{"id":22186,"date":"2001-03-20T14:52:51","date_gmt":"2001-03-20T13:52:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22186"},"modified":"2025-03-20T14:55:01","modified_gmt":"2025-03-20T13:55:01","slug":"johannes-821-29-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-821-29-2\/","title":{"rendered":"Johannes 8,21-29"},"content":{"rendered":"<h3>Reminiscere | 11. M\u00e4rz 2001 | Johannes 8,21-29 | Richard Engelhardt |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Die Geschichte vom brennenden Dornbusch (2. Mose 3) \u2013 viele werden sie kennen \u2013 erz\u00e4hlt davon, dass Mose auf die wundersame Erscheinung hin, dass der Busch nicht verbrennt, herantritt und von Gott angesprochen wird. Der Gott, der V\u00e4ter, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, gibt ihm den Auftrag, sein Volk aus \u00c4gypten herauszuf\u00fchren, aus der Not der Unterdr\u00fcckung. Mose fragt nach dem Namen Gottes, um sich vor seinem Volk ausweisen zu k\u00f6nnen, um seine Vollmacht nachweisen zu k\u00f6nnen. \u201eGott sprach zu Mose: ICH BIN, DER ICH BIN.\u201c<\/p>\n<p>Die Juden, mit denen Jesus das Gespr\u00e4ch f\u00fchrt, das Johannes in unserem Abschnitt aus dem Evangelium berichtet, kannten die Geschichte vom brennenden Dornbusch und dem Wort Gottes: ICH BIN; der ich bin. Jedes Jahr hatten sie es einmal im Sabbatgottesdienst geh\u00f6rt. Untrennbar war f\u00fcr sie mit diesem Wort der Name Gottes verbunden. Ihre Frage an Jesus: \u201eKann ich Ihren Ausweis sehen?\u201c Bei ihnen schwingt in dieser Frage auch Erschrecken und Entsetzen mit. Hat doch dieser Jesus von Nazareth ihnen gegen\u00fcber gerade etwas gewagt, was nach all ihrem Wissen, ihrem Glauben, ihren Ordnungen nur Gott zusteht.<\/p>\n<p>\u201eWenn ihr nicht glaubt, dass ICH BIN, werdet ihr sterben in euren S\u00fcnden\u201c. Ein Mensch, dieser Jesus von Nazareth, ma\u00dft sich an, was ausschlie\u00dflich Gottes ist. Er sagt: ICH BIN.<\/p>\n<p>Wenn Jesus sagt: \u201eIch bin das Licht der Welt\u201c, kann man mit ihm dar\u00fcber streiten oder diskutieren. Wenn er sagt: \u201eIch bin der Weg und die Wahrheit und das Leben\u201c, dann kann man nachfragen, wie man das verstehen soll. Aber zu sagen: ICH BIN und wenn Ihr das nicht glaubt, dann werdet Ihr sterben, das geht f\u00fcr jeden frommen Juden entschieden zu weit, viel zu weit, n\u00e4mlich in die N\u00e4he Gottes. Dorthin darf kein Mensch. In Gottes N\u00e4he sind die Cherubinen, die himmlischen Heerscharen. Der Platz des Menschen ist auf dieser Erde. Hier hat er sich um die Ordnungen Gottes, des Herrn, zu m\u00fchen, IHN zu loben, und die Wohltaten aus SEINER Hand dankbar anzunehmen.<\/p>\n<p>Und nun kommt da einer und sagt, das ist zwar alles richtig, aber vor allem ist Gott der Vater. Von Gott als seinem Vater, dessen Willen er kennt, spricht dieser Jesus. Er redet von einem Gott, der offenbar ganz nahe ist, der die \u00dcberwindung des ewigen Todes und die Befreiung von Schuld verhei\u00dft, der ein Gott der Liebe ist. Gott, der Vater, l\u00e4\u00dft die S\u00fcnde nicht mehr zu, diese Trennung zwischen ihm und seinen Kindern. Und dieser Jesus sagt sogar: \u201eIch und der Vater sind eins.\u201c Das \u00fcbersteigt das Fassungsverm\u00f6gen der frommen Juden, die gekommen sind, mit Jesus ein religi\u00f6ses Gespr\u00e4ch \u00fcber Gott und die Welt zu f\u00fchren.<\/p>\n<p>Auf ihr Unverst\u00e4ndnis, ja sogar ihr Entsetzen, reagiert Jesus scheinbar unangemessen hart: \u201eWas rede ich \u00fcberhaupt noch mit euch!