{"id":22102,"date":"2000-12-19T10:23:09","date_gmt":"2000-12-19T09:23:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22102"},"modified":"2025-03-19T10:25:22","modified_gmt":"2025-03-19T09:25:22","slug":"jesaja-401-11-8","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jesaja-401-11-8\/","title":{"rendered":"Jesaja 40,1-11"},"content":{"rendered":"<h3>3. Advent | 17. Dezember 2000 | Jesaja 40,1-11 | Gunda Schneider |<\/h3>\n<p>Tr\u00f6stet mein Volk, so hei\u00dft es beim Propheten.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>Trost ist keine Billigware. In der Zeit vor Weihnachten zumal. Trost ist keine Billigware. Was Halt und Festigkeit gibt, trotz Dunkelheit und K\u00e4lte, wo gibt es das? Was Vertrauen hervorruft und Mut macht trotz Resignation und gegen Traurigkeit, wo gibt es das? Auf den weihnachtlichen Stra\u00dfen Leipzigs h\u00f6ren und sehen wir vieles, Trost aber, Trostworte, Tr\u00f6stendes, finden wir das?<\/p>\n<p>Was finden wir auf den weihnachtlichen Stra\u00dfen?<\/p>\n<p>Licht, Helligkeit, Strahlen, Glanz, und das tut gut in der dunklen Jahreszeit. Die Sterne, die \u00fcber der festlich geschm\u00fcckten Nikolaistra\u00dfe leuchten, verbreiten Licht wie aus einer wohltuenden Gegenwelt.<\/p>\n<p>Wenn wir auf die Dekorationen in den Schaufenstern und Buden blicken, dann sehen wir leuchtende Farben, die nicht nur bei Kindern Freude machen. Die Farbenpracht ist wie eine Gegenwelt zur jahreszeitlichen Natur. Und das tut gut.<\/p>\n<p>Wir h\u00f6ren die Rufe an den Verkaufsst\u00e4nden: noch kurze Zeit bis zum Fest, nur noch wenige Tage. Das ist nicht ohne Hektik. Aber gibt es ein Fest ohne Hektik, eine Feier ohne die Aufregung der letzten Vorbereitungen? Die Festvorbereitung l\u00e4sst etwas von der Spannung und Erwartung aus Kindertagen erinnern. Es ist wie eine Gegenwelt zum allt\u00e4glichen Trott.<\/p>\n<p>Und der Duft von Mandeln, Kartoffelpuffern, Gl\u00fchwein und Zuckerwatte schmeckt wie Vorfreude. Ist auch das Gegenwelt?<\/p>\n<p>Der heutige Predigttext spricht von der Aufforderung zum Tr\u00f6sten.<\/p>\n<p>Tr\u00f6stet, tr\u00f6stet mein Volk! Spricht euer Gott.<\/p>\n<p>Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr, dass ihre<\/p>\n<p>Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist;<\/p>\n<p>denn sie hat doppelte Strafe empfangen von der Hand des<\/p>\n<p>Herrn f\u00fcr alle ihre S\u00fcnden.<\/p>\n<p>Es ruft eine Stimme: In der W\u00fcste bereitet den Herrn den<\/p>\n<p>Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott.<\/p>\n<p>Alle T\u00e4ter sollen erh\u00f6ht werden , und alle Berge und H\u00fcgel<\/p>\n<p>Sollen erniedrigt werden, und was uneben ist, soll gerade,<\/p>\n<p>und was h\u00fcgelig ist, soll eben werden;<\/p>\n<p>denn die Herrlichkeit des Herrn soll offenbart werden, und<\/p>\n<p>alles Fleisch miteinander wird es sehen; denn des Herrn<\/p>\n<p>Mund hat\u2019s geredet.<\/p>\n<p>Es spricht eine Stimme: Predige!, und ich sprach: Was soll<\/p>\n<p>Ich predigen? Alles Fleisch ist Gras, und alle seine G\u00fcte<\/p>\n<p>ist wie eine Blume auf dem Felde.<\/p>\n<p>Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt; denn des Herrn<\/p>\n<p>Odem bl\u00e4st darein. Ja, Gras ist das Volk!<\/p>\n<p>Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort<\/p>\n<p>unseres Gottes bleibt ewiglich.