{"id":22150,"date":"2001-02-20T11:17:17","date_gmt":"2001-02-20T10:17:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22150"},"modified":"2025-03-20T11:19:50","modified_gmt":"2025-03-20T10:19:50","slug":"matthaeus-99-13-10","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-99-13-10\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 9,9-13"},"content":{"rendered":"<h3>Septuagesimae | 11. Februar 2001 | Matth\u00e4us 9,9-13 | Reinhard Weber |<\/h3>\n<p>9 Und als Jesus von dort weiterging, sah er einen Menschen mit Namen Matth\u00e4us am Zollhaus sitzen, und er spricht zu ihm: Folge mir nach! Und er stand auf und folgte ihm nach.<\/p>\n<p>10 Und es geschah, als er in dem Haus zu Tisch lag, und siehe, da kamen viele Z\u00f6llner und S\u00fcnder und lagen zu Tisch mit Jesus und seinen J\u00fcngern.<\/p>\n<p>11 Und als die Pharis\u00e4er es sahen, sprachen sie zu seinen J\u00fcngern: Warum i\u00dft euer Lehrer mit den Z\u00f6llnern und S\u00fcndern?<\/p>\n<p>12 Als aber er es h\u00f6rte, sprach er: Nicht die Starken brauchen einen Arzt, sondern die Kranken.<\/p>\n<p>13 Geht aber hin und lernt, was das ist: \u00bbIch will Barmherzigkeit und nicht Schlachtopfer.\u00ab Denn ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern S\u00fcnder.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Diese paar kleinen S\u00e4tzchen zeigen in all ihrer K\u00fcrze und Schlichtheit, warum wir es bei dem, was wir das &#8222;Jesusgeschehen&#8220; nennen, mit einem besonderen, mit einem au\u00dfergew\u00f6hnlichen, mit einem ganz unallt\u00e4glichen Ph\u00e4nomen zu tun haben, was nicht in unser normales Lebensgef\u00fchl und Lebensverst\u00e4ndnis hineinpa\u00dft.<\/p>\n<p>So sehr wir n\u00e4mlich all diese Geschichten aus der Evangelientradition zu kennen meinen, so vertraut sie uns zu sein scheinen, so g\u00e4nzlich fremd sind sie uns doch gleichzeitig, auch wenn wir das meist erst auf den zweiten Blick erkennen. Sie ber\u00fchren uns seltsam, wenn wir n\u00e4her hinh\u00f6ren. Und wenn wir mit ihnen ernst machen, dann sp\u00fcren wir, da\u00df wir als nat\u00fcrliche Menschen eigentlich nicht mit ihnen ernst machen k\u00f6nnen. Von diesen Geschichten geht etwas aus, was nicht von dieser Welt ist.<\/p>\n<p>Da ist zun\u00e4chst diese eigenartige Autorit\u00e4t Jesu, der einem anscheinend ihm gar nicht n\u00e4her vertrauten Menschen gleichsam mit einem kurzen Befehl das Leben umkrempelt und total ver\u00e4ndert, ihm eine ungeheure Herausforderung entgegenwirft. Sein &#8222;Folge mir nach&#8220; ist so voraussetzungslos wie knapp. Um so \u00fcberraschender und auch unverst\u00e4ndlicher mu\u00df es uns vorkommen, wenn der angesprochene Z\u00f6llner seine Berufsarbeit und wahrscheinlich doch auch seine Familie, sein vertrautes Umfeld, seine gesamten Lebensumst\u00e4nde so mir nichts dir nichts verl\u00e4\u00dft und einem arbeitslosen Wanderprediger hinterherl\u00e4uft, denn das ist dieser Nazarener ja. Damit sind alle normalen Lebensverh\u00e4ltnisse nicht nur tangiert, sondern gesprengt. Es handelt sich um eine uns beinahe absurd erscheinende Situation. Ein Mensch gibt alles auf, was sein Leben bis dahin ausgemacht hat, um einem Ruf zu folgen, der ihm nichts versprechen kann und auch de facto nichts verspricht, was ihn von b\u00fcrgerlichen Ma\u00dfst\u00e4ben aus reizen k\u00f6nnte. Die Zukunft, die ihm da er\u00f6ffnet wird, ist nichts weniger als sicher, als erfolgversprechend, als gro\u00dfartig, als faszinierend, als aussichtsreich. Sie ist \u00fcberhaupt nicht absch\u00e4tzbar, sondern der Weg dieser Zukunft liegt v\u00f6llig im Dunkeln. Wohingegen dieser Z\u00f6llner Matth\u00e4us doch wu\u00dfte, was er hatte.