{"id":22287,"date":"2001-07-21T12:34:20","date_gmt":"2001-07-21T10:34:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22287"},"modified":"2025-03-21T12:38:17","modified_gmt":"2025-03-21T11:38:17","slug":"waldes-lust","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/waldes-lust\/","title":{"rendered":"Waldes-Lust"},"content":{"rendered":"<h3>Predigtreihe Natur-Religion: Waldes-Lust | Prof. Dr. Jan Rohls |<\/h3>\n<p><strong>Markuskirche M\u00fcnchen UNIVERSIT\u00c4TSGOTTESDIENSTE Sommersemester 2001<\/strong><\/p>\n<p>ORGEL\/WALDHORN: Joseph Haydn: Trompetenkonzert, Andante<\/p>\n<p>CHOR: Felix Mendelssohn-Bartholdy: O T\u00e4ler weit, o H\u00f6hen<\/p>\n<p>REZITATION: Johann Wolfgang von Goethe: \u00dcber allen Gipfeln ist Ruh<\/p>\n<p>GEMEINDE: EG 477,1-4 Nun ruhen alle W\u00e4lder<\/p>\n<p>LESUNG: Ludwig Tieck: Franz Sternbalds Wanderungen<\/p>\n<p>CHOR: Johannes Brahms: Waldesnacht, du wunderk\u00fchle<\/p>\n<p>REZITATION: Joseph von Eichendorff: Ich stehe in Waldesschatten<\/p>\n<p>GEMEINDE: EG 504,1-6 Himmel, Erde, Luft und Meer<\/p>\n<p>PREDIGT In den Weihnachtstagen des Jahres 1808 stellte der Maler Caspar David Friedrich in seinem Dresdner Atelier ein Gem\u00e4lde aus. Es war ein Bild, das eigentlich f\u00fcr eine gr\u00e4fliche Schlo\u00dfkapelle bestimmt war, aber schlie\u00dflich seinen Platz im Schlafzimmer des jungverm\u00e4hlten adeligen Ehepaares fand. Das Gem\u00e4lde erregte sofort Aufsehen, rief gl\u00fchende Begeisterung und schroffe Ablehnung hervor. Denn in seiner Art war es v\u00f6llig neuartig. Es zeigte eine Landschaft, aber die Landschaft war religi\u00f6s, gesehen mit den Augen romantischer Fr\u00f6mmigkeit. Das Bild, eines der bekanntesten der deutschen Romantik, zeigt ein Kreuz im Gebirge. Wegen seines urspr\u00fcnglichen Bestimmungsortes, der Schlo\u00dfkapelle in Tetschen, hei\u00dft es der &#8222;Tetschener Altar&#8220;. Ein Altarbild weder mit einer Christus- oder Heiligengestalt, sondern mit einer Landschaft samt Kruzifix, das war neu. &#8222;Es ist eine wahre Anma\u00dfung, wenn die Landschaftsmalerei sich in die Kirche schleichen und auf Alt\u00e4re kriechen will&#8220;, entr\u00fcstete sich ein zeitgen\u00f6ssischer Kunstkritiker. Es sei eine Anma\u00dfung, von einem St\u00fcck Landschaftsmalerei zu verlangen, da\u00df es den Menschen religi\u00f6s r\u00fchre. Der Mensch, der zu Liebe, Dankbarkeit und Bewunderung gegen seinen Sch\u00f6pfer bewegt werden wolle, der gehe in die freie Natur, auf die Berge oder in den Wald. Da \u00fcberkomme ihn die R\u00fchrung, nicht aber vor einem Gem\u00e4lde, das einen mit Tannen bestandenen Berg mit Gipfelkreuz im Abendrot zeige. Friedrich, der Maler aus Greifswald, lieferte selbst einen Kommentar zu seinem f\u00fcr damalige Verh\u00e4ltnisse ungewohnten Bild. &#8222;Auf dem Gipfel des Felsens&#8220;, so schreibt er, &#8222;steht hoch aufgerichtet das Kreuz, umgeben von immergr\u00fcnen Tannen, und immergr\u00fcner Epheu umwindet des Kreuzes Stamm. Strahlend sinkt die Sonne, und im Purpur des Abendrotes leuchtet der Heiland am Kreuz&#8220;. Nun, das mu\u00df man m\u00f6gen. Aber wichtiger noch: was hat das zu bedeutet? Was soll das Kreuz auf dem Felsen, was sollen die Tannen, die es umgeben? H\u00f6ren wir wieder den Originalton Caspar David Friedrich: &#8222;Auf einem Felsen steht aufgerichtet das Kreuz, unersch\u00fctterlich fest wie unser Glaube an Jesum Christum. Immergr\u00fcn durch alle Zeiten w\u00e4hrend, stehen die Tannen um das Kreuz, wie die Hoffnung der Menschen auf ihn, den Gekreuzigten&#8220;. Die Tannen als Allegorie der christlichen Hoffnung. Sie gr\u00fcnen bekanntlich nicht nur zur Sommerszeit, nein, auch im Winter, wenn es schneit.