{"id":22291,"date":"2001-07-21T12:42:38","date_gmt":"2001-07-21T10:42:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22291"},"modified":"2025-03-21T12:46:04","modified_gmt":"2025-03-21T11:46:04","slug":"wellen-spiel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wellen-spiel\/","title":{"rendered":"Wellen-Spiel\u00a0"},"content":{"rendered":"<h3>Predigtreihe Natur-Religion: <strong>Wellen-Spiel<\/strong>\u00a0| <strong>15.7.2001<\/strong><strong> | Prof. Dr. Dr. Hermann Timm<\/strong>\u00a0|<\/h3>\n<p><strong>Markuskirche M\u00fcnchen UNIVERSIT\u00c4TSGOTTESDIENSTE Sommersemester 2001<\/strong><\/p>\n<p>BEGR\u00dcSSUNG<\/p>\n<p>&#8222;Flut ruft der Flut, im Tosen der Wasserst\u00fcrze. Deine Wellen und Wogen gehen \u00fcber mich hin&#8220;. (Ps. 42,8)<\/p>\n<p>&#8222;Die mit Schiffen zur See gefahren, auf gro\u00dfen Wassern, die des Herrn Werke sahen und seine Wunder auf dem Meer, wenn Er sprach und dem Sturme rief; der die Wellen Hob, da\u00df sie gen Himmel fuhren und in den Abgrund sanken, da\u00df ihre Seele vor Angst verzagte, weil sie taumelten und wankten wie trunken und wu\u00dften keinen Rat mehr; die zum Herrn schrien in ihrer Not &#8230; da\u00df er stillte die Wetter und die Wellen sich legten &#8211; die sollen sagen: (Ps 107, 23-30) \u201aIn Gottes Hand sind die Tiefen der Erde, und die H\u00f6hen der Berge sind es auch, denn sein ist das Meer, er hat&#8217;s gemacht'&#8220;. (Ps 95,46)<\/p>\n<p>Mit diesen Versen des Psalmisten begr\u00fc\u00dfe ich Sie im Kirchenschiff, Backbord und Steuerbord, an Luv und Lee &#8211; wie immer der Wind, der weht, wo er will, sich drehen mag. Denn aufs Meer geht es heute hinaus, ins st\u00fcrmisch bewegte Spiel der Wellen. Willkommen zum Universit\u00e4tsgottesdienst in der Markuskirche, dem letzten in der Reihe des laufenden Sommersemesters, \u00fcber die Natur-Religion, dreifach: Waldes-Lust, Gipfel-Sturm, Wellen-Spiel. Noch einmal hinaus aus der Enge der st\u00e4dtischen vier W\u00e4nde, mit zementierten Decken \u00fcber dem Kopf und versiegelten Betonb\u00f6den unter den Sohlen, da\u00df man keinen Fu\u00df auf den Grund bekommt &#8211; hinaus in die freie Natur, unter Gottes gro\u00dfes Himmelszelt. Zum dritten und letzten Mal, mit h\u00f6rbarer Steigerung. So will es die Dramaturgie des Semesterplans: von der Lust am Waldes-Rauschen \u00fcber den Gipfel-Sturm bis zum wogenden Auf und Ab der Meeresnatur: &#8222;&#8230; da\u00df sie gen Himmel fahren und in den Abgrund sinken&#8220;. Gesteigert was die Dauer des Ausflugs betrifft, die Bewegtheit der Luft und die Weite des Horizonts. Lust am Waldes-Rauschen im Mai, pianissimo, als unter linden L\u00fcften die ersten Bl\u00e4tter ihre Stimmen hoben, &#8222;leise, leise, fromme Weise&#8220;, in einer Stunde erreicht: Bayerischer Wald. Im Juni, mit vermehrter Windst\u00e4rke, der Sturm zum Gipfel hinauf, dem Zug zur Spitze folgend, zur h\u00f6chsten in der blauwei\u00dfen Kulissenwand dort, gleich fr\u00fch am Morgen begonnen, denn das verlangt einen ganzen Tagesmarsch &#8211; mindestens einen. Und nun, Mitte Juli, da das Ende naht, das Semesterende und die gro\u00dfen Ferien in den Blick treten, der letzte Akt: Oben angekommen, machen wir uns lang und steigen auf die Zehen, die vision\u00e4ren Zehenspitzen, um hin\u00fcberzuschauen \u00fcber die Berge, ins Jenseits der Alpen, auf die Weite des Meeres, des Mittelmeeres, von wo der Psalmengesang zu uns gekommen und wo dereinst alles begann, mit dem gr\u00f6\u00dften der St\u00fcrme, \u00fcber den hinaus Gr\u00f6\u00dferes nicht gedacht werden kann, mit dem Gottessturm, der im Anfang \u00fcber den Wassern schwebte. &#8222;Gru\u00df dir, du Gru\u00df von dr\u00fcben \/ Wo einst die Welt geschah!&#8220; &#8222;Uns braust ins Ohr die Welle \/ Vom ewigen Mittelmeer. \/ Wir selber sind die Stelle \/ Von aller Wiederkehr&#8220; (G\u00fcnter Eich).<\/p>\n<p>GEMEINDE EG Nr. 286, 1-4 Singt, singt dem Herren neue Lieder<\/p>\n<p>GEBET<\/p>\n<ol>\n<li>LESUNG Aus dem Bauch des Fisches (Klaus-Peter Hertzsch)<\/li>\n<\/ol>\n<p>Und Gott sah aus von seiner H\u00f6h und sah auf die Stadt Ninive.<\/p>\n<p>Dann lie\u00df er seine Blicke wandern langsam von einem Land zum andern,<\/p>\n<p>sah Wald, sah Meer, sah das, sah dies &#8211; sah einen Mann, der Jona hie\u00df.<\/p>\n<p>&#8222;Los Jona&#8220;, sprach der Herr, &#8222;nun geh auf schnellstem Weg nach Ninive!<\/p>\n<p>Sag ihr mein Wort! Sei mein Prophet, weil es dort leider \u00fcbel steht.<\/p>\n<p>Da hilft nur eine kr\u00e4ftige Predigt, sonst ist die sch\u00f6ne Stadt erledigt!&#8220;<\/p>\n<p>Doch Jona wurde bla\u00df vor Schreck und sagte zu sich: &#8222;Nichts wie weg!