{"id":2225,"date":"2020-03-17T14:26:19","date_gmt":"2020-03-17T13:26:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=2225"},"modified":"2020-03-19T18:50:40","modified_gmt":"2020-03-19T17:50:40","slug":"andacht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/andacht\/","title":{"rendered":"Glauben angesichts Corona"},"content":{"rendered":"<h3>Andacht im Kirchenamt der EKD am 16.3.2020 | verfasst von Bendix Balke |<\/h3>\n<p>Begr\u00fc\u00dfung:<\/p>\n<p>Liebe Kolleginnen und Kollegen,<\/p>\n<p>wer h\u00e4tte das gedacht, dass wir es als besonderes Geschenk betrachten k\u00f6nnten, dass eine Andacht am Montagmorgen \u00fcberhaupt m\u00f6glich ist! Viele sonnt\u00e4glichen Gottesdienste wurden bereits abgesagt. Veranstaltungen und Dienstreisen finden m\u00f6glichst nicht statt. Schulen und Kitas bleiben geschlossen.<\/p>\n<p>Aber wir sind zur Andacht zusammenkommen. Wir d\u00fcrfen uns als Schwestern und Br\u00fcder begegnen und nicht nur als Ansteckungsrisiko. Wir lassen uns Mut und Gelassenheit zusprechen von dem, der uns durch finstere T\u00e4ler begleitet und uns zum frischen Wasser f\u00fchrt. Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln \u2013 er trennt nicht zwischen wei\u00dfen von schwarzen Schafen. Er erquicket <u>meine<\/u> Seele genauso wie die von meinen Mitschafen \u2026<\/p>\n<p>Eigentlich wollte ich Ihnen heute etwas ganz anderes erz\u00e4hlen. Ausgehend vom gestrigen Predigttext wollte ich Ihnen nahebringen, dass es gut ist, dass wir alle nur Gast auf Erden sind. Ich hatte die Andacht am Donnerstagabend fertiggeschrieben. Und dann wurde mir immer klarer, dass diese theologisch richtigen Gedanken heute einfach nicht mehr passen. Dass der Corona-Virus uns so sehr zerrei\u00dft, dass wir ganz andere Worte brauchen.<\/p>\n<p>Und dann habe ich noch mal von vorne angefangen mit unserer Andacht. Neu begonnen habe ich mit dem Vers, der in diesen bewegten Tagen f\u00fcr mich zum Ruhepol geworden ist: \u201eGott hat uns nicht gegeben den Geist der Verzagtheit, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit\u201c \u2013 2. Timotheus 1,7.<\/p>\n<p>Der Bibelvers ist gerade nicht originell, aber er enth\u00e4lt f\u00fcr mich enth\u00e4lt alles Wesentliche zum Glauben in den Zeiten von Corona.<\/p>\n<p>Wir feiern diese Andacht im Namen dieses Gottes, der Kraft und Liebe und Besonnenheit schenkt!<\/p>\n<p>Psalm 34, 16-23 (Psalmblatt)<\/p>\n<p>Auslegung:<\/p>\n<p>Liebe Schwestern und Br\u00fcder,<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Verzagtheit, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.<\/p>\n<p>Ein Geist der \u201eVerzagtheit\u201c oder der \u201eFurcht\u201c kann sagen \u201eDiese Pandemie kommt sowieso &#8211; jetzt kann ich nur noch mich und meine Allern\u00e4chsten sch\u00fctzen.\u201c Dann ziehe ich mich maximal zur\u00fcck und sehe in jedem anderen ein potenzielles Risiko.<\/p>\n<p>Eine \u00e4hnliche Haltung kann auch zum Gegenteil f\u00fchren. Sie setzt am gleichen Ausgangspunkt an: \u201eDiese Pandemie kommt sowieso\u201c \u2013 und darum ist es mir egal, wie ich mich verhalte \u2013 ich tue alles, was mir Spa\u00df macht, denn morgen kann es schon zu sp\u00e4t sein. Was k\u00fcmmern mich kluge Ratschl\u00e4ge?\u201c<\/p>\n<p>Unser biblischer Text setzt beidem drei Kernbegriffe entgegen:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">1.) <strong>\u201eBesonnenheit\u201c:<\/strong> Angesichts unserer doch ganz unbekannten Bedrohungen haben wir Angst, und das v\u00f6llig zu Recht! Angst l\u00e4sst uns nach Auswegen suchen, wenn es gef\u00e4hrlich wird. Aber Angst kann kippen und zu Panik werden. Dann rennen wir genau in die falsche Richtung. Wir wollen das Beste und tun genau das Falsche.