{"id":22168,"date":"2001-11-20T11:41:19","date_gmt":"2001-11-20T10:41:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22168"},"modified":"2025-03-20T11:43:58","modified_gmt":"2025-03-20T10:43:58","slug":"jeremia-84-7","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jeremia-84-7\/","title":{"rendered":"Jeremia 8,4-7"},"content":{"rendered":"<h3>Vorletzter Sonntag im Kirchenjahr (Volkstrauertag) | 18.11. 2001 | Jeremia 8,4-7 | Ulrich Braun |<\/h3>\n<p>Sprich zu ihnen: So spricht der Herr: Wo ist jemand, wenn er f\u00e4llt, der nicht gern wieder aufst\u00fcnde? Wo ist jemand, wenn er irregeht, der nicht gern wieder zurechtk\u00e4me?<\/p>\n<p>Warum will denn dies Volk zu Jerusalem irregehen f\u00fcr und f\u00fcr? Sie halten so fest am falschen Gottesdienst, dass sie nicht umkehren wollen.<\/p>\n<p>Ich sehe und h\u00f6re, dass sie nicht die Wahrheit reden. Es gibt niemand, dem seine Bosheit Leid w\u00e4re und der spr\u00e4che: Was hab ich doch getan! Sie laufen alle ihren Lauf wie ein Hengst, der in der Schlacht dahinst\u00fcrmt.<\/p>\n<p>Der Storch unter dem Himmel wei\u00df seine Zeit, Turteltaube, Kranich und Schwalbe halten die Zeit ein, in der sie wiederkommen sollen; aber mein Volk will das Recht des Herrn nicht wissen.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Gibt es das Killer-Gen? Existiert also ein Verbrecher-Gen, dass einen Menschen rettungslos auf die Bahn der Zerst\u00f6rung und letztlich der Selbstzerst\u00f6rung setzt? Diese M\u00f6glichkeit l\u00e4sst sich mindestens nicht mit Sicherheit ausschlie\u00dfen. Die Frage vereinfacht die Sache nat\u00fcrlich geradezu fahrl\u00e4ssig. Aber sie ist so etwas wie die zeitgen\u00f6ssische Erscheinungsform des alten Grundproblems: ob Menschen n\u00e4mlich frei sind, oder ob der Text ihrer Zukunft bereits irgendwo geschrieben steht.<\/p>\n<p>Zur Zeit sind es die Buchstaben der genetischen Informationen, aus denen wir Aufschl\u00fcsse \u00fcber den Text unserer Zukunft erwarten. Mehr als uns lieb ist scheint in unseren Genen geschrieben. Gr\u00f6\u00dfe, Haar- und Augenfarbe, Krankheitsdispositionen und ein Gro\u00dfteil der Anlagen, die \u00fcber unsere Lebenserwartung entscheiden. Da kann man schon auf den Gedanken verfallen, auch Charaktereigenschaften und letztendlich handlungsleitende Faktoren k\u00f6nnten in den Genen festgeschrieben sein.<\/p>\n<p>Vollkommen auszuschlie\u00dfen ist das nicht. Jedenfalls existiert bislang kein schl\u00fcssiger Beweis f\u00fcr die ein oder andere Seite, und m\u00f6glicherweise kann dieser Beweis so niemals erbracht werden. Mit der Behandlung der Frage nach dem Killer-Gen f\u00fchren wir also einen Indizienprozess.<\/p>\n<p>Was es gibt, sind Beispiele notorischer Tunichtgute. Jede Lehrerin, jeder Lehrer kennt seine und ihre Pappenheimer. Ohne besonders vorurteilsbeladen zu sein, ist der Kreis der \u00fcblichen Verd\u00e4chtigen in der Regel einigerma\u00dfen \u00fcberschaubar.<\/p>\n<p>Unter diesen \u00fcblichen Verd\u00e4chtigen gibt es dann jede Form von Abstufung von liebenswert und pfiffig bis unverbesserlich und uneinsichtig. Alles irgendwie noch bekannte und nicht vollends beunruhigende Ph\u00e4nomene.<\/p>\n<p>Vollends beunruhigend ist erst die Spielart, die in der Menschheitsgeschichte immer wieder aufgetreten ist: Die verstockte, keinem guten Zureden zug\u00e4ngliche Bosheit, die auch noch mit gro\u00dfem Aufwand an lautstarker Selbstbehauptung auf der Richtigkeit des eigenen Irrwegs besteht.<\/p>\n<p>Ein Mob hat einst in Stra\u00dfen Athens den Tod des Sokrates gefordert und ebenso hat eine Volksmenge in Jerusalem nach dem Henker f\u00fcr Jesus gerufen. Verblendete fanatisierte, irgendwie unfreie Menschen, die dem Gesetz der Gruppe und der Masse folgten.<\/p>\n<p>Wenn die Pferde einmal durchgegangen sind. Gibt es kein Halten mehr &#8211; wie ein Hengst, der in der Schlacht dahinst\u00fcrmt, beschreibt der Prophet Jeremia diesen bedenklichen Zustand.