{"id":22124,"date":"2001-01-19T14:15:58","date_gmt":"2001-01-19T13:15:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22124"},"modified":"2025-03-19T14:18:41","modified_gmt":"2025-03-19T13:18:41","slug":"johannes-714-18","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-714-18\/","title":{"rendered":"Johannes 7,14\u201318"},"content":{"rendered":"<h3>1. Sonntag nach Epiphanias | 7. Januar 2001 | Johannes 7,14\u201318 | Ulrich Braun |<\/h3>\n<p>14Aber mitten im Fest ging Jesus hinauf in dem Tempel und lehrte.\u00a015\u00a0Und die Juden verwunderten sich und sprachen: Wie kann dieser die Schrift verstehen, wenn er es doch nicht gelernt hat?<\/p>\n<p>16\u00a0Jesus antwortete ihnen und sprach: Meine Lehre ist nicht von mir, sondern von dem, der mich gesandt hat.\u00a017\u00a0Wenn jemand dessen Willen tun will, wird er innewerden, ob diese Lehre von Gott ist oder ob ich von mir selbst rede.<\/p>\n<p>18\u00a0Wer von sich selbst redet, der sucht seine eigene Ehre; wer aber die Ehre dessen sucht, der ihn gesandt hat, der ist wahrhaftig, und keine Ungerechtigkeit ist in ihm.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Thomas Mann bemerkt in einem Kapitel des Zauberbergs, \u201edass man eine Fertigkeit rasch gewinnt, derer man innerlich bed\u00fcrftig ist\u201c. Spezialisten allerdings, die auf den Erwerb solcher Fertigkeiten lange Ausbildungsjahre verwendet haben, kann das nicht gefallen. Das macht den formalen Einwand ihrerseits immerhin verst\u00e4ndlich, es k\u00f6nne doch mit dem, was ein \u201eUngelernter\u201c zu bieten habe, nichts Rechtes sein.<\/p>\n<p>Mit dieser Begr\u00fcndung werden einem Walter Stolzing in Richard Wagners \u201eDie Meistersinger von N\u00fcrnberg\u201c die Fl\u00fcgel gestutzt, weil der glaubt, ohne eine gr\u00fcndliche Unterweisung in den Regeln der Sanges- und Kompositionskunst die S\u00e4ngerwelt aus den Angeln heben zu k\u00f6nnen. In unserm Text aus dem Johannesevangelium wird die formale Notbremse gegen Jesus von Nazareth in Anschlag gebracht. Wie soll er, der es doch nicht schulm\u00e4\u00dfig gelernt hat, die Schrift verstehen und gar auslegen k\u00f6nnen?, fragen die Umstehenden in einer Mischung aus Zweifel, Verwunderung und mancherorts wohl auch Missgunst.<\/p>\n<p>Man h\u00f6rt durch die Frage hindurch gr\u00f6bere Formulierungen. Etwa in dem Sinne, was der Kerl sich wohl einbilde und, dass dann \u00fcberhaupt ja ein jeder kommen k\u00f6nnte. Warum also sollte man ihm Geh\u00f6r schenken? Kein amtliches Zeugnis, keine Lehrbefugnis, kein Titel, nichts, was Ehrfurcht einfl\u00f6\u00dfen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>So sehr der Einwand allerdings auf die offene Flanke zielt, dass wir es eben nicht mit verbrieftem Spezialistentum f\u00fcr die Schriftauslegung zu tun haben, so wenig ist er, der Einwand, selbst unverwundbar. Gerade, weil er rein formal ist und damit letzten Endes nur die Unterstellung, es k\u00f6nne um die Lehre dieses Mannes aus Nazareth aus den genannten Gr\u00fcnden nichts sein.<\/p>\n<p>Aber am Ende will die Frage nach der Autorit\u00e4t einer Lehre, der Geltung von Regeln und der Qualit\u00e4t einer Sache nicht nur formal gestellt und beantwortet sein. Am Grunde dieser Frage geht es um die Wahrheit selbst, oder, mit den Worten der deutschen Klassik, um das Sch\u00f6ne, Wahre und Gute.<\/p>\n<p>Das ist nicht nur tollk\u00fchn pathetisch formuliert, sondern darf auch als hoffnungslos romantisch und blau\u00e4ugig gelten, kurz: als vormodern und nicht mehr zeitgem\u00e4\u00df. L\u00e4ngst ist der Wahrheitsbegriff unter den wissenschaftlichen Theorien zersplittert in tausend Wahrheitsfragmente, die sich oftmals in formaler Richtigkeit ersch\u00f6pfen. Das Spezialistentum treibt wunderliche Bl\u00fcten, so dass der Ehrgeiz mancher Wissenschaftler darauf zu zielen scheint, so weit und so tief in ein Spezialproblem hinabzusteigen, dass es am Ende nur noch knapp hundert andere auf der Erde \u00fcberhaupt verstehen.