{"id":22275,"date":"2001-08-21T12:17:31","date_gmt":"2001-08-21T10:17:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22275"},"modified":"2025-03-21T12:20:22","modified_gmt":"2025-03-21T11:20:22","slug":"jeremia-71-11-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jeremia-71-11-4\/","title":{"rendered":"Jeremia 7,1-11"},"content":{"rendered":"<h3>10. Sonntag nach Trinitatis | 19. August 2001 | Jeremia 7,1-11 | Ulrich Braun |<\/h3>\n<p><strong>Predigttext<\/strong>:<\/p>\n<p>Dies ist das Wort, das vom Herrn geschah zu Jeremia:<\/p>\n<p>Tritt ins Tor am Hause des Herrn und predige dort dies Wort und sprich: H\u00f6ret des Herrn Wort, ihr alle von Juda, die ihr zu diesen Toren eingeht, den Herrn anzubeten! So spricht der Herr Zebaoth, der Gott Israels: bessert euer Leben und euer Tun, so will ich bei euch wohnen an diesem Ort.<\/p>\n<p>Verlasst euch nicht auf L\u00fcgenworte, wenn sie sagen: Hier ist des Herrn Tempel, hier ist des Herrn Tempel, hier ist des Herrn Tempel! Sondern bessert euer Leben und euer Tun, dass ihr recht handelt einer gegen den andern und keine Gewalt \u00fcbt gegen Fremdlinge, Waisen und Witwen und nicht unschuldiges Blut vergie\u00dft an diesem Ort und nicht andern G\u00f6ttern nachlauft zu eurem eigenen Schaden, so will ich immer und ewig bei euch wohnen an diesem Ort, in dem Lande, das ich euren V\u00e4tern gegeben habe.<\/p>\n<p>Aber nun verlasst ihr euch auf L\u00fcgenworte, die nichts n\u00fctze sind. Ihr seid Diebe, M\u00f6rder, Ehebrecher und Meineidige und opfert dem Baal und lauft fremden G\u00f6ttern nach, die ihr nicht kennt.<\/p>\n<p>Und dann kommt ihr und tretet vor mich in diesem Hause, das nach meinem Namen genannt ist, und sprecht: Wir sind geborgen, &#8211; und tut weiter solche Gr\u00e4uel.<\/p>\n<p>Haltet ihr denn dies Haus, das nach meinem Namen genannt ist, f\u00fcr eine R\u00e4uberh\u00f6hle? Siehe, ich sehe es wohl, spricht der Herr.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Es gibt besondere Orte. Die Klosterkirche hier in Nikolausberg z\u00e4hlt gewiss dazu. Der Sternenhimmel am Gew\u00f6lbe \u00fcber dem Chorraum, der Fl\u00fcgelaltar und das Licht, das verhei\u00dfungsvoll durch die \u00f6stlichen Fenster um den Altar leuchtet, verstr\u00f6men eine ganz besondere Atmosph\u00e4re. Dazu vier Engel, die auf die Betenden schauen, die Figur des Nikolaus im Seitenschiff, die alten gro\u00dfen Steinplatten des Fu\u00dfbodens, von ungez\u00e4hlten F\u00fc\u00dfen ausgetreten. Zweifellos ein besonderer Ort, an dem man dem Himmel ganz nah sein kann.<\/p>\n<p>Die N\u00e4he Gottes selbst ist aber nicht allein mit himmlischen Orten, sondern mit h\u00f6chst irdischen Bedingungen verkn\u00fcpft. Entscheidend ist nicht die Heiligkeit eines Ortes, sondern das Leben, aus dem einer kommt und in das eine wieder geht. Wer glaubt, er k\u00f6nne einen Ort aufsuchen und dort gewisserma\u00dfen Heiligkeit und Heil tanken, um danach fortzufahren wie bisher, dem wird sich der Himmel nicht auftun.<\/p>\n<p>Anstatt die Erhabenheit des Ortes auf sich wirken zu lassen, ergie\u00dft sich \u00fcber die Tempelbesucher unseres Predigttextes die Publikumsbeschimpfung des Jeremia. Was ihr hier sucht, n\u00e4mlich das Heil, seid ihr gerade im Begriff im eigenen Leben zu verspielen.