{"id":22184,"date":"2001-03-20T13:46:48","date_gmt":"2001-03-20T12:46:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22184"},"modified":"2025-03-20T14:52:34","modified_gmt":"2025-03-20T13:52:34","slug":"johannes-821-26a-26b-30","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-821-26a-26b-30\/","title":{"rendered":"Johannes 8,(21-26a) 26b-30"},"content":{"rendered":"<h3>Reminiscere | 11. M\u00e4rz 2001 | Johannes 8,(21-26a) 26b-30 | Jan Christian Vaessen |<\/h3>\n<p><strong>Lesungen:<\/strong>\u00a0Exodus 3,13-14<\/p>\n<p>Johannes 8, (21-26a) 26b-30<\/p>\n<p>F\u00fcr diese Predigt sind die liturgischen Bedingungen entscheidend gewesen. Der Name des Sonntags &#8211; reminiscere, sich erinnern &#8211; und die Taufe im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes haben die Wahl der alttestamentlichen Lesung beeinflu\u00dft (Exodus 3,13-14 wo Gott sich Moses mit dem Namen \u2018ich bin der ich bin\u2019 bekannt macht). Durch diese Verbindung wird die Kontroverse zwischen Jesus und die Juden in Johannes 8,21-26a vielleicht besser verstehbar. Gleichzeitig soll deutlich werden, da\u00df in diesem Namen der entfernte und oft unverstehbare Gott dem Mensch sehr nah kommt.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>Was bedeutet es, im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes getauft zu sein oder zu werden? Jedesmal, wenn wir hier ein Kind zur Taufe getragen haben, wird diese Frage gestellt und beantwortet. Gott verbindet seinen Namen mit diesem Kind und damit sagt er: ich liebe dich und verspreche dir, da\u00df ich mit dir bin so lange du leben wirst. denn Gott will dein Vater sein und in Jesus, deinem Freund und mit seinem heiligen Geist in dir wohnen damit du es aushalten kannst in einer Welt wo es manchmal sehr dunkel werden kann. Die Taufe im heutigen Gottesdienst ist ein bi\u00dfchen anders als sonst, weil heute nicht ein Kind getauft wird sondern Lammie Wilkens als erwachsene Frau. Danach wird sie mit Jan Vermeer und Janet Nieuwehave in den Gemeinderat eingef\u00fchrt. In der Vorbereitung habe ich mich darum auch explizit auf die Taufe konzentriert und besonders auf die Frage, was es bedeutet, im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes zu taufen.<\/p>\n<p>So las ich in einem liturgischen Handbuch, da\u00df Pfarrer oft die Neigung oder das Gef\u00fchl haben die Taufhandlung im Namen Gottes zu verrichten und da\u00df sie sich dabei f\u00fcr die Stellvertreter Gottes auf Erde halten. Wie man vor dem Gericht jemanden repr\u00e4sentieren kann, so spricht und handelt der Pfarrer f\u00fcr oder im Namen des nicht leiblich anwesenden Gottes. Der Liturg war sehr entschieden gegen diese Auffassung des Satzes \u2018ich taufe dich im Namen des &#8230;\u2019 Der Pfarrer ist nicht der Sonderbeauftragter Gottes. Das w\u00e4re zu viel Ehre f\u00fcr die Person des Pfarrers. Nein der Satz bedeutet etwas ganz anderes: es geht darum da\u00df der Getaufte untertaucht und aufgenommen, oder geborgen wird im Namen Gottes. Das die Taufe vollzogen wird ist wichtig, nicht wer sie vollzieht. Ich mu\u00df Ihnen ehrlich gestehen, da\u00df ich mich als Vollzieher der Taufe jedesmal ein bi\u00dfchen als Stellvertreter Gottes in Gasselte gef\u00fchlt habe und das war mir auch ganz angenehm. Ich fand den Autor und seine Gedanken ziemlich \u00fcbertrieben. Ich meine, jemand mu\u00df doch die Taufe vollziehen. Aber trotzdem konnte ich die ganze Sache auch nicht gut loswerden und fragte mich: hat er vielleicht Recht? Ist es nicht so, da\u00df wir als Arbeiter in der Kirche viel zu leicht wichtige Stellen einnehmen die wir anderen verweigern? K\u00f6nnen wir je wahr machen, was Gott mit seinem Geist bewirkt? Was bedeutet es geborgen zu sein im Namen Gottes, eben da wo Menschen meistens fehlen?