\u201c Ihr seid doch gefangen in euren Dogmen, in euren Vorurteilen. Ihr werdet ja doch tun, was ihr euch schon vorgenommen habt. Ihr werdet mich hinrichten, \u201eerh\u00f6hen\u201c ans Kreuz. Ich kann nicht mehr mit euch reden, denn ihr h\u00f6rt nicht zu, ihr wollt auch gar nicht zuh\u00f6ren. Ihr habt Angst, dass euch das Zuh\u00f6ren selbst in Frage stellt, dass ihr pl\u00f6tzlich etwas sehen k\u00f6nnt, was euch bisher verborgen war. Nein, mit euch zu reden, hat keinen Sinn mehr. Aber: \u201eIch habe viel \u00fcber euch zu reden.\u201c<\/p>\n<p>Und das, liebe Gemeinde, was Jesus \u00fcber die Menschen sagt, die da mit ihm in diesem merkw\u00fcrdigen Gespr\u00e4ch sind. Wenn wir darauf genauer h\u00f6ren, werden wir mit einem Mal merken, dass Jesus nicht nur \u00fcber die Menschen damals redet, sondern auch \u00fcber uns. Und wenn wir uns auf diese S\u00e4tze Jesus einlassen, dann werden wir \u2013 Gott gebe es \u2013 merken, dass Jesus nicht nur \u00fcber, sondern auch mit uns redet.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich k\u00f6nnen wir uns nicht mit den Menschen vergleichen, die bei diesem Gespr\u00e4ch dabei waren. Wir k\u00f6nnen dies vor allem deswegen nicht, weil wir die \u201eErh\u00f6hung\u201c des Jesus von Nazareth kennen, seinen Tod am Kreuz, und ihn als unseren Heiland glauben, den Gott in der Auferstehung erh\u00f6ht und ihm den Namen gegeben hat, der \u00fcber allen Namen ist. Erl\u00f6sung ist f\u00fcr uns nicht mehr ein ausschlie\u00dflich zuk\u00fcnftiges Ereignis, zu dem Jesus sagt: \u201eDenn werdet ihr erkennen, dass ICH BIN\u201c. Wir leben danach und bekennen, dass Jesus Christus wahrhaftiger Gott und auch wahrhaftiger Mensch ist.<\/p>\n<p>Aber da beginnen schon unsere Probleme. Glauben wir das wirklich? Anders gefragt: Hat das Bekenntnis zu Jesus dem Christus als wahrem Gott und wahrem Menschen im allt\u00e4glichen Leben eine Bedeutung? Wenn jemand sagt, Jesus sei ein bedeutender Lehrer gewesen, stimmen wir nat\u00fcrlich zu. Dass Jesus ein edler Mensch war, der f\u00fcr seine \u00dcberzeugung schlie\u00dflich gestorben ist, glauben sicher viele von uns. Auch als Vorbild, dem wir folgen k\u00f6nnen, akzeptieren wir ihn. Und vielen, die keine Christen sind, k\u00f6nnen wir diese Bilder Jesu vermitteln. Aber das Entscheidende fehlt: unser Glauben: Jesus der Christus. Jesus, der von sich sagt: ICH BIN. Der damit sagt: \u201eDer mich gesandt hat, ist mit mir. Der Vater l\u00e4\u00dft mich nicht allein.\u201c<\/p>\n<p>Wo wir dieses Bekenntnis nicht mehr wagen, dass wir nicht nur an Gott, sondern an Gott den Vater unseres Herrn Jesus Christus glauben; wo wir es nicht mehr wagen, von Gott als dem Vater und dem Sohn zu sprechen, da sind wir dann in der Lage derer, die nichts verstehen, die nichts verstehen k\u00f6nnen, weil sie im eigentlichen Sinn gottlos sind, nur von dieser Welt sind.<\/p>\n<p>Dreimal \u00fcberliefert Johannes den Ausspruch Jesus: \u201eIhr werdet in euren S\u00fcnden sterben\u201c. Viele verstehen das als Drohung. Einer der ganz gro\u00dfen Theologen des vergangenen Jahrhunderts, Rudolf Bultmann, meint, Jesus w\u00fcrde damit sagen wollen: Es gibt eine Zeit, in der es zu sp\u00e4t ist. Erkennt jetzt, dass ich der Sohn Gottes bin, bevor es zu sp\u00e4t ist, sonst werdet ihr in euren S\u00fcnden sterben.