{"id":22122,"date":"2001-01-19T14:13:04","date_gmt":"2001-01-19T13:13:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22122"},"modified":"2025-03-19T14:15:55","modified_gmt":"2025-03-19T13:15:55","slug":"jesaja-601-9-13-16","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jesaja-601-9-13-16\/","title":{"rendered":"Jesaja 60,1\u20139.13\u201316"},"content":{"rendered":"<h3>Epiphanias | 6. Januar 2001 | Jesaja 60,1\u20139.13\u201316 | Hans\u2013Gottlieb Wesenick |<\/h3>\n<p><em>1 Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn geht auf \u00fcber dir!2 Denn siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die V\u00f6lker; aber \u00fcber dir geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint \u00fcber dir.3 Und die Heiden werden zu deinem Lichte ziehen und die K\u00f6nige zum Glanz, der \u00fcber dir aufgeht.4 Hebe deine Augen auf und sieh umher: Diese alle sind versammelt und kommen zu dir. Deine S\u00f6hne werden von ferne kommen und deine T\u00f6chter auf dem Arme hergetragen werden.5 Dann wirst du deine Lust sehen und vor Freude strahlen, und dein Herz wird erbeben und weit werden, wenn sich die Sch\u00e4tze der V\u00f6lker am Meer zu dir kehren und der Reichtum der V\u00f6lker zu dir kommt.6 Denn die Menge der Kamele wird dich bedecken, die jungen Kamele aus Midian und Efa. Sie werden aus Saba alle kommen, Gold und Weihrauch bringen und des Herrn Lob verk\u00fcndigen.7 Alle Herden von Kedar sollen zu dir gebracht werden, und die Widder Nebajots sollen dir dienen. Sie sollen als ein wohlgef\u00e4lliges Opfer auf meinen Altar kommen; denn ich will das Haus meiner Herrlichkeit zieren.8 Wer sind die, die da fliegen wie die Wolken und wie die Tauben zu ihren Schl\u00e4gen?9 Die Inseln harren auf mich und die Tarsisschiffe vor allem, da\u00df sie deine S\u00f6hne von ferne herbringen samt ihrem Silber und Gold f\u00fcr den Namen des Herrn, deines Gottes, und f\u00fcr den Heiligen Israels, der dich herrlich gemacht hat.13 Die Herrlichkeit des Libanon soll zu dir kommen, Zypressen, Buchsbaum und Kiefern miteinander, zu schm\u00fccken den Ort meines Heiligtums; denn ich will die St\u00e4tte meiner F\u00fc\u00dfe herrlich machen.14 Es werden geb\u00fcckt zu dir kommen, die dich unterdr\u00fcckt haben, und alle, die dich gel\u00e4stert haben, werden niederfallen zu deinen F\u00fc\u00dfen und dich nennen \u00bbStadt des Herrn\u00ab, \u00bbZion des Heiligen Israels\u00ab.15 Denn daf\u00fcr, da\u00df du die Verlassene und Ungeliebte gewesen bist, zu der niemand hinging, will ich dich zur Pracht ewiglich machen und zur Freude f\u00fcr und f\u00fcr.16 Du sollst Milch von den V\u00f6lkern saugen, und der K\u00f6nige Brust soll dich s\u00e4ugen, auf da\u00df du erfahrest, da\u00df ich, der Herr, dein Heiland bin und ich, der M\u00e4chtige Jakobs, dein Erl\u00f6ser.<\/em><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>wir kommen in diesem Text nicht vor, wir, die christliche Gemeinde in &#8230;&#8230;&#8230;.. Nein, diese alte Aufforderung: \u201eMache dich auf, werde licht!\u201c und die Verhei\u00dfungsworte \u201eAber \u00fcber dir geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint \u00fcber dir!