{"id":22244,"date":"2001-04-21T11:17:49","date_gmt":"2001-04-21T09:17:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22244"},"modified":"2025-03-21T11:20:11","modified_gmt":"2025-03-21T10:20:11","slug":"johannes-2011-18-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-2011-18-2\/","title":{"rendered":"Johannes 20,11-18"},"content":{"rendered":"<h3>Ostersonntag | 15. April 2001 | Johannes 20,11-18 | Andreas Lindemann |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>\u201eAm dritten Tage auferstanden von den Toten\u201c \u2013 so sprechen wir gemeinsam Sonntag f\u00fcr Sonntag mit den Worten des Apostolischen Bekenntnisses. Oder wir sagen, wie heute: \u201eAm dritten Tage auferstanden nach der Schrift\u201c. Diese Worte haben, in Anlehnung an ein schon beim Apostel Paulus zitiertes Bekenntnis, die Konzilien von Nic\u00e4a und Konstantinopel im 4. Jahrhundert einst festgelegt. Jesus ist auferstanden von den Toten. Das ist die christliche Osterbotschaft.<\/p>\n<p>Aber was meinen wir eigentlich, wenn wir von Jesu Auferstehung sprechen? Worauf bezieht sich unser Bekenntnis? Wir k\u00f6nnten heute auch einfach fragen: Warum feiern wir \u00fcberhaupt Ostern?<\/p>\n<p>Beim Weihnachtsfest ist die Frage nach dem Warum relativ leicht zu beantworten: Ein Kind wurde geboren. In jedem Jahr erinnern wir uns an seinen Geburtstag. Das ist etwas ganz Normales. Das versteht jeder. Ein Geburtstag ist im allgemeinen ein Tag der Freude. Auch der Sinn von Karfreitag kann uns durchaus einleuchten: Jesus ist gestorben. Es ist nichts Ungew\u00f6hnliches, da\u00df man sich an den Todestag eines Menschen erinnert. Aber woran erinnern wir uns zu Ostern?<\/p>\n<p>Seit Wochen zeigen die Schaufenster vieler Gesch\u00e4fte mehr oder weniger sch\u00f6ne Osterdekorationen. Man kann besondere Osters\u00fc\u00dfigkeiten kaufen. Es ist \u00e4hnlich wie in den Wochen vor Weihnachten.<\/p>\n<p>Und doch ist es irgendwie auch anders: Vor Weihnachten leuchten helle Sterne \u00fcber den dunklen Stra\u00dfen, Engelfiguren lachen uns freundlich an, wir sehen das Kind in der Krippe. Man kann also noch ungef\u00e4hr erkennen, worum es zu Weihnachten geht. Doch was hat die Osterdekoration mit dem christlichen Osterfest zu tun? Inwiefern erinnern die Schokoladenhasen und die bunten Eier an Jesu Auferstehung von den Toten?<\/p>\n<p>\u201eAuferstanden von den Toten\u201c. Nicht selten, gerade in der Osterzeit, entz\u00fcndet sich Streit an diesen Worten. Was ist mit diesem Satz gemeint? Ist er nicht letztlich eine Zumutung? Wir wissen doch: Tote werden nicht wieder lebendig. Warum also sagen wir \u00fcber Jesus etwas, wovon wir aus unserer Erfahrung wissen, da\u00df es nicht stimmen kann?<\/p>\n<p>Oder stimmt es doch? Ist Jesus doch auferstanden, so wie er zuvor gestorben war? Ist Jesu Auferstehung eine Tatsache? Zumindest eine \u201eGlaubenstatsache\u201c, wie gelegentlich formuliert wird?<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, mit dem Stichwort \u201eTatsache\u201c m\u00fcssen wir gerade zu Ostern durchaus vorsichtig sein. Niemand ist bei Jesu Auferstehung dabei gewesen. Niemand hat je bezeugt: \u201eIch habe gesehen, wie der tote Jesus in seinem Grab neues Leben erhielt. Ich habe gesehen, wie der gro\u00dfe Stein vor dem Grab sich auf wunderbare Weise entfernte. Ich habe gesehen, wie sich Jesus erhob und sein Grab verlie\u00df.