{"id":22277,"date":"2001-08-21T12:20:26","date_gmt":"2001-08-21T10:20:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22277"},"modified":"2025-03-21T12:23:30","modified_gmt":"2025-03-21T11:23:30","slug":"lukas-736-50-11","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-736-50-11\/","title":{"rendered":"Lukas 7,36-50"},"content":{"rendered":"<h3>11. Sonntag nach Trinitatis | 26. August 2001 | Lukas 7,36-50 | Rolf Wischnath |<\/h3>\n<p>Evangeliumslesung und Predigttext<\/p>\n<p>Wir h\u00f6ren als Evangeliumslesung die Erz\u00e4hlung von &#8222;der Gro\u00dfen S\u00fcnderin&#8220; und dem Pharis\u00e4er Simon und ihrer gro\u00dfen Rechtfertigung. Sie steht im siebten Kapitel des Lukasevangeliums. Dies ist zugleich der Predigttext:<\/p>\n<p>36 Einer der Pharis\u00e4er aber bat Jesus, bei ihm zu essen. Und Jesus ging hinein in das Haus des Pharis\u00e4ers und setzte sich zu Tisch.<\/p>\n<p>37 Und siehe, eine Frau war in der Stadt, die war eine S\u00fcnderin. Als die vernahm, dass er zu Tisch sa\u00df im Haus des Pharis\u00e4ers, brachte sie ein Glas mit Salb\u00f6l<\/p>\n<p>38 und trat von hinten zu seinen F\u00fc\u00dfen, weinte und fing an, seine F\u00fc\u00dfe mit Tr\u00e4nen zu benetzen und mit den Haaren ihres Hauptes zu trocknen, und k\u00fcsste seine F\u00fc\u00dfe und salbte sie mit Salb\u00f6l.<\/p>\n<p>39 Als aber das der Pharis\u00e4er sah, der ihn eingeladen hatte, sprach er bei sich selbst und sagte: Wenn dieser ein Prophet w\u00e4re, so w\u00fcsste er, wer und was f\u00fcr eine Frau das ist, die ihn anr\u00fchrt; denn sie ist eine S\u00fcnderin.<\/p>\n<p>40 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Simon, ich habe dir etwas zu sagen. Er aber sprach: Meister, sag es!<\/p>\n<p>41 Ein Gl\u00e4ubiger hatte zwei Schuldner. Einer war f\u00fcnfhundert Silbergroschen schuldig, der andere f\u00fcnfzig.<\/p>\n<p>42 Da sie aber nicht bezahlen konnten, schenkte er&#8217;s beiden. Wer von ihnen wird ihn am meisten lieben?<\/p>\n<p>43 Simon antwortete und sprach: Ich denke, der, dem er am meisten geschenkt hat. Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geurteilt.<\/p>\n<p>44 Und er wandte sich zu der Frau und sprach zu Simon: Siehst du diese Frau? Ich bin in dein Haus gekommen; du hast mir kein Wasser f\u00fcr meine F\u00fc\u00dfe gegeben; diese aber hat meine F\u00fc\u00dfe mit Tr\u00e4nen benetzt und mit ihren Haaren getrocknet.<\/p>\n<p>45 Du hast mir keinen Kuss gegeben; diese aber hat, seit ich hereingekommen bin, nicht abgelassen, meine F\u00fc\u00dfe zu k\u00fcssen.<\/p>\n<p>46 Du hast mein Haupt nicht mit \u00d6l gesalbt; sie aber hat meine F\u00fc\u00dfe mit Salb\u00f6l gesalbt.<\/p>\n<p>47 Deshalb sage ich dir: Ihre vielen S\u00fcnden sind vergeben, darum hat so viel Liebe gezeigt; wem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig.<\/p>\n<p>48 Und er sprach zu ihr: Dir sind deine S\u00fcnden vergeben.<\/p>\n<p>49 Da fingen die an, die mit zu Tisch sa\u00dfen, und sprachen bei sich selbst: Wer ist dieser, der auch die S\u00fcnden vergibt?<\/p>\n<p>50 Er aber sprach zu der Frau: Dein Glaube hat dir geholfen; geh hin in Frieden!