{"id":22238,"date":"2001-04-21T11:08:44","date_gmt":"2001-04-21T09:08:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22238"},"modified":"2025-03-21T11:11:15","modified_gmt":"2025-03-21T10:11:15","slug":"matthaeus-2733-54-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-2733-54-3\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 27,33-54"},"content":{"rendered":"<h3>Karfreitag | 13. April 2001 | Matth\u00e4us 27,33-54 | Hans Theodor Goebel |<\/h3>\n<p>I.<\/p>\n<p>Wer war der, der da starb &#8211; qualvoll hingerichtet am Kreuz von Golgatha? Und entzieht sich noch immer dem Verstehen. Aber auch dem Nichtverstehen.<\/p>\n<p>Menschen glauben an ihn. Andere k\u00f6nnen nicht glauben.<\/p>\n<p>Wer ist er heute? F\u00fcr uns?<\/p>\n<p>Der Helfer \u2013 oder der Hilflose?<\/p>\n<p>Der K\u00f6nig der Juden und der Welt \u2013 oder aller Herrschaft beraubt?<\/p>\n<p>Selbst Gottes Sohn \u2013 oder von Gott verlassen?<\/p>\n<p>Sind das Gegens\u00e4tze, von denen einer den anderen ausschlie\u00dft? Oder lassen die Widerspr\u00fcche sich zusammenreimen in diesem Geschehen am Kreuz?<\/p>\n<p>Das Kreuz ist bis heute Zeichen der Gewalt, die Menschen angetan wird, und Zeichen des Leidens. K\u00fcnstler auch au\u00dferhalb des christlichen Glaubens arbeiten sich an ihm ab, wohl weil unsre Welt das Problem nicht los wird.<\/p>\n<p>In das Geschehen am Kreuz von Golgatha ist Gott hinein verwickelt. Mit Jesus steht er hier selbst auf dem Spiel.<\/p>\n<p>Wer ist dieser Jesus und Gott mit ihm?<\/p>\n<p>Die Antwort darauf l\u00e4sst die Erde beben und die Felsen zerrei\u00dfen. Die Welt, die Gott geschaffen hat, steht mit auf dem Spiel.<\/p>\n<p>Da wird der Vorhang zerrissen, der das Heilige von dem Unheiligen trennt. Jetzt wird das Heilige zug\u00e4nglich f\u00fcr jedermann \u2013 und ungesch\u00fctzt: jedermann kann es auch zertreten und sch\u00e4nden.<\/p>\n<p>Am Kreuz Jesu greift der Tod mit zerst\u00f6rerischer Gewalt ins Leben ein. Es greift aber schon befreiend das Leben in die Herrschaft des Todes ein und bricht Gr\u00e4ber auf. Aufgesprengt wird die Wand zwischen Tod und Leben.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr Gegens\u00e4tze prallen in dieser Geschichte aufeinander! Wer soll das verstehen?<\/p>\n<p>Die zweitausend Jahre, die uns von dieser Geschichte trennen, sind nicht das Problem. Sind sie doch nur ein kleiner Schritt der Weltgeschichte \u2013 gemessen an den f\u00fcnfzehn Milliarden Jahren, die unser Universum alt ist &#8211; vom Urknall an gerechnet.<\/p>\n<p>Auch nicht in Milliarden zu messen, vielmehr unendlich ist dem gegen\u00fcber der Abstand, der die Welt von Gott trennt. Der Abstand von Tod und Leben.<\/p>\n<p>Der un\u00fcberbr\u00fcckbare Abstand.<\/p>\n<p>Wie wenn er zusammen ger\u00fcckt ist in der Geschichte des gekreuzigten Jesus von Nazareth?<\/p>\n<p>II.<\/p>\n<p>Die Geschichte von der Kreuzigung Jesu ist keine stille Geschichte.<\/p>\n<p>Nach den Hammerschl\u00e4gen der Soldaten werden menschliche Stimmen laut.<\/p>\n<p>Wo einer hingerichtet wird, gibt\u2019s noch allemal was zu sehen. Schaulustige aus der Stadt gehen an Jesu Kreuz vor\u00fcber. Sie\u00a0<em>l\u00e4stern<\/em>\u00a0****- wie es hei\u00dft:<\/p>\n<p><em>Hilf dir selber, wenn du Gottes Sohn bist, und steig herab vom Kreuz!<\/em><\/p>\n<p>Hohepriester zusammen mit Schriftgelehrten und \u00c4ltesten lassen ihren Spott an dem Gekreuzigten aus:<\/p>\n<p><em>Andern hat er geholfen und kann sich selber nicht helfen.<\/em><\/p>\n<p>Die so reden, denken wie die Leute heute denken.<\/p>\n<p>Nur wer sich selber helfen kann, der kann auch andern helfen.<\/p>\n<p>Ausweis ist die eigene St\u00e4rke, der Erfolg, &#8211; das, was du aus dir selber gemacht hast.