{"id":22158,"date":"2001-02-20T11:28:21","date_gmt":"2001-02-20T10:28:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22158"},"modified":"2025-03-20T11:30:38","modified_gmt":"2025-03-20T10:30:38","slug":"jesaja-556-910-12a-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jesaja-556-910-12a-3\/","title":{"rendered":"Jesaja 55,(6-9)10-12a"},"content":{"rendered":"<h3>Sexagesimae | 18. Februar 2001 | Jesaja 55,(6-9)10-12a | Karsten Matthis |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>Sucht den Herrn, da er sich finden l\u00e4sst. Ruft ihn an, da er nahe ist. Der Prophet Jesaja ermahnt sein Volk, verbindet jedoch dies mit der gro\u00dfen Verhei\u00dfung, dass der Gott Israels gn\u00e4dig ist und allen Vergebung gew\u00e4hrt. Die im Exil in Babylon lebenden Israeliten d\u00fcrfen Hoffnung sch\u00f6pfen, dass ihr Auszug unmittelbar bevorsteht. Sie werden in naher Zukunft erfahren, dass der Zion in Jerusalem ein heilsvoller Ort f\u00fcr ihre Gemeinde sein wird. Das Volk Israel wird mit Freuden ausziehen und in Frieden von Gott zum Zion nach Jerusalem gef\u00fchrt werden (Jes.60). Angesichts dieser gro\u00dfartigen Hoffnung, fordert der Prophet sein Volk auf: Darum lasst jetzt ab von den b\u00f6sen Taten, kehrt um zu Gott und sucht ihn! Selbst die Frevler werden nahe bei Gott sein. Allen wird zugesagt, Gott wird sich finden lassen.<\/p>\n<p>Als ich den Predigttext aus dem Prophetenbuch des zweiten Jesaja las, fiel mir die seltsame Erz\u00e4hlung vom &#8222;tollen Menschen&#8220; von Friedrich Wilhelm Nietzsche ein. Nietzsche (1844-1900), dessen Vater evangelischer Pfarrer war, hat neben b\u00f6swilligen Unterstellungen und Verzerrungen auch viel Tiefgr\u00fcndiges \u00fcber das Christentum geschrieben. Den &#8222;tollen Menschen&#8220; beschreibt er als einen Gottessucher:<\/p>\n<p>&#8222;Habt ihr nicht von jenem tollen Menschen geh\u00f6rt, der am hellen Vormittag eine Laterne anz\u00fcndete, auf den Markt lief und unaufh\u00f6rlich schrie: &#8222;Ich suche Gott. Ich suche Gott.&#8220; Da gerade viele von denen zusammenstanden, welche nicht an Gott glaubten, so erregte er ein gro\u00dfes Gel\u00e4chter. Ist er denn verloren gegangen? Sagte der eine. Hat er sich verlaufen wie ein Kind? Sagte der andere. Oder h\u00e4lt er sich versteckt? F\u00fcrchtet er sich vor uns? Ist er zu Schiff gegangen? ausgewandert so schrieen und lachten sie durcheinander. Der tolle Mensch sprang mitten unter sie, und durchbohrte sie mit seinen Blicken. &#8222;Wohin ist Gott?&#8220; Rief er, ich will es euch sagen! Wir haben ihn get\u00f6tet, ihr und ich!&#8220; (Die fr\u00f6hliche Wissenschaft, Abschnitt 125)<\/p>\n<p>F\u00fcr die Figur des tollen Menschen, den Nietzsche sich erdachte , ist Gott tot, get\u00f6tet von seinen Gesch\u00f6pfen. Die Anderen auf dem Markt rechnen nicht mehr mit der Existenz Gottes und finden die Suche nach ihm l\u00e4cherlich. Am Ende der Erz\u00e4hlung vermutet der tolle Mensch, er sei zu fr\u00fch mit seiner Botschaft gekommen, denn die Idee von Gott sei noch nicht \u00fcberwunden. &#8222;Es ist noch nicht zu den Ohren der Menschen gedrungen.&#8220;<\/p>\n<p>100 Jahre nach Nietzsches Tod, glauben Christen, dass Gott keine fiktive Idee ist. Immer wieder neu orientieren sich Menschen an seinem Wort. Durch sein Wort w\u00e4chst kirchliches Leben, ist nicht nur auf dem Papier existent, sondern es bl\u00fcht an vielen Stellen. In zahlreichen Gemeindegruppen, in sozialen Initiativen und in diakonischen Einrichtungen und nicht zuletzt in Gottesdiensten. Die Thomas &#8211; Messe ist nur ein Beispiel f\u00fcr einen neuen, kr\u00e4ftigen Impuls in unserem kirchlichen Leben. \u00dcberall dort wird der lebendige Gott verk\u00fcndigt und bezeugt. Christen erfahren Gott in Wort und Sakrament. Durch t\u00e4tige N\u00e4chstenliebe, \u00fcberall dort wo sich Christen f\u00fcr andere Menschen aufopferungsvoll einsetzen, so wie bspw. im Bereich der Diakonie, da wird in Ans\u00e4tzen ein St\u00fcck vom Reich Gottes sichtbar. Dies ist unsere christliche Wahrnehmung, die sich nat\u00fcrlich nicht mit den Erfahrungen anderer Menschen, die keine enge Bindung an den christlichen Glauben haben, deckt.