{"id":22108,"date":"2000-12-19T10:30:35","date_gmt":"2000-12-19T09:30:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22108"},"modified":"2025-03-19T11:52:39","modified_gmt":"2025-03-19T10:52:39","slug":"johannes-728-29-6","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-728-29-6\/","title":{"rendered":"Johannes 7,28-29"},"content":{"rendered":"<h3>Heiliger Abend \/ Christvesper | 24. Dezember 2000 | Johannes 7,28-29 | Hinrich Bu\u00df |<\/h3>\n<p><em>&#8222;Da rief Jesus, der im Tempel lehrte: Ihr kennt mich und wi\u00dft, woher ich bin. Aber nicht von mir selbst aus bin ich gekommen, sondern es ist ein Wahrhaftiger, der mich gesandt hat, den ihr nicht kennt.Ich aber kenne ihn; denn ich bin von ihm, und er hat mich gesandt.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde am Heiligabend,<\/p>\n<p>eine sch\u00f6ne Bescherung ist das, was uns aus der Bibel auf den Gabentisch gelegt wird. In des Wortes doppelter Bedeutung: Willkommen und beschwerlich. Da tritt neben das Christkind der erwachsene Jesus. Selbstverst\u00e4ndlich geh\u00f6rt zum Heiligabend das Christkind, die Geschichte von der Geburt Jesu, von Lukas so erz\u00e4hlt, da\u00df die ganze Erde davon singt und klingt und wir uns einen Heiligabend in der Kirche ohne sie nicht vorstellen k\u00f6nnen. Sie ist der Beginn der Bescherung und vermutlich ihr sch\u00f6nster Teil. Damit nimmt alles seinen Anfang.<\/p>\n<p>Doch nun kommt zus\u00e4tzlich der erwachsene Jesus zu Wort, aus dem Johannes-Evangelium redet er dazwischen, er ruft sogar, laut in die stille Nacht hinein, in einer Art Unmuts\u00e4u\u00dferung, als wollte er Einspruch erheben: Ihr kennt mich, ihr wi\u00dft woher ich komme und stamme. &#8222;<em>Zu Bethlehem geboren&#8220;,<\/em>\u00a0wie soeben gesungen. Doch ich bin ein anderer, ein Unbekannter, ein Fremder, ein von weither Gesandter. Ist dies eine St\u00f6rung oder macht es das Geheimnis nur noch gr\u00f6\u00dfer? Lassen Sie uns schauen.<\/p>\n<p>1. Zun\u00e4chst die Bescherung. Es wird heute wieder viel auf den Gabentischen liegen, nehme ich an. Schnell gekauft. Oder eher mit Bedacht ausgesucht. An einem Beispiel illustriert, das mir vor einigen Jahren zu Ohren kam. Ein Mann um die 4o will ein Geschenk f\u00fcr seine Frau kaufen. Er geht an den Schaufenstern vorbei und sucht. Das macht er sonst nicht. Er hat zu arbeiten, und Gef\u00fchle zu zeigen ist nicht seine Sache. Er h\u00e4lt sie so verborgen, da\u00df er am Ende selbst meint, er habe keine. Aber nun will er seiner Frau etwas zu Weihnachten kaufen. Etwas Sch\u00f6nes; und teuer soll es auch sein. In einem Schaufenster entdeckt er einen beleuchteten Wohnzimmer-Springbrunnen. Etwas Ausgefallenes, das seine Frau bestimmt nicht erwartet. Soll er ihn nehmen, soll er nicht? Der Springbrunnen glitzert so sch\u00f6n, da\u00df er ihn kauft.<\/p>\n<p>Eingepackt steht das stolze St\u00fcck unter dem Weihnachtsbaum. Die Frau macht sich z\u00f6gernd dar\u00fcber her, und als sie die Bescherung sieht, bricht es aus ihr heraus: &#8222;Aber Kai-Uwe, anderes h\u00e4tten wir viel dringender gebraucht. Da\u00df du gutes Geld f\u00fcr solche Sachen ausgibst!&#8220; Er knickt leicht ein und blickt verloren an sich herunter. Wieder nichts.<\/p>\n<p>In Basel, habe ich gelesen, liegt auf dem Barf\u00fc\u00dferplatz ein \u00fcberdimensioniertes Wunschbuch aus f\u00fcr Gro\u00df und Klein. Darin steht u.a. die Eintragung, mit gro\u00dfen Lettern geschrieben: &#8222;Ich will einen neuen Mann.&#8220; Na bitte! Das w\u00e4re etwas! Doch wird es mit dem neuen besser? &#8211; In dem geschilderten Fall h\u00e4tte da auch stehen k\u00f6nnen: &#8222;Ich will eine andere Frau.