{"id":22112,"date":"2000-12-19T11:57:22","date_gmt":"2000-12-19T10:57:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22112"},"modified":"2025-03-19T11:58:29","modified_gmt":"2025-03-19T10:58:29","slug":"predigt-zur-christmesse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/predigt-zur-christmesse\/","title":{"rendered":"Predigt zur Christmesse"},"content":{"rendered":"<h3>Heiliger Abend &#8211; Christvesper | 24. Dezember 2000 | Dietz Lange |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Wie jedes Jahr, so haben wir auch heute abend wieder die Weihnachtsgeschichte geh\u00f6rt. Es ist eine sch\u00f6ne alte Geschichte, uns allen seit langem vertraut, auch denen, die sich nicht so gut in der Bibel auskennen. Da liegt das kleine Kind, das eben geboren ist, des Nachts in einem Stall in der Futterkrippe. Die Eltern daneben, gl\u00fccklich, wie es Eltern eben sind, wenn eine Geburt mit ihren Sorgen und Schmerzen \u00fcberstanden ist und der langersehnte gr\u00f6\u00dfte Schatz, den das Leben einem geben kann, nun da ist. Dann die Hirten auf dem Feld, die auf wunderhafte Weise davon erfahren und die drei besuchen. Und die Engel, die bis heute unsere Phantasie befl\u00fcgeln, so n\u00fcchtern und weltlich wir auch sein m\u00f6gen. Wir denken dabei wohl an den Tannenbaum, in dem Engel als kunstvolle Figuren aufgeh\u00e4ngt sind, und an die Krippe, die wir darunter aufgebaut haben, mit Maria und Joseph und dem Jesuskind, dazu Hirten und Tiere und oft auch noch die drei Weisen aus dem Orient, meist als K\u00f6nige dargestellt &#8211; alles beschienen von mildem Kerzenlicht, W\u00e4rme und Geborgenheit ausstrahlend. Wer es nicht so hat zu Hause, dem f\u00e4llt wahrscheinlich jedenfalls das Weihnachtszimmer aus der Kindheit ein, und von dieser Erinnerung geht dann die geheimnisvolle, friedliche und freundliche Stimmung aus, die dieses Fest ausmacht.<\/p>\n<p>Das alles ist der lange Nachhall, der von der alten Erz\u00e4hlung bis heute ausgeht und nun schon 2000 Jahre \u00fcberdauert hat. Eine wunderbare Insel der Ruhe und des Friedens in einem Jahresablauf, der oft eher von Kampf und Sorgen gekennzeichnet ist. Daf\u00fcr nehmen wir gern den Trubel und die Hetze der Vorweihnachtszeit auf uns. Nachhall jener alten Geschichte &#8211; und doch nimmt sie sich in unseren Weihnachtsfeiern auch wieder seltsam fremd aus. Was da berichtet wird, ist ja keine Geschichte von einem gem\u00fctlichen Wohnzimmer, gut geheizt und freundlich beleuchtet. \u201eSie hatten keinen Raum in der Herberge\u201c, hei\u00dft es da. Das ist bezeichnend f\u00fcr das ganze Leben dieses Jesus, der sp\u00e4ter von sich gesagt hat: \u201eDes Menschen Sohn hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann\u201c. Nicht auf einer freundlichen Weihnachtsinsel hat er gelebt, sondern in dem schon damals unruhigen Pal\u00e4stina, das unter der r\u00f6mischen Besatzungsmacht \u00e4chzte. Als Wanderprediger ist er umhergezogen und hat die Menschen mit steilen Forderungen provoziert: \u201eLiebet eure Feinde!\u201c Ein Leben kompromissloser Hingabe f\u00fcr diese Sache hat er gef\u00fchrt. Die Weihnachtsgeschichte spiegelt das wider, wenn sie die Engel singen l\u00e4sst: \u201eEhre sei Gott in der H\u00f6he\u201c. Allein Gott zu ehren, dazu ist das menschliche Leben da, nicht um sich lobhudelnde Reden zum 60. Geburtstag oder das Blech prachtvoller Orden zu verdienen.<\/p>\n<p>Hin und wieder begegnen uns heute Menschen, die in dieser Hinsicht Jesus ein wenig \u00e4hnlich sind. Bis heute inspiriert er Menschen zu \u00e4hnlicher Hingabe f\u00fcr das Wohl anderer Leute, bis hin zur Selbstaufopferung: \u00c4rzte und Schwestern, Lehrerinnen und Lehrer, M\u00fctter und V\u00e4ter aus allen Gesellschaftschichten. Wir bewundern sie daf\u00fcr, vielleicht w\u00e4ren wir auch gerne so. Aber vielen von uns erscheint so etwas wohl eher eine Nummer zu gro\u00df. Im \u00dcbrigen, so scheint es, kann man zwar seine N\u00e4chsten lieben, aber seine Feinde &#8211; das kann doch auf Dauer gar nicht funktionieren. War dieser Jesus nicht doch ein bisschen weltfremd? Am Ende lag es ja vielleicht daran, dass er auf so viel Widerstand stie\u00df. Mit der Feindesliebe l\u00e4sst sich schon kaum das private Leben gestalten, und schon gar nicht die Politik.