{"id":22289,"date":"2001-07-21T12:38:26","date_gmt":"2001-07-21T10:38:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22289"},"modified":"2025-03-21T12:42:20","modified_gmt":"2025-03-21T11:42:20","slug":"gipfel-sturm","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/gipfel-sturm\/","title":{"rendered":"Gipfel-Sturm"},"content":{"rendered":"<h3>Predigtreihe Natur-Religion: Gipfel-Sturm | <strong>24.6.2001 | <\/strong>Prof. Dr. Wolfgang Steck |<\/h3>\n<p><strong>Markuskirche M\u00fcnchen UNIVERSIT\u00c4TSGOTTESDIENSTE Sommersemester 2001<\/strong><\/p>\n<p>Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt, dem will er seine Wunder weisen in Berg und Wald und Strom und Feld.<\/p>\n<p>Die B\u00e4chlein von den Bergen springen, die Lerchen schwirren hoch vor Lust. Was sollt\u00b4 ich nicht mit ihnen singen aus voller Kehl\u00b4 und frischer Brust?<\/p>\n<p>Den lieben Gott la\u00df ich nur walten. Der B\u00e4chlein, Lerchen, Wald und Feld und Erd\u00b4 und Himmel will erhalten hat auch mein\u00b4 Sach\u00b4 aufs Best\u00b4 bestellt. Joseph von Eichendorff (1822)<\/p>\n<p>BEGR\u00dcSSUNG UND GEBET<\/p>\n<p>\u201aIch hebe meine Augen auf zu den Bergen, von denen mir Hilfe kommt. Meine Hilfe kommt von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.&#8216; Mit diesem Psalmwort, das uns der Bach-Chor in einer einf\u00fchlsamen Vertonung gesungen hat, begr\u00fc\u00dfe ich Sie alle zu unserem Gottesdienst.<\/p>\n<p>Gipfelsturm &#8211; so hei\u00dft das Thema unseres heutigen Universit\u00e4tsgottesdienstes. Aber man mu\u00df gar nicht zu den passionierten Gipfelst\u00fcrmern geh\u00f6ren, um die Faszination der Bergwelt zu erleben. Man braucht dazu keinen Rucksack und keine Steigeisen, kein Kletterseil und keinen Eispickel, nicht einmal die Wanderschuhe. Man braucht nur ein Paar wache, nach oben gerichtete Augen. Denn die Bergwelt ist eine Welt der Sinne, das Reich der Visionen.<\/p>\n<p>Wenn der F\u00f6hn das Alpenpanorama ans Firmament zaubert, direkt hinter die T\u00fcrme des Liebfrauendoms, dann gehen einem die Augen \u00fcber. Wir fangen zu staunen an und versenken uns in stiller Andacht in das Schauspiel der Natur. Wie eine Sinnest\u00e4uschung, so kommt einem die m\u00e4chtige Kulisse vom Karwendel bis zur Zugspitze vor. Und doch wei\u00df jeder, der schon einmal im Fr\u00fchtau hinausgezogen ist: Es gibt sie wirklich, die andere, die ferne und zugleich so nahe Welt.<\/p>\n<p>Manche haben sich das Bergpanorama ins Haus geholt, pastos in \u00d6l gemalt, mit dicken Pinselstrichen aufgetragen. Der Blick geht in die Tiefe des Bildes und verliert sich in den Formen und Farben. Das Bergmassiv ist nach der Natur gemalt, der Hochwald und der Wasserfall, die H\u00fctte, die Bank, der Brunnen, alles wie im wirklichen Leben. Und es ist doch wie das Abbild einer anderen, der ewigen Welt. Sie l\u00e4\u00dft uns alles um uns herum vergessen und zieht uns ganz in ihren Bann.<\/p>\n<p>Wenn wir uns zu einer Bergwanderung aufmachen, dann geht es uns nicht anders. Am Morgen, wenn sich die Nebelschleier lichten und die Felsmassive aus dem wei\u00dfen Dunst auftauchen, dann ist es, als w\u00fcrde die Welt noch einmal neu geschaffen, St\u00fcck um St\u00fcck. Und was f\u00fcr eine Welt! Ein Augenschmaus! Sinneslust in H\u00fclle und F\u00fclle! Man kann gar nicht alles mit einem Blick erfassen. Die Augen gehen hin und her und k\u00f6nnen sich nicht satt sehen.<\/p>\n<p>Im Vordergrund das satte Gr\u00fcn der Almen, dahinter das fein schattierte Grau der Felsw\u00e4nde, dar\u00fcber die Gipfel mit ihren Glitzerhauben aus Schnee und Eis, und alles \u00fcberw\u00f6lbt von unserem bayrischen, wei\u00df-blauen Himmel. Das ist eine Welt wie aus dem Bilderbuch, von Gott modelliert, damit seine Gesch\u00f6pfe ihre helle Freude daran haben, die Gemsen und die Adler, die Gei\u00dfen und die K\u00fche und &#8211; nat\u00fcrlich &#8211; auch wir, jeder von uns. Gott hat an uns gedacht, als er eines sch\u00f6nen Tages die Bergwelt erschuf. Oder hat er sie gleich viermal geschaffen: im Fr\u00fchling, im Sommer, im Herbst und im Winter? Sp\u00e4ter am Tag, wenn die Sonne im Zenit steht und die Gipfel in der glei\u00dfenden Mittagshitze zu flimmern anfangen, dann kommt es einem so vor, als h\u00e4tte sich der Sch\u00f6pfer noch einmal an die Staffelei gestellt, als w\u00fcrde er dem toten Gestein Leben einhauchen, bis die Berge unter seinen kr\u00e4ftigen Strichen erzittern, vor unseren Augen. Und manchmal mag es einem so vorkommen, als sei er selbst dort oben, im ewigen Eis, dort, wo sonst keiner hinkommt.