&#8220; Eine, die merkt, was der umst\u00e4ndliche Gemahl an Gef\u00fchlen in sein gro\u00dfes Paket hinein gelegt hat.<\/p>\n<p>Ja, in Geschenke ist oft viel an \u00dcberlegung und Zuneigung hinein gewickelt. Das Auspacken wird so zu einer Kunst. Meistens ist zus\u00e4tzlich zum Gegenstand etwas Unsichtbares darin, eine Botschaft, die man entschl\u00fcsseln soll. Sie lautet: &#8222;Ich mag dich.&#8220; Oder: &#8222;Bitte, sieh mein Geschenk an und finde es gut und mich auch.&#8220;<\/p>\n<p>So ist es mit Weihnachten \u00fcberhaupt: Es lohnt sich behutsam auszuwickeln. Die P\u00e4ckchen und erst recht die Geschichten. Damit wir nicht nur W\u00f6rter h\u00f6ren, sondern die Botschaft vernehmen, die darin steckt und unser Herz erw\u00e4rmt.<\/p>\n<p>Die Geburtsgeschichte nach Lukas hat eine gro\u00dfe Resonanz gefunden bis in unsere Tage. Sie macht sich in vielen Spielarten bemerkbar. Erwachsene M\u00e4nner kaufen einen Weihnachtsbaum und stellen ihn auf und kriechen auf dem Teppich herum, um mit den Kindern zu spielen. Erwachsene Frauen backen Pl\u00e4tzchen, auch wenn sie kaum Zeit daf\u00fcr haben, sie hetzen sich ab, damit es wirklich ein sch\u00f6ner Heiligabend wird.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich m\u00fcssen Glaskugeln aufgeh\u00e4ngt, Weihnachtspyramiden aufgestellt und Krippenfiguren aufgebaut werden, am besten genau so wie im letzten Jahr. Wenn nicht, droht Ungemach. Warum? Diese Figuren geh\u00f6ren l\u00e4ngst zur Lebensgeschichte. Man wei\u00df, welche Tante den Engel mit dem einen Fl\u00fcgel geschenkt hat, und wann die Krippe ins Haus kam und welche Figuren nach und nach dazu gekauft wurden. Viele Familien haben eine Geschichte mit Weihnachten. Die eigene Biographie ist verwoben mit den Hirten auf dem Felde und den Engeln in der H\u00f6he und den Weisen aus dem Morgenland. Sie sind Verwandte \u00e4lteren Datums und h\u00f6heren Grades, die sich alle Jahre wieder einfinden. Selbst Ochs und Esel haben ihren Platz in der guten Stube. Und wenn nicht, dann auf dem Weihnachtsmarkt. Auch die dudelnden Karussells drehen sich um das Kind in der Krippe. Es ist, wie wir vorhin gesungen haben: &#8222;In seine Lieb versenken will ich mich ganz hinab, mein Herz will ich ihm schenken und alles, was ich hab.&#8220; Es gibt eine unvergleichlich sch\u00f6ne weihnachtliche Liebesgeschichte, in die viele Menschen \u00fcber Generationen hinweg einbezogen sind.<\/p>\n<p>2. Aber nun gibt es auch Gegenerfahrungen. Ein Single sagt sich: Diesen Familienrummel tue ich mir nicht an, ich fahre auf die Bahamas. Eine \u00e4ltere Frau meint: Heiligabend ist der schrecklichste Tag im ganzen Jahr, da nehme ich ein Valium und schlafe durch. Es gibt Obdachlose, die n\u00e4chtigen drau\u00dfen, neben dem Schacht eines Kaufhauses z.B., um so ein bi\u00dfchen W\u00e4rme zu sp\u00fcren. Menschen auf der Schattenseite des Lebens.<\/p>\n<p>&#8222;Extra Tip&#8220; wei\u00df Rat. Die Zeitung hat daf\u00fcr geworben, eine Kleinanzeige aufzugeben, mit dem einladenden Text: &#8222;Irgendwo &#8230; gibt es ganz sicher einen lieben Menschen, der die Weihnachtszeit zu einem wirklichen Fest der Liebe werden l\u00e4\u00dft&#8220;. Ja, es w\u00e4re sch\u00f6n. Aber was, wenn nicht?<\/p>\n<p>An dieser Stelle ist es gut, auf den Einspruch Jesu zu h\u00f6ren. Er, der so viel von Liebe geredet hat, neigt nicht dazu, die Liebe von Menschen zu \u00fcberh\u00f6hen, sie gar g\u00f6ttlich zu nennen. Wissend, wie wankelm\u00fctig sie sein kann. Gleich im Anschlu\u00df an die verlesenen Verse hei\u00dft es bei Johannes: &#8222;Da suchten sie ihn zu ergreifen&#8220;. Um ihn einzusperren. Wer allein auf Menschen setzt, ist bald verloren.