{"id":22246,"date":"2001-04-21T11:20:16","date_gmt":"2001-04-21T09:20:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22246"},"modified":"2025-04-23T09:06:48","modified_gmt":"2025-04-23T07:06:48","slug":"jesaja-258-9","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jesaja-258-9\/","title":{"rendered":"Jesaja 25,8-9"},"content":{"rendered":"<h3>Ostermontag | 16. April 2001 | Jesaja 25,8-9 | Karl W. Rennstich |<\/h3>\n<p><strong>Liebe Gemeinde!<\/strong><\/p>\n<p><strong>1. \u201eEr beseitigt den Tod f\u00fcr immer\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Vor 33 Jahren verungl\u00fcckte mein \u00e4ltester Sohn Stefan in Sabah (Borneo) Ich h\u00f6re noch heute die Worte: \u201eAso ginavo i Stefan!\u201c Es bedeutet: kein Herz mehr, tot! Wir Eltern waren wie gel\u00e4hmt. Wie sollte das Leben weitergehen ohne Stefan? Schon am n\u00e4chsten Morgen war die Beerdigung. Die vielen Menschen. Die Leere. Doch wir hatten noch zwei andere Kinder, die auch ihre Eltern brauchten.<\/p>\n<p>\u201eGott, der Herr, wischt die Tr\u00e4nen ab von jedem Gesicht.\u201c Nicht die Zeit heilt alles, sondern Gott. Kohelet 3,1-8 verdeutlicht, dass es f\u00fcr alles eine Stunde, eine Epoche, eine Zeit gibt: Damit ist die Grenze des Menschen angezeigt. Der Mensch kann nicht zu allen Zeiten und nicht zu jeder Stunde sich gleichartig verhalten. Nicht der Mensch setzt die verschiedenen Zeiten fest, vielmehr kommen die Zeiten auf ihn zu und er kann nicht eingreifen. Selbst wenn der Mensch die Stunde erkennt, kann er nicht ihr Geschick bestimmen, und es ist l\u00e4ngst bestimmt von einem St\u00e4rkeren.<\/p>\n<p>In der F\u00fcgung unter Gottes Bestimmungen und in der Empf\u00e4nglichkeit f\u00fcr die guten Gelegenheiten zeigt Qoh\u00e4l\u00e4t die einzige M\u00f6glichkeit f\u00fcr den weitblickenden Skeptiker auf, mit seiner Zeit umzugehen. Er nimmt darin Wesentliches aus der \u00e4lteren Weisheit auf (Prv 15,15):\u00bbDes Bedr\u00fcckten Tage sind allesamt b\u00f6se. Aber guter Mut ist ein stetes Fest.\u00ab<\/p>\n<p>Mitten in den R\u00e4tseln, die gerade Gott mit dem Zeitverlauf dem Weisen aufgibt, ist es zuletzt allein Gott selbst, der dem Menschen erm\u00f6glicht, das N\u00f6tige zu schaffen und allen Widrigkeiten zum Trotz das Gute zu entdecken und fr\u00f6hlich zu genie\u00dfen. Inmitten seiner Klageschreie kann ein Beter sich aufrichten (Ps. 31,16a): \u00bbIn deiner Hand ruhen meine Zeiten.\u00ab<\/p>\n<p>Heute nach 33 Jahre nach dem Tod meines Sohnes kann ich mit Hiob sagen: \u201egelobt sei der Name des Herrn!\u201c Hiob\u00a0****steht hier f\u00fcr den trauernden Menschen, der keine leichte, schnelle und einfache Antowort geben konnte auf die Frage aller Fragen:\u00a0<strong>Warum<\/strong>\u00a0mu\u00df gerade mir das widerfahren? Wie gehen wir damit um, wenn guten Menschen B\u00f6ses widerf\u00e4hrt? Wie kann Gott das zulassen?<\/p>\n<p>\u201eGott, der die Kinder gibt, erzieht sie nicht f\u00fcr dich.\u201c sagen die Afrikaner. Letztlich ist Gott es, der das Leben gibt. \u201eVon-Gott-geschenkt\u201c ist in Afrika ein h\u00e4ufig anzutreffender Name, so wie bei uns die Namen \u201eTheodor\u201c und \u201eDorothea\u201c, die die gleiche Bedeutung haben.