{"id":22156,"date":"2001-02-20T11:25:20","date_gmt":"2001-02-20T10:25:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22156"},"modified":"2025-03-20T11:28:15","modified_gmt":"2025-03-20T10:28:15","slug":"jesaja-556-910-12a-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jesaja-556-910-12a-2\/","title":{"rendered":"Jesaja 55,(6-9)10-12a"},"content":{"rendered":"<h3>Sexagesimae | 18. Februar 2001 | Jesaja 55,(6-9)10-12a |\u00a0Jasper Burmester |<\/h3>\n<p>Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen, Amen.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>das gro\u00dfe durchg\u00e4ngige Thema der Bibel ist die Freiheit, die Befreiung von jeglicher Unterdr\u00fcckung des Menschen durch den Menschen. Beide Testamente machen in verschiedener Weise und von verschiedenen Situationen der Unfreiheit ausgehend zu allen Zeiten Menschen Mut, ihre Lage nicht als naturgegeben, gottgewollt und unab\u00e4nderlich hinzunehmen, sondern immer wieder aufzubrechen, sich auf den Weg zu machen, auszuziehen in ein gelobtes Land. Zu diesen gro\u00dfen Freiheitstexten der Bibel geh\u00f6ren auch die Trostworte, die Ermutigungs- und Aufbruchworte, die ein Prophet 500 Jahre vor Christus jenen Menschen sagte, die fernab der verlorenen Heimat in babylonischer Gefangenschaft lebten. Fast ein Jahrhundert nach der Ankunft in der Fremde hatten diese Menschen fast jede Hoffnung auf Ver\u00e4nderung und R\u00fcckkehr aufgegeben, und manch einer hatte sich schon soweit mit der Fremde arrangiert, dass es sich dort leben lie\u00df. In diese Stimmung aus Resignation und Anpassung hinein predigte der Prophet, dessen Worte uns im zweiten Teil des Jesajabuches \u00fcberliefert sind. Er verk\u00fcndigte im Namen und im Auftrag Gottes eine sich anbahnende geschichtliche Wende, die Befreiung und R\u00fcckkehr verhie\u00df. Wie viele ihm geglaubt haben, ist nicht \u00fcberliefert, aber es werden wohl nicht viele gewesen sein, die sich aus ihrer Resignation oder ihrer Furcht, das wenige bereit Erreichte wieder aufzugeben rei\u00dfen lie\u00dfen um dieses gegen die Unsicherheit, gegen die Zumutung der Freiheit einzutauschen. Der Prophet mu\u00df \u00dcberzeugungsarbeit leisten, \u00dcberzeugungsarbeit f\u00fcr die gute Nachricht, f\u00fcr das Evangelium der M\u00f6glichkeit einer R\u00fcckkehr nach Jerusalem. H\u00f6ren wir seine Worte: &#8222;Sucht den Herrn jetzt, da er sich finden l\u00e4\u00dft. Ruft ihn an jetzt, da er nahe ist. Der Gottlose soll seinen Weg verlassen und der Frevler seine Pl\u00e4ne. Er kehre um zum Herrn, der Erbarmen mit ihm hat und zu unserem Gott, denn er ist gro\u00df im Verzeihen. Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure Wege sind nicht meine Weg spricht der Herr, sondern so hoch der Himmel \u00fcber der Erde ist, so hoch erhaben sind meine Wege \u00fcber eure Wege und meine Gedanken \u00fcber eure Gedanken. Denn wie der Regen und der Schnee vom Himmel f\u00e4llt und nicht dorthin zur\u00fcckkehrt, sondern die Erde tr\u00e4nkt und sie zum Keimen und Sprossen bringt, wie er dem S\u00e4mann Samen gibt und Brot zum Essen, so ist es auch mit dem Wort, das meinen Mund verl\u00e4\u00dft: Es kehrt nicht leer zu mir zur\u00fcck, sondern bewirkt, was ich will und erreicht das, wozu ich es ausgesandt habe. Voller Freude werdet ihr fortziehen und in Frieden werdet ihr geleitet. Berge und H\u00fcgel brechen vor euch in Jubel aus und die B\u00e4ume des Feldes klatschen Beifall. Statt Dornen wachsen Zypressen und Myrthen statt Brennnesseln. Das alles geschieht zur Ehre Gottes als ein immerw\u00e4hrendes Zeichen.