{"id":22310,"date":"2001-07-21T15:35:33","date_gmt":"2001-07-21T13:35:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22310"},"modified":"2025-03-21T15:36:34","modified_gmt":"2025-03-21T14:36:34","slug":"jesaja-431-7-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jesaja-431-7-3\/","title":{"rendered":"Jesaja 43,1-7"},"content":{"rendered":"<h3>6. Sonntag nach Trinitatis | 22. Juli 2001 | Jesaja 43,1-7 | Peter Kusenberg |<\/h3>\n<p>1 Und nun spricht der HERR, der dich geschaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel: F\u00fcrchte dich nicht, denn ich habe dich erl\u00f6st; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!<\/p>\n<p>2 Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, dass dich die Str\u00f6me nicht ers\u00e4ufen sollen; und wenn du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen, und die Flamme soll dich nicht versengen.<\/p>\n<p>3 Denn ich bin der HERR, dein Gott, der Heilige Israels, dein Heiland. Ich habe \u00c4gypten f\u00fcr dich als L\u00f6segeld gegeben, Kusch und Seba an deiner statt,<\/p>\n<p>4 weil du in meinen Augen so wert geachtet und auch herrlich bist und weil ich dich lieb habe. Ich gebe Menschen an deiner statt und V\u00f6lker f\u00fcr dein Leben.<\/p>\n<p>5 So f\u00fcrchte dich nun nicht, denn ich bin bei dir. Ich will vom Osten deine Kinder bringen und dich vom Westen her sammeln,<\/p>\n<p>6 ich will sagen zum Norden: Gib her!, und zum S\u00fcden: Halte nicht zur\u00fcck! Bring her meine S\u00f6hne von ferne und meine T\u00f6chter vom Ende der Erde,<\/p>\n<p>7 alle, die mit meinem Namen genannt sind, die ich zu meiner Ehre geschaffen und zubereitet und gemacht habe.<\/p>\n<p>Jesaja 43,1-7<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>&#8222;F\u00fcrchte dich nicht!&#8220; Dieser Zuspruch Gottes aus dem heutigen Predigttext zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Bibel, vom Ersten Buch Mose bis zur Offenbarung des Johannes. &#8222;F\u00fcrchte dich nicht!&#8220; So redete Gott mit den V\u00e4tern des Volkes Israel, Abraham, Isaak und Jakob. &#8222;F\u00fcrchte dich nicht!&#8220; sprach er zu Mose und Josua.<\/p>\n<p>Dieselben Worte h\u00f6rt im Neuen Testament Maria den Engel sagen, der ihr ank\u00fcndigt, sie werde Gottes Sohn zur Welt bringen. Was h\u00f6ren die Hirten in der Weihnachtsgeschichte ebenso wie die Frauen am leeren Grab Jesu? &#8222;F\u00fcrchtet euch nicht!&#8220;<\/p>\n<p>Jesus spricht so den Fischer Petrus an: &#8222;F\u00fcrchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen.&#8220; Den Apostel und Missionar Paulus ermutigt in Griechenland eine n\u00e4chtliche Vision &#8222;F\u00fcrchte dich nicht, sondern rede und schweige nicht!&#8220;<\/p>\n<p>Und am Ende der Bibel schlie\u00dflich, in der Vorausschau des Sehers Johannes auf das Ende der Welt, erklingen die Worte noch einmal: &#8222;F\u00fcrchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte.&#8220;<\/p>\n<p>Gott steht am Anfang und am Ende. An die Anf\u00e4nge erinnert Jesaja, der Verfasser des Predigttextes. Er und seine Zuh\u00f6rer sind schon in der zweiten Generation im Exil, nach verlorenem Krieg Gefangene der Babylonier. Doch nun k\u00fcndigt er die Heimkehr an.<\/p>\n<p>Wie schon die Vorv\u00e4ter aus \u00c4gypten durch Gottes Hand befreit wurden, so erinnert er, so wird Gott auch nun die Gefangenen und Verstreuten zur\u00fcckf\u00fchren, weil er die Treue h\u00e4lt, die er seinem erw\u00e4hlten Volk geschworen hat. &#8222;Und nun spricht der HERR, der dich geschaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel: F\u00fcrchte dich nicht, denn ich habe dich erl\u00f6st; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!