<\/p>\n<p>Am Ende des Tages dann der Abend in den Bergen, wenn sich die Sonne gem\u00e4chlich hinter die Felswand zur\u00fcckzieht, noch einmal kurz Atem holt und uns verschmitzt zublinzelt. Dann werden die Felsen farbig, die steinernen Fassaden fangen zu brennen an. Jetzt wissen wir endg\u00fcltig, da\u00df das nicht unsere Welt ist, sondern Gottes Wohnung; und wir waren bei ihm zu Gast. Im Alpengl\u00fchen ziehen wir uns aus Gottes Welt zur\u00fcck. Aber im Herzen nehmen wir die Berge mit, und mit ihnen die geheimnisvolle, die g\u00f6ttliche Welt, in der sich unglaubliche Wunder abspielen, in der einem die Augen \u00fcbergehen, in der sich das Herz weitet und der Geist frisch wird.<\/p>\n<p>Wir feiern unseren Gottesdienst im Namen Gottes des Vaters, der die wunderbare Bergwelt geschaffen hat; im Namen des Sohnes, der auf den Bergen Pal\u00e4stinas Stille suchte; und im Namen des g\u00f6ttlichen Geistes, der \u00fcber den H\u00f6hen und Tiefen des Lebens schwebt.<\/p>\n<p>Herr, mein Gott, du bist sehr herrlich; du bist sch\u00f6n und pr\u00e4chtig geschm\u00fcckt. Licht ist dein Kleid, das du anhast. Du breitest den Himmel aus wie einen Teppich. Du f\u00e4hrst auf den Wolken wie auf einem Wagen und kommst daher auf den Fittichen des Windes. Du l\u00e4ssest Wasser in den T\u00e4lern quellen, da\u00df sie zwischen den Bergen dahinflie\u00dfen, da\u00df alle Tiere des Feldes trinken und das Wild seinen Durst l\u00f6sche. Dar\u00fcber sitzen die V\u00f6gel des Himmels und singen unter den Zweigen. Gott, wie sind deine Werke so gro\u00df und viel! Du hast sie alle weise geordnet; und die Erde ist voll deiner G\u00fcter. Amen.<\/p>\n<p>ANSPRACHE<\/p>\n<p>\u201aMein Auge schaut, wohin es blickt, die Wunder deiner Werke&#8216;. Die Bergwelt ist eine beschauliche Welt. Man mu\u00df die Augen mitnehmen, wenn man in die Berge geht, den kurzsichtigen Blick f\u00fcr die kleinen Wunder am Wegesrand, f\u00fcr den Schmetterling und den K\u00e4fer, f\u00fcr den Enzian und das Edelwei\u00df. Das haben wir als Kinder oft gesagt bekommen. Wer in Gedanken versunken dahingeht, der bleibt blind f\u00fcr den Zauber der Sch\u00f6pfung. Und wer hastig einen Gipfel nach dem anderen erst\u00fcrmt und dabei den Weg nicht genie\u00dft, der erlebt keine Wunder, keine blauen und keine wei\u00dfen. Aber man braucht in den Bergen auch den Weitblick. Denn mit jedem Schritt nach oben wird der Horizont weiter und die Welt gr\u00f6\u00dfer. Wenn man ganz oben angekommen ist, dann kann man erahnen, wie es dem Sch\u00f6pfer ergangen sein mag, als er die ineinandergef\u00fcgten Bergketten fertig vor sich liegen sah und mit den Augen vermessen hat: eine schwindelerregende Perspektive.<\/p>\n<p>Wer in die Berge geht, der mu\u00df auch die Ohren aufstellen. Denn in den Bergen bleibt die Natur nicht stumm. Da fangen die Tiere und die Pflanzen zu sprechen an: \u201aMich&#8216; ruft der Wurm, \u201amich&#8216; ruft der Baum in seiner Pracht, \u201amich&#8216; ruft die Saat, \u201ahat Gott gemacht&#8216;. Und selbst der Fels wartet darauf, da\u00df er angesprochen wird; dann gibt er den Jodler im Echo zur\u00fcck und ist stolz darauf, da\u00df kein Ton daneben ging. Wer taub ist f\u00fcr die Stimmen der Natur, der bleibt selbst stumm. Er h\u00f6rt den Chor der Gesch\u00f6pfe nicht; und deshalb kann er nicht in das Lob der Sch\u00f6pfung einstimmen. Er wird auch nie erahnen, was das hei\u00dfen mag: \u201ader Berg ruft&#8216;.<\/p>\n<p>Aber die Welt der Berge ist nicht nur eine Welt der Bilder und der Stimmen, eine beschaubare und belauschbare Welt. Sie ist auch eine Welt der F\u00fc\u00dfe, eine begehbare Welt. Man mu\u00df sie abschreiten, Schritt f\u00fcr Schritt, einen Fu\u00df vor den anderen, \u00fcber den anderen, neben den anderen. In beiden Dimensionen des Raums, in der Horizontalen und in der Vertikalen; und in beiden Richtungen der Wegstrecke, hin und her, von unten nach oben und von oben nach unten.