<\/p>\n<p>Die n\u00e4heren Ausf\u00fchrungen sind eine knallharte Moralpredigt. K\u00fcmmert euch um die, die Schutz und Hilfe brauchen, um die Witwen und Waisen, die Alten und Gebrechlichen. Vergesst nicht die, die euer Tempo nicht mitgehen k\u00f6nnen. \u00dcberlasst die, die ins Stolpern gekommen sind, nicht ihrem Schicksal. Blendet nicht aus, was nicht ins Bild passt, verdr\u00e4ngt nicht, dass es Teile der Welt gibt, in denen bittere Not herrscht und tut nicht so, als ob es euch nichts anginge. Vor allen Dingen behauptet nicht, ihr k\u00f6nntet sowieso nichts tun, und werdet im Windschatten der vermeintlichen Machtlosigkeit Notl\u00fcgner, Versicherungsbetr\u00fcger, Steuer&#8230; na sagen wir -jongleure &#8211; , am Ende Diebe, M\u00f6rder, Ehebrecher und Meineidige.<\/p>\n<p>Einmal in Fahrt, k\u00f6nnen bei so einer Moralpredigt alle D\u00e4mme brechen, die theologische Aufkl\u00e4rung und Selbstaufkl\u00e4rung m\u00fchevoll gegen solcherlei Besserwisserei \u00fcber das Leben, und wie es zu f\u00fchren ist, errichtet hat. Man kann mal so richtig vom Leder ziehen und die Dinge beim Namen nennen. Das alte Lied eben von der S\u00fcnde, und dass man dagegen ist.<\/p>\n<p>Diese Melodie klingt auch bei Jeremia an. Aber es ist am Ende doch nicht die vorwurfsvolle Besserwisserei \u00fcber das Leben und wie es zu f\u00fchren ist, weil in der Tempelpublikumsbeschimpfung gerade nicht besserwisserisch von oben herab vom Leder gezogen wird. \u00dcber den wahren Zustand des Landes reicht eine Skizze. Jeremia versucht nicht mit detaillierten Vergehenslisten zu brillieren, sondern z\u00e4hlt vollst\u00e4ndig auf das Wissen seiner H\u00f6rer.<\/p>\n<p>Bessert euer Leben und euer Tun! Wie ihr das tun sollt? Nun stellt euch nicht d\u00fcmmer als ihr seid, k\u00f6nnte Jeremia geantwortet haben. Es ist euer Leben. Ihr werdet es schon wissen. Ihr habt Augen im Kopf, die Zust\u00e4nde um euch herum zu sehen. Stellt ihr euch so ein Land vor, in dessen Mitte ein Heiligtum steht? Seid ihr mit eurem Leben wahrhaft zufrieden? Dann ist es ja gut.<\/p>\n<p>Aber welches Gef\u00fchl lebt dann eigentlich in der Sehnsucht nach einer heiligen St\u00e4tte? Wenn im Leben selbst alles zum Besten steht, dort also alles heil und ganz ist, was sucht einer dann an einem vermeintlich geheiligten Ort?<\/p>\n<p>Als Beruhigung dar\u00fcber, dass das Leben nun einmal heillos und als solches nicht zu \u00e4ndern ist, taugen die besonderen Orte nicht. Gott ist nicht einfach an einem Ort, wo man ihn aufsuchen, aber auch wieder hinter sich lassen k\u00f6nnte. Ein gez\u00e4hmtes G\u00f6tterlein, dass in seinem K\u00e4fig zu besuchen und anzuschauen ist.<\/p>\n<p>Deshalb ist der j\u00fcdisch-christliche Gott nicht wirklich in einem Tempel zuhause oder in einer Kathedrale oder irgend einer Kirche. In ihnen haben Menschen sich H\u00e4user und R\u00e4ume errichtet, wo sie gemeinsam feiern und trauern, singen und beten und \u00fcber das leben nachdenken k\u00f6nnen. Und da, wo sich dieses Leben ver\u00e4ndert und wo es neu wird, da kommen sie dem Himmel ganz nah und die N\u00e4he Gottes stellt sich ein.<\/p>\n<p>In Jerusalem wird gerade wieder tragisch vor Augen gef\u00fchrt, wie der Streit um heilige St\u00e4tten heillos und damit das gerade Gegenteil von Heil ist. Im Namen der Heiligkeit eines Ortes machen menschen einander das Leben zur H\u00f6lle. Es fragt sich, welches Leben am Ende der gegenw\u00e4rtigen Entwicklung in Israel und Pal\u00e4stina \u00fcberhgaupt noch m\u00f6glich sein wird. Ein gemeinsames in gegenseitiger Achtung gewiss nicht.