&#8220;<\/p>\n<p>Es ist Absicht, dass Jesaja die Israeliten hier mit dem Namen &#8222;Jakob&#8220; anspricht. Denn Jakob ist der Vater der 12 St\u00e4mme Israels. Und es f\u00e4llt auf, dass die befreiende Tat Gottes in Jesajas Augen bereits geschehen ist: &#8222;Ich habe dich erl\u00f6st&#8220;, nicht: &#8222;Ich werde dich erl\u00f6sen&#8220;. So sicher ist er. Gott vergisst Israel nicht. Also f\u00fcrchte dich nicht.<\/p>\n<p>Und wir heute? Von Gefangenschaft kann bei uns doch keine Rede sein. So grenzenlos frei sind wir, dass wir M\u00fche haben, den \u00dcberblick zu behalten. Frei zu wohnen, wo wir wollen, freie Auswahl an Nahrung, Unterhaltung und Gesellschaft. Jeder Werbeblock im Fernsehen ist eine Serie von Hymnen an die Freiheit.<\/p>\n<p>Sie merken wahrscheinlich schon: genau da ist der Haken. Das \u00dcberangebot macht mich unsicher. Ist es dort am g\u00fcnstigsten? Oder ist nicht dies hier viel interessanter? Brauche ich eigentlich noch dies, und hat wom\u00f6glich der Nachbar schon das? Und frage ich eigentlich noch danach, wer die Zeche zahlt f\u00fcr die Annehmlichkeiten, die ich nicht mehr missen m\u00f6chte?<\/p>\n<p>Es klingt vielleicht nicht besonders originell, aber ich m\u00f6chte die meisten von uns heute als &#8222;Gefangene der Freiheit&#8220; bezeichnen. Die Orientierung geht im Get\u00fcmmel des allgemeinen permanenten Ausverkaufs verloren. Es kann passieren, dass ich mich im Supermarkt des Lebens verirre, wie ein Kind, das zwischen den Regalen auf einmal die Eltern nicht mehr findet.<\/p>\n<p>&#8222;F\u00fcrchte dich nicht, denn ich habe dich erl\u00f6st; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!&#8220; Es tut gut, wenn uns jemand beim Namen ruft, wenn wir die Orientierung verloren haben. Ein \u00fcberf\u00fcllter Bahnhof oder Flughafen, oder eine Feier mit zahllosen G\u00e4sten, lauter unbekannte Gesichter &#8211; dann tut es gut, einen Bekannten zu entdecken, der mich mit meinem Namen anspricht. Der mir das Gef\u00fchl nimmt, allein unter Fremden zu sein.<\/p>\n<p>Heute ist der Sonntag des Taufged\u00e4chtnisses. Er soll an die Taufe erinnern, auch an die eigene. Nicht in dem Sinne, dass ich an die Einzelheiten zur\u00fcckdenke, wie es bei meiner Taufe zugegangen ist. Das ist mir nicht m\u00f6glich, und ich bin sicher nicht der einzige, der nur noch ein paar alte Fotos und vielleicht noch bruchst\u00fcckhafte Erinnerungen an das hat, was andere mir erz\u00e4hlten.<\/p>\n<p>Nein, der Sonntag heute will mich erinnern, dass ich getauft bin, und er stellt zugleich die Frage: Was bedeutet es denn eigentlich, dass ich getauft bin?<\/p>\n<p>&#8222;Ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!&#8220; Die Stimme, die hier spricht, ist mir vertraut. Gott hat sich in der Taufe an meine Seite gestellt. Bei der Taufe wurde nicht nur mein Name genannt, sondern ich wurde auch im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes getauft. Mein Name wurde mit Christi Namen verbunden. Und damit hineingenommen in sein Leben.<\/p>\n<p>Die Taufe bedeutet nicht nur einen ganz besonderen Moment zu Beginn unseres Lebens. Denn es geht da um unser ganzes Leben. Ein Mensch kann sich von der Kirche lossagen, kann sich von ihr trennen, ganz austreten. Wer nicht mehr Mitglied ist, verliert damit bestimmte kirchliche Rechte, kann z.B. nicht mehr Pate werden oder am Abendmahl teilnehmen. Aber die Taufe verliert er nicht.<\/p>\n<p>Denken Sie nur an das Gleichnis Jesu vom verlorenen Sohn, das ja eigentlich besser das Gleichnis vom wiedergewonnenen Sohn hei\u00dfen m\u00fcsste. Der Sohn verspielt und verliert, als er sich vom Vater trennt, den ausbezahlten Erbteil &#8211; doch er ist immer noch Sohn.<\/p>\n<p>&#8222;F\u00fcrchte dich nicht!