<\/p>\n<p>Ich l\u00f6sch mein Licht, verschlie\u00df mein Haus. Ich mach mich fort. Ich rei\u00dfe aus.&#8220;<\/p>\n<p>Den Blick nach Westen wandte er. Erst lief er nur. Dann rannte er.<\/p>\n<p>Am Feld entlang &#8211; am Wald entlang &#8211; er sah sich um. Es ward ihm bang.<\/p>\n<p>Der Staub flog hoch. Er keuchte sehr, als liefe einer hinter ihm her.<\/p>\n<p>Gott aber, der den Weg schon kannte, sah l\u00e4chelnd zu, wie Jona rannte.<\/p>\n<p>Am Ende kam der m\u00fcde Mann am weiten blauen Meere an.<\/p>\n<p>Da roch die Luft nach Salz und Tang. Da fuhrn die Fischer aus zum Fang.<\/p>\n<p>Matrosen sah man lachend schlendern, erz\u00e4hlen sich von fremden L\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Noch lag ihr Schiff an festen Tauen. Noch sangen die Matrosenfrauen.<\/p>\n<p>Als Jona alles angestaunt, da war er wieder gut gelaunt.<\/p>\n<p>Er sagte zu dem Kapit\u00e4n: &#8222;Wohin soll denn die Reise gehen?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Nach Tharsis geht es&#8220;, sagte der, &#8222;weit weg von hier, weit \u00fcbers Meer&#8220;.<\/p>\n<p>&#8222;Je weiter&#8220;, rief er, &#8222;desto besser!&#8220; H\u00f6rt zu: Ich bin kein starker Esser,<\/p>\n<p>ich nehme wenig Platz euch weg und zahle gut. La\u00dft mich an Deck!&#8220;<\/p>\n<p>So zahlte er und ging an Bord. Und bald darauf, da fuhrn sie fort.<\/p>\n<p>Das Meer war weit. Das gr\u00fcne Land, es wurde kleiner und verschwand.<\/p>\n<p>&#8222;Ahoi!&#8220; rief Jona. &#8222;Klar bei See! Ich gehe nicht nach Ninive!&#8220;<\/p>\n<p>Dann langsam sank die Sonne unter. So stieg er in das Schiff hinunter.<\/p>\n<p>Und weil er nicht geschlafen hatte, legt&#8216; er sich in die H\u00e4ngematte.<\/p>\n<p>Und Gott sah aus von seiner H\u00f6h und sah auf die Stadt Ninive<\/p>\n<p>und sah das Schiff, schon weit vom Hafen, und sah: Jetzt geht der Jona schlafen.<\/p>\n<p>Auf einmal gab es einen Sto\u00df. Das Schiff stand schief. Ein Sturm brach los.<\/p>\n<p>Die Wellen schwappten \u00fcber Deck und sp\u00fclten alle B\u00e4nke weg.<\/p>\n<p>Das Ruder schlug und brach zuletzt. Das gro\u00dfe Segel hing zerfetzt.<\/p>\n<p>Nun rollten Donner, zuckten Blitze. Der hohe Mast verlor die Spitze.<\/p>\n<p>Das Schiff, es wurde hochgehoben und zeigte manchmal steil nach oben.<\/p>\n<p>Den armen Leuten auf dem Schiff war bange, als der Sturmwind pfiff.<\/p>\n<p>Sie liefen \u00e4ngstlich hin und her. Ihr Boot schien ihnen viel zu schwer.<\/p>\n<p>Sie nahmen alles, was sie hatten: den Anker und die H\u00e4ngematten,<\/p>\n<p>den Kompa\u00df und das Wetterhaus, und warfen es zum Schiff hinaus.<\/p>\n<p>Dann wollten sie in ihren N\u00f6ten ein Lied anstimmen oder beten.<\/p>\n<p>So riefen sie &#8211; weil sie nicht wu\u00dften, zu wem sie wirklich beten mu\u00dften;<\/p>\n<p>denn Gott war ihnen unbekannt-: &#8222;Hilf, wer das kann, hilf uns an Land!&#8220;<\/p>\n<p>Zu Jona lief der Kapit\u00e4n und bat ihn, endlich aufzustehn.<\/p>\n<p>&#8222;Auf! Auf!&#8220; befahl er dem Propheten, &#8222;wenn du es kannst, dann hilf uns beten!&#8220;<\/p>\n<p>Inzwischen sagten die Matrosen, sie wollten miteinander losen.<\/p>\n<p>Wer nur das schwarze Los bek\u00e4m, der w\u00e4re schuld an alledem.<\/p>\n<p>Und Jona zog das schwarze Los. Und jeder sprach: &#8222;Wer ist das blo\u00df?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Ich bin&#8220;, sprach Jona, &#8222;ein Hebr\u00e4er, Ich flieh &#8211; und doch kommt Gott mir n\u00e4her.<\/p>\n<p>Ja Gott, dem bin ich wohlbekannt. Hat mich nach Ninive gesandt.<\/p>\n<p>Da bin ich vor ihm ausgerissen und werd nun wohl ertrinken m\u00fcssen&#8220;.<\/p>\n<p>Zuerst versuchten die Matrosen es noch mit Rudern und mit Sto\u00dfen.<\/p>\n<p>Doch als es gar nicht anders ging und schon das Schiff zu sinken anfing,<\/p>\n<p>da nahmen sie den Jona her und warfen ihn hinaus ins Meer.<\/p>\n<p>Sie sahn ihm nach, wie er verschwand, und riefen:&#8220;Gott, bring uns an Land!&#8220;<\/p>\n<p>Und siehe da &#8211; die Winde schwiegen, die Wolke schwand, die Sterne stiegen.<\/p>\n<p>Es wurde still all \u00fcberm Meer. Das Schiff zog ruhig wie vorher.<\/p>\n<p>Und sie erholten sich allm\u00e4hlich, sie lobten Gott und wurden fr\u00f6hlich.<\/p>\n<p>Bald sahn sie auch ein Land von weiten und kamen dort zu guten Leuten.<\/p>\n<p>Der arme Jona schwamm inzwischen im Meer herum mit lauter Fischen.<\/p>\n<p>Es war nicht Schiff noch Insel da, nur blaues Meer, soweit man sah,<\/p>\n<p>Er war zum Gl\u00fcck kein schlechter Schwimmer; Doch bis nach Hause &#8211; nie und nimmer!<\/p>\n<p>Da pl\u00f6tzlich teilten sich die Wogen. Es kam ein gro\u00dfer Fisch gezogen.<\/p>\n<p>Dem hatte Gott der Herr befohlen, den nassen Jona heimzuholen.