{"id":22216,"date":"2001-06-20T15:31:22","date_gmt":"2001-06-20T13:31:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22216"},"modified":"2025-03-20T15:33:29","modified_gmt":"2025-03-20T14:33:29","slug":"4-mose-1111-12-14-17-24-25","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/4-mose-1111-12-14-17-24-25\/","title":{"rendered":"4. Mose 11,11-12.14-17. 24-25"},"content":{"rendered":"<h3>Pfingstsonntag | 3. Juni 2001 | 4. Mose 11,11-12.14-17. 24-25 | Georg Kretschmar |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>l. Wir feiern heute das Pfingstfest, das Fest der Ausgie\u00dfung des Heiligen Geistes. In der Russischen Orthodoxen Kirche nennt man es Troize, Dreieinigkeit, weil damit die Offenbarung der Trinit\u00e4t zum Ziel kommt: Weihnachten offenbart Gott, der Vater, Seine Liebe zu uns dadurch, da\u00df Er Seinen Sohn als kleines Kind in unsere Welt schickt. Ostern ist die Offenbarung der Herrlichkeit des Sohnes im Sieg des Gekreuzigten \u00fcber den Tod. Und Pfingsten feiern wir den Geburtstag der Kirche: Gottes Heiliger Geist kommt \u00fcber die Apostel und damit \u00fcber uns alle.<\/p>\n<p>Von diesen drei christlichen Hochfesten ist sicher Pfingsten das f\u00fcr unser Verstehen Schwierigste. Das zeigen schon die Bilder, die unsere Vorstellung so stark bestimmen. Das kleine Kind in der Krippe oder im Sch\u00f6\u00dfe Seiner Mutter, das ist uns allen vertraut. Wir sehen auch den Mann am Kreuz und vielleicht die strahlende Auffahrt des Auferstandenen zum Vater, wie sie etwa Matthias Gr\u00fcnewald gemalt hat. Aber bei Pfingsten m\u00fcssen wir die Phantasie st\u00e4rker anstrengen. Auf alten Bildern in der mittelalterlichen Buchmalerei sieht man manchmal die 12 Apostel im Kreis sitzen und jeder hat auf seinem Haupt ein kleines Fl\u00e4mmchen, das Zeichen des Heiligen Geistes.<\/p>\n<p>Gerade dieses Bild kann eine Br\u00fccke zu unserem Bericht aus dem 4. Buch Mose schlagen. Denn hier erfahren wir ja, wie 70 (oder \/ 72) \u00c4lteste von Gott Anteil am Geist des Mose erhalten und in Verz\u00fcckung geraten wie Propheten. Man k\u00f6nnte das gut so malen, da\u00df eben 70 oder 72 M\u00e4nner vor dem Zelt sitzen, in dem Gott Mose begegnet, der &#8222;Stiftsh\u00fctte&#8220;, alle mit einem kleinen Fl\u00e4mmchen auf dem Haupt. Aber damit endet doch wohl schon die Vergleichsm\u00f6glichkeit. Unser Text ist aus vielen Gr\u00fcnden schwierig. Schon deshalb, weil er so, wie er verlesen worden ist, gar nicht in der hl. Schrift steht. Dort ist er aufs Engste mit einer anderen Geschichte verschlungen, die eigentlich auch zum Verstehen dazugeh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Es geht um eine Geschichte, wie sie sich auf dem jahrelangen Weg des Volkes Gottes durch die W\u00fcste immer neu wiederholt. Das Volk murrt. Sie hatten nicht zu essen gehabt und Gott hatte ihnen das Manna gezeigt, kleine, wei\u00dfliche, s\u00fc\u00dfe Kugeln, die man unter Tamarisken, einer Baumart, auf der Sinai-Halbinsel noch heute finden kann. Lange Zeit hatten sie davon gelebt, aber nun hatten sie es einfach \u00fcber und tr\u00e4umten von den vielen Fischarten und dem saftigen Gem\u00fcse in \u00c4gypten, im Nilland. Fische in der W\u00fcste, das schien