{"id":22312,"date":"2001-07-21T15:36:38","date_gmt":"2001-07-21T13:36:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22312"},"modified":"2025-03-21T15:38:55","modified_gmt":"2025-03-21T14:38:55","slug":"jesaja-431-7-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jesaja-431-7-4\/","title":{"rendered":"Jesaja 43,1-7"},"content":{"rendered":"<h3>6. Sonntag nach Trinitatis | 22. Juli 2001 | Jesaja 43,1-7 | Maria Widl |<\/h3>\n<p>Gedanken zu Jes 43, 1-7:<\/p>\n<p>Jetzt aber &#8211; so spricht der Herr, der dich geschaffen hat, Jakob, der dich geformt hat, Israel: F\u00fcrchte dich nicht, denn ich habe dich ausgel\u00f6st, ich habe dich beim Namen gerufen, du geh\u00f6rst mir.<\/p>\n<p>Wenn du durchs Wasser schreitest, bin ich bei dir, wenn durch Str\u00f6me, dann rei\u00dfen sie dich nicht fort. Wenn du durchs Feuer gehst, wirst du nicht versengt, keine Flamme wird dich verbrennen.<\/p>\n<p>Denn ich, der Herr, bin dein Gott, ich, der Heilige Israels, bin dein Retter. Ich gebe \u00c4gypten als Kaufpreis f\u00fcr dich, Kusch und Seba gebe ich f\u00fcr dich. Weil du in meinen Augen teuer und wetvoll bist und weil ich dich liebe, gebe ich f\u00fcr dich ganze L\u00e4nder und f\u00fcr dein Leben ganze V\u00f6lker. F\u00fcrchte dich nicht, denn ich bin mit dir.<\/p>\n<p>Vom Osten bringe ich deine Kinder herbei, vom Westen her sammle ich euch. Ich sage zum Norden: Gib her!, und zum S\u00fcden: Halt nicht zur\u00fcck! F\u00fchre meine S\u00f6hne heim aus der Ferne, meine T\u00f6chter vom Ende der Erde! Denn jeden, der nach meinem Namen benannt ist, habe ich zu meiner Ehre erschaffen, geformt und gemacht.<\/p>\n<p>Dieser Textabschnitt stammt aus dem Trostbuch des Deuterojesaja. Es ist um 550 v.Chr. entstanden, als sich das Volk Israel schon gut 50 Jahre im Exil in Babylon befand. Diese Erfahrung hat sein Selbstverst\u00e4ndnis grundlegend ver\u00e4ndert. Es hat einen Paradigmenwechsel vollzogen, w\u00fcrde man heute sagen. Was war geschehen? Das babylonische Reich, zur damaligen Zeit die Gro\u00dfmacht des Vorderen Orients, hatte in mehreren Wellen den S\u00fcden Israels annektiert, die gesamte Ober- und Mittelschicht deportiert und schlie\u00dflich 586 auch noch Jerusalem und den Tempel zerst\u00f6rt. Die Israeliten wurden im Zwischenstromland angesiedelt, als halbfreie B\u00fcrger sozialisiert und in das florierende Wirtschaftsleben integriert. Sie gelangten zu beachtlichem Wohlstand und Einfluss, durften im gro\u00dfen Vielv\u00f6lker- und Religionenreich auch ihren Glauben frei aus\u00fcben.<\/p>\n<p>Trotzdem wollten die meisten zur\u00fcck, heim ins Gelobte Land und den Tempel wieder aufbauen. Vermittelt durch die Propheten erkannten sie, dass das Exil kein politisch verursachtes Schicksal, sondern eine von Jahwe verh\u00e4ngte Strafe war, weil das Volk sich sein Leben nach eigenen Vorstellungen eingerichtet hatte, statt den Geboten Jahwes zu folgen. Sie zogen daraus drei Schlussfolgerungen, die zu einem einschneidenden Wandel im religi\u00f6sen Verst\u00e4ndnis f\u00fchrten:<\/p>\n<ul>\n<li>Erstens: Jahwe ist nicht nur ein Stammesgott, dessen Einfluss mit der Zerst\u00f6rung seines Tempels verschwinden w\u00fcrde. Nein, er ist Herr der ganzen Welt und alle anderen G\u00f6tter sind ihm unterlegen, sind Nichtse neben ihm. Aus einem Nationalkult wird eine umfassende, an ethischen Normen orientierte Religion.<\/li>\n<li>Zweitens: Jahwe ist nicht ein ferner und fremder Gott, den man durch Opfer gn\u00e4dig stimmen m\u00fcsste. Er ist seinem Volk nah, weil er es liebt, und das ganz pers\u00f6nlich. Er wird sein Volk durch den &#8222;Gottesknecht&#8220; zur Freiheit f\u00fchren (Das erste von vier &#8222;Liedern&#8220; \u00fcber den leidenden Gottesknecht bei Deuterojesaja steht unmittelbar vor unserem Text). So entsteht im Exil die Hoffnung auf einen Messias.