{"id":22236,"date":"2001-04-21T11:06:25","date_gmt":"2001-04-21T09:06:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22236"},"modified":"2025-03-21T11:08:40","modified_gmt":"2025-03-21T10:08:40","slug":"matthaeus-2746-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-2746-2\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 27,46"},"content":{"rendered":"<h3>(Rundfunk-)Predigt | Karfreitag | 13. April 2001 | Matth\u00e4us 27,46 | Armin Kraft |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde, liebe H\u00f6rerinnen und H\u00f6rer!<\/p>\n<p>Kennen Sie die Geschichte von Birne in der Kirche? Diese elektrische Birne stammt urspr\u00fcnglich aus einer Ampel. Und sie kann sogar reden und blinken. Eines Tages kommt Birne in eine Kirche und wundert sich: \u201eIn jeder Kirche h\u00e4ngt Jesus am Kreuz!\u201c Sie meint: \u201eDer sieht aber schrecklich aus, so ausgemergelt, blutig, schmerzverzerrt.\u201c In diesem Moment sto\u00dfen vor der Kirche auf einer Kreuzung zwei Autos zusammen. Verletzte liegen zwischen den Blechteilen. Birne sieht das und rast zur\u00fcck in die Kirche und ruft: \u201eJesus, wir brauchen dich, komm runter vom Kreuz!\u201c Und tats\u00e4chlich Jesus steigt vom Kreuz, l\u00e4uft zu der Unfallstelle, heilt und tr\u00f6stet. Nachdem die Verletzten in die Krankenwagen gebracht worden sind, wollen die Leute Jesus wieder in die Kirche zur\u00fcckbringen, aber er weigert sich, er mischt sich schnell wieder unter die Leute. Denn Jesus wollte nicht am Kreuz, sondern bei den Menschen sein. Seitdem, so schlie\u00dft diese Geschichte, wurden die Kreuze abgeschafft.<\/p>\n<p>Ich versuche mir das vorzustellen \u2013 ein Kirche ohne Kreuze. Wir r\u00e4umen die Kreuze weg und ersetzen sie durch Zeichen der Freude, z. B. durch Sonne, Kerzen und Lichter. \u201eWo sind denn die Kreuze geblieben?\u201c fragen dann bestimmt einige Kirchenbesucher und der K\u00fcster antwortet: \u201eWir haben sie in den Keller getragen, die Gemeinde konnte den st\u00e4ndigen Anblick eines verletzten Sterbenden nicht mehr aushalten\u201c.<\/p>\n<p>Die Kreuze abschaffen? Nun, nicht nur ich als Pastor habe damit meine Schwierigkeiten. Die Kreuze geh\u00f6ren doch dazu &#8211; in die Kirchen, in diese besondere Passionszeit, in diese Leidenszeit. Sie sind doch ein wichtiges christliches Symbol und Erkennungszeichen. Und ohne Karfreitag w\u00e4re auch Ostern harmlos. Die Kreuze erinnern uns schlicht oder auch ergreifend an Leiden, Schmerzen, Tod. Ohne Karfreitag w\u00e4re Ostern harmlos. Und umgekehrt: ohne Ostern ist Karfreitag trostlos. Beides geh\u00f6rt zusammen. Trostlos ist es, wenn wir nur bei den Schmerzen und den Leiden h\u00e4ngen bleiben. Harmlos ist Ostern dann, wenn die Freude nicht auf eine L\u00f6sung, eine Erl\u00f6sung vom Leiden folgt.<\/p>\n<p>Also die Kreuze geh\u00f6ren in unsere Kirchen. Allerdings ist es wichtig, dass sie kein lasches Zeichen sind und bleiben d\u00fcrfen. Das Kreuz ist zwar fremd, aber es bleibt wichtig, denn am Kreuz geht es um die Gottesfrage. Ist Gott auch dort, wo ungerecht gelitten wird, wo Menschen vergewaltigt, verachtet, ermordet werden? Matth\u00e4us wagt es, von einem Christus zu sprechen, der von Gott verlassen und von den Menschen angespuckt und verschm\u00e4ht wird. Er schreit diesen Satz aus dem 22. Psalm heraus: \u201eMein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?\u201c<\/p>\n<p>Darum lassen wir die Kreuze in unseren Kirchen h\u00e4ngen und auf unseren Alt\u00e4ren stehen! Hier wird das zusammengefasst, was Menschen auch in unserer Zeit erleben, wenn sie Gott fragen: \u201eWie kannst zu zulassen, dass die kleine Ulrike so brutal vergewaltigt und get\u00f6tet wird, dass so viele Menschen durch einen Flugzeugabsturz ums Leben kommen? Wie kannst du zulassen, dass schlimme Krankheiten um sich greifen, dass Tiere zu Tausenden verbrannt werden und unschuldige Menschen in einem ICE zermalmt werden?