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist das, was uns in Israel, in Irland und in Mazedonien derzeit vorgef\u00fchrt wird, nur zu geringen Teilen religi\u00f6s verursacht. Es geht viel mehr um das wirkliche Leben, als es an der Oberfl\u00e4che zu erkennen ist. Es geht um Wasser und um Lebenschancen, um soziale Unterschiede und gegenseitige Verachtung, um Machtinteressen und um faire Chancen im Leben.<\/p>\n<p>Die Religionen haben in mancherlei Hinsicht vielleicht weniger Chancen, die Konflikte zu befrieden, als man sich w\u00fcnschen k\u00f6nnte. Das wasser im Nahen osten wird ein knappes Gut bleiben und damit auch die Lebenschancen. Aber solange die Religion auch noch zus\u00e4tzlichen Brennstoff der Konflikte liefert, wird im Namen heiliger St\u00e4tten Leben vernichtet und bedroht.<\/p>\n<p>Was soll es dann hei\u00dfen, wenn eine Menge skandiert: Hier ist des Herrn Tempel! Hier ist des Herrn Tempel? Was f\u00fcr ein Herr kann das sein, der in solchem Tempel wohnt?<\/p>\n<p>Ganz gewiss nicht der Gott, von dem Jeremia spricht. Denn das ist ein Gott, der in einem einfachen Stall zur Welt kommen kann, und der es vermag, ein Hinrichtungssymbol zum Zeichen des Lebens zu machen.<\/p>\n<p>Die Gegenwart dieses Gottes kann nicht mit Mauern und mit Traditionen befestigt oder erzwungen werden. Dogmen k\u00f6nnen ihn nicht binden und Lehr\u00e4mter k\u00f6nnen ihn nicht gef\u00fcgig machen. Aber mit dem Menschenleben hat er sich unaufl\u00f6slich verbunden. Mit dem Menschenleben, das in sich in stetiger Ver\u00e4nderung als Aufgabe begreift,.das nicht blind wird f\u00fcr alles, was sich nicht glatt ins Bild f\u00fcgen will, und das sich nicht damit abfindet, dass es im Leben manchmal heillos zugeht.<\/p>\n<p>Bessert euer Leben! Das ist die Aufgabe, die dem Menschen gestellt ist. Die Unzul\u00e4nglichkeit der Welt ist keine Ausrede. Sie ist das Feld, auf dem die Besserung zu beginnen hat.<\/p>\n<p>Heilige Orte sind kein Refugium, keine Welt neben der Welt. Die domestizierten G\u00f6tter in ihren K\u00e4figen habe keine Kraft. Aber da, wo einer sich von seinem leben verst\u00f6ren l\u00e4sst, wo sich eine nicht zufrieden gibt und auf der Suche bleibt, da k\u00f6nnen Menschen dem Himmel ganz nah kommen.<\/p>\n<p>Jeremia sagt das an anderer Stelle. Als der Tempel tats\u00e4chlich verloren, das Land verw\u00fcstet und die Menschen verschleppt sind, schreibt Jeremia in die Menschen im Exil: So spricht der Herr: Wenn ihr mich von ganzem herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen.<\/p>\n<p>Da, wo sich eine ganz auf die irdischen Dinge einstellen kann, k\u00f6nnen Orte des Heils entstehen. Das k\u00f6nnen besondere Augenblicke mit Freunden oder sogar Feinden sein. Und es kann ein besonderer ort des gebets und der Einkehr sein. Wenn einer von ganzem herzen auf der Suche ist, wird sich Gott finden lassen. Und wenn das Heil an einem ort Wohnung genommen hat, dann wird dvon eine Ver\u00e4nderung f\u00fcr das Leben ausgehen.<\/p>\n<p>Nicht auszuschlie\u00dfen, dass einen, der von ganzem Herzen auf der Suche ist, die vier Engel aus der Klosterkirche begleiten &#8211; in die h\u00f6chst irdischen Gemengelagen des Alltags.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Ulrich Braun<\/strong><\/p>\n<p><strong>Pastor in der Klosterkirchengemeinde G\u00f6ttingen-Nikolausberg<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"mailto:Ulrich.F.Braun@t-online.de\"><strong>EMail: Ulrich.F.Braun@t-online.de<\/strong><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>10. Sonntag nach Trinitatis | 19. 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