\u201c Niemand hat das jemals gesagt. Es gibt keine Augenzeugen. Nirgendwo im Neuen Testament gibt es eine Erz\u00e4hlung, in der geschildert wird, wie sich Jesu Auferstehung vollzogen haben k\u00f6nnte. Erz\u00e4hlt wird nur, da\u00df Frauen am dritten Tag nach Jesu Hinrichtung sein Grab besuchten, da\u00df sie das Grab ge\u00f6ffnet fanden, und da\u00df Jesu Leichnam nicht mehr da war.<\/p>\n<p>Erz\u00e4hlt wird dies in den vier Evangelien auf recht unterschiedliche Weise. Vorhin haben wir die Erz\u00e4hlung geh\u00f6rt, wie sie uns im Johannesevangelium \u00fcberliefert ist: Maria Magdalena kommt zuerst zum Jesu Grab, danach kommen auch zwei der J\u00fcnger \u2013 der eine ist Petrus, und der andere ist der, den man den \u201eLieblingsj\u00fcnger\u201c nennt und dessen Namen wir nicht wissen. Wir haben geh\u00f6rt, wie Maria Magdalena reagiert, als sie das Grab ge\u00f6ffnet findet: \u201eSie haben den Herrn aus dem Grab genommen\u201c, sagt sie; \u201eund wir wissen nicht, wo sie ihn hingelegt haben.\u201c Das Grab ist offensichtlich leer.<\/p>\n<p>Aber was bedeutet das? F\u00fcr Maria Magdalena ist das leere Grab jedenfalls alles andere als ein Hoffnungszeichen. Sie kommt nicht auf den Gedanken, das leere Grab sei ein Indiz, wom\u00f6glich gar ein Beweis daf\u00fcr, da\u00df Jesus nicht mehr tot ist. Nein: Angesichts des leeren Grabes wei\u00df sie, da\u00df jemand den toten K\u00f6rper Jesu beseitigt hat.<\/p>\n<p>\u201eSie haben ihn genommen\u201c, sagt Maria Magdalena. Und da k\u00f6nnen wir f\u00fcr das \u201esie\u201c beliebige Namen einsetzen: \u201eSie\u201c \u2013 das m\u00f6gen die r\u00f6mischen Machthaber sein. \u201eSie\u201c \u2013 das k\u00f6nnten die Angeh\u00f6rigen der Jerusalemer Priesterschaft sein. \u201eSie\u201c \u2013 das sind vielleicht ganz allgemein die Gegner Jesu. Das sind die, die Jesu Hinrichtung durchgesetzt hatten und die nun nicht einmal dem Toten seine Ruhe g\u00f6nnen. Die f\u00fcrchten, sogar der tote Jesus im Grab k\u00f6nne ihnen noch einmal gef\u00e4hrlich werden.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re ja nicht das erstemal, und es w\u00e4re auch ganz gewi\u00df nicht das letzte Mal, da\u00df von einem Grab Gefahr ausgeht. Nicht selten kommt es vor, da\u00df Menschen, die dem Toten nahgestanden hatten, nun dessen Grab zu einer Kultst\u00e4tte machen.<\/p>\n<p>\u201eSie haben ihn weggenommen\u201c, sagt Maria Magdalena, als sie das ge\u00f6ffnete Grab sieht. Und die beiden J\u00fcnger, die hinzugekommen sind? Sie sind ratlos. Sie schauen in das leere Grab, sie gehen sogar in das Grab hinein. Und dann gehen sie wieder weg, zur\u00fcck zu den anderen. \u201eDenn sie verstanden die Schrift nicht, da\u00df er von den Toten auferstehen m\u00fcsse\u201c, schreibt der Evangelist Johannes.