{"id":22178,"date":"2001-03-20T13:39:39","date_gmt":"2001-03-20T12:39:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22178"},"modified":"2025-04-11T09:32:58","modified_gmt":"2025-04-11T07:32:58","slug":"paul-kluge","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/paul-kluge\/","title":{"rendered":"Jeremia 20,7-11a"},"content":{"rendered":"<h3>Okuli | 18. M\u00e4rz 2001 |\u00a0Jeremia 20,7-11a | Paul Kluge |<\/h3>\n<p>Liebe Geschwister,<\/p>\n<p>Baruch wurde allm\u00e4hlich unruhig: Die Sonne war schon fast untergegangen, und Jeremia war noch nicht zur\u00fcck. Am Morgen waren sie gemeinsam zum Markt gegangen, Baruch wollte Gem\u00fcse und ein wenig Fleisch f\u00fcr den Tag kaufen, und Jeremia hatte einen T\u00f6pfer gesucht. \u201eWir brauchen kein neues Geschirr,\u201c hatte Baruch gesagt, und Jeremia hatte etwas spitz geantwortet: \u201eIch wohl.\u201c Dann hatten sich ihre Wege getrennt. Nun war es Abend, und von Jeremia war nichts zu sehen. Das Essen schmurgelte auf dem Feuer, Baruch hatte Hunger. Ein Nachbar kam vorbei. \u201eHast du Jeremia in der Stadt gesehen?\u201c &#8211; \u201eNicht nur gesehen, ich habe ihn auch geh\u00f6rt. Am Scherbentor, an der M\u00fcllkippe. Senatoren waren bei ihm und der Priesterrat. Denen hat er\u2019s mal wieder t\u00fcchtig gegeben. Klasse war das. Da\u00df Jerusalem zerst\u00f6rt w\u00fcrde, hat er noch gesagt, und da\u00df das Gottes Gericht sei. Dann hat er einen teuren Tonkrug zerschmettert und gesagt: Genau so wird Gott es mit euch machen.\u201c &#8211; \u201eUnd dann?\u201c fragte Baruch und ahnte Schlimmes. \u201eDann hat er sie einfach stehen gelassen, ist in den Tempel gegangen und hat den Leuten dort das Gleiche erz\u00e4hlt. Der Hohe Priester hat ihn dann verhaften lassen. Das kommt davon, wenn man den hohen Herren die Wahrheit sagt.\u201c Damit ging der Nachbar weiter.<\/p>\n<p>Baruch sicherte das Feuer, warf sich ein w\u00e4rmendes Tuch \u00fcber und eilte zum Tempel. Sein Weg f\u00fchrte ihn am Benjamintor vorbei. Dort stand eine mittlere Ansammlung von Leuten, und es klang ihm, als ob einige w\u00fctend schimpfen, andere sp\u00f6ttisch h\u00f6hnten. Als er n\u00e4her kam, sah er am Boden eine Gestalt liegen. \u201eWer ist das da?\u201c fragte er jemanden. \u201eDieser Verr\u00fcckte, der sich f\u00fcr einen Propheten h\u00e4lt und nur Katastrophen phantasiert.\u201c &#8211; \u201eMeinst du Jeremia?\u201c entsetzte Baruch sich, wartete die Antwort nicht ab und dr\u00e4ngte sich zu der Gestalt durch. Er h\u00f6rte leises St\u00f6hnen, ging n\u00e4her und erkannte Jeremia, an H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen angekettet. Baruch sprach ihn an, ber\u00fchrte seine Schulter, doch Jeremia reagierte nicht. Gesicht und R\u00fccken waren blutig; Jeremia war wohl ausgepeitscht worden. Baruch bat die Leute, doch weiterzugehen. Die meisten blieben. Baruch ging Wasser holen. Jeremia w\u00fcrde Durst haben, und das Blut mu\u00dfte abgewaschen werden.<\/p>\n<p>Baruch tauchte einen Zipfel seines Kittels ins Wasser und wischte Jeremia damit \u00fcber die verkrusteten Lippen. Der schlug die Augen auf, l\u00e4chelte schwach, als er seinen Mitarbeiter erkannte. St\u00f6hnte ein paar mal, als Baruch das Blut abwusch, und als er ihm den warmen Umhang \u00fcberlegte, schlief er ein. Baruch setzte sich daneben. \u00dcberdachte, was er geh\u00f6rt hatte, dachte \u00fcber Jeremia nach. Warum lie\u00df er es nicht, Unheil und Gericht anzudrohen? Es war schlie\u00dflich nicht das erste mal, da\u00df er den Zorn der Oberen erregt hatte. Aber er redete weiter, als ob nichts gewesen w\u00e4re &#8211; nein, eher, als ob er unter einen Zwang st\u00fcnde, als ob er nicht anders k\u00f6nnte. Baruch erinnerte sich an manche Stunde tiefster Verzweiflung bei Jeremia. Einmal hatte er sogar die Stunde seiner Geburt verflucht. Er litt unter der Ablehnung, die er erfuhr, litt unter der Vergeblichkeit seines Redens, unter der Anfeindung derer, die er retten wollte. Aber statt aufzuh\u00f6ren, wurde er immer sch\u00e4rfer in seinen Reden. Nun hatten sie ihn ausgepeitscht und \u00f6ffentlich zur Schau gestellt.