<\/p>\n<p>Man kann die Verse des Propheten als Anleitung zum Stra\u00dfenbau lesen: Es gilt einen Weg zu bereiten durch Einebnen von unwegsamen Unebenheiten, deshalb m\u00fcssen die Tiefen und Schluchten erh\u00f6ht oder zugesch\u00fcttet und die steil im Weg stehenden H\u00f6hen m\u00fcssen abgebaut werden, Hindernisse m\u00fcssen aus dem Feld ger\u00e4umt und Felsbrocken beiseite geschafft werden. Eine m\u00fchsame Arbeit, bis eine ebene Bahn f\u00fcr eine Stra\u00dfe entsteht, auch heute noch, wo das mit riesigen Baggern, Planierraupen und R\u00e4ummaschinen geschieht. Wie viel mehr vor etwa 2500 Jahren, als es galt, eine Stra\u00dfe zu bauen durch Steppe und W\u00fcste zwischen Babylon und Jerusalem.<\/p>\n<p>Aber Stra\u00dfen sind und waren immer Lebensadern, die Welten verbinden, ob es Heerstra\u00dfen sind oder Salzstra\u00dfen, Prachtstra\u00dfen f\u00fcr die M\u00e4chtigen oder Stra\u00dfen f\u00fcr den Transport von Handelswaren. Auch die Stra\u00dfen f\u00fcr erzwungene oder friedlich aufbegehrende Demonstrationen sind Lebensadern zwischen Welten, oder die Stra\u00dfen, die langen Trecks von fliehenden Menschen Raum geben oder die Stra\u00dfe, auf der ein roter Teppich entrollt wird.<\/p>\n<p>Stra\u00dfen sind Lebensadern, die Welten verbinden. Die Welten kriegf\u00fchrender Parteien oder die Welten von Staaten, die sich gegenseitig unterst\u00fctzen, entweder rollen Panzer oder Hilfsg\u00fcter. Stra\u00dfen verbinden Welten von Menschen, die sich suchen, die sich gl\u00fccklicherweise nach Jahrzehnten wiedertreffen d\u00fcrfen, oder aber sie erstrecken sich zwischen Welten, die gegeneinander verbaut sind.<\/p>\n<p>Oft sollen Stra\u00dfen Welten verbinden, die l\u00e4ngst voneinander abgeschnitten sind. Ein Wunder ist es, wenn dennoch Verbindung zustande kommt. Glaubt man daran, dass eine Mauer eingerissen werden kann oder ein Graben zugesch\u00fcttet?<\/p>\n<p>Oder sind die Hindernisse schon zu nicht mehr zu begradigenden Naturgegebenheiten geworden, so dass man sich die Welten gar nicht mehr ohne die trennenden Felsbrocken denken kann? Oft gewinnen ja Trennmauern die Bedeutung von naturgegebenen Sicherungen, hinter denen man sich nur allzu gerne verschanzt.<\/p>\n<p>Der hat gut Rufen, der vom Stra\u00dfenbau in der W\u00fcste spricht! Sind das nicht die Propheten, die Luftschl\u00f6sser projektieren? Man soll doch nicht alles f\u00fcr machbar halten! Wie viele Stra\u00dfen erweisen sich als illusion\u00e4re Projekte, weil die Br\u00fccken \u00fcber die Gr\u00e4ben nicht zu projektieren sind, jedenfalls nicht nach realistischen Vorstellungen und finanziellen M\u00f6glichkeiten.<\/p>\n<p>Nehmen wir also die prophetische Aufforderung zum Stra\u00dfenbau lediglich als Hinweis auf die M\u00f6glichkeit, einmal f\u00fcr uns und andere weihnachtliche Stimmung zu bereiten? Damit bleiben wir realistisch, und das k\u00f6nnen wir und andere auch genie\u00dfen wie einen Spaziergang auf dem Weihnachtsmarkt. Am Ende kehren wir dann unver\u00e4ndert in unsere Alltagswelt zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Der hier ruft in dem alten Prophetenbuch, spricht von einer Stra\u00dfe, auf der Gott kommt, auf der die Herrlichkeit Gottes aufscheint und sein Lichtglanz leuchtet. Wie hat man sich eine solche Stra\u00dfe vorzustellen? M\u00fcsste das bei den Bauma\u00dfnahmen nicht bedacht werden? Werden doch die Hindernisse auf der Stra\u00dfe g\u00f6ttlicher Ankunft nicht geringer sein als beim allt\u00e4glichen Stra\u00dfenbau. Machen wir es uns doch nicht so leicht, dass wir annehmen, beim g\u00f6ttlich-menschlichen Stra\u00dfenbau handle es sich um gut gemeinte Selbstverst\u00e4ndlichkeiten oder um harmlose Stimmungsmache.