<\/p>\n<p>Das ist auch die Heilslehre der globalen Marktwirtschaft heute:<\/p>\n<p>Nur wenn die Wirtschaft w\u00e4chst und f\u00fcr sich selbst Gewinne macht, kann sie auch aus der sozialen Not helfen und soziale Not vermeiden.<\/p>\n<p>Und wo in den Unrechtsstaaten des Ostens und der dritten Welt die freie Marktwirtschaft sich ausbreitet und ihre Gesch\u00e4fte macht, da kommen &#8211; jedenfalls langfristig gesehen &#8211; dann auch Menschen zu ihren Menschenrechten. Weil Unfreiheit der Wirtschaft schadet.<\/p>\n<p>Wie fremd nimmt sich solchem Denken gegen\u00fcber der Glaube aus, der Hilfe erwartet von dem, der hilflos hing am Holz von Golgatha.<\/p>\n<p><em>Andern hat er geholfen und kann sich selber nicht helfen.<\/em><\/p>\n<p>So l\u00e4stern ihn auch die mit ihm Gekreuzigten.<\/p>\n<p>Wie kann uns dieser Hilflose denn helfen!<\/p>\n<p>Und Gott?<\/p>\n<p><em>Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott<\/em>. Sagt das Sprichwort. Ist das nicht auch ein modernes Lebensgef\u00fchl?<\/p>\n<p>In der Geschichte sagen die Leute \u00fcber den, der da am Kreuz h\u00e4ngt:<\/p>\n<p><em>Er hat Gott vertraut; der erl\u00f6se ihn nun, wenn er Gefallen an ihm hat.<\/em><\/p>\n<p>Wenn Gott ihm nicht hilft, ist Gott wohl auch nicht auf seiner Seite.<\/p>\n<p>Der Gekreuzigte antwortet denen, die ihn schm\u00e4hen, nichts.<\/p>\n<p>Er schreit zuletzt:\u00a0<em>Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?<\/em><\/p>\n<p>Aber sein Gott, zu dem er schreit, antwortet ihm nicht.<\/p>\n<p>Der Todesschrei des Gekreuzigten verhallt.<\/p>\n<p>Unheimlich kommunikationslos vollzieht sich diese Geschichte.<\/p>\n<p>Der da am Kreuz stirbt ungetr\u00f6stet.<\/p>\n<p>War es so, wie Jesus am Kreuz schrie: Starb er wirklich gottverlassen?<\/p>\n<p>Oder hat er sich nur so gef\u00fchlt, weil er Gottes Antwort nicht h\u00f6rte, seine N\u00e4he nicht f\u00fchlte? Schlimm genug w\u00e4re schon dies. Aber vielleicht war es noch schlimmer.<\/p>\n<p>Wo war Gott in dieser Geschichte?<\/p>\n<p>Ich glaube, wir d\u00fcrfen nicht denken:<\/p>\n<p>Gott war irgendwo fern, unber\u00fchrbar und unger\u00fchrt und hat so Jesus geschlagen. Gewaltt\u00e4tig geschlagen.<\/p>\n<p>Wo war Gott? Gott war in Jesus Christus. Sagt die Bibel.<\/p>\n<p>Dann war er da oben am Kreuz.<\/p>\n<p>Und war sich da doch selbst gegen\u00fcber.<\/p>\n<p>So liebte er Jesus als seinen Sohn und war ganz eins mit ihm in seiner Liebe.<\/p>\n<p>Gott war in Jesus Christus.<\/p>\n<p>In K\u00f6ln haben wir gerade dieser Tage erfahren, wie schrecklich es ist, wenn einem Vater sein Sohn mit Gewalt genommen wird.<\/p>\n<p>Wo Gott Jesus schlagen lie\u00df, lie\u00df er sich selber schlagen.<\/p>\n<p>Wo Jesus geschlagen wurde, wurde Gott geschlagen.<\/p>\n<p>Wenn Gott hier schlug, schlug er sich selbst.<\/p>\n<p>Wenn Jesus ungetr\u00f6stet starb, lie\u00df Gott sich selbst ohne Trost.<\/p>\n<p>Wenn Jesus gottverlassen starb, hatte Gott sich selbst preisgegeben.<\/p>\n<p>Wir d\u00fcrfen hier nicht in falsch verstandener Dogmatik Gott zum Schl\u00e4ger machen, der sich einen Anderen als Opfer suchte.<\/p>\n<p>Wenn Gott diesen Jesus schlug, war er selber auf der Seite des Geschlagenen. Ja war er selber der Geschlagene.<\/p>\n<p>In seiner Liebe hat Gott sich verletzlich gemacht. Er hat sich am Kreuz wehrlos gemacht. In seiner Liebe zu unsrer Welt.<\/p>\n<p>In seiner Liebe hat Gott sich angreifen und verletzen lassen. Hat er sich zu Tode schinden lasen. Hat er sich durch Gewalt aus unsrer Welt hinausdr\u00e4ngen lassen.<\/p>\n<p>Im Kreuz Jesu hat Gott sich selbst preisgegeben an unsre Welt, die r\u00fccksichtslos das Ihre sucht. Gott hat sein ganzes Gottsein in diese Liebe gelegt. Er liebte unsre Welt und wollte sie in ihrer Gewaltt\u00e4tigkeit nicht selber gewaltt\u00e4tig umbringen. Lieber wollte er selbst verlieren.