{"id":22256,"date":"2001-04-21T11:32:31","date_gmt":"2001-04-21T09:32:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22256"},"modified":"2025-03-21T11:35:25","modified_gmt":"2025-03-21T10:35:25","slug":"markus-169-14-15-20","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/markus-169-14-15-20\/","title":{"rendered":"Markus 16,9-14 (15-20)"},"content":{"rendered":"<h3>Quasimodogeniti | 22.4.2001 | Markus 16,9-14 (15-20) |\u00a0 Klaus Raschzok |<\/h3>\n<p>I.<\/p>\n<p>In den Ausgaben der revidierten Lutherbibel findet sich am Ende unseres eben verlesenen Predigttextes ein kleingedruckter Zusatz: \u201eNach den \u00e4ltesten Textzeugen endet das Markusevangelium mit Vers 8. Die Verse 9-20 sind im 2.Jahrhundert hinzugef\u00fcgt worden, vermutlich um dem Markusevangelium einen den anderen Evangelien entsprechenden Abschlu\u00df zu geben.\u201c Ein Evangelium kann eben nicht mit Zittern, Entsetzen und Furcht \u00fcber die Auferstehung Jesu aufh\u00f6ren, und wir erhalten so Einblick in einen Proze\u00df des Gestaltens und Entstehens des Neuen Testamentes. Aber auch diese Verse sind Bestandteil der Bibel, und der kluge Hinweis in der revidierten Luther\u00fcbersetzung darf nicht mi\u00dfverstanden werden, als k\u00f6nnten wir beim Lesen des Markusevangeliums den sogenannten \u201eunechten\u201c Schlu\u00df einfach \u00fcbergehen. Denn auch hier wird eine wichtige Erfahrung des Glaubens aufbewahrt und an uns weitergegeben.<\/p>\n<p>II.<\/p>\n<p>Zweimal, so h\u00f6ren wir, sind Pers\u00f6nlichkeiten aus dem engsten Kreis um Jesus davon \u00fcberzeugt, dem auferstandenen Herrn begegnet zu sein. Aber ihre Begegnungserfahrung verbleibt in der Subjektivit\u00e4t. Als sie davon weitererz\u00e4hlen, glauben es ihnen die anderen nicht. Erw\u00e4hnt werden Maria von Magdala und die beiden Emmausj\u00fcnger, deren Erlebnisse mit dem Auferstandenen wir aus dem Johannes- und dem Lukasevangelium kennen, so da\u00df hier am Ende des Markusevangeliums eine kurze Zusammenfassung gen\u00fcgt, um sie in Erinnerung zu rufen. Der sogenannte unechte Markusschlu\u00df, der in der altkirchlichen Tradition einem Presbyter namens Ariston zugeschrieben wird, hat ein gro\u00dfes Interesse daran, zu betonen, da\u00df es des Glaubens der anderen zur Best\u00e4tigung dieser Erfahrung gar nicht bedarf, so verst\u00e4ndlich und nachvollziehbar dieser Wunsch ist. Mit dem zweimaligen lapidaren Zusatz \u201eglaubten sie es nicht\u201c wird dies deutlich gemacht. Maria von Magdala und die beiden Emmausj\u00fcnger haben die N\u00e4he des auferstandenen Herrn ganz pers\u00f6nlich erfahren. Da\u00df es die anderen nicht glauben, \u00e4ndert an ihrer Gewi\u00dfheit nichts. Glaubenserfahrungen, so ahnen wir, sind nicht darauf angewiesen, durch die Zustimmung der anderen best\u00e4tigt und bekr\u00e4ftigt zu werden. Sie sind zun\u00e4chst einmal ein kostbarer und ganz pers\u00f6nlicher Besitz.<\/p>\n<p>III.<\/p>\n<p>Nur der auferstandene Herr selbst f\u00fchrt zum Glauben. Nur, wo er das Zeugnis bekr\u00e4ftigt, wird es zum annehmbaren Glaubenszeugnis. Als er unter die J\u00fcnger tritt, die sich zu seinem Ged\u00e4chtnis zum Mahl versammelt haben, k\u00f6nnen auch sie die zuerst unverstandene Erfahrung der Maria von Magdala und der beiden Emmausj\u00fcnger pers\u00f6nlich nachvollziehen und sich aneignen. Christus selbst f\u00fchrt in ihnen diesen Wandel herbei.<\/p>\n<p>Die bisher sprachlosen, die aus Furcht niemandem etwas davon sagten, was im Grab ihres Herrn geschehen war, erhalten nun von ihm den Auftrag, zu sprechen. Sie sollen aus dem sch\u00fctzenden Raum der Tischgemeinschaft hinausgehen und das Evangelium predigen \u201ealler Kreatur\u201c, also der ganzen Sch\u00f6pfung. Kein St\u00fcck von ihr soll davon ausgeschlossen sein.<\/p>\n<p>Auch hier kommt es auf die pers\u00f6nliche Begegnung an, die den Glauben schafft. Es geht nicht darum, etwas einfach f\u00fcr wahr zu halten. \u201eWer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden; wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden.\u201c Diese Worte des Auferstandenen an seine J\u00fcnger aus unserem Abschnitt haben viele Jahre lang im lutherischen Hauptgottesdienst das R\u00fcstgebet beschlossen und sind so Besitz der gottesdienstlichen Gemeinde geworden.<\/p>\n<p>IV.