{"id":22198,"date":"2001-05-20T15:09:35","date_gmt":"2001-05-20T13:09:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22198"},"modified":"2025-03-20T15:11:52","modified_gmt":"2025-03-20T14:11:52","slug":"jesaja-121-6-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jesaja-121-6-4\/","title":{"rendered":"Jesaja 12,1-6"},"content":{"rendered":"<h3>Kantate | 13. Mai 2001 | Jesaja 12,1-6 | Paul Kluge |<\/h3>\n<p>Liebe Geschwister,<\/p>\n<p>nach dem Sonntag &#8222;Jubilate&#8220;, der zum Lob Gottes auffordert, und vor dem Sonntag &#8222;Rogate&#8220;, betet, ist der heutige vierte Sonntag nach Ostern der Kirchenmusik gewidmet: &#8222;Kantate&#8220;, singet. Dem entsprechend werden die Predigttexte ausgesucht, f\u00fcr heute das zw\u00f6lfte Kapitel des Jesajabuches: &#8230;&#8230;&#8230;..<\/p>\n<p>Wie mag dieses Lied entstanden sein? Ich kann mir vorstellen, da\u00df es so gewesen sein k\u00f6nnte:<\/p>\n<p>Jesaja hatte es schwer mit seinem Auftrag, sein Volk zur Bu\u00dfe, zur Umkehr, zur Einsicht zu rufen. Seine Warnungen stie\u00dfen auf taube Ohren, er wurde beschimpft und verh\u00f6hnt, ihm wurde gedroht. Als er &#8211; wieder einmal &#8211; mit seinem Latein am Ende war, beriet er sich &#8211; wieder einmal &#8211; mit seinen wenigen Freunden. Doch die hatten &#8211; wieder einmal &#8211; nur Allgemeinpl\u00e4tze abgesondert und Spr\u00fcche geklopft. Das half ihm gar nicht, zeigte ihm bestenfalls, da\u00df sie genau so ratlos waren wie er &#8211; und schlimmstenfalls, da\u00df sie seine Probleme entweder nicht verstanden oder nicht ernst nahmen. Beides schmerzte ihn, und so verlie\u00df er die Runde pl\u00f6tzlich und gru\u00dflos.<\/p>\n<p>Er schlug den Weg zu einer Prophetin ein, mit ihr hatte er einen Sohn. Als er eintrat, ahnte die Frau gleich, was los war. Sie bereitete ihm ein Essen, danach setzte sie sich mit einem Krug Wein zu ihm. Wartete, bis er etwas sagte, und das dauerte. Als er schlie\u00dflich seine Freunde erw\u00e4hnte, die er getroffen hatte, wurde die Ahnung der Frau zur Gewi\u00dfheit: Jesaja war mal wieder am Ende, wu\u00dfte nicht weiter, wollte nicht mehr. Das gefiel ihr gar nicht, denn meistens brauchte es Tage, bis er sich wieder aufraffte. In diesen Tagen war er nur schwer zu ertragen, und meistens blieb er dann bei ihr.<\/p>\n<p>&#8222;Niemand will meine Warnungen h\u00f6ren!&#8220; seufzte er schlie\u00dflich, &#8222;nicht einmal der K\u00f6nig. Obwohl der die Gefahr genau sieht, die uns bedroht. Wenn wir so weitermachen, ist es bald zu Ende, es kann so nicht weitergehen. Wir m\u00fcssen radikal umdenken, wenn unsre Kinder und Kindeskinder hier noch leben sollen. Eigentlich wissen das ja alle, bis auf ein paar Ignoranten. Aber keiner schert sich darum. Alle machen unbek\u00fcmmert weiter. Arbeiten dadurch am eigenen Untergang mit. Das kann doch nicht wahr sein!&#8220;<\/p>\n<p>Er nahm einen tiefen Schluck Wein und schwieg. &#8222;Leider ist es wahr, Jesaja,&#8220; sagte die Frau, &#8222;die Menschen sind so. Und wei\u00dft du, warum? Gerade, weil sie Angst haben, gerade, weil sie wissen: Du hast Recht. Aber die verdr\u00e4ngen ihre Angst, weil Angst l\u00e4hmt. Sie k\u00f6nnten nicht mehr leben, wenn sie der Bedrohung ins Auge s\u00e4hen. Und genau das versuchst du: Du zeigst den Kaninchen die Schlange.