<\/p>\n<p>Jeremia murmelte vor sich hin, \u00f6ffnete die Augen. Baruch gab ihm zu trinken. Dann schlief Jeremia wieder. Es war k\u00fchl geworden, die Leute hatten sich verzogen. Im Mondschatten lief jemand geb\u00fcckt an einer Mauer entlang, kam direkt auf Baruch zu. Dem wurde etwas mulmig zu Mute. Dann erkannte er den Nachbarn. \u201eHier,\u201c fl\u00fcsterte der, \u201eeine Decke f\u00fcr dich. Und das Essen, das du noch auf dem Feuer hattest. Wirst Hunger haben.\u201c Dann lief der Nachbar wieder zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Baruch legte sich die Decke um und a\u00df ein wenig. Es schmeckte ihm zwar nicht, aber es w\u00e4rmte ein wenig. \u201eWas ist das nur f\u00fcr ein Mensch, f\u00fcr den ich arbeite?\u201c fragte er sich. \u201eAlle seine Reden mu\u00df ich aufschreiben. Er diktiert sie mir, wenn er sie gehalten hat; nie bereitet er sich vor. Es kommt \u00fcber ihn, hat er mal gesagt. Und dann mu\u00df er einfach reden und andere mit seinem Reden in Rage bringen. Redet manchmal selbst wie ein Rasender. Dabei h\u00e4tte er als Sohn eines Priesters selbst Priester werden, h\u00e4tte ein ruhiges, beschauliches Leben f\u00fchren k\u00f6nnen. H\u00e4tte gut verdienen, die Tochter eines anderen Priesters heiraten und nette Kinder haben k\u00f6nnen, ein angesehener B\u00fcrger Israels w\u00e4re er geworden. Einer unter anderen allerdings und nur begrenzt etwas Besonderes. Statt dessen liegt er hier in Ketten, \u00f6ffentlich gedem\u00fctigt und ausgepeitscht. Und ich sitze neben ihm. Das habe ich mir auch nicht tr\u00e4umen lassen, als ich sein Angebot annahm, f\u00fcr ihn zu arbeiten.\u201c<\/p>\n<p>Jeremia atmete ruhig, st\u00f6hnte auch nicht mehr. Baruch wickelte sich in die Decke und legte sich auf den Boden, eine Hand an Jeremias Schulter. Dann schlief er ein, bis jemand ihn rief. Es war Jeremia, und die Sonne ging auf. Baruch holte frisches Wasser, Jeremia trank gierig. \u201eWie ist das passiert?\u201c fragte Baruch, doch Jeremia sch\u00fcttelte nur den Kopf. Dann begann er zu weinen. Baruch hielt seine Hand und sagte nichts.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter &#8211; Baruch hatte Jeremia inzwischen das kalte Essen vom Vortag eingefl\u00f6\u00dft &#8211; erschien mit Gefolge Pashur, der Hohe Priester. \u201eHoffentlich war dir das eine Lehre!\u201c sagte er zu Jeremia. Dann befahl er seinen Dienern, Jeremia freizulassen und ging wieder. Kaum war Jeremia frei, rief er dem Pashur Drohungen nach: Jerusalem w\u00fcrde zerst\u00f6rt, das Volk nach Babylon entf\u00fchrt und er, Pashur, w\u00fcrde in fremder Erde begraben werden. Doch der h\u00f6rte wohl nicht oder wollte nicht h\u00f6ren, jedenfalls bekamen die Diener nicht Befehl, Jeremia wieder anzuketten.<\/p>\n<p>\u201eLa\u00df uns nach Hause gehen,\u201c schlug Baruch vor, doch Jeremia konnte kaum gehen. Baruch bat ihn, einen Augenblick zu warten; er hatte einen Bekannten mit einem Esel entdeckt und lieh sich das Tier aus, half Jeremia beim Aufsteigen und brachte ihn so nach Haus. W\u00e4hrend den ganzen Weges schwieg Jeremia, und Baruch traute sich nicht, etwas zu sagen. Er sah nur die Tr\u00e4nen in Jeremias Augen, ahnte die Verzweiflung. Zuhause bereitete er Jeremia als erstes ein Bad, dann machte er Feuer und etwas zu essen. Doch Jeremia wollte weder baden noch essen. Sa\u00df am Boden und schlug mit der Faust auf den Teppich, schlug sich vor den Kopf, raufte sich die Haare. Dann sa\u00df er ganz still und in sich zusammengesunken. \u201eWarum mu\u00df ich leiden, weil ich Gott gehorche!