{"id":22154,"date":"2001-02-20T11:22:18","date_gmt":"2001-02-20T10:22:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22154"},"modified":"2025-03-20T11:25:16","modified_gmt":"2025-03-20T10:25:16","slug":"jesaja-556-910-12a","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jesaja-556-910-12a\/","title":{"rendered":"Jesaja 55,(6-9)10-12a"},"content":{"rendered":"<h3>Sexagesimae | 18. Februar 2001 | Jesaja 55,(6-9)10-12a | Jobst von Stuckrad-Barre |<\/h3>\n<p>6 Suchet den HERRN, solange er zu finden ist; rufet ihn an, solange er nahe ist.<\/p>\n<p>7 Der Gottlose lasse von seinem Wege und der \u00dcbelt\u00e4ter von seinen Gedanken und bekehre sich zum HERRN, so wird er sich seiner erbarmen, und zu unserm Gott, denn bei ihm ist viel Vergebung.<\/p>\n<p>8 Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der HERR, 9 sondern so viel der Himmel h\u00f6her ist als die Erde, so sind auch meine Wege h\u00f6her als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken.<\/p>\n<p>10 Denn gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel f\u00e4llt und nicht wieder dahin zur\u00fcckkehrt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und l\u00e4\u00dft wachsen, da\u00df sie gibt Samen, zu s\u00e4en, und Brot, zu essen, 11 so soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein: Es wird nicht wieder leer zu mir zur\u00fcckkommen, sondern wird tun, was mir gef\u00e4llt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende.12 Denn ihr sollt in Freuden ausziehen und im Frieden geleitet werden.<\/p>\n<p>&#8222;Eben noch bei meiner Freundin anrufen, dann komme ich.&#8220; &#8222;Ich mu\u00df eben noch was im Fernsehen anstellen, dann bin ich soweit.&#8220; &#8222;Ich will eben noch ins Internet, komme gleich.&#8220; So oder \u00e4hnlich rufen Jugendliche oder Erwachsene; die Familie ist das eine, die Kommunikation mit den Freunden und der \u00d6ffentlichkeit das andere &#8211; wie lange das dauert, ist nur f\u00fcr die Wartenden eine Frage, nicht f\u00fcr den, der kommuniziert! Um was es dabei geht, mu\u00df auch nicht immer so wichtig sein, Hauptsache, es klappt, und der oder die andere ist erreichbar. Wenn die Verbindung nicht klappt, k\u00f6nnte es sein, dass man was verpasst.!<\/p>\n<p>Suchet Gott, solange es geht &#8211; ruft, betet zu ihm, solange er nahe ist. Am Ende des zweiten Jesaja-Buches die Stimme, die ganz zu Anfang ruft: &#8222;Tr\u00f6stet, tr\u00f6stet mein Volk, redet mit der Stadt freundlich und predigt ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat und ihre Schuld vergeben ist.&#8220; Die gleiche Stimme, die beim Kommen Jesu aufgenommen worden ist, die ruft: &#8222;In der W\u00fcste bereitet dem Herrn den Weg!&#8220; Diese Stimme ruft, l\u00e4dt ein, fordert uns auf: Sucht Gott, solange er sich finden l\u00e4sst &#8211; betet, erkennt, dass seine N\u00e4he uns gilt, aber nicht unbegrenzt ist, dass er sich nicht immer finden l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Gott suchen. Was f\u00fcr eine Stimme, was f\u00fcr ein Bote ist das, der die Stimmen seiner Zeit und nun, verst\u00e4rkt durch die Stimme des Evangeliums, unsere Zeit und ihre Stimmen durchdringen will &#8211; Gott l\u00e4sst sich finden, doch nicht ohne Grenzen, er ist nahe, doch nur, wenn ihr sein Wort auch wahrnehmt.