{"id":22152,"date":"2001-02-20T11:19:55","date_gmt":"2001-02-20T10:19:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22152"},"modified":"2025-03-20T11:22:14","modified_gmt":"2025-03-20T10:22:14","slug":"matthaeus-99-13-11","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-99-13-11\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 9,9-13"},"content":{"rendered":"<h3>Septuagesimae |\u00a011. Februar 2001 | Matth\u00e4us 9,9-13 | Peter Kusenberg |<\/h3>\n<p>Und als Jesus von dort wegging, sah er einen Menschen am Zoll sitzen, der hie\u00df Matth\u00e4us; und er sprach zu ihm: Folge mir! Und er stand auf und folgte ihm.<\/p>\n<p>Und es begab sich, als er zu Tisch sa\u00df im Hause, siehe, da kamen viele Z\u00f6llner und S\u00fcnder und sa\u00dfen zu Tisch mit Jesus und seinen J\u00fcngern.<\/p>\n<p>Als das die Pharis\u00e4er sahen, sprachen sie zu seinen J\u00fcngern: Warum isst euer Meister mit den Z\u00f6llnern und S\u00fcndern?<\/p>\n<p>Als das Jesus h\u00f6rte, sprach er: Die Starken bed\u00fcrfen des Arztes nicht, sondern die Kranken.<\/p>\n<p>Geht aber hin und lernt, was das hei\u00dft (Hosea 6,6): \u201eIch habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer.\u201c Ich bin gekommen, die S\u00fcnder zu rufen und nicht die Gerechten.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Der Text, den wir gerade geh\u00f6rt haben, berichtet zun\u00e4chst von der Berufung eines J\u00fcngers durch Jesus. Es geht dabei genau so zu, wie wir es aus der ber\u00fchmten Berufungsgeschichte der Fischer am See Genezareth kennen: Jesus geht auf Menschen zu, fordert sie schlicht auf: \u201eKomm mit mir!\u201c \u2013 und die Angesprochenen lassen Familie, Haus und Beruf hinter sich und schlie\u00dfen sich dem Mann aus Nazareth an.<\/p>\n<p>Dies allein ist schon au\u00dfergew\u00f6hnlich genug. Es muss etwas an der Begegnung mit Jesus sein, das die Menschen, die er zu sich ruft, so trifft, so beeindruckt, dass sie alle bisherigen Sicherheiten und Bindungen aufgeben.<\/p>\n<p>Ich habe mich oft und immer wieder gefragt, wie ich selbst reagieren w\u00fcrde, wenn jemand zu mir sagen w\u00fcrde: \u201eKomm mit mir!\u201c Wie w\u00e4re meine Antwort auf eine solche Aufforderung? Und noch mehr besch\u00e4ftigt mich die Neugier, welche Art von Ausstrahlung ein Mensch wohl haben m\u00fcsste, der mich dazu br\u00e4chte, dass ich mich ihm als \u201eAussteiger\u201c anschlie\u00dfe.<\/p>\n<p>Vom Zolleinnehmer Matth\u00e4us jedenfalls hei\u00dft es kurz und knapp: Und er stand auf und folgte ihm. Und wenig sp\u00e4ter ist Jesus bei ihm im Haus zu Gast. Das gemeinsame Essen in gro\u00dfer Runde, das ist mehr als nur Geselligkeit, das ist ein Zeichen der Freundschaft. Und mitten im Kreis der Familie, Freunde, Kollegen: Jesus und seine J\u00fcnger.<\/p>\n<p>Es waren wohl nicht gerade die oberen Zehntausend, die dort beisammen waren. \u201eSiehe, da kamen viele Z\u00f6llner und S\u00fcnder\u201c, schreibt der Evangelist. Von den Zollp\u00e4chtern wissen wir, dass sie im Volk verhasst waren, weil sie neben den von der Obrigkeit verlangten Abgaben in die eigene Tasche wirtschafteten.<\/p>\n<p>Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie das den Pharis\u00e4ern ein Dorn im Auge war. Schlie\u00dflich waren sie es, die sich als Lehrer und W\u00e4chter des wahren Glaubens verstanden. Die den Menschen bis in die kleinsten Dinge des Alltags vorschrieben, was recht und Gott gef\u00e4llig war. Ein Skandal, dass dieser Wanderprediger aus Galil\u00e4a ausgerechnet bei solchem Gesindel einkehrte, das sich einen Dreck um religi\u00f6se Vorschriften scherte.<\/p>\n<p>Ich nehme an, dass es auch unter den Pharis\u00e4ern einige gab, die im Grunde bereit waren, Jesus als den in den Schriften angek\u00fcndigten Retter Israels, den Messias, anzuerkennen. Diese Hoffnung, diese Sehnsucht war damals weit verbreitet im j\u00fcdischen Volk. Auch unter den Pharis\u00e4ern.