<\/p>\n<p>So weit haben wir die Geschichte vom leeren Grab vorhin geh\u00f6rt. Aber wie geht sie weiter? H\u00f6ren wir auf die Fortsetzung, auf Joh 20,11-18. H\u00f6ren wir auf jenen Text, der in diesem Jahr 2001 f\u00fcr den heutigen Ostersonntag als Predigttext vorgeschlagen ist (im Luther-NT S. 138):<\/p>\n<p>Maria aber stand drau\u00dfen vor dem Grab und weinte. Als sie nun weinte, schaute sie in das Grab und sieht zwei Engel in wei\u00dfen Gew\u00e4ndern sitzen, einen zu H\u00e4upten und den andern zu den F\u00fc\u00dfen, wo sie den Leichnam Jesu hingelegt hatten. Und die sprachen zu ihr: \u201eFrau, was weinst du?\u201c Sie spricht zu ihnen: \u201eSie haben meinen Herrn weggenommen, und ich wei\u00df nicht, wo sie ihn hingelegt haben.\u201c<\/p>\n<p>Und als sie das sagte, wandte sie sich um und sieht Jesus stehen und wei\u00df nicht, da\u00df es Jesus ist. Spricht Jesus zu ihr: \u201eFrau, was weinst du? Wen suchst du?\u201c Sie meint, es sei der G\u00e4rtner, und spricht zu ihm: \u201eHerr, hast du ihn weggetragen, so sage mir, wo du ihn hingelegt hast; dann will ich ihn holen.\u201c Spricht Jesus zu ihr: \u201eMaria!\u201c Da wandte sie sich um und spricht zu ihm auf hebr\u00e4isch: \u201eRabbuni!\u201c, das hei\u00dft: Meister.<\/p>\n<p>Spricht Jesus zu ihr: \u201eR\u00fchre mich nicht an, denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater. Geh aber hin zu meinen Br\u00fcdern und sage ihnen: \u201aIch fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott.\u2019\u201c<\/p>\n<p>Maria von Magdala geht und verk\u00fcndigt den J\u00fcngern: \u201eIch habe den Herrn gesehen, und das hat er zu mir gesagt.\u201c<\/p>\n<p>Die beiden J\u00fcnger, die so mutig in das Grab hineingegangen waren, sind l\u00e4ngst zu den anderen zur\u00fcckgekehrt. Maria Magdalena aber ist beim Grab geblieben. Allein. Warum tut sie das? Was erwartet sie noch? Erwartet sie \u00fcberhaupt etwas? Erwarten\u00a0<em>wir<\/em>\u00a0noch etwas, wenn wir am Grab eines uns lieben Menschen stehen?<\/p>\n<p>Maria weint. Sie will einfach allein sein. Sie ist nicht in der Stimmung, mit den anderen zu reden. Sie will sich an keiner Diskussion dar\u00fcber beteiligen, ob man den Leichenraub vielleicht den Beh\u00f6rden melden soll, oder ob man das besser nicht tut.<\/p>\n<p>Aus irgendeinem Grund schaut Maria in das Grab hinein. Das hatte sie vorher nicht getan \u2013 anders als die beiden J\u00fcnger. Maria sieht in dem Grab zwei Engel. Hatten Petrus und der andere J\u00fcnger diese Engel \u00fcbersehen? Sind die Engel unbemerkt in das Grab gelangt? Wer sind sie? Sind es \u00fcberhaupt Engel? Sind es nicht vielleicht einfach zwei M\u00e4nner, angetan mit wei\u00dfen Gew\u00e4ndern?<\/p>\n<p>Jedenfalls verstehen diese beiden nichts von dem, was hier vor sich geht: \u201eWarum weinst du?\u201c, fragen sie Maria. Eine wahrhaft t\u00f6richte Frage. Da steht eine Frau vor einem Grab und weint. Wie kann jemand bei diesem Anblick fragen: \u201eWarum?\u201c Maria Magdalena ist einfach nur traurig. Und durch das leere Grab, das sie vor sich sieht, ist ihre Trauer nur um so gr\u00f6\u00dfer geworden: Jesus ist seit zwei Tagen tot; und nun ist obendrein sein Leichnam verschwunden. Und jetzt h\u00f6rt sie zu allem \u00dcberflu\u00df auch noch die zynische, die jedenfalls unn\u00f6tige Frage: \u201eWarum weinst du?