<\/p>\n<p>Sein Maul war gro\u00df wie eine T\u00fcr. Das sperrt&#8216; er auf und sagte: &#8222;Hier!&#8220;<\/p>\n<p>Er saugte den Propheten ein. Der rutschte in den Bauch hinein.<\/p>\n<p>Dort sa\u00df er, glitschig, aber froh: denn na\u00df war er ja sowieso.<\/p>\n<p>Da hat er in des Bauches Nacht ein sch\u00f6nes Lied sich ausgedacht.<\/p>\n<p>Das sang er laut und sang er gern. Er lobte damit Gott den Herrn.<\/p>\n<p>Der Fischbauch war wie ein Gew\u00f6lbe: das Echo sang noch mal dasselbe.<\/p>\n<p>Die Stimme schwang, das Echo klang, der ganze Fisch war voll Gesang.<\/p>\n<p>&#8222;Ich rief zum Herrn in meiner Not, und er antwortete mir. Ich schrie aus dem Rachen des Todes, und du h\u00f6rtest meine Stimme. Du warfst mich in die Tiefe, mitten ins Meer, da\u00df die Fluten mich umgaben. All deine Wogen und Wellen gingen \u00fcber mich, da\u00df ich dachte ich w\u00e4re von deinen Augen versto\u00dfen. Wasser umgaben mich und gingen mir ans Leben, die Tiefe umringte mich, Seetang umschlang mein Haupt. Ich sank hinunter zu den Gr\u00fcnden der Berge, der Erde Riegel schlossen sich hinter mir. Aber du hast mein Leben aus dem Verderben errettet.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Am dritten Tag im Abendlicht, da kam das gr\u00fcne Land in Sicht.<\/p>\n<p>Der Fisch, der w\u00fcrgte sehr uns spuckte, bis Jona aus dem Munde guckte.<\/p>\n<p>Nun sprang der Jona auf den Strand und winkte, bis der Fisch verschwand.<\/p>\n<p>Und Gott sah aus von seiner H\u00f6h und sah auf die Stadt Ninive,<\/p>\n<p>sah auch den guten Fisch und sah: Jetzt ist der Jona wieder da.&#8220;<\/p>\n<p>CHOR Jan Dismas Zelenka, Cum sancto spiritu<\/p>\n<ol>\n<li>LESUNG Tertullian, \u00dcber die Taufe<\/li>\n<\/ol>\n<p>&#8222;Im Anfang&#8220;, hei\u00dft es, &#8222;machte Gott den Himmel und die Erde. Die Erde aber war unsichtbar und w\u00fcst, Finsternisse waren \u00fcber dem Abgrund und der Geist Gottes schwebte \u00fcber den Wassern&#8220;. Da hast du vorerst das Alter des Wassers zu verehren; denn es ist eine alte Substanz; sodann seine hohe Bestimmung, weil es der Sitz des Geistes und folglich ihm wohlgef\u00e4lliger war als die \u00fcbrigen Elemente. Denn die Finsternis war noch ganz gestaltlos, ohne den Schmuck der Gestirne, der Abgrund traurig, die Erde unfertig und der Himmel unvollendet; das Fl\u00fcssige dagegen allzeit eine vollendete Materie. Heiter, einfach und rein, bot es sich Gott als ein w\u00fcrdiges Fahrzeug dar. Und wie, wenn bei der darnach folgenden geordneten Einrichtung der Welt die Gew\u00e4sser sich Gott gewisserma\u00dfen als normgebend darstellten? Denn die Befestigung des Himmels in der Mitte bewirkte er durch Teilung der Gew\u00e4sser; die Befestigung des trockenen Landes vollendete er durch die Trennung der Gew\u00e4sser. Als sp\u00e4ter der nach Elementen geordnete Erdkreis Bewohner erhielt, wurde zuerst dem Wasser befohlen, Tiere hervorzubringen. Die ersten lebenden Wesen brachte das fl\u00fcssige Element hervor, damit es nichts Auff\u00e4lliges habe, wenn in der Taufe das Wasser zu beleben vermag, &#8230; n\u00e4mlich da\u00df der Geist Gottes, der \u00fcber den Wassern daherfuhr, daselbst als Eintaucher verharrt. Es schwebt Heiliges nur \u00fcber Heiligem, was als Unterlage dient, entlehnt von dem, was dar\u00fcber schwebt, die Heiligkeit. Denn es ist ja eine Naturnotwendigkeit, da\u00df jedes Ding, welches die untere Stellung einnimmt, von der Eigenschaft des dar\u00fcber Befindlichen etwas an sich ziehe, besonders das Materielle vom Geistigen, und da\u00df letzteres wegen der Zartheit seiner Substanz ersteres leicht durchdringe und darauf ruhe. So hat die Substanz des Wassers, vom Heiligen geheilt, selber auch die Kraft, zu heiligen, empfangen &#8230; verm\u00f6ge der alten Pr\u00e4rogative seines Ursprungs die geheimnisvolle Wirkung zu heiligen durch Anrufung Gottes. Denn es kommt sofort der Geist vom Himmel dar\u00fcber herab und ist \u00fcber den Wassern, indem er sie aus sich selbst heiligt. &#8230; Wie geschrieben steht: \u201aUnd als Jesus aus dem Wasser stieg, sah er, da\u00df sich der Himmel auftat und der Geist wie eine Taube herabkam auf ihn.&#8216; &#8230; Daher verschl\u00e4gt es nichts, ob jemand im Meere oder in einem Sumpfe, in einem Flusse oder in einer Quelle, in einem See oder in einem Wasserbecken abgewaschen wird, und es ist kein Unterschied zwischen denen, welche Johannes im Jordan, und denen, welche Petrus im Tiber getauft hat.