<\/p>\n<p>Gott schickte Moses nach \u00c4gypten um sein Volk aus der Sklaverei zu befreien. \u201cAber Herr, die werden mir nicht glauben. Und wenn die mir fragen wer hat dich zu uns geschickt was soll ich dann sagen. Ich k\u00f6nnte sagen: der Gott Euer V\u00e4ter hat mich geschickt, aber ich f\u00fcrchte, da\u00df das nicht gen\u00fcgt. Die wollen bestimmt mehr wissen. In \u00c4gypten gibt es so viele G\u00f6tter und die haben alle einen eigenen Namen. Und wenn das Volk wissen will, Gott, wie dein Name ist, was werde ich dann sagen? Wie hei\u00dft du, Herr?\u201d<\/p>\n<p>Warum ist in der Bibel der Eigenname eigentlich so wichtig? Ich glaube, da\u00df das etwas zu tun hat mit Verantwortlichkeit und Gemeinschaftssinn. So lange du anonym bist, kann keiner dich auf irgend etwas ansprechen. Aber von dem Moment an, in dem du dich vorgestellt hast, deinen Namen preisgegeben hast, kann man dich auf deinen Namen ansprechen und verantwortlich machen f\u00fcr deinen Taten. Wenn du deinen Name jemandem sagst, dann gibst du dem anderen auch ein bi\u00dfchen Macht \u00fcber dich. Er oder sie kann dich rufen, damit du in der Gemeinschaft mitmachst, damit du tust, was du versprochen hast, damit du hilfst, die Gemeinschaft weiter aufzubauen. Kurz und gut, wenn du einmal deinen Namen gegeben hast dann kann jeder dich auffordern, deine Verantwortung auf dich zu nehmen &#8211; so wie jeder in der Gemeinschaft das macht. Die Frage von Moses nach Gottes Name ist also auch die Frage nach Gottes Beziehung zu seinem unterdr\u00fcckten Volk. K\u00f6nnen wir auf dich rechnen, Gott, k\u00f6nnen wir dich halten an was du uns versprochen hast, willst du wirklich das Schicksal deines unterdr\u00fcckten Volkes teilen und bist du mehr als die anderen G\u00f6tter, f\u00fcr die wir Tempel bauen m\u00fcssen in \u00c4gypten? Eine logische Frage \u00fcbrigens, denn das Volk Israel war schon sehr lange Zeit in \u00e4gyptischer Sklaverei gewesen und dann wird man mi\u00dftrauisch.<\/p>\n<p>Aber als Gott antwortet wird Moses nur teilsweise befriedigt. Einerseits gibt Gott seinen Namen preis: Ich bin der ich bin. Mit diesem Namen will er angesprochen werden, teilnehmen an der Gemeinschaft seines Volkes. Anderseits sagt dieser Name in sich selbst noch nicht sehr viel. Da ist noch eine Menge unausgesprochener Bedeutung drin, die man nicht so einfach erkl\u00e4ren kann. Ich mu\u00df dabei an eine Frage denken, die ein Reitsch\u00fcler an seinem Lehrer stellte: \u201cSie sagen immer, da\u00df wir mitgehen m\u00fcssen in der Bewegung. Was bedeutet das eigentlich?\u201d \u201cAch so\u201d, sagte der Lehrer, \u201cdas ist ganz einfach. Du sitzt auf einem Pferd, das Pferd bewegt sich, und du mu\u00df mitgehen mit dieser Bewegung.\u201d \u201cAlso mitgehen in der Bewegung\u201d, sagte der Sch\u00fcler, \u201cbedeutet mitgehen in der Bewegung. K\u00f6nnten Sie das vielleicht noch ein wenig weiter erkl\u00e4ren, denn ich verstehe es immer noch nicht.