<\/p>\n<p>In der ersten H\u00e4lfte des Tages der stundenlange Aufstieg zuerst auf einem weichen Saumpfad \u00fcber die Almen; das tut den F\u00fc\u00dfen gut. Dann mit staubigen Stiefeln \u00fcber die Schuttrei\u00dfe bis zu den Felsw\u00e4nden; das verlangt Kondition. Und endlich \u00fcber den ausgesetzten Grat auf den Gipfel, ans Kreuz; das macht den Menschen rundum gl\u00fccklich. Immer wieder ein anderer Bewegungsablauf, ein anderes K\u00f6rpergef\u00fchl, eine andere geistige und seelische Verfassung. In der zweiten Tagesh\u00e4lfte den der kr\u00e4ftezehrende Abstieg, wo einem die Schwerkraft in die Glieder zieht und die Muskeln zu vibrieren anfangen. Auf dem Hinweg folgen wir den Spuren der anderen, immer im gleichen Rhythmus. Und auf dem R\u00fcckweg begegnen wir uns selbst wieder, den Eindr\u00fccken, die wir im Reich der Berge hinterlassen haben.<\/p>\n<p>Die Bergwelt ist die Welt der gestiefelten F\u00fc\u00dfe. Und f\u00fcr die, die sich h\u00f6her hinauf wagen, ist sie auch eine Welt der Oberschenkel und der Unterarme, der Schultern und der H\u00e4nde. Wer von einer Bergtour zur\u00fcckkehrt, wei\u00df, was er geleistet hat; er sp\u00fcrt es in seinem K\u00f6rper, bis in die letzten Fasern seiner Muskeln. Man kommt nicht von allein auf den Berg; und man kommt auch nicht von selbst wieder herunter. Der Berg will bezwungen werden, gleich zweimal: zuerst wenn er uns beim Aufstieg zusieht und dabei mit kritischem Blick mustert, und dann wenn er uns beim Abstieg nachblickt und sich seinen Teil denkt. Manchmal kommt man dann selbst ins Gr\u00fcbeln und fragt sich: warum tust du dir das eigentlich an?<\/p>\n<p>Ganz einfach: Es ist das Gesp\u00fcr f\u00fcr den eigenen K\u00f6rper, das das Berggehen und das Bergsteigen zur Passion werden l\u00e4\u00dft, zu einer Leidenschaft, die den ganzen K\u00f6rper durchzieht, von den F\u00fc\u00dfen \u00fcber die Beine und den R\u00fccken bis in den Kopf: Die Rhythmik der Bewegungen, die Balance der Gliedma\u00dfen, der Akkord der Muskeln. Ist das nicht ein Wunder, wie alles in mir zusammenspielt, das Herz, der Atem, die Sehnen und Gelenke? Und nicht nur der K\u00f6rper, auch der Geist und die Seele spielen mit, alles im Einklang miteinander. Wie ein Konzert, vollendete Harmonie. \u201aMich&#8216; ruf ich dann den Blumen zu, den Bergen und den Wolken, \u201aauch mich hat euer Sch\u00f6pfer zu dem gemacht, der ich bin&#8216;. Wer wissen will, wer er ist, wer sich selbst entdecken will, der mu\u00df in die Berge gehen. Denn in den Bergen kommt jeder zu sich selbst.<\/p>\n<p>LESUNG Heiner Gei\u00dfler, Bergsteigen als Passion (1997) Jes 40, 28-31; Ps 19, 1, 5-7; Ps 90, 1-2<\/p>\n<p>&#8222;Macht mir das Gipfelst\u00fcrmen eigentlich Spa\u00df? Was f\u00fcr eine Frage? Es ist ein sehr sch\u00f6nes Gef\u00fchl, auf dem Gipfel zu stehen, ein Gef\u00fchl des Gl\u00fccks und der Freude, aber auch der Leistungsbest\u00e4tigung. Und die Freude ist um so gr\u00f6\u00dfer, je schwieriger der Aufstieg war. Bergsteigen ist eine immer wieder faszinierende k\u00f6rperliche und seelische, geistige und charakterliche Herausforderung. Es fordert K\u00f6nnen und Umsicht, Solidarit\u00e4t und Moral. Etwas ist mir in den Bergen klar geworden: Gl\u00fcck stellt sich nicht ein, wenn alles leicht und bequem ist. Das Gef\u00fchl des Gl\u00fccks ist die Antwort auf eine bestandene Herausforderung und das Ergebnis von Selbst\u00fcberwindung.&#8220;<\/p>\n<p>Jesaja 40: Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht m\u00fcde noch matt. Er gibt dem M\u00fcden Kraft und St\u00e4rke, da\u00df sie auffahren mit Fl\u00fcgeln wie Adler, da\u00df sie laufen und nicht matt werden, da\u00df sie wandeln und nicht m\u00fcde werden.<\/p>\n<p>&#8222;Bergsteigen ist ein Abenteuer. Es geh\u00f6rt wahrscheinlich zu den letzten gro\u00dfen Abenteuern, die heute auf der Erde noch m\u00f6glich sind. Es ist Sport in einer wilden und sch\u00f6nen Landschaft, in unmittelbarer Ber\u00fchrung mit der Erde und ihren Pflanzen, mit Fels und Eis in st\u00e4ndiger Abh\u00e4ngigkeit und Beobachtung von Sonne und Mond, den Sternen, dem Wetter, den Wolken am Himmel. Es sollte ein Abenteuer sein, das das Leben sch\u00f6ner macht.&#8220;<\/p>\n<p>Psalm 19: Die Himmel erz\u00e4hlen die Ehre Gottes, und die Feste verk\u00fcndigt seiner H\u00e4nde Werk. Er hat der Sonne ein Zelt am Himmel gemacht; sie geht heraus wie ein Br\u00e4utigam aus seiner Kammer und freut sich wie ein Held, zu laufen ihre Bahn. Sie geht auf an einem Ende des Himmels und l\u00e4uft um bis wieder an sein Ende; und nichts bleibt vor ihrer Glut verborgen.