<\/p>\n<p>Sicherlich ist die S\u00e4kularisierung der Gesellschaft weiter vorangeschritten. Mit der geringen Beteiligung an Gottesdiensten, mit der weiterhin zu hohen Zahl von Kirchenaustritten und dem zur\u00fcckgehenden Wissen \u00fcber die Bibel d\u00fcrfen wir uns nicht einfach resigniert abfinden. Die Ent\u00f6ffentlichung des Christentums in den Medien, insbesondere in den elektronischen Medien, muss uns beunruhigen. Es ist besonders misslich, dass gerade deshalb J\u00fcngere nur wenig Zugang zum Glauben finden, da sie in den Medien nur wenig von Gott erfahren. Schmerzlich ist es f\u00fcr Christen, dass viele mit Gott abgeschlossen und ihn aus ihrem Leben verdr\u00e4ngt haben. Wir begegnen Menschen, deren Glaube abgestorben ist. Viele gute und wohlmeinende Initiativen bewirken wenig. Sie erreichen nicht die Adressaten, sondern h\u00e4ufig ausschlie\u00dflich die Kerngemeinden, die sich ihren Glauben nicht nehmen lassen. Dennoch sagt uns unser Glaube, unser Gott, den wir in Jesus Christus unserem Herrn als den liebenden und barmherzigen Gott erkennen, ist lebendig. Es gibt keinen Grund zu resignieren oder gar eine Gottesfinsternis zu vermuten.<\/p>\n<p>Es tut gut, die Worte des zweiten Jesaja zu lesen, die Kraft und Zuversicht ausstrahlen. Die Worte des Propheten appellieren an das Herz und die Einsicht des Menschen: Wie gro\u00df sind doch die Unterschiede zwischen g\u00f6ttlichem Wissen und Weisheit. Wie bruchst\u00fcckhaft, wie winzig hingegen erscheint unser Wissen und K\u00f6nnen. Gottes Weisheit ist nicht zu erwerben und l\u00e4sst sich nicht aneignen. Seine Gedanken und Worte \u00fcbersteigen alles.<\/p>\n<p>Noch einmal zur\u00fcck zur Erz\u00e4hlung \u00fcber den tollen Menschen, der fragte: &#8220; Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont auszuwischen? Was taten wir, als wir diese Erde von der Sonne losketteten.&#8220; Hinter diesen Fragen steht das Eingest\u00e4ndnis, der Mensch besitzt nicht die Sch\u00f6pfergewalt Gottes. Zwar k\u00f6nnen wir die Erde von der Sonne insofern losketten, dass wir Umlaufbahnen von Planeten berechnen und das Weltall erforschen k\u00f6nnen, aber Sch\u00f6pfer k\u00f6nnen wir nicht sein. Der Mensch versucht sich als Sch\u00f6pfer mit Hilfe der Gentechnologie, doch Herr \u00fcber die gesamte Sch\u00f6pfung wird er nicht sein k\u00f6nnen. Auch Forscher prognostizieren, dass der Mensch immer wieder an Grenzen sto\u00dfen wird. Zwar k\u00f6nnen wir Gott aus unserem Leben streichen, alle Zeugnisse von ihm ausblenden, letztlich bleibt der Mensch endlich und seiner Zeit verhaftet.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Menschen zur Zeit des zweiten Jesajas mag es noch einleuchtend gewesen sein, der Gott Israels ist der Sch\u00f6pfer des Himmels und der Erden. Der unerreichbare Himmel, der sich \u00fcber die Erde w\u00f6lbt, war f\u00fcr einen Grossteil der Israeliten Beweis genug, dass Gott unerreichbar \u00fcber der Welt thront. Gott will aber nicht euch niederdr\u00fccken, rief Jesaja seinem Volk zu, vielmehr ist er Israel ganz nahe. Gott bietet uns seine Vergebung an und will nicht unsere Ohnmacht oder Verzweifelung.