{"id":22190,"date":"2001-03-20T14:57:44","date_gmt":"2001-03-20T13:57:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22190"},"modified":"2025-03-20T15:00:18","modified_gmt":"2025-03-20T14:00:18","slug":"lukas-2231-34-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-2231-34-4\/","title":{"rendered":"Lukas 22,31-34"},"content":{"rendered":"<h3>Invokavit | 4. M\u00e4rz 2001 | Lukas 22,31-34 | Walter Meyer-Roscher |<\/h3>\n<p><strong>Der Predigttext:<\/strong><\/p>\n<p>Jesus sprach zu Petrus: Simon, Simon, siehe, der Satan hat begehrt euch zu sieben wie den Weizen. Ich aber habe f\u00fcr dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufh\u00f6re. Und wenn du dereinst dich bekehrst, so st\u00e4rke deine Br\u00fcder. Er aber sprach zu ihm: Herr, ich bin bereit, mit dir ins Gef\u00e4ngnis und in den Tod zu gehen. Er aber sprach: Petrus, ich sage dir: Der Hahn wird heute nicht kr\u00e4hen, ehe du dreimal geleugnet hast, dass du mich kennst.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Die Spreu vom Weizen trennen \u2013 von Zeit zu Zeit ist das notwendig. Jeder wei\u00df es. Es gibt Situationen, in denen klar sein muss, mit welchen Freunden wir rechnen k\u00f6nnen und auf welche Zusagen wir uns in Notf\u00e4llen verlassen d\u00fcrfen. Es gibt Pr\u00fcfungen, die wir bestehen m\u00fcssen. Wenn wir dabei &#8222;durchfallen&#8220;, m\u00fcssen wir die bitteren Konsequenzen tragen. Das alte Bild vom Getreidesieb, das so lange gesch\u00fcttelt wird, bis die Spreu ausgesiebt ist und der Weizen zur\u00fcckbleibt, ist nach wie vor aussagekr\u00e4ftig. Sieben und ausgesiebt werden \u2013 es geh\u00f6rt zu unserem Leben. Darauf kann auch keine Gemeinschaft von Menschen, keine Gesellschaft verzichten.<\/p>\n<p>Aber das wird ja immer schlimmer. Lebenslanges Lernen erfordert auch lebenslange Pr\u00fcfungen mit der st\u00e4ndigen Angst, durchs Sieb zu fallen und vielleicht einmal endg\u00fcltig ausgesiebt zu werden. In einer immer mehr von Konkurrenzk\u00e4mpfen durchgesch\u00fcttelten Gesellschaft wird auch immer mehr gesichtet und gesiebt. Leistung, Durchsetzungsverm\u00f6gen, H\u00e4rte gegen sich selbst und andere, Erfolge oder Niederlagen \u2013 das sind die Kriterien, nach denen ein Leben beurteilt und dann eben die Spreu vom Weizen getrennt wird. Das ist nun einmal die Ordnung, nach der unsere Welt funktioniert. Die Starken und Anpassungsf\u00e4higen setzen sich durch, die nicht mithalten k\u00f6nnen, bleiben auf der Strecke. Versager haben keine Chance. Und das werden immer mehr, die durchs Sieb fallen, die gnadenlos und endg\u00fcltig ausgesiebt werden. Dann kr\u00e4ht kein Hahn mehr nach ihnen.<\/p>\n<p>Das muss doch mit dem Teufel zugehen! Wir sagen das so. Der Evangelist Lukas behauptet es auch. Jedenfalls kann man das Wort Jesu an Petrus und die \u00fcbrigen J\u00fcnger so verstehen: &#8222;Siehe, der Satan hat begehrt, euch zu sieben wie den Weizen&#8220;. Wenn die Macht des B\u00f6sen im Spiel ist, haben wir dann \u00fcberhaupt noch eine Chance?<\/p>\n<p>Der Schriftsteller Harry Mulisch beschreibt in seinem gro\u00dfartigen Roman &#8222;Die Entdeckung des Himmels&#8220; eine Situation, in der es keine Hoffnung mehr f\u00fcr uns gibt, weil Gott uns und die Welt zum Teufel gehen l\u00e4sst. Mit Gott k\u00f6nnen wir nicht mehr rechnen. Er hat genug von den Menschen. Seinen ewigen Bund mit ihnen k\u00fcndigt er auf und wendet sich von ihnen ab.