<\/p>\n<p>&#8222;Die Berge sind f\u00fcr mich eine Zuflucht. Fr\u00fcher habe ich manchmal gedacht, da\u00df man ganz weggehen k\u00f6nnen m\u00fc\u00dfte, gerade in schwierigen Zeiten. Sp\u00e4ter wurde mir klar, da\u00df ich, wenn ich nur noch in den Bergen w\u00e4re und Bergsteigen k\u00f6nnte, nicht ungl\u00fccklich werden w\u00fcrde. Das Bergsteigen ist f\u00fcr mich eine Lebenserf\u00fcllung. Und ich wei\u00df, solange ich das noch kann, kann mir vieles den Buckel rauf- und runterrutschen. Das Bergsteigen hat mich innerlich unabh\u00e4ngig gemacht. Ich kann in den Bergen fast alles vergessen, was mich st\u00f6rt. Man wird zwar vom Alltag wieder eingeholt, wenn man herunterkommt, aber man kann ja auch wieder hinaufsteigen. Und ich w\u00fcrde es dort oben sehr lange aushalten. Wenn ich dauernd in die Berge \u201am\u00fc\u00dfte&#8216;, w\u00fcrde mich das nicht schrecken.&#8220;<\/p>\n<p>Psalm 90: Herr, du bist unsere Zuflucht f\u00fcr und f\u00fcr. Ehe denn die Berge waren und die Erde und die Welt geschaffen wurden, bist du, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit.<\/p>\n<p>CHOR James Furman, Go, tell it on the mountains<\/p>\n<p>LESUNG Heinrich Clauren, Rast auf der Alm (1819)<\/p>\n<p>&#8222;Endlich war die Sennerh\u00fctte erreicht. Sie hatte eine himmlische Lage. Die Jungfrau lag in ihrer ganzen Pracht dicht vor mir, hinter und neben ihr ragten das Mittagshorn, das Tschingelhorn und andere Riesengletscher hinauf; aber die Jungfrau hob \u00fcber all diesen himmelhohen Felsen ihr silbergeschm\u00fccktes Haupt in die azurblauen Regionen ihres Gottes empor! Das sind die ewigen Grundpfeiler der Erde, diese zu den Wolken starrenden ungeheuren Granitfelsen.<\/p>\n<p>Ich lag auf blumigem Rasen, und dar\u00fcber die eisigen Gletscher. Rund um mich herum war alles so still, als habe hier der ewige Friede seine Alt\u00e4re gebaut. Tief unter mir das freundliche Lauterbrunnen und das schauerlich-furchtbare Ammertental und in der Ferne das Tosen der Sturzb\u00e4che, die seit Jahrtausenden sich in die T\u00e4ler ergie\u00dfen und nimmer versiegen; und weiter hinab das einsame Klingeln der zerstreuten Herden, zuweilen auch das Meckern einer jungen Gei\u00df oder das Schwirren eines lustigen K\u00e4fers, der sich bis hierher verirrte, um das Get\u00fcmmel der Welt einmal von oben herab zu beschauen. Es war einer der seligsten Augenblicke meines Lebens. Eine namenlose Behaglichkeit ergo\u00df sich \u00fcber mein ganzes Inneres, ich h\u00e4tte laut mich freuen m\u00f6gen, wenn nicht eine gewisse Wehmut mein Gef\u00fchl gefesselt h\u00e4tte. Ich kann es nicht beschreiben, aber es kam mir vor, als w\u00e4r\u00b4 ich so fromm noch nie gewesen.&#8220;<\/p>\n<p>GEMEINDE Wem Gott will rechte Gunst erweisen<\/p>\n<p>PREDIGT<\/p>\n<p>Die Bergwelt ist eine vieldeutige Wirklichkeit, eine Welt mit doppeltem Boden: heimatlich und zugleich unwirtlich, wohl geordnet und zugleich unberechenbar, von begl\u00fcckender Sinnlichkeit und voller irritierender Sinnest\u00e4uschungen. Sie zieht einen an und weist einen ab; sie verzaubert und sie zerm\u00fcrbt einen. Sie ist eine Region, in der viele das Lebensgl\u00fcck finden und manche ihr Leben lassen. Die Bergwelt ist eine andere Welt, eine Kontrastwelt zur allt\u00e4glichen. Sie ist zugleich eine Welt im Zwielicht, auf der Grenze zwischen dem Vertrauten und dem Fremden, zwischen Diesseits und Jenseits. Und sie ist eine heilige Welt, dem Himmel n\u00e4her als der Erde.<\/p>\n<p>F\u00fcr viele von uns sind die Berge zu einer zweiten Heimat geworden. Sie haben sich in der Bergwelt eingerichtet wie in ihren eigenen vier W\u00e4nden. Auf vertrauten Wegen gehen sie auf ihre Hausberge. Sie rasten an ihren liebgewonnenen Pl\u00e4tzen und genie\u00dfen die Aussicht, die sich l\u00e4ngst in die Erinnerung eingegraben hat. Sie haben ihre Lieblingsh\u00fctten; da kennt der Wirt seine Stammg\u00e4ste und serviert ihnen die Brotzeit, noch bevor einer den Rucksack in die Ecke gestellt hat. Man singt die vertrauten Berglieder, tauscht Erfahrungen aus und begie\u00dft die unverbr\u00fcchlichen Freundschaften unter Bergkameraden. Wenn einer zum erstenmal in ihre Runde kommt, dann freuen sich die erfahrenen Wanderer auf den Zuwachs in der Bergfamilie und stellen ihm die umliegenden Gipfel und den H\u00fcttenwirt vor.