\u201c \u2013 sie sind zuerst an die Menschen in Jerusalem gerichtet, damals vor ziemlich genau 2.500 Jahren, als sie ein Prophet, dessen Namen wir nicht kennen, zum ersten Mal verk\u00fcndete. Und ich glaube, auch heute meinen sie zuerst das Gottesvolk Israel. Wir Christen sind da nicht angeredet, jedenfalls nicht gleich, nicht an erster Stelle. Trotzdem wollen wir versuchen, auf diesen Text zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p>In seinem Mittelpunkt stehen Jerusalem, die \u201eStadt des Herrn\u201c, das \u201eZion des Heiligen Israels\u201c, und die Menschen dort. Die ehrw\u00fcrdige Stadt Jerusalem, vielen Menschen heilig, Juden wie Christen wie Arabern, Jerusalem wird zur Zeit tagt\u00e4glich auf den Titelseiten der Zeitungen und in den Spitzenmeldungen der Tagesschau genannt: der ohnehin m\u00fchsame Friedensproze\u00df zwischen Israelis und Pal\u00e4stinensern kommt nicht mehr von der Stelle. Er ist gef\u00e4hrdet wie schon lange nicht mehr. Er h\u00e4ngt an einem seidenen Faden. Jeden Tag werden neue Gewalttaten aus dem Land der Bibel gemeldet. Jeden Tag gibt es von neuem Tote, sinnlos erschossen, und Verletzte, f\u00fcr ihr Leben gezeichnet \u2013 auf beiden Seiten. Verbitterung und blinder Fanatismus sind im Spiel und machen alle Verst\u00e4ndigungsbem\u00fchungen nur noch schwerer. Man redet zwar noch miteinander, trotz allem, und darin liegt eine schwache Hoffnung, aber die gegenseitigen Anschuldigungen werden immer h\u00e4rter und sch\u00e4rfer, und es wird hoch gepokert um jeden noch so kleinen Vorteil f\u00fcr die eigene Seite. Zur Zeit mag keiner nachgeben \u201eum des lieben Friedens willen\u201c. Es ist zum Verzweifeln.<\/p>\n<p>Als vor langer Zeit der Prophet in Gottes Auftrag diese Worte predigte, sah es in Jerusalem etwas anders aus als heute. Die ehedem stolze, pr\u00e4chtige Residenzstadt, im Jahre 587 von den Babyloniern erobert und zerst\u00f6rt, war immer noch \u00fcberwiegend ein Ruinenfeld. Auch der ber\u00fchmte Tempel, einst vom K\u00f6nig Salomo erbaut, lag noch in Tr\u00fcmmern, und zahlreiche D\u00f6rfer und St\u00e4dtchen im Umland waren verw\u00fcstet. Jedoch im Jahre 535 hatte der Perserk\u00f6nig Kyros den Israeliten, die 50 Jahre vorher in die Gefangenschaft nach Babylon entf\u00fchrt worden waren, gestattet, in ihre Heimat zur\u00fcckzukehren. Und nun waren sie heimgekehrt, zwar noch l\u00e4ngst nicht alle, aber immerhin ein erheblicher Teil von ihnen, waren zur\u00fcckgekommen als ein gedem\u00fctigtes, geschlagenes Volk und hatten mit dem Wiederaufbau der Heimat begonnen. Zun\u00e4chst waren sie noch voller Mut gewesen und hatten entschlossen und zuversichtlich den neuen Anfang gemacht. Doch bald schon zeigte sich: sie kamen nicht recht voran, nicht so, wie sie es sich zun\u00e4chst vorgestellt hatten.<\/p>\n<p>Die Lage im Lande blieb \u00e4rmlich und d\u00fcrftig, und bald schon zeigten sich wieder die alten Mi\u00dfst\u00e4nde, die es dort vor der Zerst\u00f6rung Jerusalems und der Eroberung des Landes Juda ja auch schon gegeben hatte: einige wenige profitierten vom Mangel und machten gute Gesch\u00e4fte, aber die Masse der Heimkehrer fand kaum Arbeit. Viele mu\u00dften sich verschulden, f\u00fchlten sich ausgebeutet und unterdr\u00fcckt. Es gab keine Rechtssicherheit, keine unabh\u00e4ngige Gerichtsbarkeit. Hinzu kamen unweigerlich starke soziale, gesellschaftliche Spannungen: Spannungen untereinander, aber auch Spannungen zwischen den Heimkehrern und den Menschen, die sich in der Zwischenzeit hier angesiedelt hatten, oftmals keine Juden. Die wollten sich nat\u00fcrlich nicht verdr\u00e4ngen lassen. Auch der Wiederaufbau des Tempels, den man gleich angepackt hatte, kam nicht recht weiter, und l\u00e4ngst waren noch nicht alle Verbannten zur\u00fcckgekehrt. Die gro\u00dfe Wende \u2013 sie war ausgeblieben. Entt\u00e4uschung machte sich breit, Resignation, l\u00e4hmende Mutlosigkeit.