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Ja, beschimpf\u2019 mich nur,&#8220; st\u00f6hnte Jesaja, &#8222;wer am Boden liegt, la\u00dft sich gut schlagen.&#8220; F\u00fcr einen Moment wurde die Frau zornig, h\u00e4tte ihm am liebsten gesagt, da\u00df er auch nicht anders sei als die anderen, und ihn dann nach Hause geschickt. Aber sie beherrschte sich, sagte ihm, da\u00df seine Predigten in der Sache richtig seien. &#8222;Und was ist falsch daran?&#8220; fragte Jesaja auffahrend. Nun nahm auch die Prophetin einen Schluck Wein, sie brauchte Zeit zum Nachdenken. Wenn sie ihm helfen wollte, mu\u00dfte sie vorsichtig formulieren, was sie ihm sagen wollte. Darum nahm sie noch einen langsamen Schluck, dann fragte sie: &#8222;Sag mal, was machst du, wenn du Angst hast?&#8220; Jesaja z\u00f6gerte mit der Antwort, bevor er mit einem verlegenen Lacher gestand: &#8222;Als Kind habe ich immer gesungen. Oder meine Mutter hat mir etwas vorgesungen. Singen macht mutig, sagte sie immer. Und wenn die Angst vorbei war, habe ich vor Freude weiter gesungen.&#8220; &#8211; &#8222;Und heute, was machst du heute?&#8220; wollte die Prophetin wissen, doch Jesaja wu\u00dfte es nicht. &#8222;Du singst nicht mehr,&#8220; stellte sie fest, &#8222;du machst dir selber keinen Mut, und also den Leuten auch nicht. Singe wieder, Jesaja, wie du es als Kind getan hast, singe tr\u00f6stende Lieder, und du wirst getr\u00f6stet, singe fr\u00f6hliche Lieder, und du wirst fr\u00f6hlich, singe Mut-mach-Lieder, und du wirst mutig. Und sing mit den Leuten, steck sie an mit deinen Liedern.&#8220; &#8211; &#8222;Aber -,&#8220; wand Jesaja ein, doch die Frau unterbrach ihn: &#8222;Kein Aber. H\u00f6r auf, vom Krieg zu reden und singe vom Frieden, h\u00f6r auf, den Weltuntergang zu predigen und singe vom neuen Leben, h\u00f6r auf, den Teufel an die Wand zu malen und singe das Lob Gottes!&#8220; Jesaja versuchte ein zweites Aber, doch wieder kam er nicht weiter. &#8222;Steck die Leute an mit deinen Liedern,&#8220; wiederholte die Prophetin, &#8222;singe ihnen vor und singe mit ihnen davon, wie gut und sch\u00f6n das Leben sein und werden kann, begeistere sie f\u00fcr eine bessere Welt und f\u00fcr die neue Zeit; singe ihnen und mit ihnen davon, wie das Leben unter Gottes Herrschaft sein wird. Singe ihnen von Gottes Gnade und Barmherzigkeit, von seinem Heil, sing mit ihnen das Lob unseres Gottes, der der einzige Trost im Leben und im Sterben ist, und da\u00df wir deshalb weder Tod noch Teufel f\u00fcrchten m\u00fcssen und schon gar nicht irdischen Machthaber.&#8220;<\/p>\n<p>Die Prophetin nahm ihr Tamburin von der Wand, begann, einen Rhythmus zu schlagen, summte eine Melodie und t\u00e4nzelte durch den Raum: &#8222;Danket dem Herrn, ruft seinen Namen an, tut den V\u00f6lkern seine Taten kund,&#8220; begann sie dann den 105. Psalm. Jesaja d\u00e4mmerte es: Besser, als mit Gottes Zorn und seinem Gericht zu drohen, ist es wohl, von seinen Guttaten zu sagen, davon zu singen, wie er sein Volk immer wieder beh\u00fctet und bewahrt hat &#8211; und da\u00df Gott in seiner Langmut es mit seinem Volk weiterhin so halten w\u00fcrde. &#8222;Den Menschen kein schlechtes Gewissen machen und keine Angst, sondern ihnen Hoffnung geben, ihnen Mut machen &#8211; das ist wohl die bessere Predigt,&#8220; dachte Jesaja und sah der Prophetin zu, die sich in Ekstase getanzt hatte und unverst\u00e4ndliche Worte lallte. Schlie\u00dflich sank sie ersch\u00f6pft zu Boden, fiel sofort in einen tiefen Schlaf.