&#8220;<\/p>\n<p>CHOR Randall Thompson, Alleluja<\/p>\n<ol>\n<li>LESUNG Ambrosius von Mailand, Exameron<\/li>\n<\/ol>\n<p>&#8222;Und Gott sprach: Es werde eine Feste inmitten der Wasser, und sie scheide die Wasser voneinander &#8230; Das Wasser unter dem Himmel sammle sich an einem Ort, da\u00df das Trockne sichtbar werde. Und Gott nannte das Trockene Land und die Sammlung der Wasser Meer. Und er sah, da\u00df es sch\u00f6n und gut war.<\/p>\n<p>Wohl ist der Anblick dieses Elementes sch\u00f6n, wenn schimmernde Wogenberge und -k\u00e4mme darin sich t\u00fcrmen und die Riffe von schneewei\u00dfem Gischte traufen, oder wenn es \u00fcber seiner Wasserfl\u00e4che, die vor sanftem Windeswehen sich kr\u00e4uselt und freundlich blinkt, seiner heiteren Ruhe purpurfarbene Pracht aufleuchten l\u00e4\u00dft, die so oft von ferne das Auge des Beschauers entz\u00fcckt, wenn es nicht mit gewaltigen Wogen an die nahen Ufer schl\u00e4gt, sondern sie gleichsam in friedlicher Umarmung umf\u00e4ngt und gr\u00fc\u00dft. Wie s\u00fc\u00df ist da sein T\u00f6nen, wie lieblich sein Wellenschlag, wie traut und melodisch sein Wogenrauschen!<\/p>\n<p>Gut ist das Meer, vor allem weil es das Festland mit der n\u00f6tigen Feuchtigkeit versorgt, indem es ihm wie mittels eines Adernetzes unversehens den Lebenssaft zuleitet. Gut ist das Meer: der gastliche Scho\u00df der Fl\u00fcsse, die Quelle des Regens, die Ablagerung des Schwemmlandes, die Einfuhrstra\u00dfe f\u00fcr den Handel, die Verbindungsbr\u00fccke zwischen den entlegenen V\u00f6lkern, die Hilfe in N\u00f6ten, die Zuflucht in Gefahren, das reizende Ziel f\u00fcr Vergn\u00fcgungsfahrten, das Heilbad zur Genesung, die Verbindungsstra\u00dfe f\u00fcr Getrennte, die bequeme Route zum Reisen, der Rettungspfad f\u00fcr notleidende Auswanderer, die Einnahmequelle von Z\u00f6llen, die Lebensmittelzufuhr bei Mi\u00dfernten.<\/p>\n<p>Wie w\u00e4re es mir m\u00f6glich, die ganze G\u00fcte und Sch\u00f6nheit des Meeres zu ergr\u00fcnden, wie sie der Sch\u00f6pfer schaute? Wozu auch mehr? Was anders bedeutet jenes melodische Rauschen der Wogen als den melodischen Sang des Volkes? Passend vergleicht man darum die Kirche mit dem Meere. Erst speit sie mit dem scharenweise eintretenden Volke ihre Fluten \u00fcber alle Eing\u00e4nge; sodann erbraust sie beim Gebete des ganzen Volkes wie vor hin- und widerflutenden Meereswogen, so oft im Wechsel der Psalmen der Sang der M\u00e4nner, Frauen, Jungfrauen und Kinder widerhallt &#8211; ein melodisches Wogenrauschen.<\/p>\n<p>Das verleihe uns der Herr: Gl\u00fcckliche Fahrt bei g\u00fcnstigem Winde, Landung im sicheren Porte, Verschontbleiben von Anfechtungen der b\u00f6sen Geister, die unsere Kr\u00e4fte \u00fcbersteigen, Freibleiben von Schiffbruch im Glauben, den Besitz tiefen Friedens und, sollte je ein Fall die dr\u00e4uenden Fluten dieser Welt wider uns erregen, den Herrn als Steuermann, der f\u00fcr uns wacht, mit seinem Worte gebeut, den Sturm stillt, die Ruhe des Meeres wiederherstellt.&#8220;<\/p>\n<p>GEMEINDE EG 504, 1-5 Himmel, Erde, Luft und Meer<\/p>\n<p>PREDIGT<\/p>\n<p>Wer sich abwendet &#8211; liebe Universit\u00e4tsgemeinde &#8211; wer sich abwendet von der Anschauung des Universums, wer das All des Sternenmeeres in den R\u00fccken nimmt, um heimzukehren zur Erde, von der er genommen, der sieht eine weiche Landung auf sich zukommen, eine Wasserlandung. Denn unsere Erde ist der Meeresstern im Sternenmeer des Sonnensystems. Die Astronauten, die Sternensegler haben sie den &#8222;blauen Planeten&#8220; genannt, der Meeresbl\u00e4ue wegen &#8211; blauer Planet Erde. Zu fast Dreivierteln wird der Globus von Ozeanen, Meeren und Seen bedeckt, so da\u00df er mehr einem Wasserball als einer Erdkugel gleicht. Wasser, all\u00fcberall, wohin man schaut, nur hier und da von braun, gelb und gr\u00fcn gef\u00e4rbten Landstrichen unterbrochen und zwischenhinein gesprenkelt mit tausenden von Inseln, winzig klein, wie Rettungsbojen, die nach dem Schiffbruch auf den Wellen treiben. So schaut die Erde aus, wenn man sie vom Himmel betrachtet.<\/p>\n<p>Wer seinen Anflug \u00fcber den gro\u00dfen Ozean w\u00e4hlt, den Pazifik, s\u00fcdlich des \u00c4quators, auf H\u00f6he des 150. L\u00e4ngengrades westlicher Breiten, der bekommt eine fast reine Meerwelt zu Gesicht, nur am Rande hier und da von der Landwelt Amerikas und Australiens begrenzt. Pazifisch wird der gro\u00dfe Ozean genannt, friedlich, seiner h\u00e4ufigen Windstille wegen, verglichen mit den St\u00fcrmen der anderen Weltmeere, dem Indischen Ozean im Westen und dem Atlantischen Ozean im Osten. Aber die sind auch nicht viel mehr als des Pazifik bewegte Seitenarme, mit denen er den ganzen Globus umfa\u00dft, links wie rechts herum.