<\/p>\n<p>Ein Z\u00f6llner, so verachtet er von den Religi\u00f6sen sein mochte und wahrscheinlich auch war, hatte doch nicht nur finanziell und materiell ein gesundes, ja geradezu gutes Auskommen, sondern er hatte auch eine Stellung, die es ihm erm\u00f6glichte, ein in bestimmtem Sinne durchaus erstrebenswertes Leben zu f\u00fchren. Sein Arbeitsplatz, auch wenn er letztlich von der r\u00f6mischen Besatzungsmacht abh\u00e4ngig war, war im Grunde doch relativ sicher, jedenfalls sicherer als viele anderen Berufe und Verdienstm\u00f6glichkeiten in dieser Zeit. Ein Z\u00f6llner war zwar kein alleiniger Herr seiner Dinge, sondern mu\u00dfte die Zollstation pachten, er mu\u00dfte den eingenommenen Zoll h\u00f6heren Ortes abliefern. Aber es blieb davon f\u00fcr ihn doch noch mehr als genug \u00fcbrig. Und zudem war er doch einer, dem eine relativ gro\u00dfe Verf\u00fcgungsm\u00f6glichkeit \u00fcbrig blieb. Er konnte in seinem Verantwortungsbereich ziemlich frei schalten und walten und sich auf diese Weise, wenn auch nicht immer legal, ein ordentliches Verm\u00f6gen erwerben. So darf man sich also diesen Z\u00f6llner Matth\u00e4us, um den es hier geht, als einen durchaus gesitteten und gutbetuchten, auf seine Weise erfolgreichen Menschen vorstellen, dem allenfalls in gewissen Bereichen des sozialen Lebens der Respekt versagt wurde. Auf diesen konnte er allerdings auch relativ leicht Verzicht tun, solange man ihm das materielle Fundament nicht zu entziehen vermochte. So ist sein Verhalten auf den Ruf Jesu hin mindestens ungew\u00f6hnlich. Was er f\u00fcr seinen sicheren Arbeitsplatz eintauscht, ist nichts anderes als die Ungesichertheit einer Wanderexistenz, die keine materielle Grundlage hat, sondern mehr oder weniger darauf angewiesen ist, sich eben diese materielle Grundlage durch andere, d.h. durch die Unterst\u00fctzung anderer zu verschaffen. Es ist ein Gang zun\u00e4chst jedenfalls einmal ins Nichts, in eine gewisse Art des Nomadentums. Denn wohin ruft ihn dieser Jesus?<\/p>\n<p>Nun wird aber vorab weiter erz\u00e4hlt, da\u00df sich Jesus bei diesem Matth\u00e4us eingeladen hat und mit ihm, wahrscheinlich auch seiner Familie und seiner n\u00e4heren Umgebung zu Tische lag, d.h. gemeinsam am Mahl teilnahm. Es ist nicht weiter verwunderlich, da\u00df bei einer solchen Gelegenheit auch viele Berufsgenossen des Matth\u00e4us herbeikamen und mit dem Wanderprediger Jesus gemeinsam tafelten. Es wird weiter gesagt, da\u00df Jesus auch seine J\u00fcnger mitgebracht hatte, die nun ebenfalls die Mahlfeier mit vollzogen. Nicht erstaunlich ist es, und wir kennen es auch vielen \u00e4hnlichen Bemerkungen ja sehr gut, da\u00df zusammen mit den Z\u00f6llnern die S\u00fcnder erw\u00e4hnt werden. Es handelt sich hier gleichsam, wie man das nennt, um eine Sinndoppelung. Z\u00f6llner und S\u00fcnder wurden als eine und dieselbe Sippschaft bzw. Gesellschaft angesehen. Wer am Zoll sa\u00df, war dem Unrecht ziemlich nahe. Darum bezeichneten die religi\u00f6sen Juden die Z\u00f6llner vielfach eo ipso als S\u00fcnder. Dies aber nicht nur deshalb, weil sich diese nur allzuoft illegal an ihren Gesch\u00e4ften bereicherten und mehr nahmen als vorgeschrieben, sondern vor allem deshalb, weil sich diese Klientel dazu herbeilie\u00df, mit den verha\u00dften R\u00f6mern gemeinsame Sache zu machen, ja weil sie \u00fcberhaupt mit diesen Heiden sich in n\u00e4heren Kontakt einlie\u00dfen und sich so, wie man meinte, religi\u00f6s verunreinigten. Das war jedenfalls die Auffassung der frommen Juden.