<\/p>\n<p>Stra\u00dfen sind Lebensadern, die Welten verbinden. Die Welt Gottes und die Welt der Menschen. Kann man diese Welten verbinden? Brechen hier die Welten nicht endg\u00fcltig auseinander? Ein g\u00f6ttlich menschlicher Wegebau, ein Weg, der zusammenf\u00fchren soll, was durch Bestimmung getrennt ist, Gott und Mensch?<\/p>\n<p>Der Prophet nennt drei Merkmale der Stra\u00dfe, auf der Gott kommt: Den Trostruf, die Vergebung und die Herrlichkeit, den pr\u00e4chtigen Lichtglanz Gottes. Alle drei Merkmale werden durch \u00f6ffentliche Ank\u00fcndigung, rufende Herolde mitgeteilt: Tr\u00f6stet mein Volk, freundlich soll geredet werden mit Jerusalem, denn es geht um Vergebung, und der Lichtglanz Gottes wird sich zeigen auf der Stra\u00dfe, die gebaut werden soll.<\/p>\n<p>Wo Gottes Herrlichkeit kommt, da bricht sie sich Bahn und schafft Wege wie Leuchtspuren, auch im Dunkel. Wenn man durch eine Allee f\u00e4hrt im Hochsommer, eine auf der die B\u00e4ume so dicht stehen, dass die K\u00e4fer auf dem Bl\u00e4tterdach von einer Seite auf die andere wandern k\u00f6nnen, dann herrscht auch bei hellem Sonnenschein nur ged\u00e4mpftes Licht. Aber der Lichtschein am Ende der Allee leuchtet so stark, dass er dennoch orientiert. Er zeigt zun\u00e4chst erst einmal an: Es gibt einen Weg.<\/p>\n<p>Im Dunkel geht es uns gelegentlich so, dass wir, weil wir keinen Weg mehr sehen, diese momentane Blindheit nach dem landl\u00e4ufigen Verst\u00e4ndnis von Realismus auch daf\u00fcr halten, dass es gar keinen Weg mehr gibt. Ich sehe keinen Weg, also gibt es auch keinen. Die Herrlichkeit Gottes zeigt einen Weg, wo es vermeintlich keinen mehr gibt. Sie dringt geradezu ein ins Dunkel und strahlt so darin auf, dass das Dunkel verschwindet und Wege, die vorher unwegsam und unsichtbar waren, erkennbar werden.<\/p>\n<p>Da wo ich jetzt keinen Weg sehe, scheint ein Licht auf.<\/p>\n<p>So mag es den Hirten gegangen sein des Nachts auf dem Felde. Nicht viel hatten sie zu erwarten und nicht viel zu verlieren, aber sie folgten dem Lichtstrahl des Sternes, der ihnen den Weg Gottes zu den Menschen wies. F\u00fcr Gottes Herrlichkeit gibt es keine Ausweglosigkeiten, weil sein Licht eindringt in die Ausweglosigkeit. Wohl ist gelegentlich menschlicher Sinn so verfinstert und beschwert, dass er keinen Ausweg mehr sieht, weil er immer nur sich selbst sieht und den Fels, gegen den anzulaufen, als sinnlos erscheint. Tats\u00e4chlich kann Licht diese Fixierung l\u00f6sen, so dass Menschen neu sehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Herrlichkeit Gottes kommt.<\/p>\n<p>Das ist doch nur eine Sache der Perspektive, mag man sagen.<\/p>\n<p><em>Nur<\/em>\u00a0der Perspektive?<\/p>\n<p>Gewiss.