<\/p>\n<p>Predigt<\/p>\n<p>I<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, an einem Tisch passiert die Geschichte mit &#8222;der Gro\u00dfen S\u00fcnderin&#8220;. Nicht mit allen setze ich mich an einen Tisch. Nicht mit allen gehe ich Essen, nur mit denen, deren Gemeinschaft ich suche. Und wer an meinen Tisch kommt, von dem erwarte ich etwas. Das war damals in Israel zur Zeit Jesu noch bedeutsamer als heute: Wer jemanden zum Essen an seinen Tisch lud, der bezeugte ihm hohe Ehre. Zugleich stellte er den Gast unter seinen pers\u00f6nlichen Schutz. Tischgemeinschaft war somit Zeichen menschlicher Verbundenheit und Gew\u00e4hrung des Friedens, Ausdruck des Vertrauens und der Geschwisterlichkeit. Ja, noch mehr:<\/p>\n<p>Wenn die Mahlteilnehmer sich zu Tisch begeben hatten, nahm der Hausvater in Israel das Brot und sprach dar\u00fcber stellvertretend f\u00fcr alle das Dankgebet. So wurde die Tischgemeinschaft zum Verbund aller miteinander vor Gott und mit Gott.<\/p>\n<p>Es ist darum etwas besonderes, wenn es hei\u00dft: &#8222;Ein Pharis\u00e4er bat Jesus, bei ihm zu essen.&#8220; Es ist die Besonderheit der Bitte um Tischgemeinschaft, die Jesus angetragen wird. Mit dieser Bitte bringt der Pharis\u00e4er dem Mann aus Nazareth einen Vertrauensvorschu\u00df entgegen. Er will mit ihm seinen Tisch &#8211; und d.h. ein Hauptst\u00fcck seines Lebens &#8211; teilen. Er m\u00f6chte ihn hineinnehmen in seine Lebens- und Gottesgemeinschaft.<\/p>\n<p>&#8222;Und Jesus ging in das Haus des Pharis\u00e4ers und setzte sich zu Tisch.&#8220; Jesus nimmt die Einladung an und l\u00e4sst sich so ein auf die Bitte des Pharis\u00e4ers nach Gemeinschaft. Jesus in der Lebens- und Gottesgemeinschaft mit einem Pharis\u00e4er? Ist das nicht ein Gegensatz wie Feuer und Wasser? Es ist eine schlimme Sache, dass auch unter Christen das Wort &#8222;Pharis\u00e4er&#8220; zum Schimpfwort werden konnte, mit dem man Menschen abkanzelt, die man f\u00fcr unertr\u00e4glich selbstgerecht h\u00e4lt. Dadurch ist f\u00fcr uns &#8222;der Pharis\u00e4er&#8220; zur Karikatur eines Heuchlers geworden. Die Pharis\u00e4er aber waren in Israel Ehrenm\u00e4nner:<\/p>\n<p>Sie bildeten eine Bruderschaft von M\u00e4nnern verschiedener Berufen. Sie hatten sich aus Protest zusammengeschlossen, weil in der gesellschaftlichen Verwirrung im Volk die Gebote Gottes nicht genug beachtet wurden. Dagegen wollten sie auch im Alltag, auch in den kleinen Begebenheiten streng nach den alten Werten anst\u00e4ndig leben. Sie wollten die Welt, mindestens ihre Welt, in Disziplin und Ordnung halten. Deshalb st\u00fctzten sie sich auf die bew\u00e4hrten Gebote Gottes, deren Sinn sie in den verschiedensten Lebenslagen festzulegen wussten.<\/p>\n<p>Wenn ich den Pharis\u00e4er vergleichen wollte mit Menschen unserer Tage, so denke ich an den Konservativen im besten Sinne des Wortes. Es gibt sie noch &#8211; in allen demokratischen, wertorientierten Parteien und Gruppierungen, &#8211; auch in der Kirche. Der &#8222;Konservative&#8220;, der Bewahrer der Werte und Ordnungen ist kein Reaktion\u00e4r und kein Spie\u00dfb\u00fcrger, zu dem ihn die Propaganda oft macht, erst recht kein selbstgerechter Heuchler, sondern der aufrechte und geradlinige B\u00fcrger, der Respekt hat z. B. vor den preu\u00dfischen Tugenden unserer Vorfahren, der Disziplin- und Zuchtlosigkeit nicht ertragen kann, der ehrlich bleibt in den Gesch\u00e4ften und Alltagsdingen, der aus Idealismus, aus humanistischer oder christlicher Verantwortung die Dinge beurteilt und der sich auch in seinem privaten Leben nach diesen Normen ausrichtet. In unserem Land haben wir eher zu wenig als zu viele dieser Wertkonservativen, dieser Ehrenm\u00e4nner und -frauen.