<\/p>\n<p>So wird heute viel von Jesus geredet, durchaus mitf\u00fchlend, sogar ehrfurchtsvoll, aber auch ein wenig mitleidig, vom Standpunkt einer 2000 Jahre \u00e4lter gewordenen, scheinbar \u00fcberlegenen Lebenserfahrung. Und so k\u00f6nnten wir dann jetzt aufbrechen und uns ins Weihnachtszimmer zur\u00fcckbegeben. Dabei w\u00fcrden uns vielleicht die sch\u00f6nen Ideale dieses Jesus noch eine Weile erfreuen, aber doch aus sicherer Entfernung. Freilich w\u00e4ren wir dann an dem eigentlichen Geheimnis dieses Menschen vorbeigegangen, denn wir h\u00e4tten nur die H\u00e4lfte von dem zur Kenntnis genommen, was sein Leben uns zu sagen hat. \u201eEhre sei Gott in der H\u00f6he\u201c, hie\u00df es, und dann geht es weiter: \u201e&#8230; und Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens\u201c. In diesem Jesus ist Gott selbst gegenw\u00e4rtig, er l\u00e4sst sich ganz von Gott bestimmen. Und wie er selbst sich von Gott tragen l\u00e4sst, so wirkt er auch auf uns. Er fordert nicht nur etwas, sondern er gibt uns auch etwas: Er verspricht uns Frieden.<\/p>\n<p>Damit spricht die Weihnachtsgeschichte eine uralte Menschheitssehnsucht an. Und diese Friedensbotschaft kommt ausgerechnet aus Pal\u00e4stina, wo heute wieder einmal alles andere als Frieden herrscht. Auch aus Bethlehem werden immer wieder Schie\u00dfereien gemeldet. Wir merken es immerhin daran, dass die Reiseveranstalter zur Zeit Reisen nach Israel absagen. Nat\u00fcrlich sehnen sich auch dort die Menschen nach Frieden. Aber ist das nicht eine sch\u00f6ne Illusion? Das ist im \u00dcbrigen ja auch nicht nur im Nahen Osten so. Schon so lange wird dieses Versprechen Gottes in allen christlichen Kirchen gepredigt, jedes Jahr zu Weihnachten wieder. Wann wird es eingel\u00f6st? Wo ist der Gott, der dieses Versprechen gegeben hat? Aber es w\u00e4re billig, die Schuld auf Gott abzuschieben. Sie liegt bei uns Menschen. Sogar die christlichen Kirchen haben in der Vergangenheit leider gar nicht immer den Frieden gepredigt, sondern auch Waffen gesegnet und Kriege gutgehei\u00dfen. Auch wir selbst haben auch unsere Schwierigkeiten mit dem Frieden. Wenn die Festtage vergangen sind, erwarten uns die alten Dauerkonflikte mit dem griesgr\u00e4migen Chef, dem man nichts recht machen kann, mit dem Nachbarn, der bei jedem Kindergeschrei anruft und Schimpfkanonaden losl\u00e4sst, mit den Abgeordneten der gegnerischen Partei im Stadtrat, die aus Prinzip alles in Grund und Boden kritisieren, was man sagt. Vielleicht geh\u00f6ren wir sogar selbst zu denen, die f\u00fcr andere Leute unleidlich sind. Frieden? Im Himmel vielleicht, aber auf Erden?<\/p>\n<p>Wenn die Weihnachtsgeschichte vom Frieden auf Erden spricht, meint sie nicht, dass auf einmal die Menschen alle besser werden. Der Frieden ist zuerst einmal der Friede, den Gott mit uns Menschen schlie\u00dft. Das ist durchaus ein wirklicher Friede und keine Kopfgeburt, und er findet auch hier auf der Erde statt, nur f\u00e4llt er nicht immer ins Auge. Gott schlie\u00dft Frieden mit uns, die seinen Namen f\u00fcr Unfrieden und Krieg missbrauchen. Gott schlie\u00dft Frieden mit uns, die mit ihm hadern, wenn nicht alles nach Wunsch verl\u00e4uft. Er schlie\u00dft Frieden mit uns, die ihn in ihrem Alltag wie Luft behandeln. Wir brauchen nur in seine dargebotene Hand einzuschlagen. Das ist das, was die christliche Sprache Glauben nennt. Dadurch ver\u00e4ndert sich das Leben grundlegend. Das Gewissen wird frei und dankbar f\u00fcr diesen unverdienten Frieden. Wer sich verrannt hat und keinen Ausweg mehr sieht, entdeckt neue und unerwartete Perspektiven. Und Gottes Frieden wird aus einem Weihnachtsinselfrieden zu einem Alltagsfrieden, der uns gelassen und zuversichtlich macht und uns hilft, auch mit Stress und Angst fertig zu werden.