{"id":22260,"date":"2001-04-21T11:38:39","date_gmt":"2001-04-21T09:38:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22260"},"modified":"2025-03-21T11:41:30","modified_gmt":"2025-03-21T10:41:30","slug":"22260-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/22260-2\/","title":{"rendered":"Johannes 21,15-19"},"content":{"rendered":"<h3>Misericordias Domini | 29.4.2001 |\u00a0Johannes 21,15-19 | Gottfried Sprondel |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>kaum etwas ist schwieriger, als einen Menschen gerecht zu beurteilen. Wer einen Flecken in der Vergangenheit hat oder gar &#8222;eine Leiche im Keller&#8220; hat wenig Chancen, das jemals loszuwerden. Selbst wenn sich herausstellt, dass es sich um ein blo\u00dfes Ger\u00fccht oder eine Intrige gehandelt hat, bleibt immer etwas haften und wird bei Bedarf hervorgezerrt, wie etwa die Amerikaner mit ihren Politikern umgehen &#8211; und wir in Deutschland stehen ihnen kaum noch nach &#8211; erf\u00fcllt nicht selten den Tatbestand tr\u00fcber Rachsucht. Aber das Spiel ist beliebt.<\/p>\n<p>Mir ist immer aufgefallen, dass die Christenheit mit ihrer Gr\u00fcndergeneration ganz anders verfahren ist. Wir sind die Kirche &#8222;auf dem Grund der Apostel und Propheten&#8220;, wie unser heiliges Buch, das Neue Testament, es sagt. Aber was f\u00fcr Gestalten erblicken wir in der Reihe unserer Gr\u00fcnderv\u00e4ter! Die meisten von ihnen sind als Blutzeugen geendet. Aber vorher? Sie h\u00e4tten nie wirklich begriffen, was Jesus, ihr Meister, eigentlich gewollt habe, sagen die Evangelien. Sie h\u00e4tten die Zeit mit albernen Rangstreitigkeiten vertan; sie h\u00e4tten am liebsten Feuer vom Himmel regnen lassen, wenn ihnen etwas nicht passte; sie seien prompt eingeschlummert, als das Verhaftungskommando schon unterwegs war. Und als alles drauf ankam, da verlie\u00dfen alle J\u00fcnger den Meister und flohen. Sie waren \u00f6fter traurig als zuversichtlich, entt\u00e4uscht als mutig, zweifelnd als glaubensstark, Versager als Helden &#8211; kurzum: gew\u00f6hnliche Leute wie wir auch. Und gerade die hat Christus sich ausgesucht als das Fundament seiner k\u00fcnftigen Gemeinde und Wegbereiter seiner Botschaft in die Welt!<\/p>\n<p>Da ist Petrus, Sohn eines gewissen Jona, einst der Fischer vom See Genezareth. In unserer Geschichte h\u00e4lt er sich wieder an eben diesem See auf bei seiner alten Arbeit, von der er doch f\u00fcr immer Abschied genommen hatte. Die Nahtstelle zwischen seinem Leben als unbekannter Fischer und seiner Rolle als Haupt der ersten christlichen Gemeinde erz\u00e4hlt uns hier die Bibel. Nat\u00fcrlich wei\u00df er schon alles von Jesus. Er hat ihm die Botschaft vom Gottesreich, das kommen werde und zugleich schon mitten unter uns sei, geglaubt, hat aus einen H\u00e4nden Brot und Wein empfangen, hat seinen Prozess gesehen und seinen Tod erlebt. Ja, er hat sogar die Kunde von seiner Auferstehung vernommen und in das leere Grab selbst hineingeschaut. Damit nicht genug: er hat den lebendigen Jesus selbst gesehen, wie er am Seeufer stand, und das hat ihn so durcheinander gebracht, dass er, der alte Fahrensmann, aus dem Boot ins Wasser gesprungen ist. War das alles noch nicht