<\/p>\n<p>Wie zur Zeit des zweiten Jesajas wirkt Gott durch sein Wort in uns und in seiner Welt. Seine Wege sind nicht die unsrigen. Gottes Wege f\u00fchren uns dennoch zum Ziel, h\u00e4ufig auf einem anderen Pfad geht es weiter, den wir als Menschen gar nicht kannten und nicht im Blick hatten.<\/p>\n<p>Neben der gro\u00dfen Verhei\u00dfung seiner Vergebung gibt Jesaja \u00fcber die Vollmacht des Wort Gottes Zeugnis. Das Wort Gottes schl\u00e4gt eine Br\u00fccke zu den Menschen. Die Distanz zwischen Gott und seinen Gesch\u00f6pfen wird durch sein Wort \u00fcberwunden. Zugang zu Gott erf\u00e4hrt der Mensch durch sein Wort. Gottes Wort wird nicht leer zur\u00fcckkommen, vielmehr wirkt es in der Welt. Es wirkt so vollm\u00e4chtig wie der Regen und Schnee auf die Erde f\u00e4llt, die Erde tr\u00e4nkt und somit die Voraussetzung f\u00fcr die Fruchtbarkeit auf Erden schafft. Sein Wort bleibt nicht folgenlos, es f\u00fchrt zu Konsequenzen. Es st\u00e4rkt die Entmutigten und richtet die Verzweifelten auf.<\/p>\n<p>Dass Gottes Wort sich durchsetzen wird, ist tr\u00f6stlich f\u00fcr alle, die den Auftrag der Verk\u00fcndigung gerecht werden wollen. Gottes Wort bewegt die Menschen zur Umkehr und zur Auseinandersetzung mit uns selbst. Es gibt uns die Kraft, auf andere Menschen zuzugehen und ihnen beizustehen. Mit dieser Gewissheit k\u00f6nnen Menschen ausziehen, wie die Israeliten im Exil zu Babylon. Mit dieser Verhei\u00dfung d\u00fcrfen wir leben und arbeiten. Die Worte Dietrich Bonhoeffers tr\u00f6sten und ermutigen uns: &#8222;Gott erf\u00fcllt nicht alle unsere W\u00fcnsche, aber seine Verhei\u00dfungen erf\u00fcllt Gott.&#8220;<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Karsten Matthis, Dipl. Theol.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Hochheimer Weg 11 A53343 Wachtberg<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"mailto:mat@vnrmail.de\"><strong>E-Mail: mat@vnrmail.de<\/strong><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sexagesimae | 18. Februar 2001 | Jesaja 55,(6-9)10-12a | Karsten Matthis | Liebe Gemeinde, Sucht den Herrn, da er sich finden l\u00e4sst. Ruft ihn an, da er nahe ist. Der Prophet Jesaja ermahnt sein Volk, verbindet jedoch dies mit der gro\u00dfen Verhei\u00dfung, dass der Gott Israels gn\u00e4dig ist und allen Vergebung gew\u00e4hrt. Die im Exil [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":14920,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[22,2,727,157,853,114,431,1589,349,109,671],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-22158","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-jesaja","category-at","category-archiv","category-beitragende","category-bibel","category-deut","category-kapitel-55-chapter-55","category-karsten-matthis","category-kasus","category-predigten","category-sexagesimae"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22158","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=22158"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22158\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":22159,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22158\/revisions\/22159"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/14920"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=22158"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=22158"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=22158"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=22158"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=22158"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=22158"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=22158"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}