\u201c<\/p>\n<p>Maria h\u00e4tte diese Frage \u00fcberh\u00f6ren k\u00f6nnen. Aber sie antwortet den beiden Fremden. Sie sagt noch einmal das, was sie schon den J\u00fcngern gesagt hatte: \u201eSie haben meinen Herrn weggenommen, und ich wei\u00df nicht, wo sie ihn hingelegt haben.\u201c<\/p>\n<p>Eine tapfere Antwort. Maria f\u00fcrchtet nicht, die beiden M\u00e4nner in den wei\u00dfen Gew\u00e4ndern k\u00f6nnten wom\u00f6glich etwas mit dem Verschwinden des Leichnams Jesu zu tun haben. Sie f\u00fcrchtet nicht, sie k\u00f6nne sich mit ihren Worten wom\u00f6glich verd\u00e4chtig machen. Sie sagt, wie es ihr ums Herz ist. Sie weint, weil Jesus tot ist und weil nun jemand Jesu Leichnam gestohlen hat. Die beiden Fremden m\u00fcssen doch einsehen, da\u00df dies f\u00fcr sie wahrhaftig ein Grund zur Trauer ist.<\/p>\n<p>In diesem Augenblick wendet Maria sich um. Hat sie unvermutet etwas geh\u00f6rt? Ist ein Schatten in das Grab gefallen? Hat sich die \u00d6ffnung des Grabes pl\u00f6tzlich verdunkelt? Maria wendet sich um und sieht einen Mann vor sich stehen. Der Evangelist schreibt: \u201eSie sieht Jesus; aber sie wei\u00df nicht, da\u00df es Jesus ist.\u201c<\/p>\n<p>Vielleicht haben Sie vor etwa zwei Wochen in den Zeitungen das Bild eines b\u00e4rtigen, schwarzhaarigen Mannes gesehen. Das Bild Jesu \u2013 so wie es sich die britische Rundfunkgesellschaft BBC mit Hilfe von arch\u00e4ologischen Funden per Computer als Phantombild f\u00fcr einen Fernsehfilm hatte anfertigen lassen. Ein etwas d\u00fcster dreinblickender, aber im Grunde ganz unauff\u00e4lliger Mann. Tausende von M\u00e4nnern im Alter von etwa drei\u00dfig Jahren m\u00f6gen damals in Pal\u00e4stina so ausgesehen haben. Jesus \u2013 ein Mann wie viele andere. Maria Magdalena sieht Jesus vor sich. Und sie denkt: Das wird wohl der G\u00e4rtner sein. Der Mann, der f\u00fcr die Pflege jener Gartenanlagen verantwortlich ist, wo sich das Grab befindet.<\/p>\n<p>Und nun stellt auch dieser G\u00e4rtner dieselbe t\u00f6richte Frage: \u201eFrau, warum weinst du?\u201c Begreift denn keiner von diesen M\u00e4nnern, um was es hier geht? Da ist Jesus eines qualvollen, schrecklichen Todes am Kreuz gestorben. Da hat sich immerhin einer gefunden, ein Fremder, der f\u00fcr ein ordentliches Begr\u00e4bnis sorgte. Und nun ist sie, Maria Magdalena, zwei Tage sp\u00e4ter zur Grabst\u00e4tte gekommen und findet diese bereits gesch\u00e4ndet. Das Grab ist leer. Offenbar gibt es Leute, die es nicht ertragen konnten, da\u00df der Gekreuzigte ein anst\u00e4ndiges Grab bekommen hatte.<\/p>\n<p>Angesichts dessen weint Maria, und nun steht der G\u00e4rtner da und fragt, warum sie weint. Sieht er denn nicht, da\u00df diese Frau jenem Mann, der in dem Grab h\u00e4tte liegen m\u00fcssen, sehr nahegestanden hatte? Kann er sich das nicht wenigstens denken?