{"id":22210,"date":"2001-05-20T15:23:44","date_gmt":"2001-05-20T13:23:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22210"},"modified":"2025-03-20T15:25:54","modified_gmt":"2025-03-20T14:25:54","slug":"johannes-1415-19-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-1415-19-2\/","title":{"rendered":"Johannes 14,15-19"},"content":{"rendered":"<h3>Exaudi | 27. Mai 2001 | Johannes 14,15-19 | Dietz Lange |<\/h3>\n<p>Universit\u00e4tsgottesdienst in G\u00f6ttingen, 27.5.2001<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Die Welt erkennt den Geist der Wahrheit nicht &#8211; aber ihr erkennt ihn wohl, denn er ist bei euch und in euch. Das ist Jesu Verm\u00e4chtnis an seine Anh\u00e4nger, an uns Christen. Verm\u00e4chtnisse bereiten den Erben nicht immer nur Freude. Oft genug gibt es erbitterten Streit um ein Erbe, an dem die Anw\u00e4lte der Beteiligten dann viel mehr Freude haben als die Erben selbst &#8211; nicht selten \u00fcber Jahre hinweg. Mit dem Erbe Jesu, der g\u00f6ttlichen Wahrheit, die er verk\u00fcndigt hat, ist das offenbar auch so. Schon im Urchristentum gab es st\u00e4rker traditionsgebundene Leute, die an den \u00fcberkommenen j\u00fcdischen Sitten und Gebr\u00e4uchen festhielten, und solche, die das Neue, Befreiende in Jesu Verk\u00fcndigung in den Vordergrund stellten. Es gab Charismatiker und eher b\u00fcrgerliche Gemeindeglieder &#8211; so wie es heute Evangelikale und Liberale, Pietisten und Volkskirchliche gibt. All diese Gruppierungen erheben Anspruch auf das wahre Christentum, streiten sich oft auch dar\u00fcber &#8211; und halten so Theologinnen und Theologen in Lohn und Brot.<\/p>\n<p>Da h\u00f6ren die Probleme noch lange nicht auf. Wir leben, wie die alten Christen auch schon, in einer Zeit, in der verschiedene Religionen auf engem Raum nebeneinander existieren. Sie haben alle ihre eigenen Anspr\u00fcche auf Wahrheit, die miteinander in Konkurrenz stehen. Wer hat denn da Recht? Soll das etwa milit\u00e4risch entschieden werden, wie das in der Geschichte immer wieder versucht worden ist? Doch wohl lieber nicht; mindestens zum Christentum als der Religion der Liebe passt das schlecht. Aber grunds\u00e4tzlicher gefragt: Ist es nicht reichlich arrogant, zu behaupten, wir Christen h\u00e4tten die Wahrheit und alle anderen nicht? Noch dazu an einer Universit\u00e4t! Da haben sich alle Fakult\u00e4ten der\u00a0<strong>Suche<\/strong>\u00a0nach der Wahrheit verschrieben, wohl wissend, dass man zu ihr immer nur unterwegs sein, sie niemals besitzen kann. Es ist ja noch nicht einmal ohne weiteres klar, was denn Wahrheit \u00fcberhaupt ist. Die Philosophen haben dazu eine ganze Reihe scharfsinniger Theorien entwickelt, \u00fcber die sie sich keineswegs einig sind. Kommt da nicht in so einem Universit\u00e4tsgottesdienst zu der Arroganz noch die Naivit\u00e4t hinzu, die sich um all diese Dinge gar nicht k\u00fcmmert und ganz schlicht den Geist der Wahrheit f\u00fcr sich in Anspruch nimmt?<\/p>\n<p>Nun sind wir heute morgen nicht zu einer theologischen Vorlesung \u00fcber Pluralismus und Wahrheitstheorien zusammengekommen. Vorlesung und Predigt sind zwei ganz verschiedene Dinge. Das soll jetzt nicht hei\u00dfen, dass wir uns um die aufgeworfenen Fragen herumdr\u00fccken k\u00f6nnten. Das geht schon deshalb nicht, weil sie ja wahrhaftig nicht blo\u00df die Theoretiker besch\u00e4ftigen, sondern schlechthin alle nachdenkenden Christen und alle, die sich in irgendeiner Weise mit dem Christentum auseinander setzen. Genau auf dieser Ebene, auf der es alle angeht, fragen wir: Was soll es bedeuten, dass der christliche Glaube\u00a0<strong>die<\/strong>\u00a0Wahrheit sein soll? Kann man das sagen, ohne dabei arrogant oder fanatisch zu werden? Und wozu ist das \u00fcberhaupt wichtig?<\/p>\n<p>Wahrheit in dem Sinn, um den es hier geht, ist das, was unser Leben eigentlich und im Innersten ausmacht, was seinen Sinn erhellt und Orientierung gibt. Das ist also etwas durchaus Praktisches &#8211; es ist aber zugleich auch das, worum es in den klugen theoretischen \u00dcberlegungen letzten Endes auch geht.