<\/p>\n<p>Europa, in dessen Mitte wir uns hier befinden, mutet wie der in den Nordatlantik vorgeschobene K\u00fcstenstreifen Asiens an. Darf man es \u00fcberhaupt einen &#8222;Kontinent&#8220; nennen, einen zusammenh\u00e4ngenden Erdteil mit eigenst\u00e4ndigem Festlandsockel, wie Asien, Afrika, Amerika oder Australien? Die Bezeichnung pa\u00dft schlecht. Sie zeugt von \u00fcberzogener Selbsteinsch\u00e4tzung aus vergangenen Tagen, als Europa sich f\u00fcr die Welt hielt, die alte Welt, historisch l\u00e4ngst \u00fcberholt. Die Natur gibt den Anschein nicht her, denn von oben, aus astronautischer Himmelsh\u00f6he gesehen, ist es eine Landzunge &#8211; mehr nicht, eine von Ost nach West sich zunehmend verschmalende Halbinsel zwischen Meeresbuchten des atlantischen Ozeans. Zweifach gestaffelt: im S\u00fcden das Mittelmeer nach den Enge von Gibraltar und das Schwarze Meer hinter dem Bosporus; im Norden, hinter dem \u00c4rmelkanal die Nordsee und hinter dem Belt die Ostsee. Dazu die Inselkette von Island \u00fcber Britannien bis zu den Azoren, als vorgelagerter Wellenbrecher f\u00fcr den st\u00fcrmischen Atlantik. So schaut es aus, wenn man den Heimflug zur Erde \u00fcber die n\u00f6rdliche Hemisph\u00e4re w\u00e4hlt, auf H\u00f6he des L\u00e4ngengrades von Greenwich, der die Seewelt in Ost und West teilt: Europa &#8211; die westliche Wasserkante Asiens, eine halbinsulare K\u00fcsten- und Uferwelt mit den Alpen in der Mitte, als Wasserscheide, zwischen ihrer Nord- und S\u00fcdh\u00e4lfte.<\/p>\n<p>Gro\u00df geworden ist Europa denn auch auf maritimem Wege, durch seinen Zug zum Meer, und zwar westw\u00e4rts fortschreitend, vom Orient zum Okzident, vom Morgenland ins Abendland. Denken wir an den Mythos vom G\u00f6ttervater Zeus, der in Gestalt eines wei\u00dfen Stieres die sch\u00f6ne Europa vom Strand in Tyrus \u00fcbers Meer nach Kreta entf\u00fchrte; an den Sieg der Griechen \u00fcber die aus Asien an die \u00c4g\u00e4is vorgedrungenen Perser, mit der Flotte auf dem Wasser errungen; an Aeneas, der aus dem brennenden Troja \u00fcbers rettende Meer entfloh, um am Tiber, in Rom, die Stadt des neuen Reiches zu gr\u00fcnden; oder an Columbus schlie\u00dflich, der von Sevilla aus, am Westrand der mittelmeerischen Welt, die Passage \u00fcber den Atlantik bahnte, hin\u00fcber nach Amerika, in die neue Welt, jenseits des gro\u00dfen Teiches und dadurch Europa allererst weltgro\u00df machte.<\/p>\n<p>Denken wir aber vor allem an uns selbst, an den Weg, den die Religion, die wahre, die Gottesreligion genommen hat. Denken wir an den Wasserweg des Glaubens, per Schiff, von Pal\u00e4stina aus, begonnen in den H\u00e4fen der Levante, am Ostrand des Mittelmeers. Der erste Versuch, im Alten Testament, war halbwegs zum Scheitern verurteilt &#8211; wie geh\u00f6rt. Denn Jona glaubte seiner Mission durch Flucht aufs Mittelmeer entkommen zu k\u00f6nnen. Er hielt seinen Prophetengott f\u00fcr einen Land- und Berggott, dessen Reich in den H\u00e4fen endet, wo die Schiffe ablegen zur gro\u00dfen Fahrt gen Westen. Kein Meergott. Da irrte er zwar und mu\u00dfte durch den erregten Zorn des Elements und die Mithilfe des wundersamen Ungeheuers aus seiner Tiefe eines Besseren belehrt werden. Aber zur\u00fcckgeholt wurde er vom Meer, heimgebracht zum Ausgang des Fluchtversuchs, um seinen Weg ostw\u00e4rts anzutreten, nach Ninive, ins Binnenland.<\/p>\n<p>Auch der zweite Versuch sah anfangs nicht viel anders aus, der des Neuen Testaments, mit Paulus unternommen, dem Heidenapostel f\u00fcr die Weltv\u00f6lker der \u00d6kumene rings ums Mittelmeer. Auch sein Weg von Jerusalem \u00fcber Zypern und Kreta Richtung Rom endete mit dem Schiffbruch im Sturm. Er wurde auf den Planken der havarierten Galeere in Malta an Land gesp\u00fclt, nachdem die Matrosen zur Rettung allen Ballast \u00fcber Bord geworfen &#8211; vergeblich. Anders aber als Jona kam Paulus wirklich an auf den Westufern des mare nostrum, wie die Lateiner das Mittelmeer nannten: unser Meer. Anders auch als Jona konnte Paulus seinen Kurs fortsetzen in den Okzident, nach Rom, und wir d\u00fcrfen uns gl\u00fccklich preisen, da\u00df sein Brief an die R\u00f6mer nicht zu dem Ballast geh\u00f6rte, der vorher \u00fcber Bord gegangen. Den hatte er sicherheitshalber mit dem Postboot vorausgeschickt: &#8222;Es kommt ein Schiff geladen, bis an den h\u00f6chsten Bord.&#8220; Ohne ihn w\u00e4re das Evangelium im Westen nie angekommen. Ohne ihn w\u00e4re auch nicht das Wasserlob erklungen, das die mediterranen Kirchenv\u00e4ter westlicher Breiten , Tertullian und Ambrosius, angestimmt haben &#8211; wie geh\u00f6rt: von den Wassern im Anfang der Sch\u00f6pfung, \u00fcber den Durchzug Israels durchs Schilfmeer, bis zum Auftauchen Jesu aus den Fluten des Jordan, der Sturmstillung auf dem Galil\u00e4ischen Meer, dem s\u00fcndenabwaschenden Reinigungsbad der Taufe und dem symbolischen Schiff der Kirche mit seinem hin und her wogenden Psalmengesang und seinem rettenden Steuermann an Bord, der es durch die St\u00fcrme der Zeit in den Hafen der Ewigkeit bringt: &#8222;Gl\u00fcckliche Fahrt bei g\u00fcnstigem Winde, Landung im sicheren Port, Freibleiben von Schriffbruch im Glauben&#8220;.