<\/p>\n<p>Ein Kind ist Gottes Gabe und Aufgabe zugleich. Er hat es f\u00fcr sein Erdenleben &#8211; und sogar dar\u00fcber hinaus &#8211; ausgestattet. Nun legt er dieses Kind in die H\u00e4nde seiner Eltern, dass es w\u00e4chst und gedeiht unter ihrem Schutz und nach ihrem Vorbild. So werden sie zu Partnern Gottes und haben Verantwortung daf\u00fcr, dass Gottes Idee in ihrem Kind Gestalt gewinnt. Doch Kinder sind niemals Besitz. Sie sind von Gott als Leihgabe \u00fcbergeben.<\/p>\n<p><strong>2. \u201eAuf der ganzen Erde nimmt er von seinem Volk die Schande hinweg. Ja, der Herr hat gesprochen.\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Von einem Dorf her t\u00f6nen in\u00a0<strong>Obervolta<\/strong>\u00a0Trommeln, Rasseln und Jubelrufe der Frauen. War es ein Hochzeitszug? Nein, es war das Begr\u00e4bnis eines Alten. Es klingt wie ein Triumph, wie eine Siegesfeier. Er hatte sein langes Leben vollendet und war ohne Furcht im Frieden still davongegangen. Nun preisen ihn Kinder und Kindeskinder auf seinem letzten feierlichen Zug, der zwar zum Grab, doch zugleich in die Unverg\u00e4nglichkeit f\u00fchrt. Der Segen der Alten begleitet auch weiterhin den Weg der Kinder, sie bleiben einander verbunden.<\/p>\n<p>Ganz anders der Tod eines Kindes. Die Rungus in Sabah tr\u00f6steten mich damit dass sie sagten, das ist von Kinoringan, Gott so bestimmt. Es bestimmt die Lebensl\u00e4nge eines jeden Menschen. Keiner kann etwas dagegen tun. Es ist sein Schicksal.<\/p>\n<p>Ich lernte dort aber auch, dass man sehr feinf\u00fchlig umgeht mit Menschen, die ein Kind verloren haben. Kleine Kinder werden ganz in der N\u00e4he des Haus beerdigt, denn die Kleinkinder brauchen die N\u00e4he der Mutter. \u00c4ltere Jungen werden in der N\u00e4he es Gro\u00dfvaters beerdigt, denn sie brauchen die N\u00e4he des Gro\u00dfvaters. Nur die Erwachsenen kommen auf den Friedhof.<\/p>\n<p>Zum Evangelium geh\u00f6rt die Hoffnung auf die Auferstehung der Toten. \u201eLeben wir, So leben wir dem Herrn. Sterben wir so sterben wir dem Herrn. Darum ob wir leben oder sterben: Wir sind des Herrn. (R\u00f6mer 14, 8).<\/p>\n<p><strong>3. Das ist der Herr, auf ihn setzen wir unsere Hoffnung<\/strong><\/p>\n<p>\u201eMaria aber stand drau\u00dfen vor dem Grab und weinte.\u201c Ostern beginnt mit Weinen und endet mit einer gro\u00dfen Freude. Maria erkannte den Auferstandenen Jesus als er sie mit ihrem Namen ansprach. Die ganz pers\u00f6nliche Ansprache nennen wir mit dem Fremdwort kommunizieren. Dieses Wort kommt von communio und bedeutet Gemeinschaft. Das Reden setzt die Gemeinschaft voraus. Und nur in dieser Gemeinschaft ist ein umfassendes Bekenntnis m\u00f6glich. Nur wenn der Einzelne sich in der Gemeinschaft geborgen f\u00fchlen kann, ist auch ein Bekenntnis m\u00f6glich. Erst dann k\u00f6nnen wir sagen: \u201eIch glaube an die Auferstehung des Leibes\u201c.<\/p>\n<p>Von Dietrich BONHOEFFER k\u00f6nnen wir lernen, dass nicht von der\u00a0<em>ars moriendi<\/em>\u00a0( der Kunst des Sterbens), sondern von der Auferstehung Chrisi her ein neuer, reinigender Wind in die gegenw\u00e4rtige Welt wehen kann. Denn die christliche Auferstehungshoffnung unterscheidet sich von der mythologischen darin, dass sie den Menschen in ganz neuer und versch\u00e4rfter Weise an sein Leben auf der Erde verweist.