{"id":22294,"date":"2001-07-21T15:07:24","date_gmt":"2001-07-21T13:07:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22294"},"modified":"2025-03-21T15:15:13","modified_gmt":"2025-03-21T14:15:13","slug":"lukas-191-10-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-191-10-3\/","title":{"rendered":"Lukas 19,1-10"},"content":{"rendered":"<h3>3. Sonntag nach Trinitatis | 1. Juli 2001 | Lukas 19,1-10 | Peter Weigandt |<\/h3>\n<p>Eine merkw\u00fcrdige Geschichte! Da zog Jesus durch Jericho, die Oasenstadt unweit des Toten Meeres, war schon auf dem Weg nach Jerusalem, und kehrte dann wieder um. Zu einem Gang durch diese Stadt lade ich Sie jetzt ein.<\/p>\n<p>Wie Wilhelmsh\u00f6he in Kassel fr\u00fcher Sommerresidenz des letzten deutschen Kaisers war, war Jericho einst Winterresidenz Herodes des Gro\u00dfen, des letzten K\u00f6nigs der Juden. Nach dessen Tod wurde die Stadt zu einem kleinem, aber feinem Kurort, in dem die reichen Jerusalemer bei angenehmen 20\u00b0 den Winter verbrachten, w\u00e4hrend es in ihrer hochgelegenen Stadt wom\u00f6glich schneite. Pal\u00e4ste, Villen, Badeanlagen, G\u00e4rten, Theater, Amphitheater und Rennbahn bestimmten das Bild der damaligen Bezirkshauptstadt. Hinzu kamen die Geb\u00e4ude des Milit\u00e4rs, der Steuerbeh\u00f6rden und Gerichte. Und wie es in solchen Kleinst\u00e4dten ist: Jeder kannte jeden.<\/p>\n<p>Wirtschaftlich ging es den Menschen gut. Man exportierte Balsam f\u00fcr medizinische und kos-metische Zwecke, Datteln, Feigen und Wein. Der j\u00fcdische Historiker Josephus schrieb damals \u00fcber diese vom Klima beg\u00fcnstigte, wasserreiche Oase, &#8222;da\u00df man nicht fehlgehen w\u00fcrde, wenn man diesen Ort als g\u00f6ttlich bezeichnete, an dem so reichlich die seltensten und sch\u00f6nsten Pflanzen wachsen.&#8220;<\/p>\n<p>Zwei Wegstunden \u00f6stlich der Stadt gab es eine Furt und eine F\u00e4hre \u00fcber den Jordan und damit den Zugang zu den gro\u00dfen Krawanenstra\u00dfen. Der Jordan war die Landesgrenze. An Grenzen gibt es Zoll und Z\u00f6llner. Daran hat sich wenig ge\u00e4ndert. Zwar brauchten die B\u00fcrger zur Zeit Jesu weit weniger Steuern zu zahlen als wir heute. Aber auch in jenen Tagen war die Staatskasse uners\u00e4ttlich. So mu\u00dften Z\u00f6lle einbringen, was Steuern nicht einbrachten. Darum kassierten die R\u00f6mer an vielen Stellen des Landes Z\u00f6lle &#8211; oder richtiger: lie\u00dfen kassieren. Denn sie hatten ihre Leute daf\u00fcr, Einheimische wie Zach\u00e4us, die als Zollp\u00e4chter mit der verha\u00dften Besatzungsmacht zusammenarbeiteten. Kollaboration war schon immer schlimm und besonders damals. Denn wer sich als Jude mit den heidnischen R\u00f6mern einlie\u00df, galt als unrein und durfte darum nicht am Gottesdienst teilnehmen, und, wer mit solchen unreinen Leuten zusammenkam, wurde selber unrein.<\/p>\n<p>Hinzu kam dies: Die Leute, die f\u00fcr die R\u00f6mer Z\u00f6lle einzogen, hatten die Einnahmen von einer oder &#8211; wie Zach\u00e4us, einer der Gro\u00dfen im Zollgesch\u00e4ft &#8211; von mehreren Zollstellen gepachtet. Daf\u00fcr mu\u00dften sie dem kaiserlichen Fiscus hohe Vorauszahlungen leisten. Wen wundert es, wenn sie versuchten, f\u00fcr sich einen m\u00f6glichst gro\u00dfen Gewinn zu erwirtschaften. Betrug geh\u00f6rte mit zum Gesch\u00e4ft; denn nicht jeder, der zahlen mu\u00dfte, kannte die amtlichen Tarife. In Jericho waren es \u00fcbrigens 25 % des Warenwertes.<\/p>\n<p>Kurz, Zollp\u00e4chter galten bei ihren Volks- und Glaubensgenossen nicht ohne Grund als Landesverr\u00e4ter, Erpresser und Betr\u00fcger. Wenn wir bedenken, da\u00df auch Z\u00f6llner Familien hatten &#8211; und die Angeh\u00f6rigen von Z\u00f6llnern waren nicht besser angesehen als diese selbst -, dann k\u00f6nnen wir uns vorstellen, in welcher Atmosph\u00e4re das Familienleben des Zach\u00e4us trotz allen Reichtums sich abspielte, die Kinder heranwuchsen. Die Leute mieden jeden Kontakt, der \u00fcber das Berufliche hinausging, mit ihm, sahen vorbei, wenn sie ihm begegneten. Zudem geh\u00f6rte er zu denen, deren Motto war: Der gute Mensch denkt an sich, selbst zuletzt.