<\/p>\n<p>Jesus f\u00fchrt die Liebe, die hei\u00df ersehnte, auf Gott zur\u00fcck. Dort hat sie ihren Ursprung. Von ihm her kommt der W\u00e4rmestrom. Aus der Ferne, aus der Fremde, von dem Ganz-Anderen. Von ihm her komme auch ich, geh\u00f6re an seine Seite, geh\u00f6re also in eine andere Welt. Doch ich bin von ihm gesandt, bin gewisserma\u00dfen der g\u00f6ttliche W\u00e4rmestrom in Person. Das macht den Impuls, der von Weihnachten ausgeht, so stark. Er erreicht gerade jene, die auf der Schattenseite des Lebens stehen.<\/p>\n<p>Sie, die Tiefen durchschreiten, gewinnen in ihrem Blick eine Tiefensch\u00e4rfe. Sie sehen durch das Dunkel des Kummers und des Befremdlichen hindurch und entdecken dahinter Gott als Geheimnis und ahnen seinen Glanz. &#8222;Wir sahen seine Herrlichkeit,&#8220; hei\u00dft es am Beginn des Johannes-Evangeliums, &#8222;eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.&#8220; Nicht zu erwarten. Aber nun anzuschauen. Wer nimmt sie wahr?<\/p>\n<p>Ich fand eine mich \u00fcberraschende Anzeige einer Lampenfirma. Sie h\u00e4tte werben k\u00f6nnten f\u00fcr die Helligkeit der Neonr\u00f6hren und die Sch\u00e4rfe der Strahler, sie h\u00e4tte ein erleuchtetes Fest w\u00fcnschen k\u00f6nnen, doch tats\u00e4chlich war zu lesen &#8222;Gesegnete Weihnachten&#8220;. Als w\u00fc\u00dfte sie, die Firma McKnips, da\u00df der Segen und mit ihm der Glanz von Gott kommt. Hier hat jemand wirklich geschaltet.<\/p>\n<p>&#8222;Gott will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt&#8220;, hat uns Jochen Klepper eingesch\u00e4rft. Da entsteht ein Glanz, der durch Trauer und Leid hindurch strahlt, der von Einsamkeit und Tr\u00fcbsal nicht aufgehalten werden kann. Die Hirten auf dem Felde waren die ersten, denen dies Licht aufging. &#8222;Die Klarheit des Herrn leuchtete um sie&#8220;, hei\u00dft es, sie blickten durch und fanden ihren Weg.<\/p>\n<p>Wo solcher Glanz erstrahlt, fangen Menschen an zu singen. &#8222;Ehre sei Gott in der H\u00f6he&#8220;. Was kann es bringen, wenn man Gottes Lob anstimmt? Es bringt die Welt \u00fcber sich hinaus ins Schwingen. Sie ist nicht mehr mit sich selbst besch\u00e4ftigt, sie gewinnt Freiheit, sie gewinnt Wahrheit, sie gewinnt H\u00f6he. Weil Gott zu uns gekommen ist, k\u00f6nnen Menschen \u00fcber sich hinaus wachsen.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p>Anmerkungen<\/p>\n<p>Die Fremdheit des Predigttextes wird aufgenommen und mit der bekannten Geburtsgeschichte (Lk 2,1-20), die zuvor im Gottesdienst gelesen worden ist, in Beziehung gesetzt.<\/p>\n<p>&#8222;Sch\u00f6ne Bescherung&#8220; ist das Stichwort, welches das Willkommene und Befremdliche thematisiert. Es soll zugleich zum Ausdruck bringen, da\u00df die Geburt Jesu der Bescherung bester Teil ist.<\/p>\n<p>Das Lied &#8222;Zu Bethlehem geboren&#8220;, in der Predigt aufgenommen, ist vorher gesungen worden.<\/p>\n<p>Zur Christvesper um 18.00 Uhr k\u00f6nnen fast ausschlie\u00dflich Erwachsene erwartet werden.<\/p>\n<p><strong>Dr. Hinrich Bu\u00df<\/strong><\/p>\n<p><strong>Landessuperintendent f\u00fcr den Sprengel G\u00f6ttingen<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"mailto:Hinrich.Buss@evlka.de\"><strong>E-Mail: Hinrich.Buss@evlka.de<\/strong><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heiliger Abend \/ Christvesper | 24. Dezember 2000 | Johannes 7,28-29 | Hinrich Bu\u00df | &#8222;Da rief Jesus, der im Tempel lehrte: Ihr kennt mich und wi\u00dft, woher ich bin. 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