<\/p>\n<p><strong>4. \u201eWir wollen jubeln und uns freuen \u00fcber seine rettende Tat\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Sein eigenes Sterben beschrieb Arie Brouwer, der langj\u00e4hrige stellvertretende Sekret\u00e4r des \u00d6kumenischen Rates der Kirchen in Genf (\u00d6RK) und Generalsekret\u00e4r des Reformierten Weltbundes in Amerika, in einem bewegenden B\u00fcchlein mit dem Titel: Overcoming the Threat of Death (Risk 1994). Als er im Advent 1992 erfuhr, dass der Tumor, den man ihm entfernt hatte, b\u00f6sartig war, schrieb er als eine Therapie die letzten Monate seines Lebens als Tagebuch. Freunde ver\u00f6ffentlichten das Tagebuch.<\/p>\n<p>Die ersten Eintragungen \u00fcber die letzten Monate seines Lebens beginnen am 4. Advent 1992 unter dem Titel: \u201e\u00dcberwindung der Todesangst\u201c. Am Anfang gab es ja Hoffnung. Man konnte sich noch aufrichten an den Worten des Propheten Habakuk: \u201eWir warten auf den Herrn, mehr noch als solche, die auf die ersten Zeichen der Morgenwache warten.\u201c<\/p>\n<p>Arie schreibt \u00fcber die letzten Monate seines Lebens:<\/p>\n<p>\u201eW\u00e4hrend der schweren Zeit kam mein j\u00fcngster Sohn und fragte mich: &#8218;Du und Mama, haben ihr ganzes Leben lang versucht, sich f\u00fcr andere Menschen einzusetzen und daf\u00fcr zu sorgen, dass es den Menschen besser geht. Warum mu\u00dft gerade du nun dieses Schwere durchmachen, wo man doch gerade heute und jetzt dich am allermeisten braucht? Das ist eine sehr merkw\u00fcrdige Art Gottes, das zur\u00fcckzuzahlen, was du Gutes getan hast.&#8216; Nat\u00fcrlich wei\u00df ich, dass nicht Gott das alles tut, aber ich finde keine Antwort auf die Frage, warum er es \u00fcberhaupt zul\u00e4\u00dft.&#8216;<\/p>\n<p>Viele Wochen besch\u00e4ftigte mich die Frage, was \u201eallm\u00e4chtiger Gott\u201c bedeutet. So studierte noch einmal die Bibel. \u201eAm Ende meiner langen theologischen Forschung fand ich, dass im Neuen Testament nur zehnmal von der Allmacht Gottes gesprochen wird. Die Bibel lehrt, dass die gesamte Geschichte der Welt ein Kampf gegen die S\u00fcnde ist. Erst am Ende der Zeit wird dieser Kampf zu Ende sein.<\/p>\n<p>Bei der Betrachtung alter orthodoxer Ikonen ist mir eingefallen, dass die Ikone &#8218;das Fenster zum himmlischen K\u00f6nigreich&#8216; genannt wird.<\/p>\n<p>Inzwischen ist es Juni geworden. Ich mu\u00df langsam eingestehen, dass die Krankheit st\u00e4rker ist als mein Wille. Das Thema Heilen und Glauben besch\u00e4ftigte mich insgesamt 40 Jahre lang. Was mich am meisten besch\u00e4ftigte in dieser Zeit, war die Frage, was \u201e\u00fcberwinden\u201c bedeutet. Auch hier habe ich noch einmal ganz neu in der Bibel diesen Begriff untersucht. Ich habe dabei entdeckt, dass das griechischen\u00a0<em>nikao<\/em>\u00a0bedeutet,\u00a0<em>einen Sieg gewinnen<\/em>. Ich erkannte, dass Sieg bedeutet, das ganze Leben in der ganzen F\u00fclle zu gewinnen. Das f\u00fchrte mich zu einer der gr\u00f6\u00dften Passagen im R\u00f6merbrief. Im 8. Kap. Vers 35-39 schreibt der Apostel Paulus: \u201eWer will uns scheiden von der Liebe Gottes? Tr\u00fcbsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Bl\u00f6\u00dfe oder F\u00e4hrlichkeit oder Schwert?&#8230;.<\/p>\n<p>\u00dcberwindung bedeutet in der Bibel in ein Verh\u00e4ltnis einzutreten, in dem wir vielmehr als vorher, die enge Verbindung von Seele und Leib verstehen und begreifen.