<\/p>\n<p>Wahrhaftig, dieser Tote, dessen letzte Spuren nun von Grabr\u00e4ubern beseitigt worden waren, der Mann Jesus aus der Stadt Nazareth, war f\u00fcr Maria aus Magdala nicht irgendjemand gewesen. Die beiden hatten einander nahegestanden. Viel wissen wir allerdings nicht \u00fcber die Beziehung zwischen dieser Frau und diesem Mann. Von Maria aus Magdala ist in den Evangelien vor allem im Zusammenhang des Berichts von der Hinrichtung Jesu die Rede. Johannes erz\u00e4hlt, sie habe gemeinsam mit der Mutter Jesu und dem Lieblingsj\u00fcnger unter dem Kreuz gestanden; das ist die Szene, die manche von uns vielleicht vom Bild des Isenheimer Altars her kennen. Der Evangelist Lukas schreibt etwas mehr: Maria Magdalena, so wei\u00df er zu berichten, habe zu jenen Frauen geh\u00f6rt, die Jesus schon auf seinen Wanderungen durch Galil\u00e4a begleiteten. Sie hatte zu denen geh\u00f6rt, die Jesus finanziell unterst\u00fctzten \u2013 etwas, wovon sonst nirgendwo in den Evangelien gesprochen wird.<\/p>\n<p>War da wom\u00f6glich mehr gewesen zwischen Jesus und Maria Magdalena? Die sp\u00e4tere Legende macht aus der Frau aus Magdala \u201edie gro\u00dfe S\u00fcnderin\u201c: Sie sei es gewesen, die nach dem Bericht des Lukasevangeliums Jesu F\u00fc\u00dfe mit ihren Tr\u00e4nen gewaschen und dann mit ihren Haaren getrocknet habe. Aber nirgends steht, diese Frau sei Maria Magdalena gewesen. Nirgendwo in der Bibel steht, Maria sei eine gro\u00dfe S\u00fcnderin gewesen. Sie habe gar \u2013 wie die Phantasie dann weiter gesponnen hat \u2013 als Prostituierte gearbeitet. Manche Romane und Filme wollen uns dies als Sensation verkaufen: Maria Magdalena als Dirne, der einzige Mensch, der angesichts des Todes Jesu offene Trauer zeigt, eine Hure. Aber nichts davon sagt uns die biblische \u00dcberlieferung. Maria Magdalena hatte zum engeren Kreis um Jesus geh\u00f6rt. Mehr war da nicht gewesen \u2013 freilich: Da war auch nicht weniger! Maria hat allen Grund, angesichts des leeren Grabes zu weinen.<\/p>\n<p>Der G\u00e4rtner, dem Maria gegen\u00fcbersteht, scheint von alldem nichts zu wissen. \u201eFrau, warum weinst du?\u201c, fragt er. \u201eWen suchst du?\u201c Jetzt ist Maria bei ihrer Antwort vorsichtiger. \u201eHerr\u201c \u2013 so ehrerbietig redet sie den G\u00e4rtner an, man kann ja nie wissen. \u201eHerr, wenn du ihn weggetragen hast\u201c \u2013 aus welchen Gr\u00fcnden auch immer dies geschehen sein mag \u2013 \u201edann sage mir doch, wo du ihn hingelegt hast; dann will ich ihn holen.\u201c Nur eine kurze Information m\u00f6chte sie, sie bittet nicht um Hilfe. Sie wird es schon allein schaffen, Jesu Leichnam wieder in sein Grab zu bringen. So w\u00e4re sie in ihrer Trauer schon ein wenig getr\u00f6stet.<\/p>\n<p>Doch mit einem Mal wird alles anders. Nur ein Wort f\u00e4llt. Nur ein Name wird ausgesprochen: \u201eMaria!\u201c Der vorgebliche G\u00e4rtner spricht die Frau aus Magdala mit ihrem Namen an. Er wei\u00df, wer sie ist. Und ebenso wei\u00df Maria in diesem Augenblick, wer da vor ihr steht. \u201eRabbuni! Meister\u201c, sagt sie. W\u00f6rtlich \u00fcbersetzt: \u201eMein Gro\u00dfer, mein Lehrer!\u201c<\/p>\n<p>Mit diesem Ehrentitel \u201aRabbi!\u2019 war Jesus des \u00f6fteren angesprochen worden, gerade im Johannesevangelium: Von seinen J\u00fcngern, aber auch von Fremden. Sogar von Nikodemus, der doch zum Hohen Rat in Jerusalem geh\u00f6rte.<\/p>\n<p>\u201eRabbuni, Meister!