<\/p>\n<p>Wir, die wir das h\u00f6ren, haben tausend Einw\u00e4nde auf den Lippen und, noch mehr, \u00e4ngstliche, zaghafte und stolze Einwendungen im Herzen: Gott jetzt, heute, in dieser internetm\u00e4\u00dfig abgeschirmten, in tausend Sonder-Entwicklungen ausdifferenzierten Welt? Uns liegt viel n\u00e4her, nach dem angemessenen Verhalten zu fragen, nach den Rechten des Menschen und ihren Verletzungen, nach Wegen, Frieden zu finden. Gott suchen. Naja. Vers\u00f6hnung und Frieden, das w\u00e4r&#8216; schon mal was.<\/p>\n<p>Als ob von au\u00dfen, &#8222;aus dem Off&#8220; unsere Gedanken ausgesprochen w\u00fcrden, geht gleichsam ein Chor auf die Fragen derer ein, die sich an das Sichtbare, ans greifbar Unl\u00f6sbare halten wollen: Der Gottlose, der Rechtsbrecher, sie sollen von ihrem Tun lassen, umkehren sollen sie von ihrem Weg ins Unrecht, von ihren egoistischen Gedanken &#8211; und sie werden entdecken, dass Gott seine N\u00e4he gibt dem, der das tut, der Erbarmen braucht und es findet, der von der Gewalt l\u00e4sst und Vers\u00f6hnung erf\u00e4hrt. Die Schaupl\u00e4tze sind bekannt: Zwischen den Einzelnen in Familien, Freundschaft und Feindschaft; zwischen den V\u00f6lkern in Nahost, im Innern Afrikas oder wo immer \u00dcbles statt Freiheit, Gewalt statt Recht gef\u00f6rdert wird. Wer davon l\u00e4sst, findet neu Gottes N\u00e4he.<\/p>\n<p>So aufgerufen, so mit unseren Wegen und Verh\u00e4ltnissen konfrontiert m\u00fcssen Junge und Alte erkennen: Gott geht anders vor als wir. Seine Wege sind offenbar andere als die Wege, die wir jeden Tag wieder nehmen. Warum ist er dann auf Vers\u00f6hnung aus, auf N\u00e4he, herzliches Erbarmen und Verstehen, obwohl wir ihm doch immer wieder bescheinigen, wie schwer es ist, ihn zu verstehen?<\/p>\n<p>Ich kehre die Perspektive einmal um, stelle mir vor, diese Worte &#8211; meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, eure Wege sind nicht meine Wege &#8211; dies oft zitierte Gotteswort soll f\u00fcr einen Moment aus dem Munde von Jugendlichen kommen. Wie oft wird das \u00e4hnlich gedacht und gesagt: Eure Wege sind nicht meine Wege, eure Gedanken schon mal lange nicht. Eltern und Gro\u00dfeltern m\u00fcssen m\u00fchsam lernen, dass Jugendliche so empfinden und denken; sie brauchen das, um ihre eigene Welt aufzubauen und sich zurechtzufinden. V\u00e4ter und M\u00fctter, die das erleben, geraten manchmal an ihre Grenzen und sind ratlos. Gleich zu sagen, so sind sie, unsere lieben Kinder, das gelingt nicht jedes Mal. Auch Ausbildern, Pastoren, Lehrern und Erzieherinnen nicht.<\/p>\n<p>Sie h\u00f6ren nicht, wie sich da etwas Eigenes, Neues anbahnt, vielmehr f\u00fchlen sie sich bedroht. Wie die S\u00f6hne und T\u00f6chter auch. Die wollen nicht genau die Fehler machen, die sie an ihren Eltern erleben, sie wollen vor allem ihren eigenen Weg ins Leben gehen. Doch was sie alle mit einander zusammenh\u00e4lt, ist: Du bist und bleibst meine Tochter, mein Sohn; Ihr seid und bleibt meine Eltern. Das ist beileibe nicht allein ein Recht, es ist Leben schaffend, die Basis f\u00fcr zuk\u00fcnftige L\u00f6sungen. Jede n\u00e4chste Generation schafft sich so ihren Himmel, ihre Welt, und wer das nicht beachtet, kr\u00e4nkt so den Andern, sieht nur sich und nicht, dass aus all dem Anderssein erst Leben, fruchtbares Miteinander und Wachsen entsteht. Erst wer also liebevoll die Eigenheiten des Andern sieht, begreift sich und seinen Weg inmitten der Sch\u00f6pfung.<\/p>\n<p>Wie weit sind wir manchmal davon weg. Unser Wille, unsere Vorstellung von der Welt sollen der Ma\u00dfstab sein. Wie kostbar sind uns die L\u00f6sungen, die Wege, die wir uns m\u00fchsam erarbeitet haben. Denken wir. Und werden traurig oder zornig, wenn die Zeit \u00fcber solche m\u00fchsam erarbeiteten Ans\u00e4tze wie nichts hinweggeht. Ist das gerecht, ist das gut? Gott, was sagst du?