<\/p>\n<p>In diese Situation hinein f\u00e4llt wie ein Trompetensignal der Ruf des Propheten: \u201eMache dich auf!\u201c Steh auf! \u201eWerde licht! Denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn geht auf \u00fcber dir.\u201c Ja, es ist dunkel, gewi\u00df. \u201eFinsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die V\u00f6lker.\u201c Die Lage ist schwierig, keine Frage; es ist finster, es scheint noch kein Licht am Ende des Tunnels. Aber so wird es nicht, so soll es nicht bleiben: \u201e\u00dcber dir geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint \u00fcber dir!\u201c Gott selbst wird euch aufgehen wie die Sonne. Sein Glanz wird \u00fcber euch aufstrahlen und die ganze Welt erleuchten und alle Finsternis vertreiben. Ein unglaubliches Wort! Kein Wort zum Durchhalten, keine billige Vertr\u00f6stung auf bessere Zeiten, sondern eine Vision, die weit \u00fcber die damalige und jede andere Wirklichkeit hinausreicht. Gott selbst wird handeln \u2013 unglaublich!<\/p>\n<p>Wir wissen nicht, wie die Menschen damals, vor 2500 Jahren, diese Botschaft aufgenommen haben. Da\u00df sie ihnen jedoch au\u00dferordentlich wichtig war, ersehen wir daraus, da\u00df sie aufgeschrieben worden ist und festgehalten im Buch des Propheten Jesaja. Sie sollte nicht nur dem Augenblick damals gelten. Sie war wichtig auch f\u00fcr die nachfolgenden Generationen. Immer und \u00fcberall, wo Menschen sich im Dunkel erleben, wo sie m\u00fcde geworden sind in ihren Hoffnungen, da sollten sie es h\u00f6ren: \u201eMache dich auf, werde, licht! Denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn geht auf \u00fcber dir.\u201c Gott selbst geht auf \u00fcber euch wie die Sonne. Er ist bei euch und wird handeln. Das ist das Thema dieses Bibelwortes.<\/p>\n<p>Jedoch stellt sich nun die Frage: kann diese Verhei\u00dfung auch bis zu uns ausstrahlen? Ich sagte es schon: wir sind nicht das Volk Israel; wir geh\u00f6ren weder zu den Menschen in Jerusalem damals noch zu den Menschen in Jerusalem heute; wir sind nicht in erster Linie angesprochen.<\/p>\n<p>Das ist so, und das d\u00fcrfen wir nicht einfach beiseite schieben. Aber wahr ist auch, da\u00df es von Anfang an \u00dcberzeugung der Christen gewesen ist: in Jesus von Nazareth ist Gottes Herrlichkeit \u00fcber den Menschen aufgegangen, ist Gottes Licht zu uns gekommen, so wie es der Prophet angek\u00fcndigt hatte. Gerade die ersten S\u00e4tze des alten Prophetenwortes bekamen f\u00fcr sie neue Kraft, setzten f\u00fcr sie neue Hoffnung und Verhei\u00dfung frei: in Jesus Christus ist Gottes Reich, seine Herrlichkeit und Herrschaft strahlend aufgeleuchtet und hat sich unter uns Menschen gezeigt, hat sich bewahrheitet. Ihre Ausstrahlungskraft haben diese Worte bis heute unter uns Christen behalten. Und darum glaube ich, da\u00df sie uns auch meinen und uns auch gelten.<\/p>\n<p>Denn das kennen wir ja auch, da\u00df wir uns zuweilen wie Menschen im Dunkeln f\u00fchlen, da\u00df manche unter uns m\u00fcde geworden sind in ihren Hoffnungen und Erwartungen. Der Blick zur\u00fcck in das Jahr 2000 gibt manchen Anla\u00df dazu. Dieser Tage konnte man in den Zeitungen nicht wenig dazu lesen und auch die R\u00fcckblicke im Fernsehen verfolgen.