<\/li>\n<li>Drittens: Das Volk dient Jahwe daher nicht am besten durch Opfer, sondern indem es das Gesetz befolgt. Im Exil entstehen die ersten Synagogen, Versammlungsr\u00e4ume, in denen die Angelegenheiten der Gemeinschaft besprochen, das Wort Gottes gelesen und sein Gesetz studiert werden. Aus einem Opferkult wird eine Buchreligion.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Diese drei Punkte &#8211; universales Gottesbild, Messiashoffnung und Orientierung am Wort Gottes &#8211; sollten auch nach dem Exil, das nach drei Generationen 539 zu Ende ging, das Judentum entscheidend pr\u00e4gen und sp\u00e4ter im Christentum eine neuerlich Wende erfahren.<\/p>\n<p>Alle drei Momente spiegelt unser Text wider. Was hat er uns Heutigen zu sagen? Gibt es f\u00fcr uns dem Exil analoge Erfahrungen? Ich m\u00f6chte drei ganz verschiedene nennen, f\u00fcr unterschiedliche Personengruppen unserer Gesellschaft mit diametral verschiedenen Welterfahrungen.<\/p>\n<p>Die erste aktuelle Exilserfahrung machen die Gemeinden in der Diaspora der Neuen L\u00e4nder ebenso wie viele traditionale Katholiken. Sie leben in einer durch und durch s\u00e4kularen und gottfreien Welt, wo die Alltagsgesch\u00e4fte, die Wirtschaft und das allgemeine Wohlergehen im Zentrum stehen und Gottes Gesetze v\u00f6llig ignoriert werden, bis zur kompletten Unkenntnis. Religi\u00f6se Riten und pseudoreligi\u00f6se Ersatzreligionen gibt es viele, alle religi\u00f6sen Bed\u00fcrfnisse scheinen befriedigt, niemand wird am christlichen Glauben gehindert; aber nur noch sehr wenige interessiert er. Angesichts dieser Erfahrung ist die Sehnsucht gro\u00df, die Zeit zur\u00fcckdrehen zu k\u00f6nnen, heimzukehren in das Gelobte Land allgemein vollzogener Volkskirchlichkeit. &#8222;Wir m\u00fcssen uns wieder an die Gebote Gottes halten&#8220;, sagen sie. &#8222;Und wir m\u00fcssen den Menschen verk\u00fcnden, dass der Messias auch f\u00fcr ihre S\u00fcnden gestorben ist. Umkehr tut Not!&#8220; Wer sein Christsein auf diese Weise versteht, hat zwei zentrale Momente unseres Textes verinnerlicht: das Leben nach dem Gesetz und den S\u00fchnetod des Gottesknechtes. Das dritte Motiv wird hingegen ausgeblendet: Gott ist Herr dieser Welt (und nicht der Teufel). Von daher lautet die Frohbotschaft des Jesaja aus unserem Text: &#8222;F\u00fcrchte dich nicht; denn ich bin bei Dir!&#8220;<\/p>\n<p>Eine zweite, andere Exilserfahrung machen heute jene, die erfolgreich im modernen Leben stehen, aber von seinen Sachzw\u00e4ngen aufgefressen werden. V\u00e4ter sehen ihre Kinder h\u00f6chstens am Wochenende, der Arbeitsstress wird zum allt\u00e4glichen Normalfall. Frauen gehen in der Dreifachbelastung unter, die ihnen das Powerfrau-Image zumutet. Der moderne Erfolgsmensch wird in seinem Wohlstand nicht froh, er f\u00fchlt sich vom wahren Leben abgeschnitten. Er befolgt die Gesetze, die ihm die Arbeits- und Konsumgesellschaft diktiert, unterwirft sich dem gnadenlosen Diktat einer sp\u00e4tmodernen Religion, deren Gott das Geld ist. Er verlangt jedes Opfer und er will geliebt werden. Der Trost der Religion hat maximal am Sonntag seinen Platz. F\u00fcr ChristInnen, die solche Exilserfahrungen machen, bezeugt unser Text einen Gott, der mich ganz pers\u00f6nlich liebt, mich bei Namen kennt und beim Namen ruft, weil er mich f\u00fcr ein gutes Leben bestimmt hat. Er verlangt keine Opfer, sondern bringt sich selbst dar, geschenkt und ohne Leistungsanforderungen. Wer immer sich in diese Gotteserfahrung vertieft &#8211; und viele ChristInnen tun das, im alternativen wie im Bewegungssektor &#8211; der macht eine seltsam befreiende Erfahrung: Die Sachzw\u00e4nge des modernen Lebens sind wie eine Gef\u00e4ngniszelle, in der der Schl\u00fcssel innen steckt. Dreh den Schl\u00fcssel im Schloss, indem du dein Leben an Christus und seinen Regeln f\u00fcr ein gutes Leben ausrichtest. Dann stoss die T\u00fcr auf und tritt ins Freie; niemand wird dich hindern k\u00f6nnen. Und Gott wird bei dir sein.