{"id":22164,"date":"2001-11-20T11:35:36","date_gmt":"2001-11-20T10:35:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22164"},"modified":"2025-03-20T11:38:44","modified_gmt":"2025-03-20T10:38:44","slug":"markus-1331-37","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/markus-1331-37\/","title":{"rendered":"Markus 13,31-37"},"content":{"rendered":"<h3>Letzter Sonntag im Kirchenjahr (Ewigkeitssonntag) |\u00a025.11. 2001 | Markus 13,31-37 | J\u00fcrgen J\u00fcngling |<\/h3>\n<p>1. Ende November &#8211; Totensonntag: Ab und an kam es vor, dass gerade dann unser Vater seinen Geburtstag hatte. Die Erinnerung an die Geburt und das Gedenken des Todes lagen an diesem Tag ganz eng beieinander, provozierend eng, furchtbar eng. &#8222;Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen&#8220; &#8211; das erlebten wir dadurch elementar. Auch dieses Jahr w\u00e4re es wieder so gewesen: Totensonntag und Geburtstag des Vaters beisammen. Doch ist dieser l\u00e4ngst nicht mehr, ist vor Jahren schon von uns gegangen. Aber das Datum bleibt haften, ist mehr als ein Zufall und pr\u00e4gt deshalb auch &#8211; uns und diesen Tag.<\/p>\n<p>Und so denken wir besonders an diesem einen Tag an den letzten Weg, den wir damals miteinander auf dem Friedhof hatten. An viele letzte Wege denken wir an diesem einen Tag, die wir miteinander gegangen sind &#8211; mit dem Arbeitskollegen, mit dem Freund, mit der Mutter und mit den vielen unmittelbar Betroffenen. Das Herz war uns in Gedanken so schwer, weil uns diese Lieben so viel bedeutet hatten. So eng waren unsere Beziehungen gewesen, dass wir uns richtiggehend amputiert gef\u00fchlt haben, amputiert an Geist und an Seele. Mit ihnen ist auch ein St\u00fcck unseres Lebens unwiederbringlich verloren gegangen. Deshalb gehen unsere Gedanken an diesem einen Tag zur\u00fcck, versuchen, uns das noch einmal nahe zu bringen, was in Wirklichkeit l\u00e4ngst vorbei ist.<\/p>\n<p>Aber noch etwas kennzeichnet diesen einen Tag: dass unsere Gedanken an ihm ebenso nach vorne gehen, dass sie n\u00e4mlich den Tod als unser aller Zukunft in den Blick nehmen und bedenken. Denn sterben werden wir alle &#8211; das ist gewiss. Und jeder Tag bringt uns, bringt auch mich pers\u00f6nlich, diesem Grunddatum n\u00e4her. Wie winzig klein und unvorhersehbar dieser Schritt sein kann, haben uns die grausamen Ereignisse im Herbst dieses Jahres vor Augen gef\u00fchrt. Umso mehr gilt: Jeder neue Tag ist nun einmal der erste Tag vom Rest meines Lebens. Das macht schon die blo\u00dfe Existenz dieses einen Sonntags deutlich und un\u00fcbersehbar. Deshalb wollen wir bei seinem Thema bleiben.<\/p>\n<p>2. Auch der Bibeltext f\u00fcr diesen Sonntag stimmt bereits mit seinem ersten Satz diese Melodie an: &#8222;Himmel und Erde werden vergehen.&#8220; Also nicht nur meine Lieben und ich selber und dar\u00fcber hinaus alle Menschen m\u00fcssen sterben &#8211; das steht fest. Sondern eine ganz andere Qualit\u00e4t kommt nun noch mit ins Spiel: Himmel und Erde, die vermeintlichen Grundfesten des Lebens selbst, sind verg\u00e4nglich und kommen einmal an ihr Ende. Das entsprach damals durchaus einer tiefen \u00dcberzeugung der Christenheit: Nichts dauert mehr lange. Die jetzige Generation wird es noch erleben, dass Gott dem allen ein Ende bereiten und den J\u00fcngsten Tag herauff\u00fchren wird. Darauf wartete man f\u00f6rmlich, fieberte ihm entgegen und sehnte diesen Termin herbei: &#8222;Mach End, o Herr, mach Ende mit aller unsrer Not&#8220;. Aber gleichzeitig wusste man tief im Inneren auch, dass angesichts all dieser Endlichkeit eines Bestand haben wird: &#8222;Meine Worte aber werden nicht vergehen&#8220;, nicht seine Verhei\u00dfungen und nicht sein gro\u00dfes Ja. Sie w\u00fcrden Halt geben und durchtragen durch alles, was kommen w\u00fcrde. Wir wissen, es kam dann doch anders, als man damals meinte, denn Gott hatte es anders gedacht: Er lie\u00df die Erde sich weiterdrehen, schenkte Saat und