\u201c, sagt Maria. Freut sie sich dar\u00fcber, da\u00df Jesus wieder da ist? Meint sie, Jesus sei vielleicht gar nicht wirklich tot gewesen? Erwartet sie, da\u00df er nun seine T\u00e4tigkeit als Lehrer und als Wundert\u00e4ter wieder aufnehmen wird, nachdem ihm auf so wunderbare Weise das Leben wieder geschenkt worden war? Hofft Maria, da\u00df nun alles wieder so sein wird, wie es in der Zeit vor Jesu Kreuzigung gewesen war?<\/p>\n<p>Oft ist das ja unsere Antwort, wenn wir nach dem Sinn von Ostern gefragt werden. Jesus ist wieder lebendig geworden, sagen wir. Das Leben hat \u00fcber den Tod gesiegt. Die Sache Jesu geht weiter.<\/p>\n<p>Aber Jesus ist nicht einfach \u201ewieder lebendig geworden\u201c. Er ist nicht \u201ewieder da\u201c, als w\u00e4re nichts gewesen. Es ist nicht ein weiteres Wunder geschehen, vergleichbar der Auferweckung des Lazarus, der schon mehrere Tage im Grab gelegen hatte. Oder vergleichbar der Auferweckung jenes J\u00fcnglings, den man in Nain bereits zu Grabe trug. Nein, der Jesus, der jetzt als der Lebendige vor Maria steht und sie mit ihrem Namen anspricht, ist ein anderer geworden.<\/p>\n<p>\u201eR\u00fchre mich nicht an\u201c, sagt Jesus zu Maria. Vielleicht hatte sie ihn umfangen, ihn umarmen wollen. Vielleicht hatte sie ihn mit ihren H\u00e4nden gleichsam festhalten wollen: \u201eBist du\u2019s wirklich? T\u00e4uschen mich meine Augen nicht?\u201c Wie auch immer: Maria Magdalena ist jedenfalls gl\u00fccklich.<\/p>\n<p>Doch nun der Schock: \u201eR\u00fchre mich nicht an\u201c, sagt Jesus zu ihr.\u00a0<em>Noli me tangere<\/em>. Bleib mir vom Leib!<\/p>\n<p>Was hat Maria von diesem Wiedersehen? Jesus ist ein Fremder geworden. Unnahbar. Unber\u00fchrbar. Einer, der Abstand h\u00e4lt. Maria h\u00e4tte allen Grund, abermals zu weinen.<\/p>\n<p>Warum redet Jesus so? Warum handelt er so? \u201eR\u00fchre mich nicht an.\u201c Jesus gibt daf\u00fcr eine seltsame Begr\u00fcndung: \u201eIch bin noch nicht aufgefahren zum Vater.\u201c Seltsam. W\u00e4re Jesus im Himmel, w\u00e4re er schon bei Gott \u2013 er w\u00e4re doch erst recht \u201eunnahbar\u201c. Er w\u00e4re so weit weg, wie man \u00fcberhaupt nur weg sein kann.<\/p>\n<p>Maria Magdalena, die an jenem ersten Ostertag vor dem Gartengrab in Jerusalem Jesus begegnet, ist in keiner besseren Lage ist als wir alle, als alle Christen bis zum heutigen Tage. Der von den Toten auferstandene Jesus l\u00e4\u00dft sich nicht ber\u00fchren. Es gibt keinen Jesus \u201ezum Anfassen\u201c. Es gibt keinen Jesus, der fotografiert oder gefilmt werden k\u00f6nnte. Jesus hat sich uns entzogen. Wer ihn fassen, wer ihn ergreifen will, der bekommt zur Antwort: \u201eR\u00fchre mich nicht an.\u201c<\/p>\n<p>\u201eSelig sind, die nicht sehen und doch glauben.\u201c Diese Worte wird Jesus ein wenig sp\u00e4ter zum sogenannten ungl\u00e4ubigen Thomas sagen. Wir sollen auf die Botschaft von der Auferstehung h\u00f6ren, wir sollen den Worten Glauben schenken. Es gilt eben nicht: Ich glaube nur das, was ich sehe.<\/p>\n<p>\u201eR\u00fchre mich nicht an.\u201c Ostern bedeutet also nicht, da\u00df Jesus dort weiter macht, wo er ein paar Tage zuvor aufgeh\u00f6rt hatte. Ostern bedeutet nicht, da\u00df Jesu Sterben im Grunde nur eine zuf\u00e4llige, eine l\u00e4stige Unterbrechung seines Lebens gewesen w\u00e4re. Nein, zu Ostern, in der Auferstehung Jesu, hat etwas grundlegend Neues begonnen. Nicht nur f\u00fcr Jesus selber, sondern auch f\u00fcr die, die zu Jesus geh\u00f6ren.