\u201d \u201cWei\u00df du was du machen sollst antwortete der Lehrer ein bi\u00dfchen irritiert, \u201csetz dich auf dein Pferd und f\u00fchl die Bewegung. Dann wird die Bewegung dir beibringen, wie du darin mitgehen kannst. Es gibt nun einmal Sachen die man nicht erkl\u00e4ren kann, die mu\u00df man erfahren.\u201d Etwas \u00e4hnliches wirkt auch in dem Namen \u2018Ich bin der ich bin\u2019: Willst du wirklich wissen Moses was dieser Name bedeutet dann mu\u00dft du das lernen aus der Erfahrung. Da ist so vieles in diesem Namen, das man nicht erkl\u00e4ren kann, weil kein Mensch es verstehen kann, weil es keine Worte daf\u00fcr gibt, weil es mehr ist als menschlicher Sprache und Logik fassen kann. Das kann sehr verunsichern und es braucht auch viel Vertrauen, um mit so einem geheimnisvollen Namen auf Reisen zu gehen. Aber das Volk Israel hat aus eigener Erfahrung gelernt, da\u00df der Gott, der sich mit diesem Namen offenbart hat, ihr Vertrauen noch nie entt\u00e4uscht hat. Wie dunkel und verzweifelt ihre Lage auch war, er hat sie immer besch\u00fctzt und bewahrt.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich: am Anfang ist dieser Glaube noch nicht ganz stark. Gott ist einer der vielen G\u00f6tter. Aber als die Erfahrungen zunehmen und deutlich wird da\u00df f\u00fcr den Gott Israels kein Meer zu tief ist, um sein Volk zu retten, dann wird er der allerh\u00f6chste Gott im Himmel und auf Erden. Sein Name ist mehr als menschlicher Verstand fassen kann, aber dies haben wir erfahren: er ist mit uns, immer und \u00fcberall. Das wird auch ausgedr\u00fcckt mit dem Name Jahwe. Dieser Name ist zwar grammatikalisch verwandt mit dem Verbum \u2018sein\u2019 womit Gott sich an Moses bekannt gemacht hat, aber ist von diesem Verbum kein Verbalform. Das hei\u00dft: er ist da, er ist mit uns, aber wir k\u00f6nnen ihn nicht mit Sprache restlos beschreiben, verstehen, erfassen. Das ist auch der Grund warum die Juden den Gottesnamen nicht aussprechen. Jedesmal als sie den Buchstaben JHWH in der Schrift begegnen, sagen sie\u00a0<em>ha shem,<\/em>\u00a0was \u201cder Name\u201d bedeutet. Und in diesem Namen klingen alle unausgesprochenen Bedeutungen mit. Die Bedeutungen, die wir aus eigener Erfahrung in der Vergangenheit kennen gelernt haben und auch die Bedeutungen, die wir noch nicht kennen. Der allerh\u00f6chste Gott im Himmel und auf Erden, der die Sonne, dem Mond und den Sternen ihre Bahn gegeben hat; der das Gute vorhat mit seiner Sch\u00f6pfung; der den Mensch gemacht hat als Mitarbeiter; der das B\u00f6se in seinen unverstehbaren Tiefen \u00fcberwunden hat mit seiner Liebe. Der Gott der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft; der Leben gibt wo der Tod ist; der Freude gibt wo Trauer ist; der Frieden gibt wo Menschen einander umbringen. Der Gott der Menschen eine verantwortliche Stelle gibt in der Gemeinde, die in einer anonymen gesichtslosen Computerkultur lebt; der seine Gemeinde besch\u00fctzt und bewahrt; auch wenn alles um sie her zusammenbricht. Der Gott der neue Perspektive gibt, wenn alles verloren scheint. Der Gott, der Jesus vom Tod erwecken kann und mit seinem Geist Menschen festh\u00e4lt, wenn sie im Dunkel fallen um sie danach wieder ins Licht zu stellen. Bist du getauft, geborgen in diesem Namen, dann ruft er dich bei deinem Namen, dann darfst du ihn anhalten zu dem, was er versprochen hat und es gibt nichts mehr, was dich scheiden kann von seiner Liebe. Gerade da wo Menschen fehlen, wird er da sein, um dich zu begleiten zu deiner Bestimmung und dir helfen um deine Stelle in der Gemeinschaft wieder einzunehmen.