genug? Wir werden als Zuh\u00f6rer seiner Geschichte den Eindruck nicht los, dass bisher alles irgendwie \u00e4u\u00dferlich geblieben ist und noch nicht wirklich Ostern f\u00fcr Petrus geworden ist. Erst hier, in dem Zwiegespr\u00e4ch mit dem Herrn, f\u00e4ngt sein wahrer Ostertag an. Warum? Weil sich der auferstandene Meister jetzt erst in das Leben des Petrus einhakt. Was vorher lautete: das ist so!, das hei\u00dft nun: das ist\u00a0<strong>mit dir<\/strong>\u00a0so! Dies ver\u00e4ndert den Mann bis in die letzte Faser. So f\u00e4ngt lebendiger Osterglaube wohl immer an bis zum heutigen Tag. Er muss sich einhaken in unsere eigene Geschichte.<\/p>\n<p>Denn da gab es etwas in der Geschichte des Petrus, was noch nicht in Ordnung gebracht war. Petrus hat es offenbar sofort gewusst, als Jesus mit ihm zu sprechen beginnt. Wir Zuh\u00f6rer der Geschichte sp\u00fcren es sp\u00e4testens dann, wenn wir wahrnehmen, dass Jesus ihn drei mal dasselbe fragt. Drei mal dasselbe gefragt werden &#8211; das sa\u00df in der Seele des Petrus wie ein eiternder Stachel. Im Innenhof des hohenpriesterlichen Palastes war es gewesen, dicht beim n\u00e4chtlichen Holzkohlenfeuer des Wachpersonals, an dem er sich die H\u00e4nde gew\u00e4rmt hatte. Wenige Tage ist es her. Drei mal dieselbe Frage, drei mal das feige Versagen, und dann der Hahnenschrei. Dann hatte er bitterlich geweint. Unw\u00fcrdig bin ich, alles habe ich selber ausgel\u00f6scht, was Kern und Stern meines Lebens geworden war. Ob ihm jetzt am Seeufer auch zum Weinen zumute war? Das Evangelium erw\u00e4hnt, er sei traurig geworden bei der dritten Frage, und wir k\u00f6nnen uns die Tr\u00e4nen dazu gut denken. Aber es sind andere Tr\u00e4nen als die von damals, die Tr\u00e4nen der verzweifelten Scham. Jetzt sind es Tr\u00e4nen der Erleichterung, der Befreiung, des Gl\u00fccks, trotz aller Traurigkeit. Nicht nur, dass er noch mit mir redet, nein,\u00a0<strong>wie<\/strong>\u00a0er es tut!<\/p>\n<p>Wie hatte Petrus in der Nacht vor der Verhaftung des Meisters am \u00d6lberg gesagt? &#8222;Und wenn ich mit dir sterben sollte, ich werde dich nicht verleugnen!&#8220; Wie hatte er der Magd am Holzkohlenfeuer geantwortet? &#8222;Da fing er an, sich zu verfluchen und zu schw\u00f6ren: Ich kenne diesen Jesus gar nicht!&#8220; Immer die gro\u00dfen, die starken Worte. Die Magd hatte ihm kein Wort geglaubt, sein galil\u00e4ischer Dialekt hatte ihn l\u00e4ngst verraten. Und nun heute, zu Ostern am See? &#8222;Herr, du wei\u00dft alle Dinge; du wei\u00dft, dass ich dich liebhabe&#8220;. Du wei\u00dft, durch welche H\u00f6lle ich gegangen bin in diesen Tagen seit meinem Verrat. Du kennst meine schw\u00e4chliche Begeisterung, meine hohle Tapferkeit, meine Tr\u00e4nen, meine brennende Scham. Alles liegt ausgebreitet vor dir wie ein Tuch.