\u201c fl\u00fcsterte er immer wieder, und zwischendurch: \u201eAber ich kann nicht anders, ich mu\u00df ihm gehorchen!\u201c<\/p>\n<p>Baruch kannte solche Situationen. Darum hielt er sich in seiner N\u00e4he auf, erledigte Kleinigkeiten. Seine Schreibsachen lagen bereit. Schlie\u00dflich stand Jeremia auf, begann &#8211; m\u00fchsam &#8211; auf- und abzugehen. \u201eWas ist das f\u00fcr ein Leben, Baruch,\u201c fragte er dann, \u201eabgelehnt, angefeindet, verfolgt &#8211; weil ich die Wahrheit sagen mu\u00df. Weil ich Gottes Volk vor dem Verderben warnen mu\u00df. Weil ich sein Volk mitsamt seinen Oberen zu Gott zur\u00fcckrufen mu\u00df. Ich mu\u00df, verstehst du? Es, nein er, Gott selber, zwingt mich. Weil er sein Volk retten will, mu\u00df ich leiden. Mu\u00df auf alles verzichten, was Menschen gern haben: Erfolg, Ansehen und Anerkennung, Liebe. Freude am Leben, Friede mit sich und anderen. Was davon habe ich? Nichts, rein gar nichts. Ausgepeitscht, \u00f6ffentlich gedem\u00fctigt, von den Leuten begafft wie ein Monster. Kann Gott so grausam sein, da\u00df er mich kaputt macht? Ich m\u00f6chte ihm davonlaufen, ihn vergessen &#8211; doch ich kann nicht. Er ist st\u00e4rker. Und, Baruch, eben darum, weil er der st\u00e4rkere ist, eben darum werde ich am Ende Recht behalten, glaub es mir.\u201c<\/p>\n<p>Baruch hatte eifrig mitgeschrieben. Sp\u00e4tere Zeiten, da war Baruch sich sicher, w\u00fcrden anhand seiner Protokolle feststellen, da\u00df Jeremia Recht bekommen hat. Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p>Gebet:<\/p>\n<p>Gott, du f\u00fchrst uns immer wieder das Schicksal deiner Propheten vor Augen, das Schicksal von Menschen, die deinen Willen kennen und ihn umsetzen wollen; die ihren Mitmenschen die Augen f\u00fcr ihr Unrecht und damit f\u00fcr eine bessere Welt \u00f6ffnen wollen. Doch es scheint das Schicksal solcher Propheten zu sein, da\u00df sie um deiner Wahrheit willen verfolgt, sogar get\u00f6tet werden.<\/p>\n<p>Gott, wir m\u00fcssen gestehen: Wir taugen wenig zu Blutzeugen deiner Wahrheit. Ja, oft tun wir uns schon schwer etwas zu sagen, wenn in unserer kleinen Umgebung ein kleines Unrecht geschieht. Dann sehen wir lieber weg und halten den Mund, anstatt uns die Zunge zu verbrennen. Gott, du erwartest vielleicht keine gro\u00dfen Taten von uns, doch gib uns Mut, wenigstens die kleinen Wahrheiten zu sagen.<\/p>\n<p>Liedvorschlag:<\/p>\n<p>Du sch\u00f6ner Lebensbaum des Paradieses (Wochenlied) EG 96; In dich hab ich gehoffet, Herr, EG 275; Wenn wir in h\u00f6chsten N\u00f6ten sein, EG 366; Erneure mich, o ewigs Licht, EG 390<\/p>\n<p><strong>Paul Kluge<\/strong><\/p>\n<p><strong>Provinzialpfarrer im Diakonischen Werk in der<\/strong><\/p>\n<p><strong>Kirchenprovinz Sachsen<\/strong><\/p>\n<p><strong>Postfach 54, 39028 Magdeburg<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"mailto:Paul.Kluge@t-online.de\"><strong>E-Mail: Paul.Kluge@t-online.de<\/strong><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Okuli | 18. M\u00e4rz 2001 |\u00a0Jeremia 20,7-11a | Paul Kluge | Liebe Geschwister, Baruch wurde allm\u00e4hlich unruhig: Die Sonne war schon fast untergegangen, und Jeremia war noch nicht zur\u00fcck. 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