<\/p>\n<p>Vielstimmig ist das Meereslob dr\u00fcben erklungen &#8211; wie geh\u00f6rt. Aber wir selbst, auf dem gleichen L\u00e4ngengrad zwar wie Tertullian von Karthago und Ambrosius von Mailand, aber diesseits der Alpen, durch sie vom mare nostrum getrennt? Was ist mit uns? Auch hierher ist die Botschaft auf dem Seeweg gekommen &#8211; nicht \u00fcber die Berge. Deutschland wurde von den britannischen Inseln aus missioniert, von Irland, Schottland und England aus, wohin die M\u00f6nche des Fr\u00fchmittelalters westw\u00e4rts \u00fcber den Atlantik gesegelt waren, um von dort \u00fcber den Kanal und die Nordsee hinweg per Schiff das Christentum auf den Kontinent zu tragen, angefangen bei den Friesen an der Waterkant und dann flu\u00dfaufw\u00e4rts, gen S\u00fcden, durchs finstere Waldesrauschen Germaniens hindurch bis ins lichte Vorland der Alpen, zu den Bayern nach Freising und den M\u00f6nchen von M\u00fcnchen.<\/p>\n<p>Wer von hier aus auf nat\u00fcrliche Weise den Weg zur\u00fcck zum Ursprung antreten wollte, der d\u00fcrfte auch nicht den vision\u00e4ren H\u00f6henflug \u00fcber die Berge w\u00e4hlen, sondern m\u00fc\u00dfte abermals den Wasserweg nehmen. Er m\u00fc\u00dfte der alpenentsprungenen Isar folgen, talw\u00e4rts gen Norden, bis nach Deggendorf; m\u00fc\u00dfte dann vom Flu\u00df in den Strom \u00fcbergehen und dem Lauf der Donau folgen, die im gro\u00dfen Bogen ostw\u00e4rts die Berge umf\u00e4hrt, um ins Schwarze Meer zu m\u00fcnden. Und von dort schlie\u00dflich w\u00fcrde er mit der Westdrift durch die Dardanellen ins Mittelmeer einfahren, genau auf der H\u00f6he, wo Paulus erstmals von Asien nach Europa \u00fcbergesetzt, weil er nachts im Traum einen mazedonischen Mann sah, der ihm winkte, mit dem Schiff her\u00fcberzukommen aus der Troas, um in Griechenland das Evangelium zu verk\u00fcnden. &#8222;Gru\u00df dir, du Gru\u00df von dr\u00fcben!&#8220;<\/p>\n<p>Der Kreis w\u00e4re damit geschlossen. Unsere Fahrt um den w\u00e4ssrigen Kontinent h\u00e4tte sich gerundet, aber zu Ende ist sie noch nicht. Denn der Zug zum Meer h\u00e4lt an, bis heute. Nach wie vor und mehr denn je ziehen in der warmen, der Sommerszeit, ganze V\u00f6lkerscharen hinaus in die Natur, die Natur der W\u00e4lder, der Berge und der Wasser, an die B\u00e4che, Fl\u00fcsse, Str\u00f6me und Seen. Vor allem aber dort hinaus, wohin auch die Wasserstr\u00f6me davonziehen, n\u00e4mlich zur See, zur offenen See, an die Buchten, Str\u00e4nde und K\u00fcsten der Meere, wo das Waldesrauschen zum Rauschen der Brandung wird und der Sturm das Wellenspiel aufgipfelt zum sch\u00e4umenden Tanz der Wogen. Keine Wege sind zu weit und keine M\u00fchen zu gro\u00df, tagelange M\u00fchen, um das Schauspiel zu erleben, das Naturschauspiel des Meeres. Waldeslust &#8211; Bergeslust &#8211; Meereslust auf gro\u00dfer Fahrt.<\/p>\n<p>Von Erde sind wir und zu Erde sollen wir wieder werden. Aber vom Erdboden abzuheben und kopf\u00fcber einzutauchen ins st\u00fcrmische Element, den Grund unter den F\u00fc\u00dfen zu verlieren, des Schwimmens wegen, um getragen zu werden vom Auf und Ab, vom Heben und Senken, Steigen und Fallen der Wogen, und leibhaft das Spiel der See mitzuspielen, in R\u00fcckenlage, nur den Himmel vor Augen und kein Land in Sicht, bis die Brecher \u00fcber einem zusammenschlagen &#8211; das beschert Erdlingen ein ozeanisches Gef\u00fchl wie am ersten Tag. &#8222;Flut ruft der Flut im Tosen der Wasserst\u00fcrze, deine Wellen und Wogen gehen \u00fcber mich hin&#8220;. Deshalb der Zug zum Meer, allj\u00e4hrlich in breiten Touristenstr\u00f6men, durch die W\u00e4lder und die Auen, talw\u00e4rts bis zur M\u00fcndung in die See, dem Naturlauf des Wassers folgend.<\/p>\n<p>Und die anderen, denen es nicht gegeben, das Schauspiel leibhaft mitzuspielen und angstfrei ins Gewoge einzutauchen, die aber gleichwohl den Weg nicht scheuen, um keinen Preis? Was ist mit denen? Die bleiben am Rande stehen, um sich zu versenken, meditativ zu versenken in den Anblick. Kann doch der Gang zum Meer offenbaren, was das Land nirgends zu bieten vermag, nicht in W\u00e4ldern und Auen und selbst auf den h\u00f6chsten Gipfeln seiner Berge nicht &#8211; die Aussicht ins Unendliche. Weil der R\u00fccken der Erde nicht flach ist, sondern gekr\u00fcmmt &#8211; etwa einen Meter H\u00f6he auf einen Kilometer Entfernung gekr\u00fcmmt &#8211; k\u00f6nnen wir Menschen weit nicht sehen. Erdlinge sind kurzsichtige Wesen. In meinem Fall, bei einer Augenh\u00f6he von nahe bei zwei Metern, endet die Sichtweite bei weniger als zwei Kilometern. Sagen wir passender: sie endet nach einer Seemeile.