Ernte, schickte Sommer und Winter, behielt den Himmel oben und die Erde unten &#8211; jedenfalls noch, sogar bis in unsere Tage, an denen uns oft genug der Atem gestockt hat. Daher: Gott sei Dank! Und das hat nat\u00fcrlich Konsequenzen, Konsequenzen f\u00fcr Glauben und Leben: Wenn Gott selber Himmel und Erde nicht egal sind, dann k\u00f6nnen sie es auch den Menschen nicht mehr sein. Deshalb: Wenn Gott die Fortsetzung will, dann ist auch unsere Antwort, genauer: Dann ist unsere Ver-Antwortung gefragt. Gottes Langmut und unser Verhalten, die sollten sich deshalb schon entsprechen, m\u00fcssten doch miteinander korrespondieren. Schade und schlimm, wo diese einander widersprechen &#8211; schlimm f\u00fcr den Himmel, schlimmer f\u00fcr die Erde und noch schlimmer f\u00fcr uns.<\/p>\n<p>3. Es tut gut zu erleben, dass Gott die Fortsetzung seiner Sch\u00f6pfung will. Das bringt Kontinuit\u00e4t und Verl\u00e4sslichkeit ins Leben. Und es ist noch besser zu erfahren, dass seine Worte nie vergehen sollen, sondern f\u00fcr immer und ewig Bestand &#8211; haben. Auf sein gro\u00dfes Ja ist n\u00e4mlich Verlass. Und trotzdem stellt unser Bibelwort ganz deutlich die Einmaligkeit jedes einzelnen Lebens und Sterbens heraus: Die eigene Stunde &#8211; und das ist doch dereinst der eigene Tod, die kennt keiner. Die kann niemand errechnen, niemand vorhersagen, denn sie kommt pl\u00f6tzlich und ohne irgendeine Ank\u00fcndigung. Deshalb ist unser ganzes Leben gewisserma\u00dfen eine einzige gro\u00dfe Wartezeit, unser Lebensraum ein riesiger Wartesaal. Wer aber wartet, der ist hellwach &#8211; wehe, wenn er nicht mehr wach ist, weil er sonst das Wichtigste vers\u00e4umen kann. Auch hier gilt: Wer zu sp\u00e4t kommt, den bestraft das Leben. Selbst Sekundenschlaf kann lebensgef\u00e4hrlich sein. Von daher ist es nur konsequent, wenn die Bibel so nachhaltig betont: Bleibt um alles in der Welt wach, denn ihr wisst nicht, wann der Herr des Hauses kommt.<\/p>\n<p>Und doch gibt es auch das andere: In einer permanenten Wartehaltung kann niemand leben. Nur auf diesen Moment zu warten, dass der Tod an meine T\u00fcre klopft, das w\u00e4re kein Leben mehr. Richtig, so r\u00e4ume ich ohne Z\u00f6gern ein. Darum kann und darf es nicht gehen. Denn dann h\u00e4tte der Tod eine Macht \u00fcber uns, die ihm schlicht und einfach nicht zusteht. Ich bin davon \u00fcberzeugt: So ist das gar nicht gemeint. Wie aber dann? Vielleicht hilft uns da das alte Psalmwort weiter: &#8222;Lehre uns bedenken, dass wir sterben m\u00fcssen, auf dass wir klug werden.&#8220; Das hei\u00dft dann aber: Wichtig ist, dass wir den Tod als diese jederzeit m\u00f6gliche Wirklichkeit nicht verdr\u00e4ngen, nicht den Tod unserer Mitmenschen und auch nicht den eigenen. Wichtig, lebenswichtig ist, dass wir nicht so tun, als ginge der uns nichts an. Denn nur solange wir atmen, sind wir in der Lage, den Tod wahrzunehmen, \u00fcber ihn zu sprechen und ihn deshalb auch zu &#8222;bedenken&#8220;. Unser Wissen um unser Sterben, das bestimmt und pr\u00e4gt nun einmal unser Leben. Und erst das Bewusstsein unseres Endes macht uns mitf\u00fchlend f\u00fcr das Leben von anderen, l\u00e4sst uns auch den unendlichen Wert erkennen, den unser eigener Lebensweg hat. Dieser Sachverhalt entlarvt den ber\u00fchmten Satz des griechischen Philosophen Epikur als eine riesige Selbstt\u00e4uschung: &#8222;Das schauerlichste \u00dcbel, der Tod, geht uns nichts an. Denn solange wir sind, ist der Tod nicht da; wenn er da ist, sind wir nicht da.&#8220; Das genaue Gegenteil macht Sinn: Solange wir sind, geht uns der Tod etwas an &#8211; vom ersten bis zum letzten Atemzug. Deshalb gilt es, dem nachzudenken.<\/p>\n<ol start=\"4\">\n<li>Bei diesem Nachdenken nun kann unser Bibelwort uns ein gutes St\u00fcck weiterhelfen. Da wird n\u00e4mlich weder verdr\u00e4ngt noch um den hei\u00dfen Brei herumgeredet, sondern ganz klar und deutlich konfrontieren uns diese Worte mit unserem Ende &#8211; und er\u00f6ffnen uns zugleich eine wichtige Perspektive: &#8222;So wacht nun; denn ihr wisst nicht, wann der Herr des Hauses kommt, ob am Abend oder zu Mitternacht oder um den Hahnenschrei oder am Morgen.