<\/p>\n<p>Der Prophet Habakuk war schon immer mein Freund. Er begleitete mich durch das ganze Leben. Habakuk hei\u00dft \u201eUmarmung\u201c oder wie Luther \u00fcbersetzt \u201eHerzer\u201c. Kernspruch dieses Beters ist: &#8218;Der Gerechte wird seines Glaubens leben&#8216;.<\/p>\n<p>Ich habe in diesem langen Proze\u00df gelernt, dass Gott auf mich wartet, und dass er seine Hand \u00fcber mir h\u00e4lt. Wie geheimnisvoll auch diese Worte &#8211; Glaube, Hoffnung, Liebe &#8211; sind, ich merke immer mehr, wie real sie sind. Angesichts des Sterbens, bin ich gewachsen im Glauben, in der Hoffnung, in der Liebe und in der Gnade.&#8220;<\/p>\n<p>Zwei Monate sp\u00e4ter, am 7. Oktober 1993 starb Arie Brouwer.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Prof. Dr. Karl W. Rennstich<\/strong><\/p>\n<p><strong>Bei der Kirche 2<\/strong><\/p>\n<p><strong>72574 Bad Urach-Seeburg<\/strong><\/p>\n<p><strong>Tel: +49-(0)7381-3215 Fax: +49-(0)7381-501234<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"mailto:kwrennstich@gmx.de\"><strong>E-mail: kwrennstich@gmx.de<\/strong><\/a><\/p>\n<p><strong>Dogmatische und homiletische Entscheidung<\/strong><\/p>\n<p>Der Text geh\u00f6rt zur Jesaja- Apokalypse (Jes. 24-27). Wir konzentrieren uns hier auf Jes. 25, 8-9.<\/p>\n<p>Das Todesverst\u00e4ndnis innerhalb der Bibel ist sehr unterschiedlich. Der Tod ist integraler Bestandteil der Sch\u00f6pfungsordnung Jahwes; Sterben und Tod geh\u00f6ren zum Leben und sind in diesem Sinn nat\u00fcrlich. Stirbt der Mensch, dann kehrt er in seinen sch\u00f6pfungsm\u00e4\u00dfigen Ursprung zur\u00fcck (Ps 90,3; Ps 104,29; Ps 146,4; Gen 3,19 u. a.). Leben ist eine\u00a0<em>Leihgabe<\/em>\u00a0Gottes und nicht \u201eBesitz\u201c des Menschen. In den sp\u00e4ten Schriften des Alten Testaments weitet sich die Hoffnung und Erwartung aus auf den gesamten Kosmos. Am Ende steht die Erwartung einer neuen Sch\u00f6pfung, der Schaffung eines neuen Himmels und einer neuen Erde.<\/p>\n<p>Diese letzte Stufe der alttestamentlichen Todesvorstellung wird im Neuen Testament weitergef\u00fchrt. Der ist Tod kein eigenst\u00e4ndiges Thema, sondern ist stets vor dem Hintergrund der fr\u00fchchristlichen Verk\u00fcndigung der Auferstehung Christi als dem Sieg \u00fcber den Tod zu sehen. Diese Entmachtung des Todes zeigt sich am deutlichsten am Ereignis der Auferstehung Jesu Christi (1 Kor 15,55).<\/p>\n<p>Der Tod ist eine Station auf dem Weg zur Auferstehung und bedeutet eine Ver\u00e4nderung des \u201eSystems.\u201c Paulus sagt von sich, dass er in seiner Taufe\u00a0<em>mit Christus gestorben<\/em>\u00a0ist (R\u00f6m 6,3ff.). Mit der Neusch\u00f6pfung der Welt verschwindet auch der Tod zusammen mit allem, was widerg\u00f6ttlich ist (1 Kor 15,26; vgl. auch Off 20,14). Auferstehungshoffnung ist Leben \u00fcber den Tod hinaus.<\/p>\n<p>Im Anschlu\u00df an Luther und Althaus gibt es auch die Vorstellung des \u201eSeelenschlafs,\u201c aus dem heraus Gott den Menschen auferwecken wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ostermontag | 16. April 2001 | Jesaja 25,8-9 | Karl W. Rennstich | Liebe Gemeinde! 1. \u201eEr beseitigt den Tod f\u00fcr immer\u201c Vor 33 Jahren verungl\u00fcckte mein \u00e4ltester Sohn Stefan in Sabah (Borneo) Ich h\u00f6re noch heute die Worte: \u201eAso ginavo i Stefan!\u201c Es bedeutet: kein Herz mehr, tot! Wir Eltern waren wie gel\u00e4hmt. 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