<\/p>\n<p>In das Haus eines solch anst\u00e4ndigen Menschen &#8211; Simon hei\u00dft er in unserer Geschichte &#8211; tritt Jesus ein. Und indem er eintritt und sich an dessen Tisch setzt, bringt Jesus zum Ausdruck, dass auch er ihn anerkennt in seinem Wertebewu\u00dftsein und seiner Ehrenhaftigkeit.<\/p>\n<p>II<\/p>\n<p>&#8222;Und siehe, in der Stadt war eine Frau, die war eine S\u00fcnderin.&#8220;- &#8222;Und siehe . . . . .&#8220; &#8211; wo es Anstand und Zucht, Tugend und Ehre gibt, da gibt es auch das Gegenteil. Hier in der Erz\u00e4hlung ist es eine Frau. Sie ist stadtbekannt und ein Wort gen\u00fcgt f\u00fcr sie -&#8222;eine S\u00fcnderin&#8220;. &#8222;Die Gro\u00dfe S\u00fcnderin&#8220; hat man sie dann in der Geschichte der Auslegung dieser Geschichte genannt und dabei genau gewusst, worin ihre S\u00fcnde bestand: Ein Mensch, so heruntergekommen, dass er seinen K\u00f6rper f\u00fcr Geld zur Verf\u00fcgung stellte; eine Prostituierte, eine Hure, Angeh\u00f6rige eines &#8222;Berufsstandes&#8220;, den viele &#8222;das \u00e4lteste Gewerbe der Welt&#8220; nennen, von dem der anst\u00e4ndige B\u00fcrger nur hinter vorgehaltener Hand oder im zotigen Witz spricht und der doch keinen Tag existieren k\u00f6nnte, wenn nicht unz\u00e4hlige mehr oder weniger finanzkr\u00e4ftige m\u00e4nnliche B\u00fcrger dessen Berufsaus\u00fcbung verlangten und bar bezahlten.<\/p>\n<p>Die Erz\u00e4hlung im Lukasevangelium allerdings sagt uns nichts dar\u00fcber. Keine Sex- und Skandalgeschichte gibt&#8217;s zu h\u00f6ren. Worin konkret die &#8222;S\u00fcnde&#8220; dieser Frau bestanden hat, wissen wir nicht. Im Dunkeln bleibt, was ihre &#8222;S\u00fcnde&#8220; war. &#8222;Die war eine S\u00fcnderin&#8220;, hei\u00dft es nur&#8220; &#8211; und das meint, sie war ein Mensch, dem durch seine Taten die Gottesbeziehung verloren und dem das Wohlgefallen entzogen war. Unter der S\u00fcnde, in ihrer Trennung von Gott, hatte sie ihren Glanz verloren. Angst und Hoffnungslosigkeit beherrschten sie. Und die Zukunft war ihr verschlossen. So war sie sich selbst und den Mitmenschen nichtsw\u00fcrdig geworden. Und von daher schlug ihr auch die ganze Verachtung des anst\u00e4ndigen Simon entgegen.<\/p>\n<p>Um so unfasslicher aber ist nun, was diese Frau sich dennoch getraut hat, zu welcher ungew\u00f6hnlichen Handlung die Frau trotz ihrer S\u00fcnde und trotz dieser Verachtung die Freiheit hatte:<\/p>\n<p>&#8222;Als die n\u00e4mlich erfuhr, dass Jesus im Hause des Pharis\u00e4ers zu Tisch sa\u00df, brachte sie ein Fl\u00e4schchen mit Salb\u00f6l, trat von hinten an ihn heran und fing an, seine F\u00fc\u00dfe mit ihren Tr\u00e4nen zu benetzen und mit den Haaren ihres Hauptes zu trocknen, und k\u00fcsste seine F\u00fc\u00dfe und salbte sie mit Salb\u00f6l.&#8220; Dieses \u00fcberschw\u00e4ngliche Tun der Frau ist schlechterdings ungew\u00f6hnlich. Sie vergisst, scheint es, ihre Umgebung v\u00f6llig und ger\u00e4t au\u00dfer sich. Die peinlich betretenen Blicke der von ihr abr\u00fcckenden &#8222;besseren Gesellschaft&#8220; k\u00f6nnen sie nicht hindern, sich in ihrer Zuneigung und Dankbarkeit zu Jesus gehen zu lassen. Sie weint und \u00fcbersch\u00fcttet die nackten F\u00fc\u00dfe Jesu mit ihren Tr\u00e4nen und kostbarem Salb\u00f6l. K\u00fchn und hemmungslos, leidenschaftlich und herzbewegend ist ihre Zuneigung, die Jesus sp\u00e4ter ihre &#8222;viele Liebe&#8220; nennen wird, deren Ursache ihr &#8222;Glaube&#8220; sei. Ich br\u00e4chte das so nicht fertig. Zu solchen hinrei\u00dfenden Liebesbezeugungen, zu einer so tiefgreifenden Dankbarkeit treibt mich mein Glaube nicht.