doch utopisch, so forderten sie von Mose nun Fleisch. Das alles ist verst\u00e4ndlich und doch auch etwas undankbar. Jedenfalls ist es dieser Schrei nach Fleisch, der nun Mose murren l\u00e4\u00dft. Er hadert mit Gott in einer ganz ungew\u00f6hnlichen Sprache: Gott sei doch die Mutter des Volkes, nicht er, Mose. Gott, die Mutter, habe ihn, Mose wie ein Kinderm\u00e4dchen zu den ungeb\u00e4rdigen Israeliten geschickt. Er k\u00f6nne diese Last nicht mehr allein tragen. Zumindest brauche er, Mose, Hilfe. Die Antwort Gottes auf diesen Hilfeschrei, diese Bitte, ist die Geistes-Gabe an die 70 (72) \u00c4ltesten. Aber auch das Volk erh\u00e4lt Antwort. Gott schickt ihm gro\u00dfe Vogelschw\u00e4rme, Wachteln. Damit haben sie nun Fleisch die F\u00fclle. Aber manche Familien haben sich dann gleich \u00fcberessen, so da\u00df viele starben. Das war Gottes Strafe f\u00fcr das Murren.<\/p>\n<p>2. Aber zur\u00fcck zum Hilferuf Moses zu Gott. Als vor fast dreizehn Jahren die Zustimmung der Sowjetunion endlich vorlag, da\u00df mein &#8211; nun schon lange in Gott ruhender &#8211; Vorg\u00e4nger Harald Kalnins Bischof werden konnte, war ihm allein die ganze Verantwortung f\u00fcr die lutherischen Gemeinden von der Ostsee bis zum Pazifischen Ozean anvertraut. Er h\u00e4tte reden k\u00f6nnen wie Mose. Nat\u00fcrlich konnte nicht ein einzelner diese Last tragen, Wir haben dann dies ganze riesige Gebiet Schritt f\u00fcr Schritt in Regionen aufgeteilt, nicht gleich 70, bis heute 7, und es<\/p>\n<p>ist gerade gut 10 Jahre her, da\u00df der erste geistliche Leiter f\u00fcr die evangelisch-lutherischen Gemeinden in der Ukraine von einer dazu zusammengeladenen Synode gew\u00e4hlt und eingesegnet wurde. Dabei ist auf ihn &#8211; wie auch heute bei jeder Einsegnung eines Predigers oder einer Predigerin, bei jeder Ordination, bei jeder Bischofskonsekration &#8211; der Heilige Geist Gottes f\u00fcr seinen Dienst erbeten worden in der festen Gewi\u00dfheit, da\u00df Gott dies Gebet erh\u00f6rt. Das klingt wie der Bericht aus dem 4. Buch Mose. Aber es gibt einen ganz wichtigen Unterschied. Der neue Superintendent &#8211; so nannten wir damals den Geistlichen Leiter einer Regionalen Kirche &#8211; erhielt nicht ein St\u00fcck von dem Geist des Bischofs, sondern Gottes Geist, der Bischof Kalnins bei seiner Einsegnung zugesprochen wurde, sollte nun auch den Leiter der Regionalen Kirche bevollm\u00e4chtigen, tragen und geleiten. Dieser Geist ist aber der Geist Jesu Christi.<\/p>\n<p>Damit stehen wir endlich an dem Punkt, an dem die Berichte aus dem Alten Testament und die neutestamentliche Pfingstgeschichte miteinander verglichen werden k\u00f6nnen. An der Stelle des Mose steht jetzt Jesus Christus. Mose ist auf den Berg Gottes aufgestiegen und hat das Gesetz zur\u00fcckgebracht. Jesus Christus, der Auferstandene, ist zum Vater aufgefahren und hat den Hl. Geist, den Geist Gottes und den Geist des Sohnes den Seinen geschenkt. So klingt es in vielen Schriften des Neuen Testamentes an. Der Epheserbrief beschreibt genau, da\u00df dieser Geist Dienste und \u00c4mter in der Kirche setzt. Was der Dienst der 70 \u00c4ltesten war, die den Geist des Mose empfangen hatten, wissen wir nicht. Sie tauchen nie wieder auf. Der Dienst der Apostel und aller ihrer Nachfolger ist klar: die Weitergabe des Evangeliums, der Dienst an und mit den heiligen Sakramenten. Davon lebt die Kirche.