<\/p>\n<p>Das Kreuz in der Landschaft, das ist ein Thema, das den Maler Friedrich ein Leben lang besch\u00e4ftigt hat. Noch kurz vor seinem Tode malte er ein Bild, das den Titel tr\u00e4gt &#8222;Kreuz im Walde&#8220;. Das Kreuz, von den Strahlen der Sonne beschienen, steht vor einem Tannenwald, der in seiner Form an eine gotische Kathedrale erinnert. Am Fu\u00df des Kreuzes entspringt eine Quelle, die durch eine \u00f6de Feldschlucht flie\u00dft, Sinnbild des Evangeliums, der lebensspendenden Heilsbotschaft, die das aufgrund der S\u00fcnde erstorbene Leben erneuert. Was bringt einen Maler dazu, die eingefahrene Stra\u00dfe christlicher Ikonographie zu verlassen? Warum malt er keine Piet\u00e0, warum keinen Gnadenstuhl, warum keine Kreuzabnahme, keine Auferstehung? Warum malt er stattdessen einen Wald mit Kruzifix? Warum diese Lust am Wald? Die Zeiten, in denen man seinem Glauben sicheren Ausdruck verleihen konnte in einem festen Kanon von Themen, sie waren dahin. Sp\u00e4testens der Sturm der Franz\u00f6sischen Revolution hatte die bislang g\u00fcltige kirchliche Kunst hinweggefegt. Und es war keineswegs nur der materialistisch gesonnene Atheist oder der skeptische Agnostiker der Aufkl\u00e4rung, der sich im Bilderbogen der \u00fcberkommenen christlichen Malerei nicht mehr zurechtfand. Selbst das fromme Individuum f\u00fchlte sich in ihm nicht mehr heimisch. Man fand Gott weniger in der biblischen Geschichte von der Erschaffung Adams bis zur Wiederkunft Christi, sondern eher im Leben und Weben der Natur. Philipp Otto Runge, auch er wie Friedrich Maler der religi\u00f6sen Landschaft, f\u00fchlte sich ergriffen vom Wald. Er sp\u00fcrte dort den lebendigen Atem Gottes. Die Natur ist f\u00fcr ihn kein mechanisches R\u00e4derwerk. Sie ist ein lebendiges Ganzes, durchpulst vom produktiven Kr\u00e4ften, ausgestattet mit einer Seele. Sie ist ein Buch, geschrieben von demselben Autor wie die Bibel, allerdings in einer Chiffrenschrift, die entziffert sein will. In jedem Moos, in jedem Gestein ist die Handschrift des g\u00f6ttlichen Sch\u00f6pfergeistes erahnbar. \u00dcberall in der Natur, in Feld und Wald offenbart er sich, im Rauschen des Waldes wie im Pl\u00e4tschern des Baches, in der sonnenbeschienenen Lichtung, im weichen Moos, in den massigen Felsen und im Gesang der Waldv\u00f6gel. Es ist keineswegs ein neutrales Bild, das die romantischen Maler von der Natur entwerfen. Sondern sie malen die Natur so wie sie sie f\u00fchlen, als eine Offenbarung des g\u00f6ttlichen Universums. Daher ist es auch nicht einfach eine Landschaft, die Friedrich zum Altarbild erhob. Es ist die von Gott durchdrungene Natur, die Natur als Offenbarung Gottes. So seltsam es f\u00fcr heutige Ohren auch klingen mag: Runge sah einen engen Zusammenhang gerade zwischen dem protestantischen Glauben und der romantischen Landschaftsmalerei. Wie Katholizismus und Historienmalerei so geh\u00f6rten Protestantismus und Landschaftsmalerei zusammen. Ist die Landschaftsmalerei doch abstrakter als das Geschichtsbild und daher der h\u00f6heren Abstraktheit des Protestantismus angemessener als etwa das von Personen nur so wimmelnde &#8222;J\u00fcngste Gericht&#8220;, das der Romantiker Peter Cornelius in den Chor der Ludwigskirche malte. Das Landschaftsbild sollte die religi\u00f6se Stimmung des Gem\u00fcts durch die Nachbildung einer entsprechenden Stimmung der Natur ausdr\u00fccken. Gott sollte in der Landschaft, in der Natur, gef\u00fchlt und geahnt werden.