<\/p>\n<p>Es ist darum auch nicht verwunderlich, da\u00df die Pharis\u00e4er, die von dieser ganzen Szenerie Notiz nehmen, sich die J\u00fcnger Jesu gleichsam stellvertretend f\u00fcr ihren Meister herbeizitieren und ihnen die Frage stellen, warum denn ihr Lehrer und Meister mit solchen verachtenswerten Leuten zu Tische liegt. Das k\u00f6nnen sie nicht fassen.<\/p>\n<p>Man mu\u00df dazu wissen, da\u00df die Tischgemeinschaft in der damaligen Zeit und in dem hier thematischen Milieu als die engste Form von Gemeinschaft \u00fcberhaupt angesehen wurde, welche Menschen im \u00f6ffentlichen und privaten Leben haben konnten. Die Pharis\u00e4er, die hier erw\u00e4hnt werden, galten zudem als die ausgesuchtesten und strengsten Repr\u00e4sentanten der frommen Judenheit, und sie m\u00fcssen darum diese Aktion Jesu so verstehen, da\u00df er mit Z\u00f6llnern und S\u00fcndern Gemeinschaft pflegt, also sich mit diesen solidarisch erkl\u00e4rt, sich mit ihnen gemein macht, sie akzeptiert. Das ist f\u00fcr sie im Blick auf einen Menschen, der seine Hauptaufgabe darin sieht, zu Gott zu rufen und Gott unter den Menschen gro\u00df zu machen, eine Absurdit\u00e4t. Der religi\u00f6se, der fromme, der gottgef\u00e4llige Mensch pflegt keine Gemeinschaft mit Gottfernen, mit S\u00fcndern, so meinen sie. Vielmehr besteht seine religi\u00f6se \u00dcberzeugung gerade darin, sich von den S\u00fcndern, den Ungl\u00e4ubigen fern zu halten, sie zu meiden, m\u00f6glichst jeden Kontakt zu ihnen zu unterbinden oder wenigstens auf das unbedingt n\u00f6tige und unumg\u00e4ngliche Ma\u00df zu beschr\u00e4nken. Insofern ist es nichts anderes als selbstverst\u00e4ndlich, da\u00df die Pharis\u00e4er von dem, was ihnen dort bekannt wird, wovon sie Wind bekommen, nicht gerade angetan sind bzw. mehr noch, da\u00df sie das Verhalten Jesu auf das Sch\u00e4rfste mi\u00dfbilligen. Sie k\u00f6nnen gar nicht anders, denn von ihren Denk- und F\u00fchlensvoraussetzungen her ist dieses Verhalten nichts anderes denn unm\u00f6glich, ja vielleicht sogar Gottesl\u00e4sterung.<\/p>\n<p>Der heilige Gott hat mit den Unheiligen, mit denen, die sich von ihm fern halten, die seine Gebote nicht beachten, die sich mit Nichtjuden einlassen und paktieren, nichts zu schaffen. Darum darf auch der religi\u00f6se Mensch sich mit ihnen nicht gemein machen, sondern mu\u00df, um Gott angemessen dienen zu k\u00f6nnen, Abstand wahren. Eben diesen Abstand h\u00e4lt Jesus gerade nicht ein, und deshalb macht er sich f\u00fcr sie verd\u00e4chtig, vielleicht sogar unglaubw\u00fcrdig.<\/p>\n<p>Die Reaktion Jesu auf diesen Vorwurf ist so einfach wie schlagend, und dennoch macht sie nichts deutlicher als seine Fremdheit in der religi\u00f6sen Situation der Zeit. Nicht die Starken, nicht die Gesunden, nicht die Anst\u00e4ndigen, nicht die B\u00fcrgerlichen, nicht die Normalen, nicht die Religi\u00f6sen, nicht die Ordentlichen und auch nicht die Angepa\u00dften brauchen einen Arzt, einen Helfer, einen Erl\u00f6ser, einen Beistand, einen, der mit ihnen solidarisch ist, sondern die Kranken, die Au\u00dfenseiter, die Schwachen, die Abnormen (jedenfalls die daf\u00fcr gelten) und die auf diese oder jene Weise an den Rand Gedr\u00e4ngten, die Versager, die religi\u00f6s Indifferenten, die Gottlosen. Darum kann Jesus in dieser Situation ein Wort des AT aufnehmen: &#8222;Ich will Barmherzigkeit und nicht Schlachtopfer&#8220;. Diesen Satz der atl. prophetischen Kritik am blutigen Opferkult kann Jesus aufnehmen und in der gegebenen Situation fruchtbar machen als beispielhaft und damit als Anweisung: &#8222;geht aber hin und lernt, was das ist: Ich will Barmherzigkeit und nicht Schlachtopfer&#8220;. Was bedeutet das?