<\/p>\n<p>Die Bergwelt ist eine Welt der Best\u00e4ndigkeit und der Zuverl\u00e4ssigkeit. Da wird nicht laufend umgebaut, umm\u00f6bliert und umger\u00e4umt; da hat alles seinen festen Platz und seine gewohnte Ordnung. Als wollten sie sich davon \u00fcberzeugen, da\u00df hier alles beim Alten bleibt, da\u00df die Berge immer noch an derselben Stelle stehen und die Wanderer noch immer so denken und sprechen wie fr\u00fcher, so zieht es die Bergbegeisterten morgens hinaus. Und wenn sie am Abend gl\u00fccklich und zufrieden nach Hause kommen, dann sind ihnen ihre Berge noch enger ans Herz gewachsen. Die Bergwelt ist eine Heimat par excellence. Sie vermittelt uns das Gef\u00fchl der Geborgenheit und der Sicherheit. Gott hat die Berge f\u00fcr uns geschaffen. Und was Gott zusammengef\u00fcgt hat, das kann kein Mensch voneinander trennen.<\/p>\n<p>Wer sich mit den Bergen auskennt, der wei\u00df freilich auch, da\u00df er hier nur eine eng umgrenzte Heimat findet. Ringsum stehen die schroffen Gipfel, dicht gedr\u00e4ngt, wie ein un\u00fcberwindlicher Zaun. Man kennt sie mit Namen und spricht von ihnen, als seien es alte Bekannte. Aber wir waren noch nie wirklich dort. Und wir wissen, da\u00df wir dort auch nie hinkommen k\u00f6nnen. Die in den Himmel ragenden Felsen geh\u00f6ren nicht zu unserer irdischen Bergheimat. Sie stehen jenseits unserer Bergerfahrung. Wir wissen nicht, wie die Welt von dort oben aussieht, manchmal nicht einmal, was sich hinter den Bergen \u201averbirgt&#8216;; wir k\u00f6nnen es nur erahnen. Und was wir wirklich von den zackigen Gipfeln wissen, das verhei\u00dft nichts Gutes.<\/p>\n<p>Manchmal greifen die Berge das heimatliche Revier an. Mit sorgenvollem Blick sehen wir zu, wie sich hoch oben an den Gipfel etwas zusammenbraut, in Windeseile. Der blau-wei\u00dfe Himmel verd\u00fcstert sich, die Sonne verschwindet. Es wird dunkel in der Bergheimat und kalt; bald wird es schneien. Dann m\u00fcssen wir aufbrechen, so schnell es geht, und aus den eigenen vier W\u00e4nden fliehen. Die Berge nehmen uns, was sie uns gegeben haben: Geborgenheit, Zuverl\u00e4ssigkeit, Sicherheit. Sie werden von Vertrauten zu Fremden, von Freunden zu Feinden.<\/p>\n<p>Manchmal \u00fcberkommt einen auch die Abenteuerlust. Dann machen wir uns auf in unbekanntes Gel\u00e4nde und versuchen, die begrenzte Heimat Schritt f\u00fcr Schritt auszudehnen, die Grenzsteine zwischen Diesseits und Jenseits zu verr\u00fccken und die unbegangenen Berge in unser Tourenbuch aufzunehmen. Dann zeigt sich die Bergwelt von einer ganz anderen Seite: als eine Welt der Unberechenbarkeiten, der \u00dcberraschungen und Bedrohungen. Aus der verl\u00e4\u00dflichen Heimat wird eine fremde und unbegreifliche Welt, eine Wirklichkeit, in der andere Gesetze gelten.<\/p>\n<p>Die Geometrie ist in den Bergen anders als im flachen Land. Die Distanzen lassen sich nicht richtig einsch\u00e4tzen. Das eine Mal sind wir pl\u00f6tzlich am Ziel, obwohl das eigentlich gar nicht sein kann; dann werden K\u00f6pfe gesch\u00fcttelt und Karten studiert. Das andere Mal dehnt sich der Weg immer weiter, so als w\u00fcrde einer vor uns hergehen und hinter jeden H\u00fcgel einen neuen bauen. Man f\u00e4ngt dann an mit den Kr\u00e4ften zu sparen. Schlie\u00dflich m\u00fcssen wir umkehren, bevor wir das Ziel erreicht haben. Wir wissen, da\u00df wir nicht ankommen, heute sicher nicht und vielleicht niemals. Manchmal verschieben sich auch die Raumma\u00dfe. Wenn wir den Anmarsch hinter uns haben und mit dem Aufstieg beginnen wollen, dann steht eine kleiner Berg pl\u00f6tzlich wie eine hohe Wand vor einem. Der Weg ist uns verstellt. Es gibt kein Weiterkommen, nur noch die Umkehr.<\/p>\n<p>Auch die Gravitationsgesetze funktionieren in den Bergen anders als im Flachland. Denn die Bergwelt ist die aufgestellte, die vertikale Welt. Auf der Ebene gibt einem die Schwerkraft Bodenhaftung. Den Rucksack geschultert schreiten wir mit sicheren Schritten vorw\u00e4rts. Am Fels ist das anders; da zieht einen die Schwerkraft in die Tiefe; jeder H\u00f6henmeter will erk\u00e4mpft sein. Die Naturgesetze m\u00fcssen mit Seil und Haken \u00fcberlistet werden und mit einer anderen Gangart, senkrecht auf allen Vieren. Da wird der K\u00f6rper immer l\u00e4nger.