<\/p>\n<p>Menschen haben sich immer wieder in den Sog dieser Ph\u00e4nomene ziehen lassen. Kreuzritter sind gegen Jerusalem gezogen, die Heilige Stadt zu befreien. Auf ihren Wegen sind sie oftmals im Blut derer, die sie Heiden nannten, gewatet. Menschen haben sich zur Herrenrasse ausgerufen, haben andere verfolgt und den Mord an den vermeintlichen Untermenschen industrialisiert. Menschen sind im Namen eines Glaubens bereit, andere umzubringen.<\/p>\n<p>Folgen Menschen damit einem genetischen Programm, einem Gesetz ihrer Natur? Dann w\u00e4re also der Text der Kreuzz\u00fcge, Lynch-, Rache-, Lust- und Massenmorde in die Erbinformation der Menschheit eingeschrieben &#8211; und es spr\u00e4che Einiges daf\u00fcr, dass sich dieser Text in die Zukunft fortschreiben wird.<\/p>\n<p>Angesichts der geschichtlichen Verstrickungen des Menschen k\u00f6nnen wir eigentlich nur in gewaltige Depressionen geraten. So gewaltig kann die Depression sein, dass Entlastung not tut. Und diese Entlastung k\u00f6nnte darin gefunden werden, dass der Geschichte menschlicher Bosheit geradezu naturgesetzlicher Rang zugemessen wird &#8211; die Festlegung durch die Gene, eine Fehlprogrammierung der Sch\u00f6pfung sozusagen, w\u00e4re die zeitgen\u00f6ssische Variante. Sie w\u00fcrde die Situation des Menschen nicht wirklich verbessern, aber wir w\u00e4ren wenigstens nicht mehr selber Schuld an dem ganzen Elend.<\/p>\n<p>Diesen Ausweg der Entlastung gestattet der Prophet Jeremia seinen Zeitgenossen nicht. Es steht schlimm um sie. Sie gehen offenkundig in die Irre und machen keinerlei eventuell umzukehren und den eigenen Kurs zu \u00fcberdenken. Im Gegenteil: sie beharren darauf, den alleinseligmachenden Weg gefunden zu haben.<\/p>\n<p>Jeremia zeichnet ein wahrhaft deprimierendes Bild. Und das Allerschlimmste daran ist, dass die Zeitgenossen eben nicht einem t\u00f6dlichen Naturgesetz und dem Text ihrer genetischen Bestimmung, sondern ihrem Willen folgen. Sie tun, was sie tun, freiwillig. Sie k\u00f6nnten auch anders. Jedenfalls tun sie, was sie tun in dem Bewusstsein, es gew\u00e4hlt und selbst entschieden zu haben.<\/p>\n<p>Ob es das Killer-Gen gibt? Es l\u00e4sst sich weder ausschlie\u00dfen, noch beweisen &#8211; derzeit nicht und vielleicht niemals wirklich. Aber als Entlastungsstrategie scheitert die Suche nach einem Naturgesetz des B\u00f6sen wenigstens im Jeremia-Text vollst\u00e4ndig.<\/p>\n<p>Die Tiere folgen den Gesetzen ihrer Natur. Storch, Turteltaube, Kranich und Schwalbe kennen die Rhythmen ihres Zuges. Sie kennen die Wege und werden von ihren Instinkten sicher geleitet. K\u00e4men sie je von ihren Wegen ab, h\u00e4tte die Natur versagt. Darauf k\u00f6nnen wir Menschen uns offenbar nicht herausreden: &#8222;aber mein Volk will das Recht des Herrn nicht wissen!&#8220;,<\/p>\n<p>Das ist der entscheidende Unterschied: Das Tier folgt der Navigation der Natur. Der Mensch muss f\u00fcr das einstehen, was er als seinen Weg w\u00e4hlt. Das ist eine wenig tr\u00f6stliche L\u00f6sung unseres Problems. Menschen gehen zwar mit ersch\u00fctternder H\u00e4ufigkeit in die Irre, aber sie sind auch noch selber schuld.<\/p>\n<p>Wenn uns Jeremia schon keinen Trost anzubieten vermag, dann zwingt er uns doch zur Nachdenklichkeit dar\u00fcber, was wir mit den Indizien machen, die uns auf den Gedanken haben verfallen lassen, es m\u00fcsse wohl eine Art von Naturnotwendigkeit sein, die den Menschen zum B\u00f6sen bestimmt. Spuren dessen finden sich ja auch an prominenter Stelle der biblischen Geschichten.<\/p>\n<p>Die Karriere des Menschengeschlechts beginnt mit dem S\u00fcndenfall und wird sogleich mit dem Brudermord des Kain an Abel fortgesetzt. So dauert es auch nur acht Kapitel, bis selbst Gott, dessen Sch\u00f6pfungsbilanz doch urspr\u00fcnglich gelautet hatte: Und siehe, es war sehr gut!, feststellt: Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist b\u00f6se von Jugend auf.