<\/p>\n<p>Die prophetische Kritik am Tempelkult, die hinter diesem Satz steht, war ja einst so gemeint gewesen, da\u00df das blutige Opfer von Tieren im Tempel als kultische S\u00fchneleistung der Menschen an Gott ersetzt werden sollte durch sittliches Verhalten, durch die gerechte Tat. Die Propheten meinten, die Schlachtopfer allein k\u00f6nnten das zerst\u00f6rte Gottesverh\u00e4ltnis des Menschen nicht reparieren, nicht heilmachen. Sondern der Mensch ist aufgerufen, sich in seinem konkreten Lebensvollzug sittlich zu verhalten und zu bet\u00e4tigen und damit gottentsprechend zu leben. In dieser Gottentsprechung ist die Gottesbeziehung pr\u00e4sent. Darin hat sie ihr eigentliches Wesen und Leben. Als solches gottentsprechendes Verhalten wird hier die Barmherzigkeit angesprochen.<\/p>\n<p>Wenn Jesus diesen atl. Satz aufnimmt und in seine Situation wendet, dann hei\u00dft das eben: &#8222;ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern S\u00fcnder&#8220;. Die Gesunden, also die Gerechten brauchen eben keinen Arzt, wenn er denn aber Arzt sein will und soll, dann ist er an die S\u00fcnder, an die religi\u00f6sen Outcasts gewiesen.<\/p>\n<p>Dahinter stehen zwei Gedanken, einmal und erstens da\u00df es Menschen gibt, die von ihrer Lebensf\u00fchrung her eines Arztes in dem Sinne, wie er hier angezielt wird, nicht bed\u00fcrfen, die sozusagen in der Ordnung sind, in der g\u00f6ttlichen Ordnung, und an die darum der Ruf Jesu und das Verhalten Jesu, das Werk Jesu nicht gerichtet sind. Zum anderen aber, da\u00df der in Jesus nahekommende Gott eine spezifische Klientel hat, n\u00e4mlich die, die seiner bed\u00fcrfen. Entscheidend ist also die Bed\u00fcrftigkeit, nicht die b\u00fcrgerliche Reputation, die Erf\u00fcllung religi\u00f6ser Bedingungen. Und bed\u00fcrftig ist nicht eo ipso der, der materiell arm ist. Bed\u00fcrftig f\u00fcr das Nahekommen Gottes ist vielmehr der, dessen Leben auf der religi\u00f6sen Ebene eine offene Stelle hat. Da\u00df dieser religi\u00f6se Punkt mit dem materiellen \u00fcbereingehen kann, ist eine andere Sache. Aber es ist nicht notwendig so und schon gar nicht ausschlie\u00dflich, so als ob nur die Armen Gottes bed\u00fcrften. Der Z\u00f6llner Matth\u00e4us ist ja gar nicht materiell arm. Im Gegenteil: manchmal sind es gerade die in diesem Sinne Reichen, welche in Wirklichkeit arm sind. Die out of order sind, sollen in die Ordnung reintegriert werden, und die Ordentlichen sollen ihnen dabei helfen. Ihnen gilt der Ruf Jesu als Ruf in die Nachfolge, und d.h. in die Gottesherrschaft.<\/p>\n<p>Was bedeutet das aber heute, in unserer Lage, in unserer Gesellschaft, f\u00fcr unsere Kirche, f\u00fcr unsere Botschaft?<\/p>\n<p>Dies bedeutet, da\u00df das Beispiel Jesu f\u00fcr uns derart plausibel und bedeutsam wird, da\u00df die Kirche, die in seiner Nachfolge steht, nicht in erster Linie an die Gutb\u00fcrgerlichen, an die Gesunden, an die sog. Normalen, an die Ordentlichen, an die Religi\u00f6sen gewiesen ist, sondern an die, von denen sie gebraucht wird. Von wem aber wird sie wirklich gebraucht?