{"id":22228,"date":"2001-04-20T15:51:57","date_gmt":"2001-04-20T13:51:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22228"},"modified":"2025-03-21T10:58:18","modified_gmt":"2025-03-21T09:58:18","slug":"johannes-1147-53","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-1147-53\/","title":{"rendered":"Johannes 11,47-53"},"content":{"rendered":"<h3>Judika | 1. April 2001 | Johannes 11,47-53 | Heinz Behrends |<\/h3>\n<p>I.<\/p>\n<p>Er will das Leben der Insel, dieser ganz anderen Lebenswelt verstehen und dar\u00fcber ein Buch schreiben, denn er ist Dichter, ein Schriftsteller aus England. Er befreundet sich mit einem der Urtypen der Insel. Er bleibt der aufmerksame Tourist, der das Leben der Menschen auf der griechischen Insel betrachtet, bis er eine Frau entdeckt. Sie wirkt geheimnisvoll, sie tr\u00e4gt schwarz und lebt alleine im Dorf. Er beginnt, sich in sie zu verlieben, sie verabreden sich, er bleibt eine Nacht bei ihr. Doch im Dorf bleibt nichts verborgen. Ein junger Mann, Sohn in einer gro\u00dfen Familie, erh\u00e4ngt sich, als er vom n\u00e4chtlichen Treffen der beiden erf\u00e4hrt. Er war schon lange in sie verliebt gewesen und h\u00e4tte sie gerne gehabt. F\u00fcr seinen Vater ist schnell ausgemacht, wer am Tod seines Sohnes schuldig ist. W\u00e4hrend die Menschen in die Messe gehen, inszeniert er eine Lynchjustiz. Die M\u00e4nner lauern die Frau auf, umzingeln sie, immer mehr M\u00e4nner und Frauen des Dorfes kommen hinzu und ziehen den Kreis enger. Der englische Dichter sieht es mit Schrecken von ferne an. Diese Welt bleibt ihm fremd, er kann nicht eingreifen, um sie zu retten. Doch da springt ihm sein griechischer Freund zur Seite. Sorbas ist sein Name. Alexis Sorbas. Er kennt die Leute. Er entrei\u00dft dem Vater nach kurzem Kampf das Messer. Erleichtert sieht der Zuschauer die Szene des Filmes und entspannt sich. Gerettet scheint die Frau. Doch in einem unbeachteten Augenblick springt der Vater noch einmal hinzu und ersticht sie. Er schlachtet sie, wie er gewohnt ist, seine Schafe zu schlachten. Ein Opfer mu\u00df gebracht werden. Der Kodex seiner Lebenswelt mu\u00df geordnet bleiben. Inneren Frieden gibt es nur, wenn die Frau geopfert wird. Sie hat mit der Liebe zum Fremden die Lebensordnung der Insel gebrochen.<\/p>\n<p>Eindrucksvoll ist dieser alte Film \u00fcber das Buch des griechischen Autoren Kantzantakis \u00fcber Alexis Sorbas.<\/p>\n<p>Atemlos schaut man zu, wie eine geschlossene Welt sich sch\u00fctzt durch einen Rachemord, einen S\u00fchntod, einen Opfertod. Erschrocken, aber auch erleichtert gehen die Menschen im Dorf wieder auseinander. Die Seele hat wieder Ruhe. Jeder wei\u00df, was ihm geschieht, wenn er die Lebensgesetze, die Regeln verl\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p>Es scheint mehr zu sein als eine Tradition einer griechischen Insel. Es scheint zum Menschen zu geh\u00f6ren, da\u00df er S\u00fchne braucht. Erst der Tod kann heilen, wo in einer Gemeinschaft eine Ordnung in Frage steht. So auch in der Zeit Jesu.<\/p>\n<p>II.<\/p>\n<p>Die Leute um die Pharis\u00e4er und Schriftgelehrten sind ratlos. Jesus hat den toten Lazarus zum Leben erweckt. Die Menschen sind beeindruckt. Er st\u00f6rt die Lebensregeln seiner Welt. Seine Zeichen sind seit der Hochzeit zu Kana nicht mehr zu \u00fcbersehen.<\/p>\n<p>Die Verantwortlichen f\u00fcr das geistliche Leben im Volk werden zu politisch Denkenden und halten Rat. \u201eLassen wir ihn so, dann werden alle an ihn glauben. Dann werden die R\u00f6mer kommen und nehmen uns das Land und Leute,\u201c sagen sie. Sie ziehen ein ins politische Kalk\u00fcl. So ist das. Menschen geraten in die M\u00fchlen der Politik. Einzelne werden Gegenstand von Kalk\u00fcl und werden eine Verschiebemasse, \u00fcber die andere verf\u00fcgen, um offensichtlich andere zu sch\u00fctzen.<\/p>\n<p>Aber einer von ihnen geht noch einen Schritt weiter, er denkt tiefer als nur politisch. Er kennt die Seele der Menschen. Nicht von ungef\u00e4hr ist er Hohepriester in diesem Jahr, Kaiphas. \u201eIhr habt keine Ahnung\u201c, sagt er zu den Leuten, die eine L\u00f6sung suchen. \u201eIhr bedenkt nichts. Es ist besser, ein Mensch sterbe f\u00fcr das Volk, als da\u00df das ganze Volk verderbe.\u201c<\/p>\n<p>Das klingt sehr unmenschlich, ist aber klug und richtig.<\/p>\n<p>Es ist besser, einer stirbt als viele, wenn schon jemand sterben mu\u00df.<\/p>\n<p>Pharis\u00e4er, Schriftgelehrte und Kaiphas bleiben aber Gefangene ihres Gedankensystems. Aber wie soll sie ihm auch entkommen?