<\/p>\n<p>Doch das Auftreten Jesu entsprach ganz und gar nicht ihren Erwartungen. Zu unbek\u00fcmmert ging er mit geheiligten Traditionen wie der Sabbatruhe und dem Fasten um, zu radikal waren seine Auslegungen der 10 Gebote. Und nun noch die Verbr\u00fcderung mit Leuten aus dem zwielichtigen Milieu. Jesus in schlechter Gesellschaft \u2013 das war zu viel f\u00fcr sie.<\/p>\n<p>\u201eWie kann euer Meister so etwas tun?\u201c \u201eWie kann er sich mit denen einlassen?\u201c Sie fragen die J\u00fcnger. Sie fragen nicht Jesus selbst. Die Distanz ist sp\u00fcrbar.<\/p>\n<p>Jesus gibt Antwort. Zun\u00e4chst in einem Bild, wie er es gern tat. \u201eDie Starken bed\u00fcrfen des Arztes nicht, sondern die Kranken.\u201c Und dann zitiert er f\u00fcr sie, die Schriftgelehrten, ein Schriftwort des Propheten Hosea: \u201eIch habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer.\u201c<\/p>\n<p>Was er damit meint, macht keine andere Geschichte so deutlich wie die mit der Ehebrecherin aus dem Johannes-Evangelium. Die Frau, beim Seitensprung ertappt, soll zu Tode gesteinigt werden. Das war die \u00fcbliche Strafe. Der Gesetzesbruch verlangt ein Opfer, um Gott gn\u00e4dig zu stimmen. Und in diese Situation sprach Jesus seinen Satz: \u201eWer unter euch ohne S\u00fcnde ist, der werfe den ersten Stein.\u201c<\/p>\n<p>Barmherzigkeit statt Opfer. Nicht starr festhalten an einem Gesetz, dessen Erf\u00fcllung \u00fcber Leichen geht. Sondern Menschen mit einem fehlerhaften Leben die Chance geben, sich zu \u00e4ndern. Das ist der Kern der Predigt Jesu. \u201eIch verurteile dich nicht\u201c, sagt Jesus zu der Ehebrecherin, \u201egeh und fang ein neues Leben an.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch bin gekommen, die S\u00fcnder zu rufen und nicht die Gerechten.\u201c Das ist der dritte Satz, den Jesus den Pharis\u00e4ern ausrichten l\u00e4sst. Meine Aufgabe, sagt er, ist es nicht, Unrecht mit Vergeltung zu strafen. Meine Aufgabe ist, um Gottes Willen den Menschen zu helfen, die allein keinen Weg aus ihrem unrechten Leben finden.<\/p>\n<p>Jesus hat das bei anderer Gelegenheit sogar noch zugespitzt: es werde mehr Freude im Himmel sein \u00fcber einen S\u00fcnder, der Bu\u00dfe tut, als \u00fcber 99 Gerechte, die der Bu\u00dfe nicht bed\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Was fangen die Pharis\u00e4er nun mit der Botschaft an? \u201eIch bin gekommen, die S\u00fcnder zu rufen und nicht die Gerechten.\u201c Gehen sie zufrieden nach Haus: alles in Ordnung, wir sind ja die Gerechten, die keiner Bu\u00dfe bed\u00fcrfen. Lasst Jesus also ruhig bei den Z\u00f6llnern und den anderen S\u00fcndern essen, vielleicht holt er ja die eine oder den anderen von der schiefen Bahn.<\/p>\n<p>Es spricht f\u00fcr die Intelligenz der Pharis\u00e4er, dass sie nicht so dachten. Und dass sie nicht nach Haus und zur Tagesordnung \u00fcbergingen. Sie sp\u00fcren den Haken in den Worten Jesu. Und sie k\u00f6nnen sehr wohl die Folgen einsch\u00e4tzen. Ihr wohlgef\u00fcgtes Wertesystem, nach dem sie Menschen in Gerechte hier und S\u00fcndige dort aufteilen, wird von Jesus f\u00fcr ung\u00fcltig erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Selbst \u00fcber die lange zeitliche Distanz hinweg l\u00e4sst sich ermessen, in welchen inneren Konflikt Jesus die Partei der Pharis\u00e4er brachte. Entweder mussten sie umdenken und einsehen, dass ihr Weg der Fr\u00f6mmigkeit falsch war, oder sie mussten die Verbreitung der neuen Botschaft \u201eErbarmen statt Opfer\u201c unterbinden.<\/p>\n<p>Karfreitag zeigt, wie sie entschieden. Vielleicht f\u00fcrchteten sie den Verlust ihrer Macht und ihres Ansehens. Ich denke, es lag vor allem an ihrem Hang zur Selbstgerechtigkeit, der sie so handeln lie\u00df.<\/p>\n<p>In einem der Gleichnisse Jesu kommen zwei M\u00e4nner in den Tempel, um zu beten. Ein Z\u00f6llner und ein Pharis\u00e4er, ein S\u00fcnder und ein Gerechter. Der Z\u00f6llner wei\u00df um seine Unzul\u00e4nglichkeit, er wei\u00df, dass er Gottes Willen nicht erf\u00fcllt. Deshalb bleibt er dem\u00fctig in der Distanz stehen und bringt nicht mehr heraus als die Worte: \u201eGott, sei mir S\u00fcnder gn\u00e4dig!