<\/p>\n<p>Das sind nach unserem Text diejenigen, deren Leben transzendenzlos ist, deren Leben derjenigen Dimension entbehrt, f\u00fcr die das Wort Gott Gott in unsrer Sprache gutsteht, die also in sich verschlossen sind, eingehaust in ihr Weltsein, in die Materialit\u00e4t des Daseins. Das bedeutet z.B. auch, da\u00df die Kirche heute nicht von vornherein und ausschlie\u00dflich in den Bereich der Welt hineingerufen ist, in welchem materielle Armut herrscht, sondern da\u00df sie dort und da ihre erste und vordringliche Aufgabe hat, wo seelische und geistige Armut ihren Platz hat, d.h. wo das Leben f\u00fcr die Transzendenz, f\u00fcr sein eigenes Jenseits blind und sprachlos geworden ist. Die kirchliche Botsachaft hat also sich prim\u00e4r an diejenigen zu wenden, die diejenige Dimension verloren haben, die mitten im Leben jenseitig , also mehr ist als Leben. Das aber ist das Leben Gottes, das g\u00f6ttliche Leben, das ist da, wo Gott herrscht.<\/p>\n<p>Wof\u00fcr aber steht im Leben das Wort Gott gut. Es steht nach unserem Text f\u00fcr die geistig-geistliche Gesundheit, f\u00fcr die Ordnung des geistigen und geistlichen Lebens. Dabei begreift der Geist die Seele mit ein, und dabei begreift der Geist weiter auch die Leiblichkeit mit ein, denn das eine kann nicht ohne das andere sein. Aber, das leibliche Wohl alleine erreicht von sich aus noch nicht diejenige Dimension, um die es hier geht, denn dem Z\u00f6llner Matth\u00e4us fehlte es leiblich-materiell gewi\u00df an nichts. Was ihm fehlte, das war zum einen seine soziale Reputation in bestimmten Kreisen, seine Integration in einen sozialen Verband, d.h. seine Anerkennung unter den Menschen. Und zum zweiten, nicht minder wichtig, seine Anerkennung im Hause der Religion, im Hause des transzendenzbezogenen Lebens. Um eben dies geht es in unserem Text, und deshalb kann auch der Z\u00f6llner Matth\u00e4us so umstandslos, so unvorbereitet, so voraussetzungslos auf den Ruf Jesu reagieren. Weil er immer schon wei\u00df, da\u00df ihm genau das fehlt, was in diesem Ruf wach wird und lebendig, n\u00e4mlich der Ruf in die Transzendenz des Lebens. Da\u00df dieses Leben mehr ist als Essen und Trinken, das wei\u00df dieser Matth\u00e4us, weil er eben Essen und Trinken genug hat. Wer davon genug hat, der wei\u00df, da\u00df es damit nicht genug ist. Denn genug ist, wie es der Dichter sagt, nie genug.<\/p>\n<p>Was in unserem kleinen Text also aufscheint, ist diese Weisheit: genug ist nie genug. Dieses Genug bedarf als ein Ungen\u00fcgen des Arztes, denn es ist in sich dunkel und krank. Die Genugsamkeit des Lebens ist nur \u00fcber, au\u00dfer, hinter, vor und nach dem Leben zu erfassen und zu erreichen, also im Jenseits des Lebens selbst, in seiner Transzendenz. Denn das Leben selbst ist dieser Verweis \u00fcber sich hinaus. Das wahre Leben erst tr\u00e4gt auch das vitale, weil zum Leben erheblich mehr geh\u00f6rt, als nur geboren zu sein. F\u00fcr dieses Mehr des Lebens inmitten des Vitalen steht die Chiffre Gott, die in Jesu Nachfolgeruf laut wird. Der Zuspruch dieses Mehr darf dem Bed\u00fcrftigen nicht verweigert werden, schon gar nicht aus religi\u00f6sen Gr\u00fcnden. Wer f\u00fcr die Dimension des G\u00f6ttlichen im Leben offen ist, dem wird sie zuteil. Und sie darf auch von den religi\u00f6sen Gralsh\u00fctern nicht hinter dicken Betont\u00fcren verschlossen werden. Die am Leben, an seiner Transzendenz Gescheiterten sind seine Adressaten. Und darum enth\u00e4lt dieser Text am Ende auch eine frohe Botschaft f\u00fcr die Pharis\u00e4er: auch sind willkommen, wenn sie ihre Armut vor Gott erkennen!