<\/p>\n<p>Hat Gott sich da nicht selbst aufs Spiel gesetzt?<\/p>\n<p>W\u00e4re er gescheitert in seiner Liebe, bliebe auch unsre Welt ihrer eigenen Gewaltt\u00e4tigkeit ausgeliefert. Unentrinnbar auf immer.<\/p>\n<p>III.<\/p>\n<p>Diese Geschichte kann nur verstehen, wer ihren Ausgang kennt.<\/p>\n<p>Diese Geschichte kann nur verstehen, wen der auferstandene Jesus Christus an die Hand nimmt und nimmt ihn mit auf seinen Weg ans Kreuz und in sein Sterben hinein. So ist das Evangelium erz\u00e4hlt worden. Immer so, dass der lebendige Jesus aus ihm spricht \u2013 vom Ende her, von daher, dass Gott den Gekreuzigten auferweckt hat von den Toten.<\/p>\n<p>Das Evangelium erz\u00e4hlt von daher, dass das Leben eingebrochen ist in die Gewalt des Todes. Das Evangelium erz\u00e4hlt von unserer Zukunft her, die da schon begonnen hat.<\/p>\n<p>Der Hauptmann des r\u00f6mischen Hinrichtungskommandos urteilt von daher:\u00a0<em>Wahrhaftig! Dieser ist Gottes Sohn gewesen.<\/em><\/p>\n<p>Das Evangelium erz\u00e4hlt von daher, dass die Wehrlosigkeit der Liebe Gottes die Gewalt des Hasses besiegt hat.<\/p>\n<p>Diese Liebe hat den Totgeschlagenen nicht tot gelassen, sondern den Gekreuzigten auferweckt aus der Gewalt des Todes.<\/p>\n<p>Die Liebe, in der Gott sich selbst der Gewalt preisgab, hat die Gewalt \u00fcberwunden. Hat der Gewalt nicht den Sieg \u00fcber die Geschlagenen gelassen. Das ist Hoffnung f\u00fcr unsre Weltgeschichte.<\/p>\n<p>Am Kreuz hatte Gott sich selbst an die Welt preisgegeben und verloren. Und gerade dieser Liebe gab er in der Auferweckung des Gekreuzigten Recht.<\/p>\n<p>Am Kreuz konnte er sich selber nicht helfen, weil er\u00a0<em>uns<\/em>\u00a0liebte. Und wurde gerade so zu unserem Helfer.<\/p>\n<p>Unsere Welt wird nicht heil durch die Starken, die ihre St\u00e4rke ausspielen.<\/p>\n<p>Unserer Welt wird nicht geholfen durch die, die sich zuerst selber helfen. So k\u00f6nnen wir uns auch nicht selber helfen.<\/p>\n<p>Uns wird und ist schon geholfen von dem, der es anders machte. Von dem, der sich in seiner Liebe zu uns aufgab \u2013 und bekam Recht darin.<\/p>\n<p>Die sich selbst zuerst durchsetzen und wollen so die Welt sanieren \u2013 sie bekommen hier Unrecht. Und die Gewaltt\u00e4tigkeit gegen Andere \u2013 sie bekommt hier allemal Unrecht.<\/p>\n<p>In dem Gekreuzigten hat Gott sich an unsre Welt hergegeben und hat darin zusammen mit unsrer Welt das Spiel gewonnen \u2013 und es nicht verloren an die m\u00f6rderische Gewalt.<\/p>\n<p>Gefragt sind wir, ob wir uns drauf einlassen. Auf diese Liebe. Lebendig schwimmen gegen den Todesstrom.<\/p>\n<p>Was \u201egibt\u201c es \u201eBessres in der Welt\u201c?<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Dr. Hans Theodor Goebel, K\u00f6ln<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"mailto:GoebelH@Kirche-Koeln.de\"><strong>E-Mail: GoebelH@Kirche-Koeln.de<\/strong><\/a><\/p>\n<p><strong>Vorbemerkung<\/strong><\/p>\n<p>\u00dcber die Kreuzigungsgeschichte, \u00fcber ihr Profil bei Matth\u00e4us im Vergleich zu den anderen Evangelisten, haben wir vor wenigen Tagen in einem Bibelhauskreis unserer Gemeinde gesprochen.<\/p>\n<p>Eine Frage besch\u00e4ftigte uns stark: Ob Jesus gottverlassen gestorben sei? Oder ob er sich nur so gef\u00fchlt habe und Gott in Wirklichkeit doch bei ihm gewesen sei. Und von vorneherein die Fragen: Ob oder warum Jesu Leiden und Sterben n\u00f6tig gewesen sein solle und der einzige Weg zum Heil der Welt?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Karfreitag | 13. April 2001 | Matth\u00e4us 27,33-54 | Hans Theodor Goebel | I. 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