<\/p>\n<p>Denn an der See geschieht es, da\u00df die Dinge mit der Entfernung vom Ufer, an dem wir stehen, zunehmend hinter der Kr\u00fcmmung verschwinden, und zwar von unten herauf, da\u00df es aussieht, als ob sie im Wasser versinken w\u00fcrden. Bei den ausfahrenden Schiffen steigt die gekr\u00fcmmte Meeresoberfl\u00e4che von der Wasserlinie am Rumpf empor bis zur Reeling und von dort die Aufbauten entlang zu den Masten, bis auch sie weniger und weniger werden und schlie\u00dflich mit ihren Spitzen g\u00e4nzlich in den Fluten versinken, da\u00df nichts \u00fcbrig bleibt, nichts als der reine, gegenstandslose, von allen Haftpunkten entleerte Horizont des Meeres, der in endloser Ferne an den Himmel grenzt &#8211; endlos und erdlos.<\/p>\n<p>Sie finden dies Seherlebnis ins Bild gesetzt auf der Vorderseite unseres Programmzettels, Naturreligion &#8211; Wellenspiel: die Reproduktion eines Gem\u00e4ldes von Ivan Aivazovsky, einem armenisch-russischen Maler des 19. Jahrhunderts. Im Vordergrund die geschr\u00e4gte, vom Wasser halbwegs \u00fcbersp\u00fclte Mole mit dem Seemann, der hinausschaut aufs tobende Meer, steifer Wind von vorne, den Seesack geschultert. Vor ihm die ausfahrenden Schiffe, gestaffelt \u00fcber die Wasserw\u00f6lbung hinweg. Der Zweimaster in der Mitte, unter halb gerafften Segeln fahrend, ist mit seinem Rumpf noch gro\u00dfteils sichtbar, w\u00e4hrend die anderen nur mit ihren Aufbauten und Mastspitzen noch herausragen. \u00dcberw\u00f6lbt wird die Szene vom tiefliegenden, sturmwolkenverhangenden Himmel, der in unabsehbarer Ferne dem entleerten Horizont aufruht.<\/p>\n<p>Die See und nur die See macht solche Seherlebnisse m\u00f6glich. Die Seen tun es nicht, denn die haben immer ein anderes Ufer, das jenseits mit seinen H\u00f6hen sichtbar die Wasserkr\u00fcmmung \u00fcberragt, &#8211; zumal die bayerischen Seen mit ihrer Alpenfront im R\u00fccken. Weshalb der Zug zum Wasser an ihren Ufern ja auch nicht Halt macht, sondern mit dem Stromlauf weiterzieht zum Meer, zum offenen Meer, das den Blick ins Endlose freigibt, wenn alles darin versinkt, da\u00df seine Erhabenheit sich nur mit dem Himmel vereint, und nichts dazwischen. Meeresbl\u00e4ue von unten &#8211; Himmelsbl\u00e4ue von oben, eines im anderen gespiegelt, da\u00df der Horizont vor den Augen verschwimmt und die Trennlinie zwischen wogendem Himmel und bew\u00f6lkter See imagin\u00e4r zu werden beginnt. Wie am zweiten Tag, als Gott das Firmament schuf, das gl\u00e4serne, um die Wasser unter der Feste zu trennen von den Wassern \u00fcber der Feste, nichts dazwischen als nur der Spiegelhorizont von oben und unten. So wurde es Mose offenbart, als er vom Berge aufs Meer hinausschaute, aufs Mittelmeer, nach Westen gewandt, mit dem Morgenlicht des ersten Tages im R\u00fccken, dem ersten Tageslicht der Sonne ex oriente.<\/p>\n<p>Im Anfang war das Meer, das unendliche, das von sich aus keine Grenzen kennt. Die mu\u00dften ihm erst gesetzt werden, als es Licht wurde. Und Gott sprach: &#8222;Wo warst du, als ich die Erde gegr\u00fcndet? Sag an &#8230; Hast du je dem Morgen geboten, dem Fr\u00fchrot seinen Ort gewiesen? &#8230; Wer hat das Meer mit Toren verschlossen, da es hervorbrach wie aus dem Mutterleib? &#8230; Als ich Gew\u00f6lk zu seinem Kleide machte und es in Dunkel h\u00fcllte wie in Windeln. Da ich ihm den Lauf brach mit meinem Damm, ihm Riegel setzte und T\u00fcren &#8211; und sprach: \u201aBis hierher und nicht weiter! Hier sollen sich legen deine stolzen wogen!'&#8220; (Hiob 38,4-11)<\/p>\n<p>In der religi\u00f6sen Phantasie der Alten hat die Sch\u00f6pfung recht eigentlich erst mit der Eind\u00e4mmung des Meeres begonnen, mit seinem Zur\u00fcckdr\u00e4ngen und Wegsperren, um ihm die Erde f\u00fcr das Tier- und Menschenleben abzuringen. Nur soweit galt ihr der Sch\u00f6pfer auch als Herr des Meeres, durch seine Grenzsetzung: &#8222;&#8230; bis hierher und nicht weiter&#8220;, bis zu den K\u00fcsten und D\u00fcnen, den D\u00e4mmen und Deichen, die der wogenden Allgegenwart Einhalt gebieten. F\u00fcr den Widerruf der Sch\u00f6pfung gen\u00fcgte deshalb, da\u00df Gott die Gegenwehr einstellte. Eigens aktiv zu werden, war nicht vonn\u00f6ten. Er mu\u00dfte nur von seinen Aktionen ablassen. So geschehen in der Sintflut, als es ihn reute, die Landwelt geschaffen zu haben &#8211; reute wegen der Bosheit der Menschen. Es gen\u00fcgte, die Scheidung der Wasser unter und \u00fcber dem Firmament r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen, die Schleusen des Himmels zu \u00f6ffnen und die Quellen des Meeres zu entriegeln, um alles Land untergehen zu lassen im Fluten von oben und unten. Land unter &#8211; wie am Anfang, als nur der Sturm \u00fcber der grenzenlosen Urflut schwebte.