<\/p>\n<p>Das ist der Gott, den Jesus Vater nennt, der Gott der ihn nie alleine l\u00e4\u00dft, der Gott der in allem wahrhaftig ist. Jesus spricht seine W\u00f6rter, tut seine Taten. Die Juden verstehen das nicht und das ist eigentlich ganz logisch, weil in\u00a0<em>ha shem<\/em>\u00a0so vieles ist was f\u00fcr Menschen unverstehbar ist. Und wie ist es dann m\u00f6glich f\u00fcr einen Mensch um auf so intimer Weise mit Gott um zu gehen, da\u00df er ihn Vater nennt. Die Juden sind tief ersch\u00fcttert.\u00a0Aber Jesus l\u00e4\u00dft sich dadurch nicht ableiten. Ob sie es verstehen oder nicht\u00a0&#8211;\u00a0und eines Tages werden sie es verstehen &#8211; Gottes Willen wird realisiert werden. Das hei\u00dft, da\u00df er wieder der Gott ist, mit dem seine Kinder, sein Volk in intimer Weise umgehen. Der helfen wird, wie Menschen nie helfen k\u00f6nnen, ganz konkret im Alltag, aber auch in Leben und Sterben, in Zeit und Ewigkeit, immer und \u00fcberall. Das hei\u00dft auch, da\u00df Menschen sich wieder bei ihren Namen rufen lassen und mit voller Verantwortlichkeit ihre Stellen in der Gemeinschaft einnehmen und die Liebe des Herren flie\u00dfen lassen. Sie werden zeigen, da\u00df der Glaube an diesen Gott Mut gibt und Kraft, innerliche Ruhe und Frieden, wodurch Anderen gesegnet werden und auch selber diese Kraft erfahren werden. Kurz und gut, da\u00df getauft oder geborgen sein im Namen des Vaters des Sohnes und des heiligen Geistes keine leere Formel ist, sondern konkrete Hoffnung gebende Wirklichkeit, die jedem geg\u00f6nnt und gegeben wird.<\/p>\n<p>Ich glaube, da\u00df es inzwischen wohl deutlich geworden ist &#8211; mir ist es auf jeden Fall deutlich geworden &#8211; da\u00df kein Mensch sich selber f\u00fcr einen vollst\u00e4ndigen Vertreter oder Repr\u00e4sentant dieses Gottes auf Erden halten kann. Die Scheu, die die Juden hier haben ist lehrreich. Und auch der Liturg hatte Recht. Keiner kann sich f\u00fcr seine Position in der Gemeinde r\u00fchmen. Alles was in der Gemeinde geschieht, ist gleich wichtig. Jeder hat seine Talente und der Geist hilft diese Gaben auch zu entwickeln. Nat\u00fcrlich gibt es da Bedingungen, um die Gemeinde vor Oberfl\u00e4chlichkeit und Willk\u00fcr zu sch\u00fctzen. Pastoralarbeiter, Pfarrer, Gemeindemitglieder, Gemeinderatsmitglieder, alles was wir alle machen, machen wir aus dem Bewu\u00dftsein, da\u00df Gott Menschen liebt und wir mitarbeiten d\u00fcrfen, um diese Liebe unter die Menschen zu bringen. Und dann ist alles was getan wird im Namen Gottes &#8211; in der Offenheit oder mehr im verborgenen &#8211; wichtig. Es geht nicht um Positionen. Es geht um die Liebe Gottes, die allen Menschen gilt. Und daf\u00fcr k\u00f6nnen wir Jesus danken, da\u00df er die Liebe des Allerh\u00f6chsten, oft unverstehbaren Gottes so ganz nah zu den Menschen gebracht hat. Getauft sein oder sich geborgen wissen in seinem Namen ist etwas ganz Besonderes. Erfahre die Liebe Gottes und zeige sie dann jedem, der daf\u00fcr offen ist. Und du wirst dich wundern. Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Dr. Jan Christian Vaessen, Groningen, Niederlande<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Reminiscere | 11. 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