\u201c<\/p>\n<p>Der andere, Pharis\u00e4er und hochgeachtetes Mitglied der Gemeinde, weist Gott in seinem vollendeten Gebet auf die eigenen Verdienste hin: \u201eIch opfere mehr als die anderen, ich faste mehr als vorgeschrieben \u2013 und ich danke dir, Gott, dass ich nicht so einer bin wie der dort am Eingang.\u201c<\/p>\n<p>Aber damit hat er alles vertan. Er entlarvt, selbstgerecht und hochm\u00fctig, wie er betet, nichts als Scheinheiligkeit. Selbstgerechte Menschen kennen kein Erbarmen, sie brauchen die, auf die sie mit Fingern zeigen. Sie benutzen die, in deren Leben Fehler sind, weil sie damit den h\u00f6heren Wert ihrer eigenen Person unterstreichen wollen. Und es kommt ihnen nicht in den Sinn, dass sie damit gegen ein fundamentales Gebot Gottes versto\u00dfen \u2013 das der N\u00e4chstenliebe.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, wenn ich Gottes Gebot ernst nehme, ihn zu lieben und meinen N\u00e4chsten so wie mich selbst, dann kann ich, ehrlich betrachtet, zun\u00e4chst einmal nur feststellen, wie oft mir genau das misslingt. Dass ich mit einem bestimmten Menschen nicht auskomme trotz aller M\u00fche, die ich mir gebe. Oder dass meine eigene Unleidlichkeit anderen die Kraft zum guten Willen raubt. Und ich denke, uns allen hier im Gottesdienst \u2013 von den Konfirmanden bis zu den \u00c4ltesten \u2013 wird es nicht anders gehen.<\/p>\n<p>F\u00fcr diese Feststellung m\u00fcssen wir uns nicht sch\u00e4men. Wer f\u00fcr sich und vor Gott einsieht, dass er Fehler macht, dass er schuldig wird an seinen Mitmenschen, der ist in der Lage des Z\u00f6llners, der sich nicht einmal richtig in den Tempel hineinwagt f\u00fcr sein Gebet: \u201eHerr, sei mir S\u00fcnder gn\u00e4dig!\u201c. Und der \u201eging hinab gerechtfertigt in sein Haus\u201c, hei\u00dft es im Evangelium, will sagen: Gott hat ihm vergeben.<\/p>\n<p>Meine Gewissensentscheidung, vor der ich immer wieder neu stehe, ist die, ob ich selbstkritisch sehe, wo ich Fehler mache, anderen etwas schuldig bleibe, es nicht schaffe, \u00fcber den eigenen Schatten zu springen \u2013 oder ob ich eine reine Weste herauskehren will, die in Wahrheit voller Flecken ist.<\/p>\n<p>Jesus sagt: \u201eIch bin gekommen, die S\u00fcnder zu rufen und nicht die Gerechten.\u201c Es steckt ein gro\u00dfes Versprechen in diesem Satz. Gottes Sohn ruft mich in seine N\u00e4he, trotz dem, was in meinem Leben nicht so l\u00e4uft, wie es sollte. Ich kann mich an ihn wenden, er schickt mich nicht fort.<\/p>\n<p>Bei ihm ist es auch v\u00f6llig gleichg\u00fcltig, wie andere \u00fcber mich denken oder urteilen. M\u00f6gen sich meine untadeligen Geschwister, m\u00f6gen sich meine rechtschaffenen Kollegen oder meine gutb\u00fcrgerlichen Nachbarn tausendmal \u00fcber mich erhaben d\u00fcnken \u2013 was z\u00e4hlt, ist mein Gewissen vor Gott. Denn Christen m\u00fcssen nicht Helden oder Heilige sein. Niemand ist zu alt oder zu jung, zu wenig gl\u00e4ubig oder zu oft krank, zu unerfahren oder zu besch\u00e4ftigt.<\/p>\n<p>Es entlastet mich, wenn ich sagen kann: \u201eJa, ich habe Fehler gemacht. Mein Leben l\u00e4uft nicht immer so, wie du, Gott, es von mir erwartest. Aber ich will es weiter versuchen, mit deiner Hilfe.\u201c Gottes Vergebung entlastet mich und macht mich frei f\u00fcr den neuen Tag, f\u00fcr einen neuen Versuch mit dem Abenteuer N\u00e4chstenliebe. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Peter Kusenberg, Pastor und freier Journalist<\/strong><\/p>\n<p><strong>Adelebsen-Erbsen<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"mailto:peter.kusenberg@kirche-erbsen.de\"><strong>E-mail: peter.kusenberg@kirche-erbsen.de<\/strong><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Septuagesimae |\u00a011. Februar 2001 | Matth\u00e4us 9,9-13 | Peter Kusenberg | Und als Jesus von dort wegging, sah er einen Menschen am Zoll sitzen, der hie\u00df Matth\u00e4us; und er sprach zu ihm: Folge mir! Und er stand auf und folgte ihm. 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