\u201c \u201eMein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen, warum bist du nicht da, wo wir dich brauchen, wenn wir dich brauchen?\u201c Wir brauchen die Kreuze deswegen, weil Jesus hier mit unserer Frage auf den Lippen stirbt.<\/p>\n<p>Ja, unser Glaube ist oft gef\u00e4hrdet, wenn wir nicht antworten k\u00f6nnen auf Unmenschlichkeiten und Gewalttaten. Zweifel k\u00f6nnen einen Menschen fertig machen. Vieles, was wir uns selbst zurechtgelegt haben, bricht dann wie ein Kartenhaus zusammen. Das wird in den biblischen Karfreitagstexten deutlich gemacht. Hier verblassen alle Bilder vom lieben Vater \u00fcberm Sternenzelt und vom Schutzengel, der immer im rechten Moment zur Stelle ist.<\/p>\n<p>Rudolf Otto Wiemer, der Dichter aus G\u00f6ttingen, sagt treffend: \u201eWeil Jesus diese Warum-Worte gesagt hat, von dem Verlassensein, von dem Verlust Gottes, glaube ich ihm auch seine anderen Worte!\u201c Nein, wir schaffen die Kreuze nicht ab, r\u00e4umen sie nicht in eine Krypta, nicht in ein Museum, sondern lassen sie dort stehen, wo sie hingeh\u00f6ren: ins Zentrum unseres Glaubens, ins Zentrum unserer Kirchen. Leiden geh\u00f6ren n\u00e4mlich zu unserem Leben dazu. Unter jedem Dach ein Ach!<\/p>\n<p>Aber es soll nicht bei diesem Weh und Ach bleiben. Ich greife ein wenig voraus und denke an Ostern. Die Frauen finden das Grab leer. Sie erfahren, dass Jesus sich nicht ans Kreuz festnageln l\u00e4\u00dft. Aber eins nach dem anderen. Zun\u00e4chst wollte er diesen schlimmen Weg gehen, zu Ende gehen, um bei uns zu bleiben auch in schweren Stunden. Karfreitag hei\u00dft: das Kreuz wird nicht abgeschafft, denn der Gekreuzigte geh\u00f6rt unter die Menschen, er geh\u00f6rt zu uns. Wir lassen die Kreuze deswegen in unseren Kirchen, weil wir glauben, dass gerade dann, wenn wir unser Kreuz zu tragen haben, wenn wir leiden m\u00fcssen, Gott bei uns ist. Es gilt: Was Christus im Glauben an Gott getan hat, das hat er nicht f\u00fcr sich, sondern f\u00fcr uns getan! F\u00fcr uns gekreuzigt: wenn das Kreuz unseres Lebens uns dr\u00fcckt, sind wir nicht allein, sondern haben einen Gef\u00e4hrten und einen Bruder. Er hat f\u00fcr uns das Kreuz getragen, damit wir uns auch in unseren Zweifeln und \u00c4ngsten getragen wissen.<\/p>\n<p>In der Geschichte von Birne bleibt Jesus bei den Leuten und die Kreuze werden abgeschafft. Eine sch\u00f6ne Idee, aber sie reicht nicht. Ich glaube, dass Jesus \u2013 Gott \u2013 gerade im Leiden, am Kreuz wirklich bei uns ist.<\/p>\n<p>Hier im Dom ist das Kreuz als ein Pluszeichen gestaltet. Dieses Pluszeichen nimmt auch unsere Entt\u00e4uschungen und \u00c4ngste auf. Es ist ein Hoffnungszeichen und sagt uns ganz pers\u00f6nlich: Ich mag dich leiden! Ich bin bereit sogar bereit, unter dir, f\u00fcr dich zu leiden! Ich kenne dich und habe dich lieb.<\/p>\n<p>Am Domkreuz breitet Jesus die Arme aus. Er will uns hineinnehmen in sein Sterben und Auferstehen, damit wir sterben und auferstehen k\u00f6nnen. \u201eKomm in meine Arme\u201c. So wird das Kreuz, obwohl es ein Todessymbol ist, zum Lebenszeichen.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Propst Armin Kraft<\/strong><\/p>\n<p><strong>Domplatz 5, 38100 Braunschweig<\/strong><\/p>\n<p><strong>Tel.: 0531-46473, Fax: 125065<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Rundfunk-)Predigt | Karfreitag | 13. 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