<\/p>\n<p>Zugleich richtet sich die moderne Welt mit der Vorstellung ein, dass es \u201edie Wahrheit\u201c sowieso nicht gebe. Sie bestehe eben nur in den ungez\u00e4hlten Aspekten subjektiver Stimmigkeit, in mathematisch-naturwissenschaftlichen Zusammenh\u00e4ngen wenigstens noch in formaler Richtigkeit.<\/p>\n<p>Friedrich Nietzsche hat mit dem Wort von der Umwertung aller Werte die Vorstellung von einem ewigen Wertekatalog zerst\u00f6rt. Nietzsches \u00dcbermensch ist in der Lage, die Werte selbst zu setzen. Und er ist dazu verurteilt, es zu tun.<\/p>\n<p>Unsere Medien-Moderne hat daraus eine Art Was-solls- oder Ich-steh-dazu-Kultur gemacht.<\/p>\n<p>Wenn einem dann in den t\u00e4glich ausgestrahlten Zirkusarenen vorgef\u00fchrt wird, was alles geht und wozu mancher glaubt stehen zu k\u00f6nnen, \u00fcberkommt mich eine starke Sehnsucht nach verbrieftem Spezialistentum. Wenigstens f\u00fcr eine einigerma\u00dfen ausgebildete Denk- und Ausdrucksf\u00e4higkeit, dazu ein halbwegs zivilisiertes Benehmen w\u00fcrde ich als wohltuend empfinden. Die M\u00fche einer Ausbildung scheint vor diesem Hintergrund mehr als lohnend.<\/p>\n<p>Auch in Richard Wagners \u201eDie Meistersinger von N\u00fcrnberg\u201c gelangt der ungest\u00fcme Stolzing schlie\u00dflich zu dem Ausruf: Verachtet mir die Meister nicht.<\/p>\n<p>Im Hinblick auf die Wahrheit, auf dasjenige also, was einem Menschenleben Grund, Bestimmung, Richtung und Zuflucht bietet, zeugt es jedoch gerade nicht von Meisterschaft, sich damit zu begn\u00fcgen, dass es die Wahrheit nun mal nicht auf Flaschen gezogen zu kaufen gibt. Das ist freilich so, und der letzte gro\u00dfe Versuch, die Wahrheit an sich zu bringen spricht f\u00fcr sich: das Zentralorgan des Sowjetsystems hie\u00df \u201ePrawda\u201c, Wahrheit.<\/p>\n<p>Zugleich will es erprobt sein, in der Wahrheit zu leben, wie es der Evangelist Johannes an anderem Ort ausdr\u00fcckt. Denn ohne den Bezug zu dem, was wirklich und wahrhaftig gelten soll, wird doch das Menschenleben schal und leer. Man kann nicht einmal mehr jemandem ernsthaft b\u00f6se sein. Denn dazu m\u00fcsste man ja annehmen, dass man das mit einem gewissen Recht vermag, dass der also ein Unrecht begangen hat um dessen Unrecht er gewusst haben musste, und das er h\u00e4tte unterlassen k\u00f6nnen &#8211; und das all das wahrhaftig so ist.<\/p>\n<p>Der Umgang mit den Spezialproblemen der modernen Welt wird durch diese \u00dcberlegungen gewiss nicht leichter. Die moderne Medizin und Naturwissenschaften zum Beispiel bringen Fragestellungen hervor, die nicht mit der Anwendung einfacher Faustregeln zu beantworten sind. War es vor 30 Jahren in jedem Falle richtig, alles zu tun, was ein Menschenleben erhielt und verl\u00e4ngerte, so kommen uns angesichts der sogenannten Apparatemedizin Zweifel. Der Preis um den der Tod verhindert und hinausgeschoben wird ist jedenfalls hoch.<\/p>\n<p>Zumeist ist es nicht hilfreich, schurkenhafte Verursacher der Probleme und Fragen auszumachen. Frankenstein\u2019sche Vorstellungen geh\u00f6ren nach Hollywood und nicht in die Krankenh\u00e4user und Forschungslabors. Der medizinische und wissenschaftliche Fortschritt der vergangenen Jahrzehnte hat rein \u00fcberwiegend der Bewahrung und Unterst\u00fctzung des menschlichen Lebens gedient. Dass sich dabei nun an den R\u00e4ndern des Lebens Fragen ergeben, die an die Grundfesten unserer Wertevorstellungen gehen, liegt in der Natur der Sache. Bei der Behandlung Alter und Sterbender, bei Fragen der Transplantationsmedizin, in den Bereichen pr\u00e4nataler Diagnostik, genanalytischer und gentechnischer M\u00f6glichkeiten haben Mediziner und Wissenschaftler gerade selber das Interesse, Hilfestellung bei ethischen Entscheidungen zu bekommen.