<\/p>\n<p>Eine dritte Exilserfahrung schlie\u00dflich machen jene, die unsere gesamte Kultur von einer industrialisierten und globalisierten Wirtschaft und Technik \u00fcberrannt sehen. Es sind die Globalisierungsgegner und die \u00d6kobewegten, die dieses Wochenende wieder doppelt aufschreien: beim G8-Gipfel in Genua und beim Weltklimagipfel in Bonn. An beiden Orten wird \u00fcberdeutlich, dass die Bewahrung der Sch\u00f6pfung nach Gottes Bild, dass ein gedeihliches Leben in einer intakten Natur f\u00fcr die heutigen Armen der Erde und kommende Generationen zwar gern f\u00fcr politische Sonntagsreden herhalten darf, in der politischen Realit\u00e4t aber der unmittelbare Profit des weltweiten Kasinokapitalismus alles ist. Wissenschaftlich seri\u00f6se Alternativen sind l\u00e4ngst bekannt: &#8222;Negawatt statt Megawatt&#8220; (Einsparungen beim Strom durch technischen Fortschritt), kluges Mobilit\u00e4tsmanagement statt blinde Automobilisierung (f\u00fcr Kostenwahrheit im Verkehr), die &#8222;Tobin-Steuer&#8220; auf Spekulationsgewinne (0,1% w\u00fcrden gen\u00fcgen, den Welthunger zu beseitigen), Gesundheitsvorsorge statt Reparaturmedizin (incl. der Stammzellenforschung), Lebens- statt Genussmittel (f\u00fcr \u00f6kologischen Landbau statt Agroindustrie und Food-Design) usw. All diese Konzepte kommen nicht oder nur halbherzig zum Zug aus zwei Gr\u00fcnden: erstens wird keine neue Technologie serienreif gemacht, solang man mit der alten noch verdienen kann &#8211; trotz allgemeinem Schaden; zweitens werden alle Bereiche zur\u00fcckgedr\u00e4ngt, die Leben als Gottesgeschenk sichtbar machen (Gesundheit, Lebensfreude, frisches Wasser, ertragreiche Natur usw.), um die Menschen von Industrieprodukten abh\u00e4ngig zu machen, an denen das Gro\u00dfkapital unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig verdienen kann. Wer solche Exilserfahrungen heute macht, sucht die Gesetze des Sch\u00f6pfers in den Regeln der Natur, von der wir ein Teil sind, um sich in sie einzuf\u00fcgen. Sie\/er hofft nach Kr\u00e4ften, dass die Erl\u00f6sungsmacht und Leidensf\u00e4higkeit unseres Gottes alles zum Guten wenden wird. Unser Text bringt diesen Menschen neu in Erinnerung, dass Gott uns ganz pers\u00f6nlich geschaffen hat, kennt und liebt. Und dass diese Liebe schon immer und immer neu Berge versetzen kann, weil sie Vertrauen schafft und M\u00f6glichkeitsr\u00e4ume er\u00f6ffnet.<\/p>\n<p>Wir heutigen Menschen haben ganz verschiedene Exile. Das Trostbuch des Jesaja hat allen etwas zu sagen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Univ.-Doz. Dr.habil. Maria Widl<\/p>\n<p>F\u00e4rberm\u00fchlg. 13\/3\/21<\/p>\n<p>A-1230 Wien<\/p>\n<p><a href=\"mailto:maria.widl@univie.ac.at\">Mail: maria.widl@univie.ac.at<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>6. Sonntag nach Trinitatis | 22. Juli 2001 | Jesaja 43,1-7 | Maria Widl | Gedanken zu Jes 43, 1-7: Jetzt aber &#8211; so spricht der Herr, der dich geschaffen hat, Jakob, der dich geformt hat, Israel: F\u00fcrchte dich nicht, denn ich habe dich ausgel\u00f6st, ich habe dich beim Namen gerufen, du geh\u00f6rst mir. 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