<\/p>\n<p>Und nicht nur daran wird mir deutlich, wie ich selber und wie vermutlich viele von uns im Blick auf diese Geschichte eher dem Pharis\u00e4er Simon gleichen &#8211; und nicht der Frau:<\/p>\n<p>III<\/p>\n<p>Schauen Sie hin, liebe Gemeinde, dieser Mann ist ja kein offenkundig schlechter Mensch, so wie wir uns selber kaum f\u00fcr einen schlechten Menschen halten. Er lebt wertorientiert und aufrichtig, wie wir h\u00f6rten. Und darin gleichen ihm bis heute viele Christen. Aber warum hat ein solcher Mensch es im Unterschied zur stadtbekannten S\u00fcnderin mit Jesus so schwer? Eben darum, weil er sich selber so gut und vortrefflich einsch\u00e4tzt. Simon ist der Mensch, der auf sich selbst baut, der sich aus sich selbst heraus verstehen und in sich selbst gr\u00fcnden und bestimmen will. Er vertraut auf den eigenen Wert. Er wei\u00df, was er wert ist. Er geht aufrecht, weil er sich selbst f\u00fcr aufrichtig h\u00e4lt. Er zelebriert den Selbstwert: &#8222;Ich bin ich. Ich bin wer.&#8220; Im Grunde seiner Existenz kennt Simon nichts als sich selbst. Selbst die Tischgemeinschaft mit Jesus ger\u00e4t ihm zu einer Unternehmung der Selbstbest\u00e4tigung..<\/p>\n<p>Achten wir darauf: Der anst\u00e4ndige Simon redet wenig in dieser Erz\u00e4hlung. Und wenn er es tut, spricht er haupts\u00e4chlich mit sich selbst. Die Frau, die pl\u00f6tzlich an seinem Tisch erscheint, ignoriert er. Er nimmt sie zwar wahr, aber er ist viel zu vornehm, er hebt sich viel zu sehr ab von den &#8222;Unwerten&#8220;, um sich mit so einer Person auseinanderzusetzen. Darum wirft er sie auch nicht hinaus. Er will kein Aufsehen. In seinen Augen z\u00e4hlt die &#8222;Dame&#8220; nicht. Er wei\u00df, dass sie eine S\u00fcnderin ist. Das gen\u00fcgt ihm.<\/p>\n<p>Sein Interesse gilt ganz Jesus. Von ihm erwartet er noch etwas. Und er setzt offenbar voraus, dass auch Jesus grunds\u00e4tzlich nicht anders denkt als er, dass auch er der Frau gegen\u00fcber auf Distanz geht und ihn, Simon, so in seinem Selbstwertgef\u00fchl, in seinen Ansichten best\u00e4tigt. Als dies nicht geschieht, als Jesus die Frau nicht wegweist, sich nicht vor ihr zur\u00fcckzieht, ja nicht einmal die F\u00fc\u00dfe anzieht, um sie zu unterbrechen bei ihrem peinlich-eigenartigen Tun, da ist Simon auch schon fertig mit Jesus. Er f\u00e4llt sein Urteil: &#8222;Wenn dieser ein Prophet w\u00e4re, so w\u00fcsste er, was f\u00fcr eine Frau das ist, die ihn anr\u00fchrt; denn sie ist eine S\u00fcnderin&#8220;, so denkt er bei sich. Es ist bemerkenswert, dass Simon Jesus nicht zur Rede stellt und ihm sagt, was ihn st\u00f6rt. Aber dann m\u00fcsste er ja auch sich selbst befragen lassen, und das k\u00f6nnte ihn in Frage stellen. So verzichtet er darauf, eben weil er seine Selbstbegr\u00fcndung, seine Selbstgewissheit nicht gef\u00e4hrden will, weil er sein Urteil schon gef\u00e4llt und sich sein Bild \u00fcber Jesus schon gemacht hat:<\/p>\n<p>Er verurteilt ihn, weil Jesus sich mit &#8222;der da&#8220;, mit der S\u00fcnderin abgibt und so deutlich wird, dass er sie annimmt und ihr das Leben neu schenkt. Mit anderen Worten: Simon verurteilt Jesus, weil Jesus &#8222;die Gro\u00dfe S\u00fcnderin&#8220; aufrichtet &#8211; auch vor Simon &#8211; und sie in ihrer W\u00fcrde wieder ins Recht setzt. Noch k\u00fcrzer gesagt: Simon will nicht, dass Jesus der Frau die S\u00fcnden vergibt, ihre Gottesbeziehung wieder in Ordnung bringt und ihrem Leben neues Recht gibt, Lebensrecht. Und darum verschlie\u00dft er sich &#8211; vor Jesus und vor der Frau.