<\/p>\n<p>Diese Entscheidungen verlangen eben nicht nur ein Spezialistentum auf eng umrissenem Gebiet. Sie erfordern ein ernsthaftes und m\u00fchevolles Suchen nach Erkenntnis und Ringen um Einsicht in die tief empfundenen Wurzeln des Lebens. Das Leben selbst gilt es zu verstehen durch all die m\u00fchevollen Einzelfragen hindurch. Deshalb war es auch nicht die Frage, ob Jesus es gelernt hatte, die Schrift auszulegen. Denn in der Schrift legt sich das Leben aus, und das verstand er zu beschreiben \u2013 treffender oft als die Spezialisten.<\/p>\n<p>Im Kapitel, das unserem Predigttext folgt, werden diese Spezialisten zu ihm kommen. Sie haben eine Frau beim Ehebruch ertappt und wollen sie nun gem\u00e4\u00df der Weisung des Mose durch Steinigung hinrichten. Als sie das Jesus vortragen, sagt er seinen ber\u00fchmten Satz: Wer unter euch ohne S\u00fcnde ist, der werfe den ersten Stein. Er r\u00e4t weder ab, noch zu, sondern gibt die Frage, wie man nun mit der Frau verfahren solle an die Spezialisten formaler Richtigkeit zur\u00fcck. Was fragt ihr mich? Ihr habt die Tat, die T\u00e4terin und ihr habt eine hinreichende Zahl an Zeugen. Dazu habt ihr die Weisung des Gesetzes. Formal ist das Verfahren vollkommen richtig und abgesichert. Warum also, ihr Spezialisten, fragt ihr mich? Reicht euch die formale Richtigkeit des Urteils etwa nicht hin? Und wenn das so ist, was genau hindert euch, die Verantwortung f\u00fcr die Hinrichtung zu \u00fcbernehmen? Wollt ihr nachher sagen k\u00f6nnen, ich h\u00e4tte es ja auch gesagt?<\/p>\n<p>Wenn das so ist, dann denkt noch einmal nach. Vielleicht meldet sich in euren Bedenken eine tiefere Verbindung zu Gott, als ihr es euch eingestehen wollt. Denkt also nach und tut, was ihr verantworten k\u00f6nnt.<\/p>\n<p>Das Ergebnis ist bekannt. Niemand warf einen Stein. Nicht, weil Jesus das gefordert hatte, sondern weil ein jeder bei sich selbst sp\u00fcrte, was es zu tun und was zu lassen galt. Wenn jemand den Willen Gottes tun will, wird er innewerden, ob die Lehre von Gott ist oder ob einer von sich selbst nur redet.<\/p>\n<p>Ein leichtsinniger Umgang mit diesem Wahrheitsgef\u00fchl ist freilich nicht angeraten. Dummheit, Eitelkeit, Ahnungslosigkeit und Leichtsinn sind die Gefahren, die die Wahrheit verwechselbar machen mit der Suche eigener Ehre. Aber ein gewisses Vertrauen darauf, dass es auf unsere Entscheidungen wahrhaft ankommt, kann auch in der Welt des 21. Jahrhunderts nicht schaden. Die Probleme werden gewiss immer komplexer, aber sie wollen gel\u00f6st sein.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr braucht es Spezialisten, gewiss. Und es braucht die Nachdenklichkeit und den Einsatz derer, die sich und die Fragen unserer Zeit ernst und wichtig nehmen. Ohne M\u00fche und Fachwissen wird es nicht gehen, aber hier gilt, dass man eine Fertigkeit rasch gewinnt, deren man innerlich bed\u00fcrftig ist.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Ulrich Braun, Pastor in Meensen, J\u00fchnde und Barlissen im Kirchenkreis M\u00fcnden<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"mailto:Ulrich.Braun@evlka.de\"><strong>eMail: Ulrich.Braun@evlka.de<\/strong><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. 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