<\/p>\n<p>Auch auf unsere f\u00fcnf Sinne k\u00f6nnen wir uns in den Bergen nicht verlassen. Die Bergwelt hat ihre eigene Akustik. Laute und leise T\u00f6ne vermischen sich miteinander, dunkle und helle Kl\u00e4nge \u00fcberlagern sich. Das Summen der Insekten, das Pl\u00e4tschern des Baches, das Rauschen eines Wasserfalls, die knirschenden Schuhe im Sand, das helle Klappern von Steinplatten, wenn wir dar\u00fcbergehen, und das langezogene Rieseln, wenn das Ger\u00f6ll ins Rutschen kommt &#8211; alles flie\u00dft ineinander. Weiter oben dann die bleierne Stille des Himmels, als h\u00e4tte einer den Ton der Au\u00dfenwelt abgedreht, damit wir die Laute im Innern des K\u00f6rpers besser h\u00f6ren k\u00f6nnen: das Klopfen des Herzens und das Summen im Ohr. Dazwischen das verwischte Zischen in der himmlischen Weite, wenn die V\u00f6gel im Wind segeln; eine berauschende und bet\u00f6rende Klangkulisse.<\/p>\n<p>Und nat\u00fcrlich die Verschiebung der optischen Perspektiven. Morgens geht der Blick im Schatten der Berge nach oben bis an die beleuchtete Grenze zwischen Himmel und Erde. Mittags dann der ersehnte Gipfelblick: die unendliche Weite, wo das Auge keinen Halt findet; ringsum das Panorama der Gletscher und unten im Tal die irdische Welt als Miniatur. Die H\u00e4user, die Felder, die Wegnetze und die Bachl\u00e4ufe, alles im Kleinformat und alles so wohl geordnet, wie am 7. Sch\u00f6pfungstag: ein kleines Paradies. Man m\u00f6chte nicht glauben, da\u00df das unsere Welt ist, bis dann beim Abstieg alles wieder die gewohnten Proportionen annimmt. Und mit jedem Schritt verliert sich der Zauber der anderen Optik.<\/p>\n<p>Aber wer aus den Bergen zur\u00fcckkommt, der wei\u00df etwas von der anderen, der zweiten Wirklichkeit. Die Welt geht nicht in dem auf, was wir tagt\u00e4glich von ihr wahrnehmen. Es gibt eine Welt jenseits des tristen Alltagslebens. Wir haben die himmlische Welt gesehen. Und wir w\u00fcnschen uns, etwas von der oberen Wirklichkeit in die untere mitzunehmen: die Freiheit \u00fcber den Wolken, die Gelassenheit, wenn die Alltagswelt in Vergessenheit ger\u00e4t, eben: das Gl\u00fcck der Berge. Und wenn uns dann der Berg wieder ruft, dann bekommen wir Herzklopfen. Wir folgen seinem Appell und lassen uns in die andere Welt entf\u00fchren.<\/p>\n<p>Die Berge sind eine andere Welt, eine Welt, in der es nicht mit rechten Dingen zugeht. Das haben schon unsere Vorfahren geahnt, l\u00e4ngst bevor sich einer getraute, als erster einen Fu\u00df \u00fcber die Grenze zu setzen und in die fremde Welt einzudringen. Die H\u00f6henlinien grenzten die aufeinander aufgeschichteten Wirklichkeitsregionen voneinander ab. Unten in den T\u00e4lern legten die Bauern ihre Felder an, die Obstg\u00e4rten und die Weinberge, irdische Abbilder des Paradieses. In der unteren Wirklichkeit brachten die Frauen ihre Kinder zur Welt; und wenn ein Leben zu Ende gegangen war, dann gaben sie es der Erde zur\u00fcck. Sie sch\u00fctteten einen kleinen Erdh\u00fcgel auf und setzten ein Kreuz darauf; der Bergfriedhof ist noch heute ein Abbild der Berge, auf denen die Gipfelkreuze stehen. Weiter oben, in den steilen Bergschluchten hausten fremdartige Wesen, Drachen und D\u00e4monen, von denen man nur aus grausamen M\u00e4rchen wu\u00dfte; und es war besser, nicht mehr von ihnen zu erfahren. Ganz droben, auf den Alpengipfeln, wohnten die G\u00f6tter, die die Seelen der Toten zu sich holten, in eine Welt, die einem zu Lebzeiten verschlossen blieb, fern und unzug\u00e4nglich.<\/p>\n<p>\u00dcber die Jahrhunderte hinweg blieben die Berge geheimnisumwittert. Der Kyffh\u00e4user, wo Kaiser Friedrich von Hohenstaufen nach seinem Tod in das Innere des Berges entr\u00fcckt wurde; die Venusberge, in denen der Teufel im Kreise der verdammten Seelen hauste; der Fuji, wo auf der Baumgrenze die Trennungslinie zwischen Erde und Himmel verl\u00e4uft; der Ararat, der als \u201aMutter der Welt&#8216; gilt und wo Noah mit der Rettungsarche gelandet sein soll; der Olymp und der Athos und nat\u00fcrlich die feuerspeienden Berge: der \u00c4tna, die Schmiedewerkstatt der Zyklopen, oder der Stromboli, wo einst der Gott der Winde zuhause war. Wer schon einmal beim Anflug auf Teneriffa den Gipfel des Teide gesehen hat, den Vulkankrater, der auf der undurchdringlichen Monsunwolke aufsitzt, der wei\u00df f\u00fcr immer, wo die G\u00f6tter wohnten, bevor die Bergtouristen zu ihnen hinaufkletterten und sie vollends in den Himmel vertrieben.