<\/p>\n<p>Aber auch der Blick voraus in das Jahr 2001 bietet nicht nur eitel Helligkeit. Wenn ich an Jerusalem denke, tut sich arge Finsternis vor mir auf. Und \u00e4hnliche Finsternis empfinde ich beim Blick auf die Zukunft der Balkanl\u00e4nder, auch wenn es dort neben Unvers\u00f6hnlichkeit einige kleine Zeichen der Hoffnung gibt. Oder wenn ich die BSE\u2013Krise zu begreifen versuche oder die M\u00f6glichkeiten der Gentechnologie und vor allem die menschliche Versuchlichkeit, wirklich alles auszuprobieren, was machbar ist, dann \u00fcberkommen mich \u00c4ngste. Noch zahlreiche andere Bereiche w\u00e4ren da zu nennen, die unser Leben in Zukunft unmittelbar ber\u00fchren, zu deren Bew\u00e4ltigung und sachgrechter Ordnung aber weithin klare Vorstellungen, Beurteilungsmuster und -ma\u00dfst\u00e4be fehlen. Als ein Beispiel davon nenne ich jetzt nur die Ost\u2013Erweiterung der EG. Weithin ist sie bei uns bislang kaum zu Bewu\u00dftsein gekommen. Jedoch h\u00e4ngt von deren Gelingen unendlich viel f\u00fcr die gemeinsame Zukunft aller L\u00e4nder und V\u00f6lker Europas ab. Sie ist eine in den letzten 200 Jahren noch nie dagewesene Chance, zu dauerhaft friedlichem Neben- und Miteinander in Europa zu gelangen und kann uns allen nur Vorteile bringen \u2013 wenn wir nur wollen und diese Gelegenheit nutzen.<\/p>\n<p>Woran k\u00f6nnen, sollen, werden wir uns in diesen und vielen anderen Fragen orientieren im neuen Jahr?<\/p>\n<p>Das geschlagene und gedem\u00fctigte Israel bekommt vom Propheten gesagt: \u201eSteh auf! Dein Licht kommt.\u201c Das ist kein billiges Schulterklopfen, und ihm wird auch nicht einfach gesagt: \u00c4rmel aufkrempeln und zupacken, es wird schon gehen. Nein, so klingen diese S\u00e4tze nicht. Eher freundlich und liebevoll werden die Leute bei der Hand genommen: Kommt, steht auf, die Nach ist vorbei, es wird hell. Gott kommt, Gott, der selber das Licht ist. Sein Licht strahlt so weit aus, da\u00df nicht nur ihr es sehen werdet, sondern auch all die V\u00f6lker um euch herum werden es sehen. Und sie machen sich auf und ziehen hin zu diesem Licht, ziehen gen Jerusalem, zum Zion, wo Gottes Herrlichkeit auftsrahlt, und bringen zu ihm den Reichtum der Welt. Dieser Glanz, liebe Gemeinde, strahlt weiter bis zu uns hin.<\/p>\n<p>Wir Christen glauben: in Jesus Christus sehen wir Gottes Herrlichkeit unter uns: \u201eDas Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingebornen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.\u201c So beschreibt das der Evangelist Johannes.<\/p>\n<p>Durch und in Jesus Christus geh\u00f6ren wir zu den V\u00f6lkern, die zu dem strahlenden Licht von Gottes Herrlichkeit ziehen. Durch unsere christliche Kirche und in unserer Kirche kommen viele Menschen zu Gott, zu seinem Licht, das ihren Weg erhellt und ihnen Orientierung, Ma\u00dfst\u00e4be bietet.<\/p>\n<p>Wir feiern heute, am 6. Januar, das Epiphaniasfest, das Fest der Erscheinung des Herrn. In Baden\u2013W\u00fcrttemberg, Bayern und Sachsen\u2013Anhalt ist dieser Tag gesetzlicher Feiertag, in allen anderen Bundesl\u00e4ndern ein gew\u00f6hnlicher Kalendertag. Das war einmal anders. Die \u00c4lteren unter uns kennen das vielleicht noch. Dieser Umstand l\u00e4\u00dft uns ahnen, da\u00df sich da etwas ver\u00e4ndert hat w\u00e4hrend der vergangenen f\u00fcnfzig Jahre: was einst ein Festtag war, ist zum Alltag geworden.