<\/p>\n<p>Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr. Soviel der Himmel h\u00f6her ist als die Erde, so sind meine Wege h\u00f6her als eure Wege.<\/p>\n<p>Anders, Raum und Zeit, Ziele und Wege hinterfangend, gestaltet Gott das Leben. Was wir tun, mag abweichen davon und wird doch von ihm so aufgenommen, dass wir verbl\u00fcfft sein m\u00f6gen und sp\u00e4t erst erkennen &#8211; es ist mehr, als wir wollten, es anders, als wir dachten, es ist sch\u00f6ner, als wir es je h\u00e4tten machen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Oder heimlich nagende Fragen treten zutage, die Stimmen in uns kommen an die Oberfl\u00e4che: Wird das, was Gott sagt, was die Bibel aufnimmt und in unsern Gottesdiensten \u00fcberall weitergegeben worden ist, wird Gottes Wort denn auch wahr? Ist diese oft so schreckliche Wirklichkeit nicht meilenweit weg von Gottes Wort?<\/p>\n<p>Die Differenz zwischen Gottes Wort und Wort der Menschen bleibt. Doch nimmt in all dem Aufnehmen und Weitergeben, H\u00f6ren und Handeln das einmal ausgegebene Wort neue Gestalt an und ver\u00e4ndert die Teilnehmer und Empf\u00e4nger, wird durchh\u00f6rbar, durchsichtig auf den, der uns meint, unsere Welt unsere Zeit.<\/p>\n<p>Wie das Wasser durch Regen und Schnee vom Himmel her die Erde feucht und fruchtbar macht, soda\u00df wir essen und leben k\u00f6nnen, so ist die wundersame Entwicklung des Wortes Gottes in den Herzen der Menschen, in ihrem Tun und Lassen. Es geschieht, was er in Gang gesetzt, es vollzieht sich, was er geredet und tr\u00f6stend, mahnend, zur Umkehr rufend begonnen hat.<\/p>\n<p>Gott ist nicht ungeduldig. Aber er setzt Grenzen. Er setzt den Anfang und gibt uns die Freiheit, die Welt als seine Sch\u00f6pfung zu erkennen. Gott beginnt und l\u00e4sst uns die Zeit, dass wir sie als Geschenk, als Weg auf ihn zu, begreifen. Und er sichert zu: Mein Wort wird nicht wieder leer zu mir zur\u00fcckkommen. Damit setzt er auch das Ziel:<\/p>\n<p>Sein Wort in unsern Herzen und H\u00e4nden, heute am Sonntag wie am Alltag, im Gottesdienst wie im Menschendienst, in der Schule wie in der Freizeit, am Krankenbett wie auf der Stra\u00dfe: nicht leer, sondern Herzen und H\u00e4nde f\u00fcllend, fruchtbar, auf Freude aus und auf Frieden f\u00fcr alle, die das brauchen k\u00f6nnen. F\u00fcr uns. F\u00fcr die Schnellen und f\u00fcr langsam Gewordenen. F\u00fcr die Informierten und f\u00fcr die, bei denen die heilsamen Worte erst noch ankommen werden.<\/p>\n<p>Keine Angst mehr, dass wir etwas verpassen. Gott verschafft sich Geh\u00f6r und l\u00e4sst sich finden. Unsere Gebete, die ihn &#8222;anrufen&#8220;, gelten dem, der uns nahe ist.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Anmerkung:<\/p>\n<p>Nicht in den Einzelheiten, wohl aber in der Gesamtheit verdankt dieser Entwurf seinen Aufbau dem neuen Kommentar zu Deuterojesaja von Klaus Baltzer (KAT. G\u00fctersloh 1999), der den Propheten des Exils auf die m\u00f6glicherweise aus religi\u00f6sen Theaterauff\u00fchrungen gewonnen Stilelemente hin befragt. Daher die &#8222;Stimmen&#8220;!<\/p>\n<p><strong>Jobst von Stuckrad-Barre<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"mailto:StuckradBarre@gmx.de\"><strong>e-mail: stuckradbarre@gmx.de<\/strong><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sexagesimae | 18. 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