<\/p>\n<p>&#8222;Ich kann es nicht glauben&#8220;, sagt daraufhin ein Engel im Himmel. &#8222;Du wirst schon lernen, es zu glauben&#8220; entgegnet ein anderer. &#8222;Du wirst schon sehen: Die H\u00f6lle wird auf der Erde losbrechen. Ach, es ist hoffnungslos. Vergiss es!&#8220;<\/p>\n<p>Ja, so denken wir wohl auch manchmal: Es ist hoffnungslos, vergiss es! Und wir entschuldigen uns selbst dabei mit dem Hinweis auf anonyme, b\u00f6se M\u00e4chte; auf Faktoren in der allgemeinen Entwicklung, die wir doch nicht beeinflussen k\u00f6nnen; auf die Eigendynamik in einer Ordnung von Sieben und Gesiebt werden. Das geht wirklich mit dem Teufel zu.<\/p>\n<p>An diesen Teufel glaube ich nicht. Er ist doch nur ein Alibi f\u00fcr unseren Egoismus, unsere Anpassung an die Ordnung, die wir beklagen, aber doch selbst weiter in Gang halten. Die Macht des B\u00f6sen \u2013 wir selbst sind es, die diese Macht in Gang setzen und in unserem Denken und Tun in Bewegung halten. Die H\u00f6lle, die der Engel in Harry Mulischs Roman auf der Erde losbrechen sieht, bereiten wir selbst uns und anderen. Die H\u00f6lle bereitet sich eine Gesellschaft selbst, in der immer mehr Menschen nicht mehr mithalten k\u00f6nnen, durchs Sieb fallen, f\u00fcr wertlos erkl\u00e4rt werden. Ach, es ist hoffnungslos, vergiss es!<\/p>\n<p>Die blo\u00dfe Beteuerung, wir lie\u00dfen uns von dieser H\u00f6lle nicht vereinnahmen, bei uns h\u00e4tte die Macht des B\u00f6sen keine Chance, hilft da noch nicht. Selbst Petrus muss diese Erfahrung machen. Und er meint es gewiss ehrlich, wenn er verspricht, f\u00fcr Jesus und damit doch f\u00fcr Gottes Herrschaft in unserer Welt einzutreten: &#8222;Herr, ich bin bereit, mit dir ins Gef\u00e4ngnis und in den Tod zu gehen.&#8220; Aber als er nach dem gemeinsamen letzten Abendmahl und nach der Gefangennahme Jesu in Gethsemane in der Morgend\u00e4mmerung den ersten Hahn kr\u00e4hen h\u00f6rt, hat er schon dreimal behauptet, diesen Jesus nicht zu kennen. Ausgerechnet Petrus, dessen Name ein G\u00fctezeichen sein soll! &#8222;Der Fels&#8220;, hei\u00dft er, und felsenfest wollte er zu seiner \u00dcberzeugung stehen. Auch er ein Versager! Auch er durchs Sieb gefallen \u2013 f\u00fcr unsere geheime Sehnsucht nach Vorbildern wertlos. Wer kann dann \u00fcberhaupt noch hoffen? Ach, es ist hoffnungslos, vergiss es&#8220;, sagt der Engel in der &#8222;Entdeckung des Himmels&#8220;. Ja, auf den Himmel m\u00fcssen wir dann wohl verzichten und uns statt dessen mit der H\u00f6lle auf Erden abfinden.<\/p>\n<p>Nein, das m\u00fcssen wir nicht. Die Geschichte vom Versagen des Petrus ist eigentlich eine Hoffnungsgeschichte. Das macht Jesus selbst schon in der Ank\u00fcndigung dieses Versagens deutlich. Auch wenn Petrus durch das Sieb seiner eigenen Selbsteinsch\u00e4tzung f\u00e4llt \u2013 Jesus verspricht, den Versager nicht fallen zu lassen, f\u00fcr ihn auch k\u00fcnftig da zu sein, seiner verratenen, ins Wanken geratenen Lebens\u00fcberzeugung wieder einen festen Grund zu geben. &#8222;Ich habe f\u00fcr dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufh\u00f6re&#8220;.