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die \u201eBesonnenheit\u201c versteht menschliche Gef\u00fchle, aber sie fragt mit gro\u00dfer Klarheit zur\u00fcck: Wovor genau hast Du Angst? Wie willst Du die Bedrohung vermeiden? Was ist die Alternative?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Besonnen ist, wenn wir uns eingestehen: Wir wissen einfach nicht, wie gef\u00e4hrlich Corvid-19 noch werden wird. Das Virus vermehrt sich erschreckend schnell. Aber weniger als 1% der Infizierten sterben daran. Es k\u00f6nnte unsere Gesundheitssystem \u00fcberfordern \u2013es kann aber auch so \u00fcberschaubar bleiben wie eine heftige Grippe \u2013 zumindest in Deutschland.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Besonnen ist, wenn wir das tun, was nachweislich zur Eind\u00e4mmung hilft: M\u00f6glichst wenig K\u00f6rperkontakt, ein Abstand von ein bis zwei Metern hilft. Mehrfach am Tag mit Seife H\u00e4ndewaschen, etwa 20-30 Sekunden \u2013 etwa so lange wie ein Vater-Unser! Husten und Nie\u00dfen nur noch in den Ellenbogen &#8211; oder in ein Einmal-Taschentuch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das ist etwas anders als \u201esoziale Distanzierung\u201c um jeden Preis! Es gibt in manchen Situationen N\u00e4he, die gef\u00e4hrlich ist. Die im schlimmsten Fall t\u00f6dlich sein kann: Ich k\u00f6nnte jemand anstecken, ohne dass ich wei\u00df, dass ich infiziert bin. Oder ich k\u00f6nnte mich bei jemand anstecken, der nicht wei\u00df, dass er infiziert ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mir ist wichtig: Das andere gibt es aber auch: Es gibt <u>Distanz<\/u>, die schaden kann. Oder sogar t\u00f6ten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gestern wollte ich zu einer Taufe fahren, die aber abgesagt wurde. Stattdessen habe ich mich entschieden, meinen 89j\u00e4hrigen Vater zu besuchen. Er geh\u00f6rt einer dreifachen Hochrisikogruppe an: Er ist 89 Jahre alt. Er ist m\u00e4nnlich. Und er hat Vorerkrankungen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Trotzdem bin ich nicht dem Rat gefolgt, die \u00c4lteren von den J\u00fcngeren zu trennen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Denn ich glaube: Es hilft meinem alleinlebenden Vater gerade mehr, wenn ich ihn besuche, als wenn ich ihn meide. Ich konnte ihm zuh\u00f6ren, ihm Verst\u00e4ndnis zeigen und ihm ein paar Tipps f\u00fcr die kommende Zeiten geben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Verzagtheit, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">2.) Zwei weitere von Gott geschenkte Energiefelder k\u00f6nnen uns in diesen au\u00dfergew\u00f6hnlichen Zeiten helfen: Die <strong>Kraft<\/strong> und die <strong>Liebe<\/strong>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Kraft <\/strong>schenkt er uns, wenn wir zur Ruhe kommen, wenn wir zu ihm beten, wenn er uns ansprechen kann. Kraft erhalten wir auch im Austausch mit anderen, im Tun des aktuell N\u00f6tigen. Wenn Gott uns Kraft schenkt, erinnert er uns: Da kommt etwas auf uns zu, aber wir k\u00f6nnen darauf aktiv reagieren. Wir k\u00f6nnen entscheiden, wem wir begegnen wollen. Wir k\u00f6nnen ersp\u00fcren, wer gerade unseren Zuspruch oder unser Zuh\u00f6ren braucht. Wir m\u00fcssen uns nicht trennen von denen, die uns so n\u00f6tig brauchen!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und 3.): Gott hat uns die <strong>Liebe<\/strong> gegeben. Wirklich christliches Handeln macht sich an der Liebe fest: Wie wirkt sich unser Handeln auf die Schw\u00e4chsten aus?