<\/p>\n<p>IV<\/p>\n<p>Ich finde es bewegend zu sehen, wie Jesus sich um den sich verschlie\u00dfenden Pharis\u00e4er Simon weiterhin bem\u00fcht. Er will diese Mauer der \u00dcberheblichkeit und Selbstbezogenheit durchbrechen. Er will den auf sich selbst bezogenen, den in sich selbst verkr\u00fcmmten Simon befreien aus seiner Ich-Bezogenheit, seiner Egomanie. Er will auch ihm die S\u00fcnden vergeben, will auch ihn rechtfertigen. Und er tut das auf eine einfache Weise:<\/p>\n<p>&#8222;Da wandte sich Jesus zu ihm und sagte: Simon, ich habe dir etwas zu sagen. Er antwortete: Meister sprich! Ein Gl\u00e4ubiger hatte zwei Schuldner. Einer war f\u00fcnfhundert Silbergroschen schuldig, der andere f\u00fcnfzig. Da sie es nicht bezahlen konnten, schenkte er&#8217;s beiden. Wer von beiden wird ihn nun am meisten lieben?&#8220;<\/p>\n<p>In diesem knappen Bild ist die ganze Botschaft Jesu wie in einem Brennglas geb\u00fcndelt. Jesus zeigt hier, wie es um Gott und den Menschen und um ihr Verh\u00e4ltnis bestellt ist. Was der Mensch hat und kann, ist ihm geliehen und von Gott anvertraut. Was wir sind und haben, sind wir nicht aus uns selbst, sondern aus der Sch\u00f6pferkraft und Zuwendung Gottes: wir leben &#8222;aus Gnade&#8220;. Das ist der Grund unserer Existenz, das ist die Gabe des Lebens. Im Umgang mit dieser Gabe aber ist jeder und jede von uns in unbezahlbare Schulden geraten. Warum? Weil jeder und jede im Herzen zun\u00e4chst auf sich selbst baut und sich letztlich nur auf sich selbst verl\u00e4sst. Das Herz &#8211; unser Herz &#8211; ist das Personzentrum, die G\u00f6tzenfabrik, in der der in sich selbst verliebte Mensch am Selbstbildnis und am Selbstwert bastelt und Gott, seinem gn\u00e4digen Sch\u00f6pfer, keinen Raum gibt. Das ist die S\u00fcnde, die Ur-S\u00fcnde. Und in Folge dieser S\u00fcnde sind wir alle in unbezahlbare Schulden gekommen. Der Mensch, der sich von Gott l\u00f6st, wird an Gott schuldig (und an seinen Mitmenschen) &#8211; so sehr, dass er davon aus eigener Kraft nicht loskommt.<\/p>\n<p>Gewiss, es gibt unter Menschen einen Unterschied in der Gr\u00f6\u00dfe der Verschuldung: &#8222;f\u00fcnfhundert&#8220; und &#8222;f\u00fcnfzig Silbergroschen&#8220;, das ist der Unterschied &#8211; wie eins zu zehn. Und der ist f\u00fcr den Pharis\u00e4er Simon und f\u00fcr uns so wichtig. Und er wird von Jesus auch nicht bestritten. Aber dieser Unterschied wird belanglos: in der Gemeinsamkeit, die Schulden nicht mehr bezahlen zu k\u00f6nnen: in der Gemeinsamkeit ihrer Angewiesenheit auf die Gnade. Ja, dieser Unterschied kehrt sich um, wenn man auf die Liebe als die dankbare Antwort der beiden Schuldner auf den gn\u00e4digen Schuldenerlass blickt: &#8222;Ihre vielen S\u00fcnden sind ihr vergeben; darum hat sie viel Liebe erwiesen. Wem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig&#8220;, sagt Jesus.