{"id":22134,"date":"2001-01-20T10:55:39","date_gmt":"2001-01-20T09:55:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22134"},"modified":"2025-03-20T10:57:44","modified_gmt":"2025-03-20T09:57:44","slug":"johannes-44-16","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-44-16\/","title":{"rendered":"Johannes 4,4-16"},"content":{"rendered":"<h3>3. Sonntag nach Epiphanias | 21. Januar 2001 | Johannes 4,4-16 | Christian-Erdmann Schott |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Die Sonntage nach dem Epiphanias-Fest stehen immer ein wenig im Schatten von Weihnachten. Wochenlang haben wir auf Weihnachten zugelebt. Dann war es. Und dann gehen langsam die Lichter wieder aus. Die Epiphanias-Sonntage im Januar wirken meist nur noch wie ein nicht sehr starker Nachglanz oder Nachklang. Das ist schade. Denn in dieser Zeit geht es um ein grundlegendes Thema des christlichen Glaubens, das verdiente, wahrgenommen zu werden. Es l\u00e4\u00dft sich in zwei S\u00e4tzen beschreiben. Der eine hei\u00dft:<\/p>\n<p>In Christus ist etwas aufgeleuchtet (epiphanein), in dieser Welt sichtbar geworden, das nicht aus dieser Welt kommt; ein Licht, von Gott angez\u00fcndet; ein Glanz, in der Welt, aber nicht aus dieser Welt, f\u00fcr die Welt &#8211; der in Christus war und von ihm ausging. Der Evangelist Johannes bringt diese Erfahrung auf den Satz: Wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit&#8220; (Joh. 1,14). Gerade diese Herrlichkeit, dieses besondere, die Herzen anr\u00fchrende und emporrei\u00dfende Fluidum, das von Christus ausging, will Johannes in seinem Evangelium beschreiben &#8211; so gut das ein Mensch \u00fcberhaupt kann und so gut, da\u00df es sich anderen Menschen mitteilt.<\/p>\n<p>Der andere Satz, der auch zu Epiphanias geh\u00f6rt, hei\u00dft: &#8222;Das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat&#8217;s nicht ergriffen&#8220; (Joh.1,5). Seit den Tagen Jesu ist das die gro\u00dfe Frage: Warum haben so viele Menschen diese Herrlichkeit nicht gesehen? Konnten sie nicht? Wollten sie nicht? Das ist auch die Frage, die Johannes umtreibt. Im Grunde ist es eine der schweren Fragen des Glaubens \u00fcberhaupt. Denn dahinter lauert ja auch der Zweifel: Haben wir vielleicht etwas gesehen, was gar nicht da war? T\u00e4uschen wir uns? Wer liegt hier richtig? &#8211; Die, die meinen etwas gesehen zu haben &#8211; oder die, die meinen, nichts gesehen zu haben?<\/p>\n<p>Nun hat Johannes, \u00e4hnlich wie Markus, eine L\u00f6sung des Problems angeboten, die etwa so lautet: Der Glanz Gottes war in Jesus Christus verborgen; so verborgen, da\u00df die Menschen ihn h\u00e4ufig und auf Anhieb nicht erkannten oder erkennen konnten: &#8222;Er war in der Welt &#8230; aber die Welt erkannte ihn nicht&#8220; (Job. 1,10). Manche, die ihm begegnet sind, sind erst allm\u00e4hlich gewahr geworden, wen sie vor sich haben. Eine solche Geschichte, in der einer Frau erst allm\u00e4hlich klar wird, wer mit ihr spricht, ist heute Predigttext. Ich lese<\/p>\n<p>Joh. 4, 4-16.<\/p>\n<p>Was diese Samaritanerin sieht, ist ein fremder Mann, ein Jude, der allein, m\u00fcde von der Wanderung, am Brunnen sitzt; unf\u00e4hig, sich Wasser zu sch\u00f6pfen, weil er nichts hat, um das Wasser aus der Tiefe heraufzuholen. Er bittet sie, ihm zu trinken zu geben. Die Frau ahnt nicht, wer sich in diesem Wanderer verbirgt. Als der Fremde ihr behutsam das Geheimnis seiner Person zu er\u00f6ffnen sucht, ist sie weiterhin ahnungslos, ja abwehrend, weil sie sich nicht vorstellen kann, da\u00df jemand &#8222;mehr als unser Vater Jakob&#8220; sein k\u00f6nnte. Erst nachdem ihr Jesus von dem Wasser des ewigen Lebens gesprochen hat, das er ihr zu geben vermag, bittet sie um dieses Wasser &#8211; aber auch jetzt noch bleibt sie befangen in ihrem anerzogenen Denken, &#8222;auf da\u00df mich nicht d\u00fcrste und ich nicht mehr herkommen m\u00fcsse, zu sch\u00f6pfen!&#8220;. Erst allm\u00e4hlich wird ihr und vielen ihrer Dorfmitbewohner klar, wer dieser Fremde ist: &#8222;Wir haben selber geh\u00f6rt und erkannt, da\u00df dieser ist wahrlich der Heiland der Welt&#8220; (V. 42).<\/p>\n<p>Letztlich ist diese Geschichte als Einladung zu verstehen. Sie will Menschen helfen zum Glauben oder: zur Quelle des Lebens zu kommen. Das war f\u00fcr die Menschen zur Zeit Jesu mindestens genauso schwer wie f\u00fcr uns heute. F\u00fcr uns ist es vielleicht etwas leichter, weil wir eine lange, weitgehend gute Tradition kennen, die uns den Glauben leicht machen kann.