<\/p>\n<p>Inzwischen haben sich die letzten Geister und D\u00e4monen und nach ihnen auch die G\u00f6ttinnen und G\u00f6tter aus den Bergen zur\u00fcckgezogen und ihre Welt den Menschen \u00fcberlassen. Die Erdenb\u00fcrger bestiegen die Berge und besiedelten die Almen. Der Alpenverein legte ein feingliedriges Wegenetz mit genauen Beschilderungen an. F\u00fcr die Bequemeren unter den Bergwanderern wurden Lifte gebaut, f\u00fcr die richtigen Bergsteiger Haken in den Fels geschlagen. Jetzt tummeln sich auf den Bergen Massen von Sportbegeisterten: Wanderer und Kletterer, Snowboarder und Paraglider.<\/p>\n<p>Die Berglandschaft wurde entmythisiert und profanisiert; sie wurde zu einem Bestandteil der gew\u00f6hnlichen, der irdischen Welt. Aber so ganz lie\u00dfen sich die Berge nicht in das eindimensionale Weltbild der aufgekl\u00e4rten Zeitgenossen einplanieren. Die Bergwelt behielt ihren Charme, ja sie bekam ihr Geheimnis gerade von denen zur\u00fcck, die es ihr Zug um Zug geraubt hatten. Denn bei den schnellebigen Stadtmenschen l\u00f6sten die uralten Gebirgsformationen heftige Emotionen aus. Die Gipfel und die Schluchten, der Fels und das Eis wurden zu Kulissen romantischer Idyllen stilisiert, tausendfach in \u00d6l gemalt und in gef\u00fchlsschwere Gedichte gefa\u00dft.<\/p>\n<p>Die Berge wurden mit himmlischem Glanz versehen und mit sagenumwobenen Figuren bev\u00f6lkert. Anstelle der D\u00e4monen zogen die J\u00e4ger und die Wilderer in die Berge ein, allen voran der Jennerwein vom Tegernsee; und auf der s\u00fcndlosen Alm ging die von einer erotischen Anziehungskraft umgebene Sennerin ihrer naturverbundenen Arbeit nach. Bergromane und Bergfilme f\u00fchren uns die Dramatik der Bergwelt vor Augen. Vor den hohen Kulissen der schwedischen Berge, im Bj\u00f6rntal, singen ewig die W\u00e4lder. Und weit droben, auf der schweitzerischen Alm, beim Peter und beim Alm\u00f6hi findet Heidi die Freiheit, die sie in der Frankfurter Stadtluft vergeblich suchte.<\/p>\n<p>In den Bergen wohnt die Freiheit &#8211; so lautet bis heute das vielstimmige Credo der Bergreligion. F\u00fcr den einen ist es die frische Luft der Bergw\u00e4lder, in denen sie den Hauch der Sch\u00f6pfung atmen; f\u00fcr die anderen sind es die bedrohlichen Grenzsituationen, in denen sie sich selbst austesten und ihre Spielr\u00e4ume erweitern. Und allen liegt die Erhaltung der Natur am Herzen, die Bewahrung der Welt, in der sie Gl\u00fcck suchen und Gott finden. Sie alle versammeln sich zu Bergwallfahrten und Berggottesdiensten. Denn sie sp\u00fcren, da\u00df die Religion der Berge seit altersher im christlichen Glauben verwurzelt ist.<\/p>\n<p>Wer im Alten und im Neuen Testament bl\u00e4ttert, der wird st\u00e4ndig durch eine symbolgetr\u00e4nkte Bergwelt gef\u00fchrt. Der Berg ist Sinnbild der Wohnung Gottes; er ist zugleich die heilige St\u00e4tte, wo sich Gott dem Menschen offenbart. Wer einmal den Sonnenaufgang auf dem Sinai erlebte, der braucht keinen Hollywood-Film mehr anzusehen, um zu begreifen, warum Mose die steinernen Tafeln auf einem Berggipfel entgegennahm. Und wenn er nicht von Touristenscharen aus aller Welt umgeben w\u00e4re, dann w\u00fcrde er die Arme ausbreiten, um nachzuerleben, wie das damals war, als Mose die Schlacht gegen die Amalekiter aus der Bergperspektive beobachtete, mit weit ausgebreiteten Armen, mit einer liturgischen Segensgeste und zugleich in der K\u00f6rperhaltung, in der Jesus Jahrhunderte sp\u00e4ter auf einem kleinen Berg vor den Toren Jerusalems starb. Und dann: die letzte Aussicht des Mose auf das gelobte Land, in dem Milch und Honig flie\u00dft, bis er dann drunten im Talgrund zu Grabe getragen wird.<\/p>\n<p>Die Landschaft, die sich Mose von Gott erkl\u00e4ren lie\u00df, ist die Berglandschaft Pal\u00e4stinas mit ihren beiden gro\u00dfen Gebirgsketten diesseits und jenseits des Jordan. Es ist die Landschaft, wo Jesus auf einem Berg vom Teufel auf die Probe gestellt wurde: \u201aschau dich um; alles, was du siehst, soll dir geh\u00f6ren, wenn du auf die Knie f\u00e4llst, und mich anbetest&#8216;. Und es ist die Region, in der Jesus, der Wanderprediger, seine Bergpredigt hielt. Auf einem Berggipfel wurde Jesus verkl\u00e4rt; sein Gesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden wei\u00df wie das Licht. Und von einem Berg stieg er in den Himmel auf; eine Wolke nahm ihn mit sich in die unendliche Weite; den J\u00fcngern blieb nur der Abstieg ins Tal und die Hoffnung, da\u00df Gott sie einst zu sich holen w\u00fcrde in das Reich der Himmel. Und zwischen den vielen biblischen Berggeschichten die Erz\u00e4hlung von dem Berg, der uns Christen ins Herz geschrieben ist, der Berg mit den drei Holzkreuzen, der Galgenberg vor den Toren Jerusalems.