<\/p>\n<p>Was den Sinn unseres Lebens erhellt, offen legt &#8211; damit ist der Streit nicht erledigt, sondern damit beginnt er erst richtig. Denn das liegt ja nicht am Tage, so dass man nur mit dem Finger darauf zu zeigen brauchte, und jeder nicht ganz dumme oder b\u00f6swillige Mensch m\u00fcsste es sofort einsehen. Was unser Leben sinnvoll erscheinen l\u00e4sst und worauf wir uns schlechterdings verlassen k\u00f6nnen, das sind nicht irgendwelche \u00e4u\u00dferen Tatsachen. Wenn sich z. B. herausstellt, dass eine Wundergeschichte im Neuen Testament sich nicht so abgespielt hat, wie sie berichtet worden ist, dann ist das zwar nicht einfach egal, aber der Glaube zerbricht daran nicht. Denn diese Geschichten sind ja keine Reportagen. Wir wissen ja auch, dass in Legenden oft viel mehr Wahrheit steckt als in einer Dokumentation.<\/p>\n<p>Was aber ist dann Wahrheit? Der christliche Glaube antwortet: Wahr ist, dass Gott die Liebe ist. Wahr ist, dass er uns liebt, obwohl wir nichts vorzuzeigen haben, was uns dieser Liebe wert machen k\u00f6nnte. Wahr ist, dass Gott uns liebt, obwohl manches Lebensschicksal \u00fcberhaupt nicht danach aussieht. Wahr ist, dass Gott sich in Jesus ganz f\u00fcr uns hingegeben und damit das B\u00f6se \u00fcberwunden hat, obwohl es f\u00fcr den \u00e4u\u00dferen Blick viel eher danach aussieht, dass das B\u00f6se um uns herum und auch in uns selbst die Oberhand beh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Wenn das die Wahrheit ist, die wir als unseren Glauben bekennen, dann ist das eine verborgene Wahrheit &#8211; oft genug auch f\u00fcr uns selbst. Auf keinen Fall k\u00f6nnen wir behaupten, dass wir sie besitzen, so wie man ein Haus besitzt, das man vor sich sieht und in das man jederzeit hineingehen kann. Eher ist es umgekehrt, dass diese Wahrheit in uns eindringt und uns ergreift. So hei\u00dft es ja auch: Gottes Geist ist bei uns und in uns. Gottes Liebe ist keine Kopf-Wahrheit, so k\u00f6nnte man auch sagen. Aber sogar bei dem, was man mit dem Verstand herausfinden kann, ist es ja so, dass die Wahrheit einem aufgehen, sich geradezu aufdr\u00e4ngen muss.<\/p>\n<p>Sch\u00f6n und gut, m\u00f6gen manche von Ihnen sagen, kann ja sein, dass Gott die Herzen mancher Menschen auf diese Weise f\u00fcr sich gewonnen hat. Bei einigen gro\u00dfen Christen ist das vielleicht so gewesen, bei Paulus etwa oder bei Martin Luther. Aber mir ist so etwas noch nie passiert. Auch die christliche Erziehung und der Konfirmandenunterricht haben das nicht zustande gebracht. \u00dcberhaupt ist dieser Jesus doch schon so lange tot. Und was hat das Christentum in diesen 2000 Jahren aus der Welt gemacht? Punktuell mag da so etwas wie Gottes Liebe wahrzunehmen sein, aber wirklich durchgesetzt hat sie sich doch offensichtlich nicht.<\/p>\n<p>Es mag Sie vielleicht \u00fcberraschen, aber solche Gef\u00fchle haben Christen zu allen Zeiten gehabt, auch schon zur Zeit der \u00e4ltesten Kirche. Ich k\u00f6nnte mir denken, dass das Johannesevangelium, aus dem die S\u00e4tze stammen, die ich vorhin vorgelesen habe, in genau so eine Stimmung hinein geschrieben ist. Zwei Generationen waren damals seit Jesu Tod schon vergangen. Das ist so, wie wenn wir uns mit dem Ende des I. Weltkrieges besch\u00e4ftigen. Niemand von denen, die den Johannes damals gelesen haben, hat Jesus noch bewusst erlebt. Die Christen waren zudem eine kleine Minderheit, vielfach angefeindet. Sie hatten es nicht leicht. Wo blieb da die Liebe Gottes? Vieles von dem, was andere als Lebensorientierung vortrugen, schien viel interessanter und \u00fcberzeugender zu sein. Wie war das\u00a0<strong>da<\/strong>\u00a0mit dem Geist der Wahrheit &#8211; besa\u00df er wirklich die Macht, die Jesus ihm zugeschrieben hatte?