<\/p>\n<p>Denen, die glauben, werden Zeichen folgen. Mit der Aufz\u00e4hlung der Zeichen werden wir in die Welt der fr\u00fchchristlichen Legenden gef\u00fchrt, die in der Kunst des Mittelalters auf Alt\u00e4ren, an Kirchenw\u00e4nden und in Bibelillustrationen bis heute bewahrt ist. Apostel verm\u00f6gen b\u00f6se Geister auszutreiben, in neuen Zungen zu reden, Schlangen mit den H\u00e4nden hochzuheben und aus einem Becher einen t\u00f6dlichen Trank zu trinken, der ihnen nichts schaden kann. Sie legen Kranken die H\u00e4nde auf, und diese werden gesund. Es ist die Bild- und Legendenwelt, die die Ausbreitung des Evangeliums und das Wachsen der fr\u00fchen Kirche begleitet, und deren erste Anf\u00e4nge sich bereits in der Apostelgeschichte finden. Wie alle Legenden bewahren sie eine grundlegende Erfahrung auf, von der auch Paulus spricht: Nichts kann von der Liebe Gottes trennen. Gottes Liebe ist m\u00e4chtiger als alles, was Menschen bedrohen und gef\u00e4hrden kann. Die Taufe vermittelt Zugang zu dieser Sicherheit. Wer zum auferstandenen Christus geh\u00f6rt, bleibt selbst im Tod bewahrt und in seiner Hand geborgen.<\/p>\n<p>V.<\/p>\n<p>Nach dem kurzen Gespr\u00e4ch des auferstandenen Herrn mit seinen J\u00fcngern wird er in den Himmel aufgenommen und sitzt, wie wir es im apostolischen Glaubensbekenntnis bekennen, zur Rechten Gottes.<\/p>\n<p>Jesu J\u00fcngerinnen und J\u00fcnger aber ziehen nun aus und predigen an allen Orten. Sie verlassen die Geborgenheit und Enge des sch\u00fctzenden Hauses. \u201eUnd der Herr wirkte mit ihnen und bekr\u00e4ftigte das Wort durch die mitfolgenden Zeichen\u201c, hei\u00dft es zum Abschlu\u00df.<\/p>\n<p>So wird ein Evangelium weitergeschrieben und ist genau genommen auch mit dem sogenannten unechten Markus-Schlu\u00df noch nicht zu ende. Es vollendet sich erst in den unendlichen Fortsetzungen, die in jeder Generation hinzugef\u00fcgt werden, verwoben mit der eigenen Lebensgeschichte der H\u00f6rerinnen und H\u00f6rer.<\/p>\n<p>Am schlesischen Theologen und Volksschriftsteller Joseph Wittig wird dieses Weiterschreiben des Evangelium beispielhaft sichtbar. Sein popul\u00e4rstes, 1926 erschienenes Werk tr\u00e4gt den bezeichnenden Titel \u201eLeben Jesu in Pal\u00e4stina, Schlesien und anderswo\u201c. Joseph Wittig verkn\u00fcpft darin die einzelnen Begebenheiten aus den Evangelien mit dem Leben der einfachen Leute seiner Heimat und zeichnet die biblischen Erz\u00e4hlungen immer wieder neu in die schlesische Landschaft ein. Biblischer Text, Landschaft, Bev\u00f6lkerung und volkst\u00fcmliche Fr\u00f6mmigkeit gehen ineinander \u00fcber und bilden eine neue Einheit.<\/p>\n<p>Auch wir sind eingeladen, ein St\u00fcck mit am Evangelium weiterzuschreiben und unseren Beitrag dazu zu leisten, da\u00df es solange unabgeschlossen bleibt, bis Christus wiederkommt am Ende der Zeit.<\/p>\n<p>\u201eDurch dieses letzte Wort war den Lesern des Evangeliums mit einer kurzen \u00dcbersicht gezeigt, wie ihr eigener Christenstand mit Jesu Arbeit auf Erden zusammenhing\u201c, schreibt Adolf Schlatter in einer Auslegung zum Markus-Schluss. So sei Kirche entstanden. Ob die letzten Worte des Markus-Evangeliums, die in unserer Bibel stehen, nun echt oder unecht sein sollen, spielt daf\u00fcr keine Rolle. Wir werden als gottesdienstliche Gemeinde mit hineingenommen in die Entstehung der Kirche und sind selbst daran beteiligt, mit unserer eigenen Lebens- und Glaubensgeschichte, die nichts anderes als eine Fortsetzung des Evangeliums darstellt.<\/p>\n<p>Eine der Erfahrungen des schlesischen Schriftstellers Joseph Wittig aus seinem \u201eLeben Jesu in Pal\u00e4stina, Schlesien und anderswo\u201c wird damit auch zu unserer: Wo in der eigenen Lebensgeschichte die Geschichte des Evangeliums weitergeschrieben wird, bleibt zugleich etwas vom Glanz des Evangeliums haften und durchdringt sie von innen her. Da\u00df dieser Glanz h\u00e4ufig erst im R\u00fcckblick richtig wahrgenommen werden kann, geh\u00f6rt mit zu dieser Erfahrung, die uns mit den ersten Auferstehungszeugen und allen, die am Evangelium weiterschreiben, verbindet.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Professor Dr. Klaus Raschzok<\/strong><\/p>\n<p><strong>Theologische Fakult\u00e4t der Friedrich-Schiller-Universit\u00e4t Jena<\/strong><\/p>\n<p><strong>F\u00fcrstengraben 1, 07743 Jena<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Quasimodogeniti | 22.4.2001 | Markus 16,9-14 (15-20) |\u00a0 Klaus Raschzok | I. In den Ausgaben der revidierten Lutherbibel findet sich am Ende unseres eben verlesenen Predigttextes ein kleingedruckter Zusatz: \u201eNach den \u00e4ltesten Textzeugen endet das Markusevangelium mit Vers 8. 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