<\/p>\n<p>Jesaja nahm noch einen Schluck Wein, dann ging er nach drau\u00dfen. Es war dunkel und angenehm k\u00fchl geworden. Er setzte sich unter einen Baum und begann, ein Lied zu formen, nahm den Rhythmus auf, den die Frau geschlagen, die Melodie, die sie gesummt hatte. Eine fr\u00f6hliche, muntere Melodie war es, ein kr\u00e4ftiger, vorw\u00e4rts dr\u00e4ngender Rhythmus &#8211; das Richtige, um aufzumuntern, um zu ermutigen. Dann versuchte er, alles, was die Prophetin gesagt hatte, in kurze, knappe S\u00e4tze zu fassen, suchte nach Formulierungen, die den Menschen Hoffnung gaben, Mut machten. Dann nahm er zwei Steine, klopfte den Rhythmus, sang den Text. An ein paar Stellen m\u00fc\u00dfte er ihn noch gl\u00e4tten, doch schlie\u00dflich pa\u00dften Rhythmus, Melodie und Text zusammen, und Jesaja sang sein neues Lied in die Nacht. Da\u00df die Prophetin neben ihm stand, merkte er erst, als sie ihm Beifall klatschte. Dann sangen sie das Lied gemeinsam und merkten, wie auch ihre Angst vor der Zukunft neuer Zuversicht Raum gab, wie gut es tat, in neuen Liedern von den alten Taten Gottes zu singen, die doch jeden Tag wieder geschehen konnten und geschahen.<\/p>\n<p>Sie sangen noch lange, sangen fr\u00f6hliche Psalmen und das Lied der Mirjam, sangen sich festes Vertrauen zu Gott ins Herz. Singend gingen sie schlie\u00dflich ins Haus zur\u00fcck, summend legten sie sich schlafen, und mit einer fr\u00f6hlichen Melodie im Kopf wachten sie am n\u00e4chsten Tag auf,.Sie sahen ihm zuversichtlich entgegen. Amen<\/p>\n<p>Gebet:<\/p>\n<p>Gemeinde: Mein Herz ist bereit, EG 339<\/p>\n<p>Liturg: Ps 98, 1b &#8211; 2<\/p>\n<p>Gemeinde: Mein Herz ist bereit, EG 339<\/p>\n<p>Liturg: Ps 98, 3 &#8211; 4<\/p>\n<p>Gemeinde: Mein Herz ist bereit, EG 339<\/p>\n<p>Liturg: Ps 98, 5 &#8211; 6<\/p>\n<p>Gemeinde: Mein Herz ist bereit, EG 339<\/p>\n<p>Liturg: Ps 98, 7 &#8211; 9<\/p>\n<p>Gemeinde: Mein Herz ist bereit, EG 339<\/p>\n<p>Lieder:<\/p>\n<p>Lob Gott getrost mit singen (Wochenlied) EG 243; Singt, singt dem Herren neue Lieder, EG 286; Nun danket Gott, erhebt und preiset (Ps 105), EG 290; Lobet und preiset, ihr V\u00f6lker, den Herrn, EG 337; Ich will dem Herr singen, EG 340; Nun freut euch, lieben Christen g\u2019mein, EG 341<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Paul Kluge<\/strong><\/p>\n<p><strong>Provinzialpfarrer im Diakonischen Werk der Kirchenprovinz Sachsen<\/strong><\/p>\n<p><strong>Postfach 54<\/strong><\/p>\n<p><strong>38028 Magdeburg<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"mailto:Paul.Kluge@T-Online.de\"><strong>E.Mail: Paul.Kluge@t-online.de<\/strong><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kantate | 13. 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