<\/p>\n<p>Wenn Jesus diesen Petrus nicht aufgibt, ihn sogar eines weitreichenden Auftrags w\u00fcrdigt, dann darf niemand mehr sagen: &#8222;Ach, es ist hoffnungslos, vergiss es!&#8220; Kein Versagen rechtfertigt ein endg\u00fcltiges Negativurteil \u00fcber einen Menschen. Auch ein Verrat an der eigenen Lebens\u00fcberzeugung, an den eigenen Idealen und Werten tr\u00e4gt niemals den Stempel der Endg\u00fcltigkeit. Wenn Jesus den Petrus nicht abschreibt, hat niemand mehr ein vermeintliches Recht, andere abzuschreiben \u2013 auch nicht das Recht, am Wert des eigenen fragmentarischen Lebensentwurfs zu zweifeln. Da ist immer noch Hoffnung. Da ist die M\u00f6glichkeit der Selbstbesinnung, und da gibt es noch einmal die Chance des Neuanfangs.<\/p>\n<p>Die Geschichte vom Verrat des Petrus und von der neuen Chance, die er bekommt, verr\u00fcckt angeblich unver\u00e4nderliche Ma\u00dfst\u00e4be. Sie zeigt, dass unser Leben vor einer letzten Instanz nach anderen Kriterien beurteilt wird als in der Ordnung von Sieben und Gesiebtwerden. Wer an seine Grenzen kommt, bekommt auch eine neue Chance, sich gerade da zu bew\u00e4hren.<\/p>\n<p>Wir brauchen uns nicht mehr mit demonstrativ zur Schau getragenen Erwartungen an die eigene Standfestigkeit, die eigenen Kr\u00e4fte und F\u00e4higkeiten oder mit der uneingestandenen Angst vor kommenden Niederlagen selbst das Leben zur H\u00f6lle zu machen. Wir brauchen uns nicht zu beteiligen, wenn Menschen abgewertet und abgeschrieben werden. Vielmehr k\u00f6nnen wir andere in den Niederlagen ihres Lebens st\u00fctzen und st\u00e4rken.<\/p>\n<p>Das schlie\u00dft zu einer Gemeinschaft zusammen, in der Selbstgerechtigkeit, \u00dcberheblichkeit und Ausgrenzung der Versager keinen Platz haben. Davon geht ein neuer Geist aus und der kann auch eine neue Ordnung des Zusammenlebens im Keim sichtbar machen. Petrus hat es in der Begegnung mit Jesus als einer der ersten erfahren: aus der neuen Chance f\u00fcr das eigene Leben erw\u00e4chst eine bleibende Verantwortung f\u00fcr andere, gerade f\u00fcr die Schw\u00e4cheren, die gest\u00e4rkt und gest\u00fctzt werden m\u00fcssen. Da m\u00f6gen viele sagen, es sei hoffnungslos, sich dem Sog des B\u00f6sen entziehen zu wollen. Das brauchen wir nicht zu glauben. Wir k\u00f6nnen uns an die Hoffnung halten, die Petrus begleitet hat, und dann k\u00f6nnen wir auch mithelfen, die Macht des B\u00f6sen einzud\u00e4mmen, der H\u00f6lle auf Erden Grenzen zu setzen.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Walter Meyer-Roscher, Landessuperintendent i.R., Hildesheim<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"mailto:meyro-hi@t-online.de\"><strong>E-Mail: meyro-hi@t-online.de<\/strong><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Invokavit | 4. M\u00e4rz 2001 | Lukas 22,31-34 | Walter Meyer-Roscher | Der Predigttext: Jesus sprach zu Petrus: Simon, Simon, siehe, der Satan hat begehrt euch zu sieben wie den Weizen. Ich aber habe f\u00fcr dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufh\u00f6re. Und wenn du dereinst dich bekehrst, so st\u00e4rke deine Br\u00fcder. 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