<\/p>\n<p>&#8222;Folge mir nach&#8220; mag also von der Perspektive des gutb\u00fcrgerlichen, des arbeitsamen, des gesitteten, des innerweltlich festgelegten, des in sich und seiner Welt fixierten Menschen aus wie ein Ruf ins Nichts erscheinen, ins Nirgendwo, in die Ungesichertheit des Daseins. Von der Perspektive dessen aber, der in der materiellen Genugsamkeit kein Gen\u00fcge gefunden hat, und das ist die Botschaft f\u00fcr die meisten in unserer westlichen Konsumgesellschaft heute, wird dieser Ruf sehr wohl verst\u00e4ndlich. Denn er \u00f6ffnet diejenige Dimension, die die Genugsamkeit des Gen\u00fcgsamen nicht geben kann. Es ist der Ruf in die Transzendenz des Daseins, d.h. in das \u00dcberhinaus des Daseins selbst. Um dieses \u00dcberhinaus geht es. Und wie unser Text zeigt, kann es sich sehr wohl als Fehl in einem Leben anzeigen, dem anscheinend nichts fehlt.<\/p>\n<p>So d\u00fcrfte es weithin heute bei uns in diesem saturierten Land, in dieser \u00fcbers\u00e4ttigten Gesellschaft sein. Sie ist so satt, da\u00df sie ihres Sattseins \u00fcberdr\u00fcssig ist. Ja, vielleicht wei\u00df sie schon nicht mehr, wo die Quelle ist, die nicht in dieses konsumistische Sattsein f\u00fchrt, sondern in das Bewu\u00dftsein des \u00dcberhinaus des Lebens.<\/p>\n<p>Darum ist es die Quintessenz dieses kleinen Textes f\u00fcr uns heute und f\u00fcr die Botschaft der Kirche generell der Ruf, in dem tranzendenzlosen Leben der Gegenwart diejenige Dimension wieder freizulegen, die \u00fcber dieses Leben hinausf\u00fchrt und die diesem eben darum in seiner Materialit\u00e4t Grenzen zu weisen und zu setzen imstande ist. Auf die Erkennntnis und die Durchsetzung dieser Grenzen kommt heute alles an. Denn entweder wird die Menschheit in der Lage sein, sich zu begrenzen, oder sie wird nicht sein. Begrenzen kann sie sich aber nur, wenn sie nicht die schlechte Unendlichkeit sucht, wie es noch allenthalben der Fall ist, sondern zur wirklichen Unendlichkeit durchdringt. Denn erst die Erfahrung der wahren Unendlichkeit gibt die M\u00f6glichkeit, sich im Endlichen so einzurichten, da\u00df dieses Endliche nicht zerst\u00f6rt werden mu\u00df um einer falschen Unendlichkeit willen. Wer jedoch das Unendliche im Endlichen und als Endliches sucht, mu\u00df und wird dieses vernichten. Das Bed\u00fcrfnis nach dem Arzt war in seiner Notwendigkeit noch nie so gro\u00df wie in unseren Tagen. Denn die Starken selbst sind schwach geworden.<\/p>\n<p>Wenn das heute durch die Kirche wachgehalten und an die Menschen herangebracht werden k\u00f6nnte, dann h\u00e4tte sie ihre Aufgabe im Dienste Jesu erf\u00fcllt und w\u00e4re seinem Ruf nachgefolgt.<\/p>\n<p>Amen!<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>PD Dr. Reinhard Weber, Studentenpfarrer<\/strong><\/p>\n<p><strong>Rudolf-Bultmann-Str. 4, 35039 Marburg<\/strong><\/p>\n<p><strong>Tel. 06421-969111, Fax: 06421-969399<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"mailto:PD.Dr.Weber@gmx.de\"><strong>E-mail: PD.Dr.Weber@gmx.de<\/strong><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Septuagesimae | 11. Februar 2001 | Matth\u00e4us 9,9-13 | Reinhard Weber | 9 Und als Jesus von dort weiterging, sah er einen Menschen mit Namen Matth\u00e4us am Zollhaus sitzen, und er spricht zu ihm: Folge mir nach! 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