<\/p>\n<p>Der Wald, das ist nicht nur ein bevorzugter Gegenstand romantischer Landschaftsmalerei. Er ist nicht nur architektonisch ein Dom gebildet aus B\u00e4umen, sondern das Rauschen der B\u00e4ume erf\u00fcllt ihn auch so wie der Klang der Orgel das Kirchenschiff. Ja, die Romantiker beklagten geradezu die Ohnmacht der Tonkunst im Vergleich mit dem vollen Orgelgesang, der aus Berg, Tal und Wald in schwellenden Akkorden heraufquillt. Sie vernahmen im Rauschen des Waldes die Harfe des Weltgeistes die unendliche Melodie spielen. &#8222;Schl\u00e4ft ein Lied in allen Dingen,\/ Die da tr\u00e4umen fort und fort,\/ Und die Welt hebt an zu singen,\/ Triffst du nur das Zauberwort&#8220;. So dachte nicht nur der schlesische Freiherr von Eichendorff, so dachten sie alle. Nur wenn man sie als den Versuch begreift, die Sph\u00e4renharmonie, die Musik der Natur und damit Gottes eigene Melodie anzustimmen, versteht man die Musik der Romantik. Es wundert daher auch nicht, da\u00df der Wald zum bevorzugten Gegenstand der romantischen Musik wurde. &#8222;O T\u00e4ler weit, o H\u00f6hen,\/ du sch\u00f6ner gr\u00fcner Wald,\/ du meiner Lust und Wehen\/ and\u00e4chtger Aufenthalt&#8220;. Nirgends wird die Verbindung von Wald und Musik so deutlich wie an der romantischen Oper schlechthin, an Carl Maria von Webers &#8222;Freisch\u00fctz&#8220;. Man hat nicht zu Unrecht gesagt, die Hauptperson dieser Oper sei gar nicht der Freisch\u00fctz, der gl\u00fccklose J\u00e4gerbursche Max, sondern der Wald. Der erste Aufzug spielt auf einem Platz vor der Waldsch\u00e4nke, der zweite in einem Forsthaus im Wald und in einer furchtbaren Waldschlucht bei Nacht, der dritte Aufzug schlie\u00dflich ist eine kurze Waldszene bei Tag. Der Wald wird hier zum Schauplatz des Kampfes zwischen Licht und Finsternis, Gut und B\u00f6se um die Seele des schlichten J\u00e4gerburschen Max, der sich auf einen Pakt mit dem B\u00f6sen, dem schwarzen J\u00e4ger Samiel und seinen Handlanger Kaspar einl\u00e4\u00dft, um seine Braut, Agathe, die Tochter des Erbf\u00f6rsters Kuno zu gewinnen. Freikugeln sollen ihm helfen, beim alten Brauch des Probeschusses nicht zu versagen. &#8222;Wenn W\u00e4lder und Felsen uns hallend umfangen,\/ T\u00f6nt freier und freud&#8217;ger der volle Pokal&#8220; singen die b\u00f6hmischen J\u00e4ger, indem sie auf sonniger Waldesflur ihre Gl\u00e4ser erheben. Doch der Wald kann sich auch von einer dunklen Seite zeigen, wie sie Max bei seiner n\u00e4chtlichen Begegnung mit Samiel in der Waldschlucht erlebt hat. Der unheimliche n\u00e4chtliche Wald als Symbol des B\u00f6sen. Dunkles Geh\u00f6lz, hoch aufragendes Gebirge, ein st\u00fcrzender Wasserfall, bleicher Vollmond, heraufziehendes Gewitter, verfaulte B\u00e4ume, gro\u00dfe Eulen, kr\u00e4chzende Raben und Alptr\u00e4ume. Erst als Max das Kreuz schl\u00e4gt, ist der mittern\u00e4chtliche schwarze Waldzauber vor\u00fcber. Die tonmalerische Musik zur Wolfsschluchtszene, das ist nicht nur die Schilderung einer Sturmnacht im Wald, sondern wie der unheimliche, aufgew\u00fchlte Wald selbst spiegelt die Musik den Seelenzustand des J\u00e4gerburschen. Und ebenso beschw\u00f6ren die gestopften Hornkl\u00e4nge der Freisch\u00fctzouvert\u00fcre die Vorstellung des Waldes herauf und lassen die Seele des H\u00f6rers in die geheimnisvolle Welt des Waldes eintauchen. Aus der Mitte des Waldes aber erhebt sich die Stimme der um ihren Max besorgten Agathe zu einem Gebet (Arie der Agathe &#8222;Leise, leise, fromme Weise&#8220;).