<\/p>\n<p>Johannes erinnert in dieser Situation an die Lage der J\u00fcnger kurz vor Jesu Tod. Er beschreibt ihre Gef\u00fchle nicht, aber man kann sie sich vorstellen. Mit Begeisterung waren sie Jesus auf seinen Wanderungen durch Pal\u00e4stina gefolgt, hatten Entbehrungen und Strapazen willig auf sich genommen. Sie hatten sich f\u00fcr das Neue, das Jesus zu sagen hatte, nach Kr\u00e4ften eingesetzt und des gegen\u00fcber anderen nachdr\u00fccklich vertreten. Ihr eigenes Leben hatte sich durch die Erfahrung von Gottes Liebe v\u00f6llig ver\u00e4ndert, und f\u00fcr die Liebe zu anderen Menschen, selbst zu den Feinden, traten sie mit \u00dcberzeugung und Energie ein. Aber jetzt schien das alles wie Seifenblasen zu zerplatzen. Jesus w\u00fcrde hingerichtet werden, alles schien umsonst. Es war, als w\u00fcrden sie aus einem Jugendtraum herausgerissen und pl\u00f6tzlich mit der rauen Wirklichkeit des Erwachsenseins konfrontiert werden &#8211; etwas, das viele von uns sicher gut mit eigenen Erfahrungen vergleichen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>In diese Stimmung hinein spricht Jesus: Ich lasse euch nicht als Waisen zur\u00fcck, sondern der Geist Gottes wird bei euch sein. Der Geist Gottes, von dem Jesus sich hatte leiten lassen. Man kann auch sagen: Jesus selbst und all das, was er von Gottes Liebe gepredigt und praktisch gelebt hat, ist durch Gottes Geist gegenw\u00e4rtig.<\/p>\n<p>Dieses Versprechen gilt auch uns. Wir w\u00e4ren nicht hier in der Kirche, wenn es uns nicht irgendwann schon einmal ber\u00fchrt h\u00e4tte. Die einen haben es seither in ihrem Leben vielf\u00e4ltig best\u00e4tigt gefunden, dass Gottes Liebe sie geleitet, andere sind heute eher skeptisch. Freilich: Wohl jede und jeder von uns hat da irgendwann auch heftige Zweifel gehabt. Das ist normal. Wenn wir aus so einem Abseits fragen, wie wir denn wohl der Gegenwart Gottes gewahr werden k\u00f6nnen, dann gibt uns der Anfang des Textes aus dem Johannesevangelium einen Schl\u00fcssel dazu: Wenn ihr mich liebt, dann werdet ihr meine Gebote halten, sagt Jesus da. Das ist der Zugang zu der Wahrheit Gottes. Zuschauern, die in der Distanz verharren, erschlie\u00dft sie sich nicht. Wer sie durch eigene Anstrengung aufbrechen will, dem bleibt sie verschlossen. Auf ein Versprechen kann man sich nur einlassen. Das ist wie in der Liebe zwischen Menschen. Wenn man jemanden gern hat, aber innerlich auf Abstand bleibt und r\u00fcckhaltloses Vertrauen nicht wagt, dann wird die Liebe niemals zu einer Leben verwandelnden und tragenden Kraft werden. Und erzwingen kann man da schon gar nichts. Lassen wir uns aber auf die Liebe ein, die uns entgegenkommt, kriegt alles ein ganz neues Gesicht. Nichts ist mehr wie vorher. Jeder Mensch, der schon einmal wirkliche Liebe erfahren hat, wei\u00df das. Und so ist das erst recht mit Gottes Liebe.<\/p>\n<p>Gewiss, es kommen dann auch immer wieder einmal die anderen Stunden, in denen sich der Himmel zuzieht und es finster wird. Darum haben die Christen schon in fr\u00fcher Zeit diesem Sonntag den Namen Exaudi, Erh\u00f6re mich, gegeben. Das stammt aus dem 27. Psalm, einem alten j\u00fcdischen Gebet, in dem es hei\u00dft: Herr, h\u00f6re meine Stimme, wenn ich rufe, sei mir gn\u00e4dig und erh\u00f6re mich! Und ohne weitere Erkl\u00e4rung schl\u00e4gt der Ton pl\u00f6tzlich um: Mein Vater und meine Mutter verlassen mich, aber der Herr nimmt mich auf. So m\u00f6ge es uns auch ergehen, wann immer wird das brauchen.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Prof. Dr. Dietz Lange<\/strong><\/p>\n<p><strong>Platz der G\u00f6ttinger Sieben 2<\/strong><\/p>\n<p><strong>37073 G\u00f6ttingen<\/strong><\/p>\n<p><strong>Tel. 0551 \/ 75455<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"mailto:Dietzlange@aol.com\"><strong>Dietzlange@aol.com<\/strong><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Exaudi | 27. Mai 2001 | Johannes 14,15-19 | Dietz Lange | Universit\u00e4tsgottesdienst in G\u00f6ttingen, 27.5.2001 Liebe Gemeinde! Die Welt erkennt den Geist der Wahrheit nicht &#8211; aber ihr erkennt ihn wohl, denn er ist bei euch und in euch. Das ist Jesu Verm\u00e4chtnis an seine Anh\u00e4nger, an uns Christen. 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