<\/p>\n<p>Einmal im Jahr machten sich die israelitischen Familien auf den Weg, hinauf nach Jerusalem. Wenn man ihre Wallfahrtslieder nachsummt, die Psalmen, die die Pilger sangen, dann h\u00f6ren wir von einem Berg, den es nur in der Vorstellung gibt, nicht wirklich. Heute findet man den Berg Zion in den Stadtpl\u00e4nen Jerusalems verzeichnet, s\u00fcdwestlich der Stadtmauer. Aber f\u00fcr das wandernde Gottesvolk war der Zion mehr als eine geographische Erhebung. Zion, das war der Name f\u00fcr eine Stadt, die sich die Menschen nur in ihren k\u00fchnsten Tr\u00e4umen ausmalen k\u00f6nnen, und zugleich der Berg, der die Gipfel Kanaans und die Berge aller L\u00e4nder \u00fcberragt, der einzige Berg, den Gott f\u00fcr sich selbst geschaffen hat, nur f\u00fcr sich.<\/p>\n<p>Aber das sollte nicht f\u00fcr immer so bleiben. Das Ende der Zeit dachten sich die Israeliten als eine gro\u00dfe Wallfahrt, bei der die V\u00f6lker der Erde von allen Seiten zum Bergsitz Gottes kommen und ihm huldigen werden. Und wenn sich die Herzen der Frommen vom irdischen Jammertal l\u00f6sten und ihre Gedanken in die Ferne schweiften, weit \u00fcber Berg und Tale, weit \u00fcber Flur und Feld, dann sp\u00fcrten sie einen Hauch der Welt, in der Gott am Ende der Zeit auf uns wartet. Dann wird f\u00fcr uns alle gelten, was der Psalms\u00e4nger einst an der Spitze der Wallfahrt gesungen hat: \u201aIch hebe meine Augen auf zu den Bergen, von denen mir Hilfe kommt. Meine Hilfe kommt von dem Gott, der Himmel und Erde gemacht hat. Er wird meinen Fu\u00df nicht gleiten lassen, und der dich beh\u00fctet, schl\u00e4ft nicht. Der Herr beh\u00fcte dich vor allem \u00dcbel; er beh\u00fcte deine Seele. Der Herr beh\u00fcte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit&#8216;.<\/p>\n<p>GEMEINDE EG 150, 1-3 Jerusalem, du hochgebaute Stadt<\/p>\n<p>F\u00dcRBITTEN EG 178.9 Kyrie eleison<\/p>\n<p>Die Aussicht des Gipfels f\u00fchrt uns die \u00fcberw\u00e4ltigende Sch\u00f6nheit der Sch\u00f6pfung vor Augen. Vater, la\u00df uns offen bleiben f\u00fcr diese Momente des vollkommenen Gl\u00fccks. Denn nur allzu schnell bauen wir in unserem Alltag eine Mauer um uns und erkennen nicht mehr die Sch\u00f6nheit unserer Umgebung, die Herzlichkeit unserer Mitmenschen, das Gnadengeschenk unseres Daseins, in der deine Liebe zum Ausdruck kommt. Vater wir rufen zu dir<\/p>\n<p>Kein Gipfelgl\u00fcck ohne m\u00fchevollen Aufstieg, kein erkennender Weitblick, ohne den n\u00f6tigen Abstand zum Allt\u00e4glichen und Althergebrachten errungen zu haben. Wir bitten dich, Vater, schenke uns den Mut, festgefahrene Denkweisen und Lebensmuster hinter uns zu lassen, wecke in uns die Neugier und die Sehnsucht nach neuen, unbekannten Wegen. Wir rufen zu dir<\/p>\n<p>Gipfelsturm ist Ausnahme-Erlebnis. Kein Mensch der Welt ist auf dem Gipfel daheim; unser Zuhause ist das Tal, mit seinen Menschen; seinen D\u00f6rfern; seiner Lebhaftigkeit; seinem Alltag. Vater wir bitten dich: La\u00df uns in diesem Tal nicht nur die &#8222;Talsohle&#8220;, den &#8222;Tiefpunkt&#8220; des Lebens sehen; la\u00df uns auch die Gemeinschaft erkennen, die wir dort finden d\u00fcrfen, die Normalit\u00e4t des Lebens, ohne die uns so oft die Kraft ausgehen w\u00fcrde. Wir haben im Tal nicht das erhabene Erlebnis des Gipfels; aber richtig verstanden kann das Tal, umringt von den umliegenden Bergen, f\u00fcr uns zum Schutzraum werden, an dem wir Kraft f\u00fcr neue &#8222;Gipfel-St\u00fcrme&#8220; sch\u00f6pfen k\u00f6nnen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Prof. Dr. Wolfgang Steck<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigtreihe Natur-Religion: Gipfel-Sturm | 24.6.2001 | Prof. Dr. Wolfgang Steck | Markuskirche M\u00fcnchen UNIVERSIT\u00c4TSGOTTESDIENSTE Sommersemester 2001 Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt, dem will er seine Wunder weisen in Berg und Wald und Strom und Feld. Die B\u00e4chlein von den Bergen springen, die Lerchen schwirren hoch vor Lust. 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