<\/p>\n<p>Aus diesen Bildern der &#8222;Genesis&#8220; spricht weniger die Lust des Meeres als sein Leid, die Gefahr, die von ihm droht, wenn es sich mit dem Gipfel des Sturms, dem Orkan, zusammentut, da\u00df es steigt und steigt \u00fcber alle Grenzen hinweg. Als alles Land unter war, hat sich denn auch die religi\u00f6se Phantasie der Alten nur mit einem Kunstgriff der grenzenlosen Naturgewalt des Wassers zu erwehren gewu\u00dft &#8211; mit der Kunst des Schiffbaus: eine wahrhaft g\u00f6ttliche Erfindung, weil sie obenauf schwimmt und das Element mit seiner eigenen Tragkraft \u00fcberwindet.<\/p>\n<p>Darf man Mose glauben, war es der Allm\u00e4chtige selbst, der auf den Gedanken kam, als er seine eigene Reuetat bereute und deshalb auf Abhilfe inmitten der Sintflut sinnen mu\u00dfte. Genaue Anweisungen gab er Noah f\u00fcr die Arche: aus welchem Holz sie zu bauen sei &#8211; dem der langst\u00e4mmigen Tanne &#8211; wie die Bretter zu biegen und abzudichten seien &#8211; mit Pech von innen wie au\u00dfen &#8211; wie die Decks in den Rumpf einzuziehen und schlie\u00dflich die Aufbauten zu \u00fcberdachen seien, um die H\u00f6hlung auch nach oben dicht zu machen, wasserdicht und so vom Grund abzuheben und das Leben auf schwankendem Boden durch die Flut hindurchzuretten, ohne zu Grunde zu gehen.<\/p>\n<p>Die Kirchenv\u00e4ter des Mittelmeeres, des s\u00fcdlichen, haben im Urschiff der Arche den Prototypen f\u00fcr das rettende Kirchenschiff in den Sturmfluten der Weltzeit gesehen. Bei den Friesen, an der Nordsee, wo wir das Festland betreten, h\u00e4ngt deshalb solch ein Schiff im Schiff der Kirche. Schlie\u00dfen wir mit den von dort flu\u00dfaufw\u00e4rts gekommenen Versen:<\/p>\n<p>&#8222;Wenn wir in Wassersn\u00f6ten sein, so rufen wir zu dir allein, o treuer Gott, und bitten dich: Hilf uns doch jetzt und gn\u00e4diglich.<\/p>\n<p>Der Sturmwind braust und saust gar sehr, das Meer bewegt und schl\u00e4gt noch mehr, das Wasser steiget in die H\u00f6h und dr\u00e4uet uns bei voller See.<\/p>\n<p>Die Deiche sind gar nicht imstand, zu sch\u00fctzen unser festes Land, wo nicht, o Gott, dein Allmachtshand befestigt unser Land und Sand.<\/p>\n<p>Drum steur und wehr, o Vater, ab, da\u00df nicht das Meer werd unser Grab; verh\u00fcte, da\u00df durch deinen Grimm wir nicht im Wasser kommen um!&#8220; Amen<\/p>\n<p>GEMEINDE 506, 1-4 Wenn ich, o Sch\u00f6pfer, deine Macht<\/p>\n<hr \/>\n<p>Prof. Dr. Dr. Hermann Timm<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigtreihe Natur-Religion: Wellen-Spiel\u00a0| 15.7.2001 | Prof. Dr. Dr. Hermann Timm\u00a0| Markuskirche M\u00fcnchen UNIVERSIT\u00c4TSGOTTESDIENSTE Sommersemester 2001 BEGR\u00dcSSUNG &#8222;Flut ruft der Flut, im Tosen der Wasserst\u00fcrze. Deine Wellen und Wogen gehen \u00fcber mich hin&#8220;. (Ps. 42,8) &#8222;Die mit Schiffen zur See gefahren, auf gro\u00dfen Wassern, die des Herrn Werke sahen und seine Wunder auf dem Meer, wenn [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":20749,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[727,157,114,1672,296,109,126,965,1040],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-22291","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-archiv","category-beitragende","category-deut","category-hermann-timm","category-predigt-ohne-spez-bibelstelle","category-predigten","category-predigtreihen","category-texte-und-gedanken-zur-schoepfung","category-universitaetsgottesdienst"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22291","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=22291"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22291\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":22292,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22291\/revisions\/22292"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/20749"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=22291"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=22291"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=22291"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=22291"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=22291"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=22291"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=22291"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}