<\/p>\n<p>Ich will das noch einmal unterstreichen: Das Gleichnis Jesu verbreitet keinen Nebel, in dem alle Katzen grau sind nach dem Motto: &#8222;Wir sind alle allzumal S\u00fcnder &#8230;.&#8220;. Nein, Schuld und Schuld bleiben unterschieden. Es ist nicht gleichg\u00fcltig, ob man z.B. als geradliniger, aufrichtiger Mensch lebt oder verlottert und haltlos, unmoralisch und durchtrieben. So hat der Pharis\u00e4er Simon vor jener Frau den Vorzug eines durch die Gebote Gottes bewahrten und vor der schreienden, \u00f6ffentlich-offensichtlichen Schuld beh\u00fcteten Lebens. Aber genau dieser Vorzug kann f\u00fcr ihn, wie f\u00fcr jeden von uns, zur h\u00f6chsten Gef\u00e4hrdung werden: n\u00e4mlich dann, wenn man meint, man k\u00f6nnte von diesem Vorzug leben und durch ihn zu einem Vorsprung vor anderen S\u00fcndern kommen und dadurch vor Gott bestehen. Niemals! Wir leben allein und einzig von der Vergebung unserer in allen F\u00e4llen unbezahlbaren Schuld. Und darum stehen wir in der Gemeinschaft und der Solidarit\u00e4t, die alle Schuldner, alle Menschen vor Gott miteinander verbindet.<\/p>\n<p>&#8222;Die gro\u00dfe S\u00fcnderin&#8220; aber ist dem anst\u00e4ndigen Simon darin voraus: Sie wei\u00df eindeutig, dass sie angesichts ihrer allseits offenkundigen gro\u00dfen Schuld nur von der Vergebung Gottes leben kann, w\u00e4hrend Simon im Zwielicht der Anma\u00dfung steht, die sich auf seine eigene Leistung meint verlassen zu k\u00f6nnen. So lebt Simon im Irrtum: in der Scheinwelt seines Ansehens, seiner eigenen, der menschlichen, der aktiven, der moralischen, der gesellschaftlichen &#8222;Gerechtigkeit&#8220;. Die Frau aber lebt im Ansehen Gottes, in der Rechtsetzung Gottes, in der Rechtfertigung aus Gnade, wie sie durch Jesus f\u00fcr sie erschlossen ist. Gerade der &#8222;fromme&#8220; Pharis\u00e4er exerziert ihr vor, dass f\u00fcr sie in jener anst\u00e4ndigen Welt der Wert-vollen und Wertkonservativen kein Raum ist: er l\u00e4sst sie fallen. Dort hat sie keine Existenzm\u00f6glichkeit. Das Einzige, was die Frau h\u00e4lt, ist die Zuwendung Gottes, wie sie sie im Zuspruch Jesu wahrnimmt: &#8222;Dir sind deine S\u00fcnden vergeben! Dein Glaube hat dir geholfen! (N\u00e4mlich jener Glaube, der von sich selber gar nichts mehr, daf\u00fcr aber von Gott alles erwartet.) Geh hin in Frieden!&#8220; Und so geht sie hin &#8222;im Frieden&#8220;. Wie und wohin geht Simon? Es wird nicht berichtet. Darum nicht, damit Du und ich die-Frage stellen und die Antwort gelten lassen, die Jesus der Frau sagt, &#8211; diese Antwort auch f\u00fcr uns gelten lassen -: &#8222;Dein Glaube hat Dir geholfen! Geh hin in Frieden!&#8220; Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Generalsuperintendent Dr. Rolf Wischnath (Cottbus)<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"mailto:generalsuperintendent.cottbus@t-online.de\"><strong>E-Mail: generalsuperintendent.cottbus@t-online.de<\/strong><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>11. Sonntag nach Trinitatis | 26. August 2001 | Lukas 7,36-50 | Rolf Wischnath | Evangeliumslesung und Predigttext Wir h\u00f6ren als Evangeliumslesung die Erz\u00e4hlung von &#8222;der Gro\u00dfen S\u00fcnderin&#8220; und dem Pharis\u00e4er Simon und ihrer gro\u00dfen Rechtfertigung. Sie steht im siebten Kapitel des Lukasevangeliums. 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