<\/p>\n<p>Dieser Geist setzt verschiedene Gaben und Aufgaben. Er hat uns alle erreicht, die getauft sind und diese hl. Taufe im Glauben angenommen haben. Das hat er allerdings mit dem Geist des Mose gleich: er macht sich bemerkbar. Damals durch &#8222;verz\u00fccktes&#8220; Reden, an Pfingsten in neuen Sprachen. Auch bei uns sollte es so sein, da\u00df die Menschen um uns etwas davon sehen, da\u00df Gott uns den Heiligen Geist gegeben hat.<\/p>\n<p>3. Lassen Sie mich schlie\u00dfen mit noch einer eigenen Erinnerung, auch wenn sie ein wenig absonderlich ist. Als Kind ging ich in die einklassige Schule des Dorfes, in dem mein Vater Pastor war. Der Lehrer hatte zugleich den kirchlichen Dienst die Orgel zu spielen, man nannte ihn Kantor. Dieser Kantor nahm mit uns die Pfingstgeschichte durch und gab ihr eine seltsame Wendung: Wie dumm waren doch die Leute, die Jesus ans Kreuz gebracht hatten. Den einen waren sie los geworden &#8211; durch den Tod und durch die Himmelfahrt. Daf\u00fcr haben sie es nun mit 12 M\u00e4nnern zu tun. So w\u00fcrden wir die Geschichte Jesu nicht erz\u00e4hlen. Aber irgendwie hatte der Lehrer ja auch etwas Richtiges gesehen. Wie die 70 \u00c4ltesten dem einsamen Mose Lasten abgenommen haben, wissen wir nicht. Aber mit der Gabe des Heiligen Geistes beginnt der Schritt in die Weite. Und das Wunder, da\u00df Gott, durch Seinen Heiligen Geist aus Wenigen Viele machen kann, das erleben wir auch heute. Vor Kurzem war ich in Kirgisien zur Jahressynode unserer Kirche. Dabei berichtete ein alter Mann vom Weg seiner Gemeinde. Vor zwei Jahren waren sie auf f\u00fcnf Leute zusammengeschmolzen. Und dann kam ein junger Mann mit seiner Frau zur\u00fcck, der vor Jahren nach Deutschland ausgewandert war und nun dem Bischof unserer Kirche in Kirgisien zu Hilfe gekommen ist. Und in dieser Gemeinde kommen nun jeden Sonntag 150 Menschen zum Gottesdienst, die Jugendarbeit bl\u00fcht. \u00dcberall wuseln Kinder herum.<\/p>\n<p>Gott will unseren Dienst auch heute, so wie Mose damals die \u00c4ltesten zusammenrief, wie der Heilige Geist die Apostel bef\u00e4higte das Evangelium \u00f6ffentlich zu predigen, so will Er, Gott der Vater, der Sohn und der Heilige Geist, auch unseren Dienst in unserer Gemeinde, in unserer Kirche, in Seiner ganzen Christenheit. Mose brauchte Hilfe, damit sein Volk satt w\u00fcrde. Bitten wir Gott darum, da\u00df wir innerlich satt werden &#8211; und gewi\u00df auch mit allem, was wir zum t\u00e4glichen Leben brauchen.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Erzbischof Prof. D. Georg Kretschmar<\/strong><\/p>\n<p><strong>Erzbischof der ELKRAS, St. Petersburg<\/strong><\/p>\n<p><strong>E-Mail:\u00a0<a href=\"mailto:kanzlei@elkras.convey.ru\">kanzlei@elkras.convey.ru<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pfingstsonntag | 3. Juni 2001 | 4. Mose 11,11-12.14-17. 24-25 | Georg Kretschmar | Liebe Gemeinde! l. Wir feiern heute das Pfingstfest, das Fest der Ausgie\u00dfung des Heiligen Geistes. 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