<\/p>\n<p>GESANG: (w\u00e4hrend der Predigt): Carl Maria von Weber: Leise, leise, fromme Weise<\/p>\n<p>Waldesleid und Waldeslust. Ende gut, alles gut. So auch hier im &#8222;Freisch\u00fctz&#8220;. Gewi\u00df, im dunklen Wald kann sich der Mensch verirren, und Max hat sich verirrt, als er in der Wolfsschlucht den Pakt mit dem B\u00f6sen schlo\u00df. Aber aus dem Wald naht auch die Rettung in Gestalt eines Eremiten, der seine Klause in der Waldeinsamkeit hat. &#8222;Doch mich umgarnen finstre M\u00e4chte!\/ Mich fa\u00dft Verzweiflung, foltert Spott!-\/ O dringt kein Strahl durch diese N\u00e4chte?\/ Herrscht blind das Schicksal? Lebt kein Gott?&#8220; So fragt Max verzweifelt am Anfang der Oper. Doch am Schlu\u00df stimmen alle in die Gnadenbotschaft des Eremiten an den getrauchelten S\u00fcnder ein: &#8222;Wer rein ist von Herzen und schuldlos im Leben,\/ Darf kindlich der Milde des Vaters vertraun!\/ Ja, la\u00dft uns die Blicke erheben\/ Und fest auf die Lenkung des Ewigen baun&#8220;. Hier begegnen wir ihm auf der Operb\u00fchne wieder, Caspar David Friedrichs &#8222;Kreuz im Walde&#8220;. Die Botschaft von S\u00fcnde und Gnade verpflanzt in den b\u00f6hmischen Wald und seine Musik. Das ist sicher eine Form der Fr\u00f6mmigkeit, eine Natur- und speziell Waldfr\u00f6mmigkeit, die weit entfernt ist vom Katechismusglauben der alten Orthodoxie. Und doch: wem fiele da nicht sogleich der Kirchenf\u00fcrst des neueren Protestantismus, Schleiermacher, ein? Was ist denn f\u00fcr ihn die Religion? Anschauung und Gef\u00fchl des Universums, des Unendlichen im Endlichen. In dieser Bestimmung des Wesen der Religion ist doch die Natur- und Waldfr\u00f6mmigkeit der Romantik angelegt. Es ist dies eine Fr\u00f6mmigkeit, die Gott in erster Linie in der Natur offenbart findet. Das war keine romantische Laune, sondern man wu\u00dfte sich einig mit zahlreichen Theologen und Philosophen der Vergangenheit, von Giordano Bruno \u00fcber Jakob B\u00f6hme, die auch schon angesichts des fruchtlosen konfessionellen Haders das lebendige Buch der Natur den Katechismen und Bekenntnisschriften vorgezogen hatten. War die Sprache, die Gott im Buch der Natur sprach, nicht deutlicher und klarer als die Sprache selbst der Bibel? War der Gott, dem man in der Natur begegnete, nicht jener Gott, von dem Paulus auf dem Areopag in Athen gesagt hatte: &#8222;F\u00fcrwahr, er ist nicht ferne von einem jeden unter uns. Denn in ihm leben, weben und sind wir&#8220;? &#8222;Wenn der Himmel \u00fcber mir von unz\u00e4hligen Sternen wimmelt&#8220;, schreibt der Maler Runge, &#8222;der Wind saust durch den weiten Raum, die Woge bricht sich brausend in der weiten Nacht, \u00fcber dem Walde r\u00f6tet sich der \u00c4ther, und die Sonne erleuchtet die Welt, das Tal dampft, und ich werfe mich im Grase unter funkelnden Tautropfen hin, jedes Blatt und jeder Grsahalm wimmelt von Leben, die Erde lebt und regt sich unter mir, alles t\u00f6net in einem Akkord zusammen, da jauchzet die Seele laut auf, und fliegt umher in dem unerme\u00dflichen Raum um mich, es ist kein oben mehr, keine Zeit, kein Anfang und kein Ende, ich h\u00f6re und f\u00fchle den lebendigen Odem Gottes, der die Welt h\u00e4lt und tr\u00e4gt, in dem alles lebt und wirkt: hier ist das H\u00f6chste, was wir ahnen &#8211; Gott!