<\/p>\n<p>Wenn Menschen ihre Grenzen wahrnehmen, dumpf und beklemmend, so dass sie gegen die Mauern rennen, weil sie ihnen sinnlos erscheinen, so geschieht es dennoch, dass die Herrlichkeit begrenzte Mauerr\u00e4ume zu geschenkten Freir\u00e4umen macht, in denen Menschen neue Wege miteinander gehen. So verbinden sich Gottes Weg und Menschenweg miteinander. Die Liebe ist so ein Weg, und die Geduld und Phantasie, die wir f\u00fcr jugendliche Randalierer aufbringen, um ihnen Wege zu zeigen, auch. So verbinden sich Welten miteinander, Gottes Welt und Menschen Welt. Die Freude, die wir einander bereiten, jedes kleinste Zeichen von freundlicher Zuwendung, ist so eine Verbindung.<\/p>\n<p>Gewiss, es gibt Irrlichter, falsches Blendwerk, nicht nur zur Weihnachtszeit. Es ist nicht alles Gold, was gl\u00e4nzt. Wo ist das wahre Licht in der F\u00fclle der Lichter? Es ist die Eigenart der Herrlichkeit Gottes, dass sie auch da Helligkeit bringt, wo kein Licht mehr zu erwarten ist. Sie spart nichts aus, keinen Winkel. F\u00fcr Gottes Herrlichkeit gibt es keine Ausweglosigkeiten. Das k\u00f6nnen auch menschliche Bauarbeiter lernen: Wo g\u00f6ttliches Licht menschliche Bauarbeiten orientiert, da f\u00fchren die Wege Menschen zu einander und un\u00fcberwindliche Gr\u00e4ben werden zugesch\u00fcttet. Da werden auch Umwege nicht gescheut, damit etwas vom Licht Gottes zu jedem Menschen kommt.<\/p>\n<p>Wenn die biblische Tradition von der Herrlichkeit Gottes erz\u00e4hlt, dann tut sie das mit Ehrfurcht vor dem \u00fcberw\u00e4ltigenden Lichtglanz und mit Scheu. \u2013 Man wusste immer, dass Lichtglanz blenden kann, ja, dass er gef\u00e4hrlich ist. Es ist das Wissen um die Menschlichkeit Gottes und um seine N\u00e4he, das uns auch erlaubt zu sagen: Wo Menschen einander ein Licht anz\u00fcnden, eine Weihnachtskerze, um Helligkeit, Freude und W\u00e4rme zu verbreiten, wie die Pflegerin beim Hausbesuch, da leuchtet etwas von der Herrlichkeit Gottes. Die Herrlichkeit Gottes kommt auf der Stra\u00dfe, die Gottes Welt und unsere Welt verbindet.<\/p>\n<p>Der Weg Gottes verbindet Welten aufgrund von Vergebung. Das ist das zweite Merkmal des g\u00f6ttlichen Stra\u00dfenbaus. Vergebung gibt es das? Wie Wege abbrechen und Stra\u00dfen verbarrikadiert werden, weil Menschen ohne Vergebung leben, das k\u00f6nnen wir in der individuellen Lebensgeschichte und in der Weltgeschichte alle Tage erleben. So geht es Schlag auf Schlag, Angriff auf Vergeltung. Ich kann ihr, ihm das einfach nicht vergessen. So wachsen die Berge von Schuldlasten, und wenn sie noch nicht hoch genug sind, dann k\u00f6nnen sie auch boshaft und absichtlich bewusstgemacht und erh\u00f6ht werden: Bis auf den letzten Pfennig m\u00fcssen Rechnungen beglichen werden, die alten Rechnungen, die alten Verletzungen, sie schmerzen immer wieder, muss man sie nicht immer wieder beleben? Und es gibt Schuld, die kann man beim besten Willen nicht einfach \u00fcbersehen.<\/p>\n<p>Es l\u00e4sst sich wohl auch nicht denken und rechnen, dass Schuld vergeben ist. Studierende erkl\u00e4rten mir, und sie erkl\u00e4rten es nicht b\u00f6swillig, sondern als Anw\u00e4lte des Realismus, in dessen Sinne sie leben und studieren: Gott und Vergebung, das sind doch \u00fcberholte Vorstellungen aus fr\u00fcheren Zeiten. Fr\u00fcher redete man eben von Gott und brauchte Vergebung, heute wird man selbst mit der Schuld fertig, zur Not mit therapeutischer Unterst\u00fctzung. Die so reden, haben offensichtlich ihre Lektion gut gelernt, und es kann nicht darum gehen, ihnen wei\u00df zu machen, dass sie mit ihrer