&#8220;<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde &#8211; brauchen wir das befreiende Wort \u00fcberhaupt? Empfinden wir unser Leben als unfrei, als eine Gefangenschaft? Denn nur aus dem Blickwinkel der Unfreiheit, der Gefangenschaft k\u00f6nnen wir ausziehen wollen und diese Worte mit dem Ernst und der Freude h\u00f6ren, wie sie damals geh\u00f6rt werden wollten.<\/p>\n<p>Aber auch heute warten Menschen auf diese Befreiungsworte. Dabei m\u00fcssen wir nicht einmal an Menschen in fernen L\u00e4ndern denken, von denen wir manchmal in der Tagesschau h\u00f6ren, dass sie auf der Flucht vor unertr\u00e4glichen Zust\u00e4nden sind oder um ihre Freiheit k\u00e4mpfen in Tschetschenien oder Pal\u00e4stina, in Westafrika oder Westpapua. Das f\u00e4ngt doch bei uns an: Da ist der Jugendliche, der mit sich selbst und seiner famili\u00e4ren Umgebung nicht klarkommt und auf der Suche ist nach einem Ort, wo man ihn ernst nimmt mit seinen Fragen und seinen Anwortversuchen und seiner Suche nach einer Lebensperspektive. Es geht ihm nicht direkt schlecht, er kriegt alles, was er haben will &#8211; nur mu\u00df es doch mehr als alles geben. Da ist die Frau Mitte 40, die eines Tages sp\u00fcrt, dass sie eigentlich niemand so richtig braucht, die Kinder gehen ihre eigenen Wege, der Partner hat mit seiner Arbeit genug und der Haushalt ist routinem\u00e4\u00dfig erledigt. Da ist der Mann in der Mitte seines Lebens, der abends nicht einschlafen kann, weil er sp\u00fcrt, dass ihm etwas im Leben fehlt &#8211; und er wei\u00df nicht, was.<\/p>\n<p>Wir leben in einem der reichsten L\u00e4nder dieser Erde. Und doch mehren sich die Anzeichen, da\u00df wir Gefangene eines Lebenstiles sind, der unsere Welt zugrunderichtet, sicher noch nicht f\u00fcr uns, aber f\u00fcr unsere Kinder und Enkel. BSE geht uns unter die Haut, denn kaum etwas verunsichert uns so sehr wie die Unsicherheit des t\u00e4glichen Brotes. Unsere Art, mit Sch\u00f6pfung und Gesch\u00f6pfen umzugehen, hat uns \u00dcberflu\u00df ohne Ende beschert und ist heute vielen Menschen fragw\u00fcrdig geworden, reif f\u00fcr eine grunds\u00e4tzliche Kehrtwendung. Es ist eine Gefangenschaft, wei\u00df Gott: eine komfortable Gefangenschaft. Die Orte von Gefangenschaft sehen nicht immer grauenhaft aus, und doch ist diese Gefangenschaft in einem sch\u00f6pfungszerst\u00f6renden Lebensstil eine babylonische: es ist nicht unertr\u00e4glich und darum schwer, aufzubrechen und sich und die Richtung des Weges zu \u00e4ndern. Woher sollen wir die Kraft zur Ver\u00e4nderung nehmen, die alle Einsichtigen f\u00fcr erforderlich halten, woher den Mut, gegen den Strom wohlhabender Resignation anzuschwimmen woher die Beharrlichkeit, sich gegen die eigene Bequemlichkeit durchzusetzen und sich auch durch R\u00fcckschritte nicht beirren zu lassen?<\/p>\n<p>Der Prophet l\u00e4dt uns ein, wirbt darum, sich auf Gottes Zusage einzulassen. Er ruft dazu auf, Gott zu suchen, ihn anzurufen, sich ihm zuzuwenden, der nahe ist, der alle st\u00e4rkt und st\u00fctzt, die aufbrechen aus der Gefangenschaft, die umkehren auf Wegen, die aus Bequemlichkeit oder Dummheit ins Verderben f\u00fchren. Gottsucher zu werden, l\u00e4dt er ein, wirbt darum, dass wir Menschen werden, die sich nicht blenden lassen von der Oberfl\u00e4chlichkeit eines wohlhabenden Lebens auf Kosten der Armen, die sich nicht einsch\u00fcchtern lassen, weder vom sogenannten gesunden Volksempfinden noch von den Attit\u00fcden der M\u00e4chtigen. Gott ist nahe, ruft der Prophet aus. Seine Zuwendung erfordert unsere Abwendung: Wer sich auf Gottes Zukunft einl\u00e4\u00dft, mu\u00df sich dazu abwenden von eigenen Pl\u00e4nen, Hoffnungen, Berechnungen. Gottlose und Frevler &#8211; das sind ja nicht minderwertige Gestalten, sondern Menschen, die wie wir sich gerne an eigene Pl\u00e4ne und Absichten klammern und keinen Sinn haben f\u00fcr Gottes Ruf zum Aufbruch.