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Schw\u00e4chsten der Gesellschaft in Zeiten von Corona sind die Alten, die \u00fcber 70 oder 80j\u00e4hrigen. Dazu geh\u00f6ren Menschen mit Vorerkrankungen. Dazu kommen die, die sich nicht distanzieren k\u00f6nnen, wie die Obdachlosen, die Gefl\u00fcchteten oder die Armen, etwa wenn sie zu Tafeln gehen. Und es sind die, die asiatisch aussehen \u2013 obwohl niemand in China oder anderswo Schuld hat am Entstehen des Corona-Virus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Schon die Frage f\u00fchrt in die Irre, wer schuld ist an einer Krankheit: Die Frage wurde im At und NT intensiv diskutiert. Jesus brachte das Ergebnis auf den Punkt: Es f\u00fchrt nicht weiter, Krankheit oder Naturkatastrophen auf menschliche Schuld zur\u00fcckzuf\u00fchren. Zu unserer Welt geh\u00f6ren Licht und Finsternis, Begrenzung und Risiko. Das \u201eWarum\u201c von Krankheit muss notwendig offen bleiben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und darum verh\u00e4lt sich Jesus so souver\u00e4n gegen\u00fcber Auss\u00e4tzigen und anderen Erkrankten: Sie sind nicht schuldig, sie wurden zu Opfer einer Erkrankung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auss\u00e4tzige, also alle mit Hauterkrankungen mussten damals laut Klappern schlagen und \u201eunrein\u201c rufen, wenn sie sich Gesunden n\u00e4herten. Doch Jesus ging auf Auss\u00e4tzige zu und heilte sie, die um sie hineinzunehmen in die Gemeinschaft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>N\u00e4chstenliebe entwickelt ein feines Gesp\u00fcr f\u00fcr die, die Beistand und Unterst\u00fctzung ben\u00f6tigen. Und sie ist erfinderisch darin, wie sie das tut.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Darum halten wir fest an der Zusage<strong>: Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Verzagtheit, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und der Friede Gottes, der h\u00f6her ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen in Jesus Christus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Lied: Bewahre uns Gott: EG 171<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gebet: Wir bitten Dich f\u00fcr alle, die ver\u00e4ngstigt sind wegen des Corona-Virus: Besch\u00fctze sie und gib ihnen neuen Mut!<\/p>\n<p>Wir bitten Dich f\u00fcr Die, die in Quarant\u00e4ne gehen mussten, darunter (Name eines Mitarbeiters): Lass sie die Zeit der Trennung nicht zu belastend erfahren, sondern neue M\u00f6glichkeiten entdecken!<\/p>\n<p>Wir bitten Dich f\u00fcr die Eltern von Kindern und Jugendlichen, auch unter uns: Gib ihnen Geduld, Kreativit\u00e4t und Freude mit ihren Kindern!<\/p>\n<p>Wir bitten Dich f\u00fcr die \u00c4lteren und allen, die mit ihnen zu tun haben: Bewahre sie vor Ansteckungen und den Sch\u00e4den der Distanzierung!<\/p>\n<p>Wir bitten Dich f\u00fcr alle, deren wirtschaftliche Existenz durch Corona bedroht wird: Lass sie Hilfe und Solidarit\u00e4t erfahren.<\/p>\n<p>Wir bitten Dich f\u00fcr \u00c4rzte und Pflegepersonal in Krankenh\u00e4usern und Senioreneinrichtungen und f\u00fcr alle, die mit den besonders Gef\u00e4hrdeten arbeiten: Gib ihnen gute Worte, Gelassenheit und Beherztheit!<\/p>\n<p>Wir bitten dich f\u00fcr alle, die in diesen Tagen Entscheidungen treffen und umsetzen m\u00fcssen, die ihnen schwer fallen: Gib ihnen Deinen Geist der Besonnenheit, der Kraft und der Liebe!<\/p>\n<p>All das, was wir dar\u00fcber hinaus erbitten, fassen wir zusammen in den Worten Jesu:<\/p>\n<p>Vater Unser<\/p>\n<p>Aaronitischer Segen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Andacht im Kirchenamt der EKD am 16.3.2020 | verfasst von Bendix Balke | Begr\u00fc\u00dfung: Liebe Kolleginnen und Kollegen, wer h\u00e4tte das gedacht, dass wir es als besonderes Geschenk betrachten k\u00f6nnten, dass eine Andacht am Montagmorgen \u00fcberhaupt m\u00f6glich ist! 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