<\/p>\n<p>\u201eWas n\u00fctzt uns die Auferstehung Christi?\u201c, so fragt der Heidelberger Katechismus in Frage 45. Und er antwortet: \u201eErstens: Christus hat durch seine Auferstehung den Tod \u00fcberwunden, um uns an der Gerechtigkeit Anteil zu geben, die er uns durch seinen Tod erworben hat. Zweitens: Durch seine Kraft werden auch wir schon jetzt erweckt zu einem neuen Leben. Drittens: Die Auferstehung Christi ist uns ein verl\u00e4\u00dfliches Pfand unserer seligen Auferstehung.\u201c Ostern, so sagt unser Katechismus, betrifft uns unmittelbar. Ostern er\u00f6ffnet uns Zukunft und damit zugleich auch eine neue Gegenwart.<\/p>\n<p>Das grundlegend Neue beginnt f\u00fcr Maria Magdalena mit einem Auftrag, den sie von Jesus erh\u00e4lt. Sie soll verk\u00fcndigen. Sie soll eine Botschaft ausrichten. Die Botschaft von der Auferstehung Jesu. Maria Magdalena ist die erste Osterzeugin. Sie soll den J\u00fcngern sagen, da\u00df Jesus hinaufgeht zum Vater, da\u00df er hingeht zu Gott. Im Grunde soll sie also den J\u00fcngern sagen, da\u00df Jesus nicht mehr da ist.<\/p>\n<p>Aber h\u00f6ren wir genau hin: \u201eIch fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater\u201c, sagt Jesus. \u201eIch fahre auf zu meinem Gott und zu eurem Gott.\u201c Jesu Worte sprechen von etwas ganz anderem als nur von einer Art Ortsver\u00e4nderung. Jesus macht uns durch seine Worte zu seinen Geschwistern.<\/p>\n<p>Gott als Vater, Jesus als Sohn \u2013 das ist uns vertraut, davon h\u00f6ren wir immer wieder, gerade im Johannesevangelium. Aber seit Ostern, seit Jesu Auferstehung gilt: Gott ist\u00a0<em>unser<\/em>\u00a0Vater,\u00a0<em>wir<\/em>\u00a0leben als T\u00f6chter und S\u00f6hne Gottes.\u00a0<em>Wir<\/em>\u00a0werden angesprochen als Schwestern und Br\u00fcder des von den Toten auferstandenen Jesus. Der Abstand zwischen Gott und uns, der Abstand zwischen Jesus und uns wird durch Ostern nicht etwa vergr\u00f6\u00dfert, sondern er wird im Gegenteil eingeebnet.<\/p>\n<p>Das ist die Botschaft, die Maria ausrichten soll. Ostern macht uns zu Geschwistern Jesu. Ostern macht uns zu Kindern Gottes. Scheinbar sieht es so aus, als entferne sich Jesus von uns: Jesus ist erh\u00f6ht, wir dagegen bleiben, was wir schon immer waren.<\/p>\n<p>Nein, sagt uns das Osterzeugnis des Johannesevangeliums: Gerade jetzt, gerade durch die Auferstehung Jesu, geh\u00f6ren wir wirklich, geh\u00f6ren wir ganz und gar zu Gott.<\/p>\n<p>Maria Magdalena, so schildert es der Evangelist, begreift sofort, welchen Auftrag sie erhalten hat. Sie braucht keine weiteren Erl\u00e4uterungen. Und der Evangelist braucht nicht zu sagen, was weiter mit Jesus geschieht. Wollten wir die erz\u00e4hlte Szene verfilmen, so g\u00e4be es hier einen harten Schnitt: Jesus verl\u00e4\u00dft nicht die Szene, und sein Bild l\u00f6st sich auch nicht langsam oder pl\u00f6tzlich auf. Nein \u2013 nach diesen Worten Jesu s\u00e4hen wir ganz unvermittelt nur noch die Maria, die zu den J\u00fcngern geht und ihnen sagt: \u201eIch habe den Herrn gesehen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch habe den Herrn gesehen.