<\/p>\n<p>Und Jesus unterwirft sich ihnen. Die Evangelien erz\u00e4hlen, wie er seinen Weg durch das Leiden geht, fragend, zitternd, aber ohne Z\u00f6gern. Johannes sieht seinen Weg mehr als einen Triumphzug, heim zu Gott, seinem Vater, l\u00e4\u00dft aber das Leiden auch nicht aus. Jesus verkrallt sich nicht in dieses Leben. Er unterwirft sich den Gesetzen seiner Welt.<\/p>\n<p>Die T\u00e4ter sind eindeutig die Herrschenden in Palast und Tempel.<\/p>\n<p>III.<\/p>\n<p>Und damit geht Johannes einen gro\u00dfen Schritt \u00fcber die Deutung des Todes Christi hinaus, wie wir sie bei Paulus finden, wie sie sich in unsere Theologie, in unseren Glauben eingenistet hat.<\/p>\n<p>Diese schwer verst\u00e4ndliche Opfertheologie. Gott hat seinen Sohn geopfert, damit wir frei werden von S\u00fcnden. Ein unm\u00f6glicher Gedanke ist das. Es wird Zeit, da\u00df wir ihn in unserem Predigen, in unserem Glauben \u00fcberwinden. Was f\u00fcr ein Gott, der seinen Sohn opfert, damit wir erl\u00f6st sind? Das sind die Gesetze der Menschen, das ist das Gesetz der Menschen auf der griechischen Insel. Hier wird der tief verwurzelte Opfergedanke \u00fcberspitzt und der Rachedurst in die Deutung des Kreuzes hinein getragen.<\/p>\n<p>Gott ist fern von allen Rachegedanken. Menschen haben Christus get\u00f6tet aus politischem Kalk\u00fcl. Der psychologisch geschulte Kaiphas, der Menschenkenner, wu\u00dfte, da\u00df ein Geopferter andere retten kann. Aber die Hinrichtung war nicht Gottes Werk.<\/p>\n<p>So ist das Ende aller Opfergedanken in der Kirche angebrochen.<\/p>\n<p>Aber Kaiphas hat nat\u00fcrlich recht. Blut kann reinigen. Wenn jemand sich eine Wunde an der Hand zugezogen hat, sagen sie zu ihm: Nicht gleich ein Pflaster draufkleben. La\u00df es erst mal bluten, das reinigt. Der Schmutz mu\u00df erst aus der Wunde ausgetrieben werden. Blut reinigt. Das ist wahr. Auf verschlungene Weise hat Kaiphas am Ende sogar recht. Er deutet den Tod Christi richtig. Menschen haben ihn get\u00f6tet. Christus hat sich dem gestellt und ist nicht gewichen. Sein Vertrauen auf seinen Vater war gr\u00f6\u00dfer als alle erfahrene Bedr\u00e4ngnis. Er hat sich dieser Welt unterworfen. Und am Ende ist es so gekommen wie Kaiphas prophezeit hat. Er wird die zerstreuten Kinder Gottes zusammenbringen. So ist es. Und darum sitzen wir heute hier zusammen. Wir leben.<\/p>\n<p>IV.<\/p>\n<p>Darum war ich traurig, als ich das Ende der Geschichte der Frau in Alexis Sorbas sah. Diese Lebenswelt auf der kleinen Insel ist noch gefangen in ihren Gesetzen. Die Liebe konnte noch nicht siegen. So scheint diese Welt immer noch unerl\u00f6st zu sein.<\/p>\n<p>Ob ich auch zu den Unerl\u00f6sten geh\u00f6re? Besetzt von den Gesetzen meiner Welt? Die n\u00e4chsten zwei Wochen bis Karfreitag m\u00f6gen Raum daf\u00fcr geben, da\u00df ich mich dieser pers\u00f6nlichen Frage stelle.<\/p>\n<p><strong>Theologisch-homiletische \u00dcberlegungen<\/strong><\/p>\n<p>Der Opfergedanke ist das Thema des Textes. Die paulinische Deutung des Opfertodes Christi ist in unserer Tradition tief verwurzelt. Sie wird verst\u00e4rkt durch die Passionslieder der Tradition. Das dahinter verborgene Gottesbild ist schwer vermittelbar, obwohl die Opfertheologie psychologisch gesehen nicht einfach abzulehnen ist. Johannes macht im Text den Rat des Kaiphas f\u00fcr den Tod Jesu verantwortlich. Die Predigt versucht, die anthropologische Begr\u00fcndung des Opfertodes mit der Deutung des Johannes zu verbinden. Menschen wollen, da\u00df Blut flie\u00dft, damit Vers\u00f6hnung und Frieden im System wiederhergestellt sind. Christus unterwirft sich diesem System, um es zu \u00fcberwinden. Das neue Gesetz, die neue Lebensordnung ist allein durch die Liebe und das Vertrauen gepr\u00e4gt.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Superintendent Heinz Behrends<\/strong><\/p>\n<p><strong>Distelweg 8<\/strong><\/p>\n<p><strong>37077 G\u00f6ttingen<\/strong><\/p>\n<p><strong>Tel.\/Fax: 0551 \/ 721222<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"mailto:Heinz.Behrends@Nikolausberg.de\"><strong>Email: Heinz.Behrends@Nikolausberg.de<\/strong><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Judika | 1. April 2001 | Johannes 11,47-53 | Heinz Behrends | I. Er will das Leben der Insel, dieser ganz anderen Lebenswelt verstehen und dar\u00fcber ein Buch schreiben, denn er ist Dichter, ein Schriftsteller aus England. Er befreundet sich mit einem der Urtypen der Insel. 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