&#8220;<\/p>\n<p>Der Aufstieg des Waldes zum bevorzugten Ort der Begegnung mit Gott begann mit der Zerst\u00f6rung der Natur durch die beginnende Industrialisierung. Der Wald wurde erst durch die \u00dcbergriffe der menschlichen Zivilisation zu jenem Heiligtum, als das ihn die Romantiker betratet. Und nicht nur die fr\u00fchen Romantiker um 1800 und die jugendbewegten Neuromantiker um 1900. Nein, noch der ganz gew\u00f6hnliche Bundesb\u00fcrger, der sonntags den Kirchgang durch den Waldspaziergang ersetzt oder beide miteinander verbindet, zehrt von diesem romantischen Erbe. Und ob winterliche Waldweihnacht oder sommerlicher Waldgottesdienst, auch die Kirche hat sich die romantische Naturfr\u00f6mmigkeit l\u00e4ngst zueigen gemacht. Der Wald wurde in der Romantik zum Gegenbild einer als entfremdet erfahrenen Welt, zu jenem paradiesischen Ort, den der Mensch schuldhaft verlassen hat und zu dem ihn die Sehnsucht immer wieder hintreibt. Es war der Dichter Johann Ludwig Tieck, der den Begriff &#8222;Waldeinsamkeit&#8220; pr\u00e4gte, und in einem seiner M\u00e4rchen l\u00e4\u00dft er einen Vogel singen: &#8222;Waldeinsamkeit,\/ Die mich erfreut,\/ So morgen wie heut&#8217;\/ In ew&#8217;ger Zeit,\/ O wie mich freut\/ Waldeinsamkeit&#8220; und: &#8222;Mir geschieht kein Leid,\/ Hier wohnt kein Neid&#8220;. Die Waldeinsamkeit, das ist die verkl\u00e4rte Harmonie von Mensch und Natur, von der der Romantiker Tieck gleichwohl wei\u00df, da\u00df der Mensch sie, wenn auch selbstverschuldet, verlassen mu\u00df. Es liegt im Wesen des Menschen, die Unschuld seiner Seele gegen den Verstand einzutauschen und die Idylle zu zerst\u00f6ren. Die tr\u00e4umende Unschuld ist kein Zustand auf Dauer. Zumal im &#8222;Freisch\u00fctz&#8220; wird der Wald denn auch zu einem Sinnbild der Nachtseiten der Natur. Einer Religion, die sich in idyllischer Naturfr\u00f6mmigkeit ersch\u00f6pft, haftet daher ein Zug ins Regressive an. Die Sehnsucht nach der Einsamkeit der W\u00e4lder, ob religi\u00f6s oder \u00f6kologisch motiviert, bringt ein unwiderbringlich verlorenes Idyll nicht zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Das alles nimmt der religi\u00f6sen Landschaft der Romantik nichts von ihrem Wahrheitskern. Gelangten die Romantiker denn nicht zu einem tieferen Verst\u00e4ndnis der Natur, als sie in ihr mehr erblickten als der aufgekl\u00e4rte Verstand wahrhaben wollte? Sie zehrten ja von der Auffassung, da\u00df der Mensch sich in der Natur selbst wiederentdecken kann, weil die Natur ebenso Geist ist wie der Mensch auch Natur ist. In beiden offenbart sich Gott, und die Natur ist nur deshalb Offenbarung Gottes, weil sie ein in sich geordenetes zweckvolles Ganzes ist, damit aber etwas Geistiges und kein rein mechanisches R\u00e4derwerk, keine blo\u00dfe Maschine. Jener bereits eingangs erw\u00e4hnte Kunstkritiker, der Caspar David Friedrichs Tetschener Altar als Anma\u00dfung kritisiert hatte, war sich des Zusammenhangs zwischen Bildern wie dem &#8222;Kreuz im Walde&#8220; und der zeitgen\u00f6ssischen romantischen Theologie und Philosophie durchaus bewu\u00dft. &#8222;Wie ist es m\u00f6glich&#8220;, schrieb er, &#8222;den Einflu\u00df zu verkennen, den ein jetzt herrschendes System auf Herrn Friedrichs Komposition gehabt hat! Jener Mystizismus, der jetzt \u00fcberall sich einschleicht und aus Kunst wie aus Wissenschaft, aus Philosophie wie aus Religion gleich einem narkotischen Dunste uns entgegenwittert!