<\/p>\n<p>In den beiden ersten christlichen Jahrhunderten war es gerade umgekehrt. Die fr\u00fche Christenheit kannte Weihnachten, das heutzutage wohl das bekannteste christliche Fest ist, \u00fcberhaupt nicht. Zwar feierte man seit dem 3. Jahrhundert in \u00c4gypten am 6. Januar die Geburt und die Taufe Jesu, und daraus wurde in einigen Gebieten des Abendlandes das Fest der Erscheinung Christi, eben das Epiphaniasfest. Wir begehen es heute noch, so weit es m\u00f6glich ist, wohingegen es in der orhodoxen Christenheit zum eigentlichen Weihnachtsfest geworden ist. Erst allm\u00e4hlich, etwa hundert Jahre sp\u00e4ter, begann man in Rom, den 25. Dezember als Geburtsfest Christi zu feiern. Allgemein verbindlich geworden ist der Termin des Christfestes noch viel sp\u00e4ter, n\u00e4mlich unter dem r\u00f6mischen Kaiser Justin II. (565\u2013578).<\/p>\n<p>\u00dcbrigens taucht das Wort \u201eWeihnachten\u201c in der deutschen Sprache erst seit 1544 auf. Bis dahin sprach man nur von \u201eChristnacht\u201c und \u201eChristtag\u201c und vom heiligen \u201eChristfest\u201c und noch sp\u00e4ter dann schlie\u00dflich auch vom \u201eHeiligen Abend\u201c, dem Vorabend des Christfestes. Inzwischen ist der Heilige Abend am 24. Dezember f\u00fcr viele fast zum Inbegriff von Weihnachten geworden, vor dem die eigentlichen Weihnachtsfesttage und auch das Epiphaniasfest in die zweite und dritte Reihe r\u00fccken. Das sind also betr\u00e4chtliche Wandlungen eines Festes und zugleich Wandlungen der christlichen Sitten und Gebr\u00e4uche. Sind es Wandlungen auch unseres christlichen Glaubens? Sicherlich ist unser christlicher Glaube davon nicht unber\u00fchrt geblieben. Wir setzen seine Schwerpunkte anders als vor 1800 oder 1400 Jahren und auch anders als in der Reformationszeit vor 450 Jahren. Geblieben ist uns aber die \u00dcberzeugung: in Jesus Christus ist Gottes Herrlichkeit, ist sein Licht unter uns erschienen und vertreibt unsere Finsternis. Das ist das Thema des Epiphaniastages.<\/p>\n<p>Am Schlu\u00df bleibt die Frage: ist unter uns, ist in unserer Gemeinde, in unserer Kirche etwas von dem wunderbaren Licht Gottes zu erkennen, so da\u00df Menschen sich davon angezogen f\u00fchlen, alte wie junge Leute, und kommen und mitfeiern und ihres Lebens froh werden?<\/p>\n<p>Wir haben nicht viel vorzuweisen. Wenn wir mitziehen wollen zum Zion im Strom der V\u00f6lker, wie der Prophet ihn in seiner Vision beschreibt, V\u00f6lker, die schwerbepackt Gott ihre Gaben darbringen, dann sind unsere H\u00e4nde beinahe leer. Vor Gott haben wir nicht viel vorzuweisen. Wenn wir r\u00fcckblickend erkennen, wie unsere Vorv\u00e4ter im Glauben im Laufe der Geschichte mit Israel umgegangen sind, mit den Juden, aber auch mit anderen V\u00f6lkern, wieviel Leid Christen ihnen zugef\u00fcgt und gerade nicht Freude gemacht haben, dann k\u00f6nnen wir heute nur voller Scham und Trauer sagen: das Licht, das von Zion ausging, wollten sie nicht sehen. Sie sahen auf das eigene Licht und verdunkelten Gottes Herrlichkeit.<\/p>\n<p>Umso dringlicher ist deshalb heute zu fragen:<\/p>\n<ul>\n<li>Was k\u00f6nnen wir dazu beitragen, da\u00df Frieden wird in Pal\u00e4stina, da\u00df Araber und Israelis dort friedlich miteinander leben k\u00f6nnen, da\u00df Jerusalem die Stadt Gottes sein kann, zu der die V\u00f6lker ziehen?<\/li>\n<li>Was k\u00f6nnen wir dazu beitragen, da\u00df wir auch hierzulande in Frieden miteinander leben, da\u00df wir uns gegenseitig achten trotz oft sehr unterschiedlicher Herkunft, Geschichte, Sitte, Tradition, Hautfarbe, Geschlecht? Unterschiede zwischen den Menschen gibt es im eigenen Land seit jeher schon in gro\u00dfer F\u00fclle, zwischen Nord und S\u00fcd, Ost und West, nicht nur in der Sprache, sondern auch im Denken, in Lebensart und -stil. Unterschiede und Spannungen existieren seit jeher zwischen Nachbarorten, verschiedenen Stadtvierteln und auch von Haus zu Haus, Familie zu Familie. Wie k\u00f6nnen wir uns trotzdem gegenseitig gelten lassen und in Frieden miteinander auskommen?