<\/p>\n<p>Und zugleich schwingt in diesen Worten schon das Neue, das mit diesem Tag in seinem Leben anf\u00e4ngt: Ich werde ja nicht fallen gelassen, sondern noch einmal gefragt, diesmal nicht nach meiner Schande, nein, nach meiner Liebe. Da fasst er sich ein Herz und sagt: Ja, Herr. Das alles ist so zart, so verletzlich, kein Wort zuviel, dass man gar nicht weiter eindringen mag. Dennoch geschieht hier haargenau das, was wir sonst mit Bu\u00dfe und Vergebung bezeichnen. Keines der aus der Beichte vertrauten Worte f\u00e4llt, aber es ist dennoch alles da. Am Ende steht en Mensch, der seine finstere Vergangenheit los ist und der einen neuen Auftrag hat. Das Leben kann noch einmal beginnen. Man stelle sich vor, die erste Gemeinde von Jerusalem, sp\u00e4ter die von Rom, h\u00e4tten durch einen Sonderermittler ein Dossier \u00fcber ihren k\u00fcnftigen Leiter angelegt, ob man es mit ihm \u00fcberhaupt wagen k\u00f6nne! Ihr Dossier war unsere Geschichte.<\/p>\n<p>\u00dcber den Auftrag, auf den alles zul\u00e4uft, m\u00fcssen wir noch einen Augenblick nachdenken. &#8222;Weide meine Schafe!&#8220;, h\u00f6rt Petrus. Das ist der Hirtenauftrag. Das Wort &#8222;Hirte&#8220; hat seit Jesus einen festen Ort in der christlichen Gemeinde. Auf lateinisch lautet es &#8222;pastor&#8220;. In jenem Augenblick, von dem unsere Geschichte spricht, gab es die Herde, die Gemeinde, noch gar nicht. Sie soll erst noch entstehen, und es muss Pfingsten werden, damit das geschieht. Aber der Hirte ist schon berufen. In der Gemeinde gibt es die Hirten, weil der auferstandene Herr es so will, nicht etwa, weil die Gemeinde darauf gekommen w\u00e4re. Den ersten Hirten hat Jesus selbst bestellt, ehe die Herde beisammen ware. Das macht die W\u00fcrde des Hirtenamtes in der Kirche aus.<\/p>\n<p>Aber Jesus hat einen\u00a0<strong>Hirten<\/strong>\u00a0berufen, nicht einen Chef. Die Herde bleibt sein, das Haupt der Kirche bleibt er selbst. Davon l\u00e4sst er sicht nichts abdingen. Der berufene Hirte dagegen soll die Gemeinde weiden mit dem einzigen, was ihm der Herr dazu anvertraut: n\u00e4mlich mit dem Wort der Verk\u00fcndigung und mit den Sakramenten der Taufe und des Abendmahls &#8211; das ist buchst\u00e4blich alles. Ja, noch mehr: der Hirte Petrus soll so eins werden mit seinem Hirtenamt, dass er ganz auf Eigenwege verzichten kann und seinem Herrn schlie\u00dflich auch in den M\u00e4rtyrertod folgen wird. Das ist n\u00e4mlich gemeint mit dem &#8222;f\u00fchren, wohin du nicht willst&#8220;. Nicht jeder Hirte soll das, Gott lob! Aber jeder Hirte, sei er nun Pastor, Mitarbeiter, Kirchenvorsteher, theologischer Lehrer, Kindergottesdiensthelfer, Religionslehrer oder auch schlicht eine christliche Mutter und christlicher Vater f\u00fcr ihre Kinder (lauter Hirten\u00e4mter!) &#8211; sie alle sollen wissen: ich habe meinen Auftrag vom auferstandenen Herrn. Da hat er sich in mein Leben eingehakt, seitdem bin ich sein.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Landessuperintendent i.R. Dr. Gottfried Sprondel<\/strong><\/p>\n<p><strong>An der Wiho Kirche 1<\/strong><\/p>\n<p><strong>49078 Osnabr\u00fcck<\/strong><\/p>\n<p><strong>Tel.: 0541 \u2013 445871 Fax: 0541 &#8211; 46555<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Misericordias Domini | 29.4.2001 |\u00a0Johannes 21,15-19 | Gottfried Sprondel | Liebe Gemeinde, kaum etwas ist schwieriger, als einen Menschen gerecht zu beurteilen. Wer einen Flecken in der Vergangenheit hat oder gar &#8222;eine Leiche im Keller&#8220; hat wenig Chancen, das jemals loszuwerden. 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