\u201c Dieselben Worte verwendet Paulus, um den Christen in Korinth einen Beleg daf\u00fcr zu geben, da\u00df er \u2013 Paulus \u2013 sich zu Recht Apostel nennen darf. Vielleicht will uns der Evangelist Johannes dasselbe sagen: Maria Magdalena ist ein Apostel, sie ist eine Apostolin. Nicht Petrus ist der erste, der den Auferstandenen gesehen hat. Nein, Maria Magdalena ist es, eine Frau. Eine Frau, die im \u00fcbrigen zwar unbekannt bleibt; von deren weiterem Wirken wir nichts wissen. Und die doch f\u00fcr das Johannesevangelium von gr\u00f6\u00dfter Bedeutung ist.<\/p>\n<p>Der Christusglaube, so lehrt uns Johannes, ist von Anfang an keine M\u00e4nnersache. Die christliche Kirche ist kein Verein, in dem die M\u00e4nner das Sagen h\u00e4tten und die Frauen allenfalls h\u00f6ren d\u00fcrften. Nein, Maria Magdalena verk\u00fcndigt: \u201eIch habe den Herrn gesehen.\u201c Nach dem Zeugnis des Johannesevangeliums beginnt die christliche Botschaft, beginnt die Geschichte der Kirche mit der Predigt einer Frau.<\/p>\n<p>\u201eIch habe den Herrn gesehen\u201c, sagt Maria Magdalena. Vermutlich kann niemand unter uns dies von sich selber sagen. Aber Ostern heute, im Jahre 2001, bedeutet auch gar nicht, da\u00df wir uns auf \u00fcbernat\u00fcrliche Erfahrungen und auf wunderbare Erlebnisse berufen m\u00fc\u00dften. Die Osterbotschaft, heute nicht anders als vor beinahe zweitausend Jahren, verspricht uns, da\u00df wir nun Jesu Schwestern und Br\u00fcder, da\u00df wir nun Gottes S\u00f6hne und T\u00f6chter geworden sind. Das ist heute wahrhaftig ein Grund zu sagen: Fr\u00f6hliche Ostern.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Exegetische und homiletische Vorentscheidungen<\/strong><\/p>\n<p>Unabh\u00e4ngig von allen differenzierteren literarkritischen Hypothesen kann f\u00fcr die Predigt die literarische Einheitlichkeit des Johannesevangeliums vorausgesetzt werden; allerdings halte ich es f\u00fcr \u00fcberwiegend wahrscheinlich, da\u00df Joh 21 ein sp\u00e4terer Nachtrag ist, so da\u00df f\u00fcr das \u201eurspr\u00fcngliche\u201c Evangelium Joh 20,30f. im Anschlu\u00df an 20,19-29 als der vom Evangelisten gewollte Schlu\u00df gelten kann.<\/p>\n<p>Unabh\u00e4ngig von liturgischen Vorgaben scheint es mir sinnvoll zu sein, die johanneische Ostererz\u00e4hlung als Einheit zu nehmen, d.h. als\u00a0<em>Lesung<\/em>\u00a0sollte jedenfalls Joh 20,1-10 vorangehen. Die Predigt kn\u00fcpft jedenfalls an die johanneische Erz\u00e4hlung von der Auffindung des leeren Grabes an.<\/p>\n<p><strong>Prof. Dr. Andreas Lindemann, Bethel<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"mailto:Lindemann.Bethel@t-online.de\"><strong>E-Mail: Lindemann.Bethel@t-online.de<\/strong><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ostersonntag | 15. April 2001 | Johannes 20,11-18 | Andreas Lindemann | Liebe Gemeinde! \u201eAm dritten Tage auferstanden von den Toten\u201c \u2013 so sprechen wir gemeinsam Sonntag f\u00fcr Sonntag mit den Worten des Apostolischen Bekenntnisses. Oder wir sagen, wie heute: \u201eAm dritten Tage auferstanden nach der Schrift\u201c. 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