<\/p>\n<p>Denken wir an M\u00e4rtyrer, die f\u00fcr den Glauben bis zum Tode eingestanden sind (Pater Kolbe, Dietrich Bonhoeffer, Martin Luther King) und viele andere aus fr\u00fcheren Jahrhunderten oder denken wir an Menschen, denen der Glaube Kraft gegeben hat, ihr Leben durchzustehen (Behinderte, Kranke, Leidende in unserer Gemeinde und Umgebung) oder Gutes zu tun an anderen (Eva von Tiele-Winckler, Bodelschwingh). Solche guten Traditionen zeigen uns den Weg zu der Quelle, aus der diese Menschen gesch\u00f6pft haben.<\/p>\n<p>Trotzdem, nicht jeder kennt diese Traditionen und manche kennen auch abschreckende \u00dcberlieferungen. Viele aber sto\u00dfen sich heute an dem nicht sehr gl\u00e4nzenden, gelegentlich auch langweiligen Erscheinungsbild, das Kirchen, Gemeinden oder einzelne Christen mitunter bieten. Sie k\u00f6nnen sich nicht vorstellen, da\u00df hier das Wort Gottes und die Quelle des frischen Wassers zum Leben zu finden sein soll. Darum suchen sie es lieber in der Esoterik oder bei irgendwelchen Gurus. Es geh\u00f6rt l\u00e4ngeres, geduldiges Zuh\u00f6ren und Fragen dazu, um allm\u00e4hlich zu erkennen, was in unserer Kirche angeboten wird &#8211; nicht allein in den \u00f6ffentlichen Gottesdiensten, sondern auch in Gespr\u00e4chskreisen, im Religionsunterricht, in \u00c4u\u00dferungen einzelner Menschen, in Lebensberichten, auf einem Poster, in einem Buch, in der Musik usw. Die christliche Wahrheit ist mitunter sehr vielf\u00e4ltig, sehr schlicht, unscheinbar verpackt, verborgen, so wie sie in der Gestalt des wandernden Christus verborgen war. Aber es lohnt, auf sie zu achten, sie zu Herzen zu nehmen, zu bedenken und mit anderen zu besprechen.<\/p>\n<p>Auch die Samaritanerin hat Zeit gebraucht. Aber sie hat nicht nachgelassen. Sie hat zugeh\u00f6rt, nachgefragt, weitergefragt, bis sie zur Gewi\u00dfheit kam: Dieser ist der von Gott Gesandte. Ihm kann ich glauben. Diese Geschichte ist aber auch in dem Sinne als Einladung zu verstehen, als sie uns auf einen neuen Weg locken will. Der alte, herk\u00f6mmliche Weg, auf dem wir gew\u00f6hnlich unser Lebensgl\u00fcck zu erreichen suchen, verl\u00e4uft nach dem Motto: &#8222;Sieh zu, da\u00df du was aus dir machst&#8220;. Der neue Weg hei\u00dft: &#8222;Nimm andere mit &#8211; Leben ist Gemeinschaft &#8211; mit Gott &#8211; mit anderen&#8220;. Sein Kennzeichen: &#8222;Ermutige andere!&#8220;.<\/p>\n<p>Dieser neue Lebensstil, der Stil Jesu, scheint auf den ersten Blick mit Verlusten f\u00fcr mich verbunden. Bei tieferem Hinsehen ist er mit Gewinnen gesegnet. Er er\u00f6ffnet dir Gemeinschaft, Geborgenheit, Anlehnung, Heimat, Erfolg, Gesundheit, Freude. Der Satz Jesu: &#8222;Das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm ein Brunnen des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt&#8220; findet die wohl beste \u00dcbersetzung in dem Wort &#8222;Ermutigung&#8220;. Wer andere ermutigt, st\u00e4rkt, aufbaut, tr\u00f6stet, wird selber ermutigt, gest\u00e4rkt, aufgebaut, getr\u00f6stet. Er f\u00f6rdert Leben und lebt selbst. Er ist vielen ein Brunnen; ein Mensch, &#8222;von des Leibe Str\u00f6me lebendigen Wassers flie\u00dfen&#8220; (Joh.7,38).<\/p>\n<p>Und wenn man ausgenutzt wird? Oder &#8211; das ist ja die alte Angst &#8211; auf der Strecke bleibt? Und die anderen machen das Rennen? Die Antwort auf diesen uralten Zweifel aller Frommen k\u00f6nnte die Bitte der Samaritanerin sein: &#8222;Herr, gib mir solches Wasser&#8220; &#8211; so viel, da\u00df ich die Angst und den Zweifel darin ersaufen kann und der Glaube wieder kr\u00e4ftig ist.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Dr. Christian-Erdmann Schott<\/strong><\/p>\n<p><strong>Elsa-Brandstr\u00f6m-Str. 21, 55124 Mainz<\/strong><\/p>\n<p><strong>Tel.: 06131-690488<\/strong><\/p>\n<p><strong>Fax: 06131-686319<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>3. Sonntag nach Epiphanias | 21. Januar 2001 | Johannes 4,4-16 | Christian-Erdmann Schott | Liebe Gemeinde! Die Sonntage nach dem Epiphanias-Fest stehen immer ein wenig im Schatten von Weihnachten. Wochenlang haben wir auf Weihnachten zugelebt. Dann war es. Und dann gehen langsam die Lichter wieder aus. 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