<\/p>\n<p>Also doch: unverbesserlich, resozialisierungsresistent, notorisch, rettungslos. Folglich kommt nur Sicherheitsverwahrung in Frage..<\/p>\n<p>Wenn aber das Gesetz des B\u00f6sen nicht einfach Natur und eine Fehlprogrammierung des Menschen ist, dann muss der Fehler anderswo in der Sch\u00f6pfung liegen. Dieser Fehler ist die menschliche Freiheit. Und sie ist zugleich das gr\u00f6\u00dfte Geschenk, das Gott seinem Gesch\u00f6pf gemacht hat, um dessentwillen er sagen kann: Siehe, Adam ist geworden wie unsereiner.<\/p>\n<p>Gott hat den Menschen nicht einfach programmiert, sondern seinem sein die Offenheit hinzugef\u00fcgt (1) . So beschreibt es der Philosoph R\u00fcdiger Safranski in seinem Buch &#8222;Das B\u00f6se oder das Drama der Freiheit&#8220;.<\/p>\n<p>Das Drama der Freiheit ist es eben, dass der Mensch w\u00e4hlt. Er muss es, und das ist angesichts der vielf\u00e4ltigen Gefahren und drohenden Irrwege ein ziemliches Drama. Die Sehnsucht nach dem Paradies kleidet sich dabei zumeist in die Erinnerung an die Kindheit, da alles noch einheitlich und fraglos war.<\/p>\n<p>Paradies bedeutet Einheit, aber noch nicht wirklich Bewusstsein von Freiheit, weshalb Hegel das Paradies absch\u00e4tzig als &#8222;Garten der Tiere&#8220; bezeichnete. Unsere Erinnerung l\u00e4sst uns glauben, dass wir alle die Austreibung aus dem Paradies schon einmal und zwar selbst erlebt haben &#8211; als unsere Kindheit zuende ging .(2)<\/p>\n<p>Da stehen wir nun mitten im Drama der Freiheit und finden bei Jeremia jedenfalls keinen Trost. Vielleicht nur so viel: Selbst angesichts der Verstocktheit des Menschen nimmt Gott das Geschenk der Freiheit nicht zur\u00fcck. Er behaftet den Menschen bei seiner Verantwortung &#8211; und bel\u00e4sst ihm so seine W\u00fcrde. Der Mensch wird nicht einmal angesichts seiner verheerenden Geschichte entm\u00fcndigt.<\/p>\n<p>Die W\u00fcrde des Menschen bedeutet dann auch, ihm weiter zuzumuten, den Text seines Lebens selbst zu verfassen. Akteur und Autor zu sein im Drama der Freiheit.<\/p>\n<p>Das ist schon eine erbarmungsw\u00fcrdige Existenz, die Menschen f\u00fchren m\u00fcssen. Mitten im streckenweise entmutigenden Drama des Lebens soll Vergebung und Erbarmung eben nicht Entm\u00fcndigung hei\u00dfen. Vergebung und Erbarmung wird aber die Offenheit des Lebens festhalten und bewahren, dass n\u00e4mlich Umkehr m\u00f6glich sein soll und Ver\u00e4nderung. Dass am Ende einer doch sagen kann: Was haben wir getan? Dass ihm seine Bosheit Leid tut und er sein leben zu \u00e4ndern vermag, obwohl er derselbe zu bleiben verurteilt ist, der er zuvor gewesen ist.<\/p>\n<p>Am Ende scheint ein Trost durch den strengen Zorn Gottes hindurch: Nicht die Erm\u00e4\u00dfigung, dass wir f\u00fcr den Text des Lebens, sei es durch unsere Gene, sei es durch eine andere Festlegung der Natur, am Ende nicht verantwortlich w\u00e4ren, sondern einfach die pragmatische Feststellung, dass die Zukunft noch nicht geschehen ist. Nirgends steht geschrieben, was in ihr geschieht. Aber was uns ist, zu entscheiden, werden wir zu verantworten haben.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p>(1) Vgl. R\u00fcdiger Safranski, Das B\u00f6se &#8211; oder das Drama der Freiheit, M\u00fcnchen 1997, zitiert nach Taschenbuchausgabe, Frankfurt 1999, S. 24<\/p>\n<p>(2) vgl. ebd. S. 25<\/p>\n<p><strong>Ulrich Braun, Pastor in G\u00f6ttingen-Nikolausberg<\/strong><\/p>\n<p><strong>EMail:\u00a0<a href=\"mailto:Ulrich.F.Braun@t-online.de\">Ulrich.F.Braun@t-online.de<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorletzter Sonntag im Kirchenjahr (Volkstrauertag) | 18.11. 2001 | Jeremia 8,4-7 | Ulrich Braun | Sprich zu ihnen: So spricht der Herr: Wo ist jemand, wenn er f\u00e4llt, der nicht gern wieder aufst\u00fcnde? Wo ist jemand, wenn er irregeht, der nicht gern wieder zurechtk\u00e4me? Warum will denn dies Volk zu Jerusalem irregehen f\u00fcr und f\u00fcr? 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