Schuld nicht fertig werden. Gott und Vergebung, das ist Tradition, uralte Tradition, von weit her. Aber ist diese Tradition \u00fcberholt oder ist sie kostbar? Der Prophet redet davon, dass zerst\u00f6rte Wege wiederhergestellt und zerst\u00f6rte Welten wieder verbunden werden, dass verh\u00e4rtete Herzen erweicht und verbitterte Sinne erneuert werden, weil Gott zuvor vergeben hat. Er hat die Schuld auf sich genommen. Deshalb kann neu angefangen werden. Was Menschen unm\u00f6glich erscheint, hat Gott zuvor geschaffen. Er selbst hat die Schuld auf sich genommen.<\/p>\n<p>Der Prophet, dessen Rufen uns der heutige Predigtext mitteilt, hat vom leidenden Gottesknecht erz\u00e4hlt, der Menschen Schuld abgenommen hat und weil die Schuldberge nicht mehr abzutragen waren, ist er selbst mitten hineingegangen in die t\u00f6dlichen Schuldberge, die Menschen aufsch\u00fctten. Abbau der Berge von Schuld und \u00dcberbr\u00fcckung der Gr\u00e4ben von Hass und Misstrauen, das ist nicht billig zu haben, das braucht unendliche Kraft und Geduld. Menschen k\u00f6nnen etwas von der Kraft und Geduld gewinnen, wenn sie sich darauf verlassen, dass der Kreuzbalken, der die Stra\u00dfe zwischen Gott und Menschen abst\u00fctzt, von Gott selbst getragen wird.<\/p>\n<p>Da, wo Menschen einander nicht vertragen k\u00f6nnen, da verspricht Gott Vergebung, das ist Evangelium. Und da, wo ein Mensch mit sich selbst hart ist und uneins: \u201aDas kann ich mir nicht verzeihen\u2019, da gilt dennoch der Zuspruch der Vergebung und die Bitte Gottes: \u201aLass dir die Vergebung gefallen\u2019.<\/p>\n<p>Und doch breitet sich Skepsis aus. Der Prophet selbst formuliert sie: Was soll ich predigen? Alles Fleisch ist Gras und all seine G\u00fcte ist wie eine Blume auf dem Felde. Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt. Denn des Herrn Odem bl\u00e4st darein. Ja, Gras ist das Volk.<\/p>\n<p>Das ist die alte Erfahrung, uralt und uralt machend, weil sie so zu Boden zieht. Alles ist hinf\u00e4llig und nichtig, diese Mischung von herbstlicher Dunkelheit, Todesgedanken und Vergeblichkeitsgef\u00fchlen. Allt\u00e4gliche menschliche Resignation angesichts von allt\u00e4glicher menschlicher Kleinlichkeit, Engstirnigkeit und Gleichg\u00fcltigkeit. Muss da nicht Resignation unser Realismus sein? K\u00f6nnen wir unsere Stra\u00dfen anders bauen, wenn anders wir sie auf der Erde bauen? Der Realismus der Weisheitslehre aller Zeiten lautet: alles ist eitel. Seine Best\u00e4tigung findet das in allen Erfahrungen des Scheiterns, die wir t\u00e4glich machen, vom Scheitern des Klimagipfels \u00fcber das Scheitern, die grundlegenden Verordnungen zur Sicherung menschlicher Gesundheit zu treffen, bis zum Scheitern der Versuche, die allt\u00e4glichen menschlichen Rivalit\u00e4ten offen zu legen und abzubauen. Es ist oft das Wirken und Wachsen des Scheiterns im Verborgenen, das am zerst\u00f6rerischsten wuchert.<\/p>\n<p>Alles ist eitel. Der Prophet kannte diese Erfahrung. Viele seiner Volksgenossen hatten sich und ihre Hoffnung aufgegeben, und wollten von ihrer Herkunft und ihrer religi\u00f6sen und heimatlichen Verpflichtung und Bindung nichts mehr wissen. Tradition von einst, f\u00fcr unbrauchbar und \u00fcberholt befunden und abgelegt. Sie hatten sich den neuen G\u00f6ttern der neuen Machthaber in Babylon verschrieben. Neue Moden, neue G\u00f6tter, neue Verl\u00e4sslichkeiten. Das war bequemer und lag schon deswegen nahe.