<\/p>\n<p>Meistens war in Jericho nicht viel los. Da h\u00f6rte man eines Tages, da\u00df Jesus von Nazaret durch die Stadt kommen werde. Im Nu waren alle auf den Beinen, um diese Sensation nicht zu verpassen, auch Zach\u00e4us. Gedr\u00e4ngt voll waren die Stra\u00dfen. Verzweifelt versuchte der gro\u00dfe Zollp\u00e4chter Zach\u00e4us, dem Gott nur eine kleine Gestalt gegeben hatte, sich durchzudr\u00e4ngeln. Doch seine Mitb\u00fcrger lie\u00dfen ihn hinten stehen. Endlich konnten sie es ihm einmal zeigen.<\/p>\n<p>Zach\u00e4us war aber nicht aufzuhalten. &#8222;Ich mu\u00df diesen Jesus sehen&#8220;, sagte er sich. Warum, wu\u00dfte er nicht genau. Aber er mu\u00dfte ihn sehen! Er lief ein St\u00fcck die Stra\u00dfe nach Jerusalem voraus und kletterte auf einen gro\u00dfen, dicht belaubten Maulbeerfeigenbaum, wie sie noch heute dort wachsen. &#8222;Hier werde ich nicht gesehen und kann selber gut sehen&#8220;, mag er sich gesagt haben. Als Jesus kam, sah er zu Zach\u00e4us hinauf. Er wu\u00dfte, da\u00df ihn dieser Mensch suchte, sah ihn an und sagte: &#8222;Zach\u00e4us, spute dich, steige herab. Heute mu\u00df ich in deinem Haus bleiben.&#8220; Schneller, als er hinaufgekommen war, stand Zach\u00e4us wieder unten und nahm Jesus mit in sein Haus. Da\u00df er sich freute, wer wird ihm das verdenken? Zu ihm, der von allen gemiedenen und geschnittenen wurde, ausgerechnet zu ihm, kam Jesus.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich emp\u00f6rten sich die anderen, die rechtschaffenen B\u00fcrger Jerichos lautstark \u00fcber das Geschehene. H\u00e4tten wir uns nicht auch dar\u00fcber aufgeregt? &#8222;Unerh\u00f6rt!&#8220; &#8222;Warum kehrt er nicht bei einem ein, der es verdient?&#8220; &#8222;Wie kann Jesus sich nur mit diesem \u00fcblen Burschen einlassen?&#8220; So oder noch deutlicher m\u00f6gen ihre Bemerkungen gewesen sein. Denn ein \u00fcbler Bursche bleibt ein \u00fcbler Bursche. Das wu\u00dften die Jerichoer genau. W\u00e4re es nach ihnen gegangen, h\u00e4tte Jesus ihre Stadt &#8211; wie geplant &#8211; durchquert und auf diese Unterbrechung seiner Reise verzichtet. Dann h\u00e4tten sie ihn gesehen &#8211; das war ja alles, was sie wollten &#8211; und er h\u00e4tte ihnen diesen \u00c4rger erspart.<\/p>\n<p>Doch was war mit Zach\u00e4us los? Sagte doch der hartgesottene und mit allen Wassern gewaschene Zollp\u00e4chter zu Jesus &#8211; und die um ihn herum standen, h\u00f6rten es -: &#8222;Herr, ich verspreche dir, ich werde die H\u00e4lfte meines Besitzes den Armen geben. Und wenn ich jemanden um etwas betrogen habe, will ich ihm das Vierfache zur\u00fcckgeben.&#8220; Das war viel, mehr als das j\u00fcdischen Gesetz zur Wiedergutmachung vorschrieb. Was war geschehen?<\/p>\n<p>Wie jeder Mensch brauchte Zach\u00e4us einen, der ihn von seiner Schuld freisprach und ihm einen neuen Anfang er\u00f6ffnete. Er hatte das sichere Gef\u00fchl, da\u00df dieser Jesus, der sich einfach beim ihm einlud, solch einer sei. Deshalb lie\u00df er sich von ihm ansprechen. Und weil er sich von ihm ansprechen lie\u00df, geschah dies: Zach\u00e4us erkannte, was er falsch gemacht hatte und kehrte auf seinem Lebensweg um. Aber er schlich sich nun nicht wie ein gepr\u00fcgelter Hund aus seinem bisherigen Lebenskreis hinaus, sondern blieb dort, wo er gelebt hatte. Nur betrieb er jetzt sein Gesch\u00e4ft menschlicher, den geltenden Regeln entsprechend. Nicht sein Beruf hatte ihn unrein gemacht, sondern wie er diesen Beruf ausge\u00fcbt hatte. Schlie\u00dflich gab es auch unter den Juden Zollp\u00e4chter, die die Achtung ihrer Mitmenschen erringen konnten.