<\/p>\n<p>Der Friede Gottes mit uns schafft auch Frieden mit anderen Menschen. Der mag manchmal m\u00fchsam oder sogar aussichtslos erscheinen. Aber wenn jemand sich ganz von Gottes Frieden erf\u00fcllen l\u00e4sst, dann strahlt er oder sie ihn aus und wirkt damit auf andere. Das kann sogar im gro\u00dfen Rahmen geschehen. So hat der Gedanke der Menschenrechte starke Wurzeln in der christlichen Tradition, und die Vers\u00f6hnung zwischen Deutschland und seinen ehemaligen Kriegsgegnern ist in gro\u00dfem Ma\u00df von Antrieben des christlichenGlaubens bestimmt worden.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es kein Rezept und schon gar keine Garantie daf\u00fcr, dass so etwas gelingt und sich allgemein durchsetzt. Jesus, der sein ganzes Leben in den Dienst dieses Gottesfriedens gestellt hatte, musste schlie\u00dflich f\u00fcr ihn ans Kreuz gehen. Denn seine Botschaft stie\u00df bei vielen Menschen damals schon auf genau so viel Unverst\u00e4ndnis, wie das auch heute der Fall ist. Und doch ist es einfach die Erfahrung des christlichen Glaubens, dass dieser Frieden Leben ver\u00e4ndert. Es braucht daf\u00fcr keine besondere religi\u00f6se Begabung. Die symbolischen Gestalten der Engel in der Weihnachtsgeschichte stehen daf\u00fcr, dass Gottes Friedensversprechen\u00a0<em>allen<\/em>\u00a0Menschen gilt. \u201eSiehe, ich verk\u00fcndige euch gro\u00dfe Freude, die\u00a0<em>allem Volk<\/em>\u00a0widerfahren wird\u201c, spricht der erste Engel.<\/p>\n<p>So ist die Geschichte von der Geburt Jesu nicht blo\u00df eine Sage aus ferner Zeit, sondern sie handelt von dem tats\u00e4chlich weltbewegenden Ereignis, dass Gott selbst durch diesen Jesus Menschen seinen Frieden zusagt. Das galt den Menschen damals im 1. Jahrhundert, und es gilt genauso uns heute abend hier in der Kirche. Es ist ein weltbewegendes Ereignis; das hei\u00dft auch: Die sch\u00f6nen Weihnachtslieder, die Gebete, eine kurze Ansprache k\u00f6nnen immer nur einen Aspekt seiner Bedeutung wiedergeben. Aber nutzen Sie doch einmal einen Teil der ruhigen Weihnachtstage, um neugierig ein gr\u00f6\u00dferes St\u00fcck aus dem Neuen Testament im Zusammenhang zu lesen, neugierig und ohne an die eine oder andere schlechte Erfahrung zu denken, die Sie vielleicht einmal fr\u00fcher im Unterricht damit gemacht haben. Dann werden Sie vieles entdecken, was sonst noch mit dem Gottesfrieden zu tun hat, \u00fcber den wir heute abend nachgedacht haben. Sie werden merken, dass das trotz der l\u00e4ngst vergangenen Zeit, in der es geschrieben wurde, und trotz mancher Dinge, die Ihnen fremd vorkommen m\u00f6gen, nichts von seiner Aktualit\u00e4t verloren hat. Ich w\u00fcnsche Ihnen, dass dabei diese S\u00e4tze f\u00fcr Ihr eigenes Leben Bedeutung gewinnen: \u201eEhre sei Gott in der H\u00f6he und Friede den Menschen seines Wohlgefallens\u201c.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Prof. Dr. Dietz Lange<\/strong><\/p>\n<p><strong>Platz der G\u00f6ttinger Sieben 2<\/strong><\/p>\n<p><strong>37073 G\u00f6ttingen<\/strong><\/p>\n<p><strong>Tel. 0551 \/ 75455<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heiliger Abend &#8211; Christvesper | 24. Dezember 2000 | Dietz Lange | Liebe Gemeinde! Wie jedes Jahr, so haben wir auch heute abend wieder die Weihnachtsgeschichte geh\u00f6rt. Es ist eine sch\u00f6ne alte Geschichte, uns allen seit langem vertraut, auch denen, die sich nicht so gut in der Bibel auskennen. 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