,31-36 | Robert Schelander | Liebe Gemeinde! Gestern war Heiliger Abend. Wahrscheinlich haben Sie einen Weihnachtsbaum gehabt, die Kerzen entz\u00fcndet, vielleicht haben Sie Lieder gesungen, Geschenke verteilt und sich an ihnen gefreut bzw. Freude bereitet. 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