<\/p>\n<p>Zach\u00e4us konnte so umkehren. Es machte ihm nichts aus. Denn da war ja einer, der ihn nicht mied wie die anderen; einer, der ihn zur Kenntnis nahm, einer, der nicht blo\u00df beruflich mit ihm verkehrte, obwohl er gar keinen Anla\u00df hatte &#8211; oder doch? Denn dieser Jesus aus Nazaret hatte einmal gesagt, da\u00df nicht die Gesunden einen Arzt brauchten, sondern die Kranken. Und er hatte auch gesagt, es sei nicht seine Aufgabe, die in Gottes neue Welt einzuladen, bei denen alles in Ordnung sei, sondern die Ausgesto\u00dfenen und Schuldbeladenen.<\/p>\n<p>Sozusagen im Handumdrehen war Zach\u00e4us ein neuer Mensch geworden, nur weil ihn jemand nicht \u00fcbersah, sondern auf seinem Ast sitzen sah und ihn ansah; weil ihn einer nicht mit eisigem Schweigen \u00fcberging, sondern auf ihn zuging: &#8222;Heute mu\u00df ich in deinem Haus bleiben.&#8220; Das hei\u00dft soviel wie: &#8222;Heute hat dich Gott mit deiner ganzen Familie angenommen.&#8220; Zach\u00e4us wird sich gef\u00fchlt haben wie einer, der pl\u00f6tzlich von einer ansteckenden Krankheit geheilt war. Und nicht nur er war geheilt, sondern auch seine Familie. Sie konnten jetzt leben wie andere Familien auch.<\/p>\n<p>Hier verbirgt sich eine ganz aktuelle Botschaft, gut verpackt in eine Geschichte, die zwar fest in Ort und Zeit verankert, aber zugleich weit von uns entfernt ist. Denn wir alle leben von der Liebe Gottes, die wir durch andere Menschen erfahren, durch Menschen, die uns nicht \u00fcbergehen und \u00fcbersehen, sondern die uns ermutigen und tr\u00f6sten, die uns auch dann noch ansehen, wenn wir f\u00fcr andere nur noch Luft sind. Wir leben alle davon, da\u00df Gott uns seine Liebe durch andere Menschen schenkt. K\u00f6nnten dann nicht gerade wir als von Gott so reich Beschenkte besonders gut weiterschenken? Darum lassen Sie uns Ausschau halten nach denen, die auf einen Baum gestiegen sind, die nicht gesehen werden m\u00f6chten und doch auf einen warten. Es gibt mehr Wartende, als wir denken, auch hier im Haus und im Internet.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Dr. Peter Weigandt<\/strong><\/p>\n<p><strong>Glockenblumenweg 9<\/strong><\/p>\n<p><strong>34128 Kassel<\/strong><\/p>\n<p><strong>Tel. (0561) 882 01 86<\/strong><\/p>\n<p>Lit.: Chr. Zippert (Hg.): Gottesdienstbuch. G\u00fctersloh 1990. S. 96f.<\/p>\n<p>Liedvorschl\u00e4ge: EG 155,1; 316,1-3; 346,1.3; 355,1-3; 421<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>3. Sonntag nach Trinitatis | 1. Juli 2001 | Lukas 19,1-10 | Peter Weigandt | Eine merkw\u00fcrdige Geschichte! Da zog Jesus durch Jericho, die Oasenstadt unweit des Toten Meeres, war schon auf dem Weg nach Jerusalem, und kehrte dann wieder um. Zu einem Gang durch diese Stadt lade ich Sie jetzt ein. Wie Wilhelmsh\u00f6he in [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":8543,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[38,417,727,157,853,114,522,349,3,1655,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-22294","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-lukas","category-3-so-n-trinitatis","category-archiv","category-beitragende","category-bibel","category-deut","category-kapitel-19-chapter-19-lukas","category-kasus","category-nt","category-peter-weigandt","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22294","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=22294"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22294\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":22295,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22294\/revisions\/22295"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/8543"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=22294"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=22294"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=22294"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=22294"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=22294"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=22294"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=22294"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}