<\/p>\n<p>Gottes Pl\u00e4ne sind nicht unsere und seine Wege, sie zu verwirklichen, sind nicht unsere. Was Gottes Plan mit uns ist, wei\u00df ich nicht, aber die Botschaft Jesajas macht mir Mut, dass es Gott um Vergebung geht, um Umkehr, um das Neuanfangen, um Gerechtigkeit auch f\u00fcr die Mitgesch\u00f6pfe, um Frieden und Zukunft f\u00fcr unsere Kinder und Enkel. Gottes Wege und Gedanken sind nicht unsere, aber vor allem scheint mir, dass Gottes Tempo nicht unser Tempo ist. Das Bild vom Regen und Schnee macht uns die Wirkungsweise der Gottesworte und Gedanken deutlich. Das von Menschen in trockenen Gegenden leichter zu verstehende Bild von der Wirkung des Regens, vom Segen der Feuchte, die die W\u00fcste zum Bl\u00fchen bringt, sagt: So wenig wie der Schnee und der Regen f\u00fcr sich allein Fruchtbarkeit bewirken, sondern nur in Verbindung mit der Erde, so wirkt auch Gottes Wort in Verbindung mit Menschen, die es aufnehmen, sich \u00f6ffnen und bewegen lassen. Wo das geschieht k\u00f6nnen wir, unsere Kraft sei begrenzt wie sie ist, zu Mitarbeiterinnen und Botschaftern der Zukunft Gottes werden. Und so wie, jedenfalls in unseren Breiten, das Wachsen in der Natur ein langsamer Vorgang ist und nicht von heute auf morgen geschieht, so vollzieht sich auch die Verwirklichung von Gottes Zukunft mit langem Atem, f\u00fcr unsere an Tempo gew\u00f6hnte Wahrnehmung und unsere begreifliche Ungeduld oft unsichtbar, voller R\u00e4tsel, Zweifel, Fragen.<\/p>\n<p>Wir kennen den Weg nicht, auf den wir gerufen werden. Das war noch bei jedem Aufbruch, bei jedem Auszug so: als die israelitischen Sklaven aufbrachen in \u00c4gypten, um die Sklaverei abzuschaffen, wu\u00dften sie nichts von dem Weg, und h\u00e4tten sie ihn gekannt, sie w\u00e4ren da geblieben. Als die nach Babylon Verschleppten sich auf den Weg nach Jerusalem begaben, kannten sie die Umst\u00e4nde des Lebens in der durch ein Jahrhundert ver\u00e4nderten Heimat nicht. Wenn wir uns jetzt aufmachen, die Bewohnbarkeit der Erde zu erhalten, kennen wir allenfalls die ersten Schritte, die zu gehen sind. Und das gilt auch f\u00fcr die babylonischen Gefangenschaften unserer eigenen Lebensl\u00e4ufe, wenn wir uns aufmachen, die Freiheit der Kinder Gottes zu entdecken.<\/p>\n<p>Was uns dabei Mut schenken und auf Durststrecken Trost geben kann, ist die die Gewi\u00dfheit, dass Gottes Wort wirkt und nicht leer und unwirksam zu ihm zur\u00fcckkehrt. Mit seinen Worten ist das nicht anders als mit manch gutem Menschenwort, das uns im Laufe unseres Lebens gesagt wird. Manchmal fallen sie uns erst nach vielen Jahren wieder ein, nachdem wir sie einfach vergessen hatten, dann wenn wir sie ganz besonders n\u00f6tig brauchen, und entfalten dann ihre Wirkung. So ist das auch mit Gottes Wort: Wenn wir in Not und Enge geraten, fallen sie uns ein und setzen uns auf die Spur, die in Gottes Zukunft f\u00fchrt. Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pastor Jasper Burmester, Hamburg-Volksdorf<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"mailto:jasperbu@aol.com\"><strong>jasperbu@aol.com<\/strong><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sexagesimae | 18. Februar 2001 | Jesaja 55,(6-9)10-12a |\u00a0Jasper Burmester | Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen, Amen. 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