&#8220; Man wird kaum fehlgehen, wenn man bei dem gescholtenen Mystizismus auch an die Religionstheorie Schleiermachers denkt. Die \u00e4u\u00dfere Natur galt dem reformierten Prediger zu Berlin allerdings nur als Vorhof, nicht als das innerste Heiligtum der Religion. Mehr als in der Natur offenbarte sich ihm das g\u00f6ttliche Universum in der Geschichte. Das ist das Erbe der Humanit\u00e4tsreligion von Aufkl\u00e4rung und Klassik. Doch wo der Mensch \u00fcber dem Humanum seine Verbindung mit der Natur vergi\u00dft und die Natur nur noch als verwertbares Material betrachtet, da erhebt die romantische Naturauffassung zu Recht ihren Einspruch. Die religi\u00f6se Landschaftsmalerei der Romantik erinnert an diesen Eigenwert der Natur, dessen auch wir noch gewahr werden, wenn wir im Wald mehr erblicken als das Rohmaterial f\u00fcr schwedische M\u00f6belh\u00e4user und Tageszeitungen, hinter denen sich kluge K\u00f6pfe verstecken. Wer ahnte denn nicht, was gemeint ist, wenn die Dichter der Romantik vom Wald sprechen. Liest es sich denn nicht wie ein Kommentar zu Friedrichs Tetschener Altar, dem Kreuz auf dem tannenges\u00e4umten Gipfel, wenn Joseph von Eichendorff schreibt: &#8222;Der Wald aber r\u00fchret die Wipfel\/ Im Traum von der Felsenwand.\/ Denn der Herr geht \u00fcber die Gipfel\/ Und segnet das stille Land&#8220;? Amen.<\/p>\n<p>GEMEINDE: EG 503,1-5 Geh aus, mein Herz, und suche Freud<\/p>\n<p>ORGEL\/WALDHORN: Johann Sebastian Bach: Coro festivo<\/p>\n<hr \/>\n<p>Prof. Dr. Jan Rohls<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigtreihe Natur-Religion: Waldes-Lust | Prof. Dr. Jan Rohls | Markuskirche M\u00fcnchen UNIVERSIT\u00c4TSGOTTESDIENSTE Sommersemester 2001 ORGEL\/WALDHORN: Joseph Haydn: Trompetenkonzert, Andante CHOR: Felix Mendelssohn-Bartholdy: O T\u00e4ler weit, o H\u00f6hen REZITATION: Johann Wolfgang von Goethe: \u00dcber allen Gipfeln ist Ruh GEMEINDE: EG 477,1-4 Nun ruhen alle W\u00e4lder LESUNG: Ludwig Tieck: Franz Sternbalds Wanderungen CHOR: Johannes Brahms: Waldesnacht, du [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":15161,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[727,157,853,1550,296,109,126,965,1040],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-22287","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-archiv","category-beitragende","category-bibel","category-jan-rohls","category-predigt-ohne-spez-bibelstelle","category-predigten","category-predigtreihen","category-texte-und-gedanken-zur-schoepfung","category-universitaetsgottesdienst"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22287","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=22287"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22287\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":22288,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22287\/revisions\/22288"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/15161"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=22287"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=22287"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=22287"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=22287"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=22287"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=22287"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=22287"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}