&#8220; Wohl gemerkt: Wenn er, der Herr des Hauses, wenn Gott also h\u00f6chstpers\u00f6nlich kommt!<\/li>\n<\/ol>\n<p>An dieser Stelle geschieht etwas ganz Wesentliches, und darin liegt die eigentliche, die tiefste Botschaft f\u00fcr den Totensonntag: Der Tod wird mit Gott selber gleichgesetzt und damit auf einen Schlag entmachtet. Das ist doch die letzte Konsequenz des Sieges von Jesus Christus an Ostern \u00fcber den Tod. Deshalb kann sp\u00e4ter der Apostel Paulus selbstbewusst dem Tod ins Angesicht sehen und ihn sp\u00f6ttisch fragen: &#8222;Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?&#8220;<\/p>\n<p>Sicher ist das ein hartes Wort, vielleicht auch ein paradoxes: Gott als der Tod, Gott im Mantel des Todes. Aber genau darin liegt doch die sch\u00e4rfste Zuspitzung der christlichen Einstellung zum Tode und zugleich ihr umfassender Trost: Nicht der Tod und nicht das Ende, sondern der Herr des Hauses, der Herr des Lebens kommt. Und seine Worte werden nie vergehen. Kein blindes Schicksal, kein Zufall, sondern sein gro\u00dfes Ja bestimmt haargenau so das Ende des Lebens, wie es schon vor Zeiten seinen Anfang markiert hat. Das ist wahrlich oft nur schwer, manchmal vielleicht unm\u00f6glich zu glauben. Auch ist der eine Tod ganz gewiss schwerer zu verstehen als der andere. Aber es kommt doch letztlich darauf an: Der, der uns einst im Mutterleib ins Leben rief, der ruft uns auch wieder zu sich in sein Haus, in sein ewiges Reich. Gebe er es, dass wir dazu unser Amen sagen k\u00f6nnen: Amen &#8211; genau so m\u00f6ge es sein und werden!<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Anmerkungen zu Text und Predigt:<\/strong><\/p>\n<p>Der Predigttext nimmt im Markusevangelium eine markante Stellung ein. Er bildet den Abschluss der Geschehnisse und der mancherlei Worte in Jerusalem, bevor bereits im n\u00e4chsten Kapitel die Leidensgeschichte Jesu beginnt.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst geht es darum, dass niemand um die &#8222;Stunde&#8220; von Welt- und Lebensende wei\u00df. Auf diesem Hintergrund gewinnt sodann der Aufruf zum Wachen seinen letzten Ernst und seine universale Ausweitung: &#8222;Was ich aber euch sage, das sage ich allen: Wachet!&#8220;<\/p>\n<p>Damit ist der Grundtenor angeschlagen, der seit alters den Toten- oder Ewigkeitssonntag pr\u00e4gt. Auf dieses Datum gehe ich zun\u00e4chst ein, weil es seinerseits die Gef\u00fchlslage der Leser und H\u00f6rer bestimmt.<\/p>\n<p>Ich schildere die urchristliche &#8222;Naherwartung&#8220; und ebenso den Sachverhalt, dass Gott es schlie\u00dflich anders gedacht hat: &#8222;Fortsetzung folgt.&#8220; Damit ist allerdings die Frage nach dem individuellen Tod nicht erledigt. Deshalb leite ich \u00fcber zu der Kennzeichnung unseres Lebens zwischen dem Wachen auf der einen Seite und dem Einrichten im Hier und Jetzt auf der anderen. Der Leitgedanke dabei ist das &#8222;Bedenken&#8220; des Todes.<\/p>\n<p>Dieses f\u00fchrt schlie\u00dflich zu dem Ausblick, dass am Ende nicht der Tod an sich steht, sondern &#8211; selbst in dessen Erscheinung &#8211; niemand anders als &#8222;der Herr des Hauses, der Herr des Lebens&#8220;.<\/p>\n<p><strong>Oberlandeskirchenrat J\u00fcrgen J\u00fcngling<\/strong><\/p>\n<p><strong>Ev. Kirche von Kurhessen-Waldeck<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"mailto:landeskirchenamt@ekkw.de\"><strong>landeskirchenamt@ekkw.de<\/strong><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Letzter Sonntag im Kirchenjahr (Ewigkeitssonntag) |\u00a025.11. 2001 | Markus 13,31-37 | J\u00fcrgen J\u00fcngling | 1. Ende November &#8211; Totensonntag: Ab und an kam es vor, dass gerade dann unser Vater seinen Geburtstag hatte. 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