<\/p>\n<p>Ich denke mir, Jesus droht hier nicht. Er redet von Gott und Gottes Willen und vom Menschen und seiner Gefangenheit in sich selbst. Mit Jesus, dem Sohn Gottes, kommt Gott den Menschen nahe. Die Gottferne ist vorbei. Der Gott, der den Menschen durch Gebote und Ordnungen zu einem einigerma\u00dfen ertr\u00e4glichen Leben verhalf, den Menschen dabei aber immer in Ferne zu ihm, belie\u00df, und genau das hei\u00dft S\u00fcnde. Dieser ferne Gott kommt durch seinen Sohn ganz nahe. Jetzt ist da einer, der Gottes Willen tut, der Gottes Wort redet, der Gottes Weg geht, der mit Gott eins ist. Diesem Jesus als Sohn Gottes, als Christus zu vertrauen \u2013 und hei\u00dft, an ihn zu glauben \u2013 hebt die Gottesferne, die S\u00fcnde auf.<\/p>\n<p>In unserem ganz normalen Alltag k\u00f6nnen wir uns in diesem Glauben an den durch Jesus Christus nahen Gott geborgen f\u00fchlen. Nicht mehr ein drohender und strafender Gott steht weit \u00fcber uns, sondern der nahe Gott hilft uns auch da auf, wo wir straucheln und unsere Wege gehen. Der Apostel Paulus sagt es so:<\/p>\n<p>\u201eWer will verdammen? Christus ist hier, der gestorben ist, ja viel mehr, der auch auferweckt ist. Er ist zur Rechten Gottes und vertritt uns.<\/p>\n<p>Ich bin gewi\u00df, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch menschliche Gewalt, weder Gegenwart noch Zukunft, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herren.\u201c<\/p>\n<p>Von Martin Luther wird erz\u00e4hlt, er habe gesagt: \u201epecca fortiter!\u201c Auf deutsch hei\u00dft das: S\u00fcndige tapfer! Nat\u00fcrlich fordert Martin Luther damit nicht auf, ein s\u00fcndhaftes Leben fern von Gott zu f\u00fchren. Aber er wei\u00df, dass wir Menschen uns der liebenden Gegenwart Gottes nicht immer bewu\u00dft sind und immer wieder in der Versuchung stehen, uns auf unser eigenes K\u00f6nnen, auf uns selbst mit unserer Leistungsf\u00e4higkeit, Gesundheit oder Sch\u00f6nheit zu verlassen, unser eigenes Gl\u00fcck in uns selbst zu finden. In einer seiner \u00fcberlieferten Tischreden sagt Luther es so: \u201e Der Geist ist wohl willig, aber wir sind ein glimmender Docht, haben nur die Anf\u00e4nge des Geistes. Unser Herr Gott muss Geduld mit uns haben.\u201c Tapfer zu s\u00fcndigen, hei\u00dft dann, zur eigenen S\u00fcnde, zur Gottesferne, sich zu bekennen und mutig in Gottes H\u00e4nde zu geben, was unsere nicht tragen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Nicht, dass wir Zweifel haben, dass wir uns gottverlassen f\u00fchlen, dass wir immer wieder eigene Wege gehen, \u2013 nicht dies alles trennt uns von Gott und seiner Liebe. All diese Trennungen aufzuheben, hat Gott seinen eigenen Sohn Jesus Christus auf diese Welt gegeben und hat ihn den Namen gegeben, der \u00fcber alle Namen ist. Alle Welt kann bekennen, dass Jesus Christus der Herr sei, zur Ehre Gottes, des Vaters und \u2013 wie wir hinzusetzen k\u00f6nnen \u2013 zu unserem Heil.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Anmerkung<\/strong>: In der Textabgrenzung folgt Verf. der sehr gr\u00fcndlichen Exegese von Christoph Hinz\/Merseburg in GPM 1966\/67 (21. Jahrg.) S. 120 ff: \u201eVers 30ff hinzuzunehmen, bedeutet ein neues Predigtthema\u201c. Zum \u201eego eimi\u201c (ich bin) waren hilfreich der Spezialartikel von E. Stauffer im ThWB 11, S. 350 ff und Wolfgang Staemmler im GPM 1956\/57 S. 86 ff.<\/p>\n<p><strong>Pastor i.R. Richard Engelhardt<\/strong><\/p>\n<p><strong>19055 Schwerin<\/strong><\/p>\n<p><strong>August-Bebel-Str. 18 A<\/strong><\/p>\n<p><strong>Tel.: 0385-5815432<\/strong><\/p>\n<p><strong>Fax: 0385-5815431<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Reminiscere | 11. M\u00e4rz 2001 | Johannes 8,21-29 | Richard Engelhardt | Liebe Gemeinde! 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