<\/li>\n<li>Was k\u00f6nnen wir dazu beitragen, da\u00df Menschen herausfinden aus der Finsternis ihres Lebens, da\u00df es hell wird f\u00fcr sie, da\u00df sie wieder zuversichtlich nach vorn schauen?<\/li>\n<li>Was k\u00f6nnen wir dazu beitragen, da\u00df Menschen Orientierung finden, Ma\u00dfst\u00e4be erkennen und beachten, wenn sie dabei sind, wissenschaftliches Neuland zu erforschen und der Menschheit dienlich zu machen? Welche Irrwege m\u00fcssen wir benennen, was d\u00fcrfen wir nicht zulassen, obwohl es machbar w\u00e4re?<\/li>\n<\/ul>\n<p>Sie sehen, liebe Gemeinde, das sind gewichtige Fragen, die fast all unsere Lebensbereiche in den Blick nehmen, Fragen, auf die wir als einzelne oftmals gar keine deutliche Antwort geben k\u00f6nnen. Und doch d\u00fcrfen sie uns nicht gleichg\u00fcltig sein, sondern verlangen auch nach unserem pers\u00f6nlichen Beitrag zu den Antworten. Es ist richtig: Auf der einen Seite kommen wir mit leeren H\u00e4nden. In Wahrheit jedoch sind unsere H\u00e4nde gef\u00fcllt mit all dem, was Gott uns da hineingelegt hat, mit seinem Licht, mit seiner Herrlichkeit, mit seinem Sohn Jesus Christus. Unser Glaube ist es, der unseren Mut und unsere Hoffnung weckt, und den sollen wir weitergeben an Menschen, die sich in der Finsternis f\u00fchlen. Unser Glaube gibt uns Ma\u00dfst\u00e4be an die Hand, an denen wir unsere f\u00e4lligen Entscheidungen ausrichten k\u00f6nnen: ob sie nicht nur einem Menschen dienen, sondern allen, ob sie die W\u00fcrde des einzelnen achten, das Recht respektieren, ob sie Hoffnung und Liebe unter uns den Weg bahnen, ob Gottes Wille verwirklicht wird.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, lassen Sie uns so also zuversichtlich und getrost von Epiphanias aus in das neue Jahr hineingehen: \u201eSiehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die V\u00f6lker, aber \u00fcber dir geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint \u00fcber dir.\u201c<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Anmerkungen<\/strong><\/p>\n<p>Der exegetische Befund zeigt: die Abgrenzung der Predigtperikope auf die Verse 1\u20136 ist unsachgem\u00e4\u00df. Mindestens die Verse 1-9.13\u201316, besser das ganze Kapitel, m\u00fcssen einer Predigt zugrunde gelegt werden bzw. bei deren Erarbeitung im Blick sein.<\/p>\n<p>Bei meiner Auslegung bleiben dennoch die ersten Verse im Vordergrund, weil sie bekannt und einpr\u00e4gsam sind, auch wenn ich versucht habe, den historischen Kontext anzudeuten und ihn bei der Vergegenw\u00e4rtigung des Textes einzubeziehen, z. B. bei der Frage des (legitimen?) Adressaten.<\/p>\n<p>Nicht eingegangen bin ich auf \u201eHeilig Drei K\u00f6nig\u201c und alles, was mit diesem Bereich der Volksfr\u00f6mmigkeit zu tun hat bzw. in Verbindung steht. Im Moment sehe ich nicht, wie ich die sachliche Information dazu und deren Bewertung wie zweifellos vorhandene geistliche Momente auch noch in meiner Predigt h\u00e4tte unterbringen sollen. Wir sind in Norddeutschland aus gutem Grund evangelisch und haben deshalb mit dem Proprium von Epiphanias bzw. von Jes. 60 genug zu sagen.<\/p>\n<p><strong>Hans-Gottlieb Wesenick, G\u00f6ttingen<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"mailto:H.-G.Wesenick@t-online.de\"><strong>E-Mail: H.-G.Wesenick@t-online.de<\/strong><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Epiphanias | 6. 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