&#8220; hei\u00dft auch: in Kraft meiner Taufe muss ich keine Angst um mein Leben haben. Ich muss mich nicht vor Menschen f\u00fcrchten, auch nicht vor Anforderungen, die mich manches Mal schier zu erdr\u00fccken scheinen. Ich muss nicht f\u00fcrchten, zu kurz zu kommen, etwas zu verpassen in dem Supermarkt der grenzenlosen Freiheit. Gott nimmt mir die Angst um mein Leben. Ich muss mich nur darauf besinnen, in wessen Namen ich getauft bin.<\/p>\n<p>&#8222;Ich habe dich bei deinem Namen gerufen.&#8220; Jeder Mensch tr\u00e4gt seinen eigenen, unverwechselbaren Namen. Dar\u00fcber denken wir nicht gro\u00df nach, es geschieht sozusagen automatisch. Und wenn es doch einmal mehr als einen Willi M\u00fcller im Dorf gibt, dann hat er in der Regel noch einen Zusatz- oder Spitznamen, der f\u00fcr Eindeutigkeit sorgt. Das ist gut so. Wir k\u00f6nnen nicht verwechselt werden. Auch nicht einfach ausgewechselt wie eine Nummer.<\/p>\n<p>Und wenn Gott mich &#8222;bei meinem Namen&#8220; ruft, dann ist das ebenso eindeutig. Er ruft nicht &#8222;den Dritten von links&#8220; oder &#8222;den Langen mit dem Bart&#8220;, sondern er meint mich, weil er mich kennt. Mein Name ist ihm vertraut, mein Name ist mit seinem verbunden.<\/p>\n<p>Bei der Taufe werden Vor- und Nachname genannt. Der Familienname sagt, aus welchem Haus wir stammen, wohin wir geh\u00f6ren, wer unsere N\u00e4chsten sind. Ich brauche niemand zu erkl\u00e4ren, wie wichtig die Menschen sind, die das Leben eines Kindes am Anfang pr\u00e4gen. Wir wissen doch auch selbst, wie entscheidend unsere Eltern, Gro\u00dfeltern und Geschwister unser Leben beeinflusst haben.<\/p>\n<p>&#8222;Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein.&#8220; In der Vorstellungswelt des Alten Testaments hat die Kenntnis des Namens oft noch eine magische Dimension. Da ist der Einfluss aus Religionen der Nachbarv\u00f6lker sp\u00fcrbar. Namen lassen sich beschw\u00f6ren, verfluchen, zum Zaubern verwenden. Dann klingt es unheimlich und bedrohlich: Du bist mein!<\/p>\n<p>Doch der Gott, der diesen Satz spricht, ist ein anderer. Er ist in seiner Liebe so weit gegangen, uns Jesus Christus zu schicken. Vergessen wir das bitte nicht. Nach dem Leben und Sterben Jesu Christi kann ich &#8222;Du bist mein&#8220; nur als uneingeschr\u00e4nkte Liebeserkl\u00e4rung Gottes an mich verstehen. Zwar kann ich das manchmal kaum glauben, wenn ich in den Spiegel schaue, oder wenn ich abends denke, was ich den Tag \u00fcber anders oder besser getan h\u00e4tte, aber es ist so: Gott sagt &#8222;Du geh\u00f6rst immer noch zu mir.&#8220;<\/p>\n<p>Ein Letztes. Und es f\u00e4llt mir zugleich leicht und schwer, es zu sagen. Wenn uns dieser zentrale Satz des Predigttextes &#8222;Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein&#8220; wahrscheinlich sehr vertraut klang, liegt es sicher daran, dass er am Anfang jeder Trauerfeier bei einem Begr\u00e4bnis steht. Aber heute, am Sonntag des Taufged\u00e4chtnisses, m\u00f6chte ich mit der falschen Vorstellung aufr\u00e4umen, als hie\u00dfe das nichts weiter als: Gott &#8222;ruft einen Menschen aus diesem Leben ab&#8220;.<\/p>\n<p>Gott steht am Anfang meines Lebens und am Ende. Und selbstverst\u00e4ndlich auch dazwischen -n\u00e4mlich &#8222;alle Tage&#8220;, wie es der auferstandene Jesus seinen J\u00fcngern im heutigen Evangelium versprochen hat. Und deshalb: F\u00fcrchte dich nicht! Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Peter Kusenberg Pastor und freier Journalist<\/p>\n<p><a href=\"mailto:peter.kusenberg@kirche-erbsen.de\">e-mail: peter.kusenberg@kirche-erbsen.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>6. Sonntag nach Trinitatis | 22. 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