<\/p>\n<p>Was soll\u2019s, eine Hoffnung zerbricht, lassen wir sie fahren, setzen wir auf etwas Neues, wenn n\u00f6tig auf neue G\u00f6tter.<\/p>\n<p>Alles ist eitel, also \u00f6fter mal was Neues!?<\/p>\n<p>Das Gef\u00e4hrliche bei diesem resignierten Hoffnungsverbrauch ist nicht immer bewusst: Mit jeder verbrauchten Hoffnung wirft man ein St\u00fcck von sich selbst weg, verbraucht, zur Entsorgung freigegeben.<\/p>\n<p>Trost, liebe Gemeinde, steht gegen den Verbrauch von Hoffnungen. Trost steht gegen den Verbrauch von Hoffnungen.<\/p>\n<p>Trost, auch das ein altes Wort, uralt, Urwort. Erinnerung aus Kindertagen, als wir noch getragen wurden, wenn wir uns schmerzhaft angesto\u00dfen hatten. Als die Mutter noch tr\u00f6stend sagte: Es wird alles wieder gut. Dieser Zuspruch hatte eine eigenartige Kraft. Er wirkte trotz des Schmerzes heilend. Dieser Trostspruch vertr\u00f6stet nicht, er bringt schon mit sich, was noch erwartet wird. Er l\u00e4sst die Welt schon wieder hell werden, obwohl die Tr\u00e4nen noch nicht getrocknet sind. Gegenwelt mitten in der Welt, Licht im Dunkel.<\/p>\n<p>Aber wenn menschliche Kindheit so trostlos ist, dass kein Trostwort gesprochen wird gegen den Schmerz? Wir wissen, dass es das gibt auf den Stra\u00dfen dieser Welt, in Bukarest, Brasilia und Leipzig. Wenn Welt wahrhaft trostlos ist? Dennoch reicht das g\u00f6ttlich-menschliche Trostwort, das g\u00f6ttlich-menschliche Urwort dahin: Der Prophet teilt es uns mit. Es ist das Wort der Liebe Gottes, das in jeder Taufe und in jeder Tauferinnerung best\u00e4rkt wird: Ich will dich, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.<\/p>\n<p>Das ist Trost, R\u00fcckenst\u00e4rkung zuvor.<\/p>\n<p>Der Dichter sagt: Gegen die Erde gibt es keinen Trost als den Sternenhimmel. Damit arbeitet er der Resignation zu, und er er\u00f6ffnet den Weg in den Himmel als Fluchtort in eine andere h\u00f6here Welt, in die Menschen abheben oder abtauchen. Gegen die Erde gibt es keinen Trost als den Sternenhimmel. Aber den Himmel, zu dem hin man abhebt, den \u00fcberlassen wir in der Tat den Spatzen. Die Trostrufer, die Boten Gottes, bringen Gottes Himmel auf die Erde, mitten in unsere Welt. Das ist nicht billig zu haben. Trost ist keine Billigware. Mit dem Wort der Liebe Gottes wird Gottes Weg gebahnt. Auf diesem Weg geraten Menschen in Bewegung.<\/p>\n<p>Durch das Wort der Liebe sind Gottes Welt und Menschenwelt fest verbunden, mit diesem Wort kommt der Himmel Gottes mitten in unsere Welt: tr\u00f6stend, vergebend und wunderbar erhellend. Amen.<\/p>\n<p>Der Friede Gottes, welcher h\u00f6her ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Prof. Dr. Gunda Schneider<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"mailto:gdrschn@attglobal.net\"><strong>E-Mail: gdrschn@attglobal.net<\/strong><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>3. Advent | 17. Dezember 2000 | Jesaja 40,1-11 | Gunda Schneider | Tr\u00f6stet mein Volk, so hei\u00dft es beim Propheten. Liebe Gemeinde, Trost ist keine Billigware. In der Zeit vor Weihnachten zumal. Trost ist keine Billigware. Was Halt und Festigkeit gibt, trotz Dunkelheit und K\u00e4lte, wo gibt es das? 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