{"id":22320,"date":"2001-09-21T15:48:18","date_gmt":"2001-09-21T13:48:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22320"},"modified":"2025-03-21T15:50:20","modified_gmt":"2025-03-21T14:50:20","slug":"markus-822-26-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/markus-822-26-4\/","title":{"rendered":"Markus 8,22-26"},"content":{"rendered":"<h3>12. Sonntag nach Trinitatis | 2. September 2001 | Markus 8,22-26 | Peter Kusenberg |<\/h3>\n<p>Und sie kamen nach Betsaida. Und sie brachten zu Jesus einen Blinden und baten ihn, dass er ihn anr\u00fchre.<\/p>\n<p>Und er nahm den Blinden bei der Hand und f\u00fchrte ihn hinaus vor das Dorf, tat Speichel auf seine Augen, legte seine H\u00e4nde auf ihn und fragte ihn: Siehst du etwas?<\/p>\n<p>Und er sah auf und sprach: Ich sehe die Menschen, als s\u00e4he ich B\u00e4ume umhergehen.<\/p>\n<p>Danach legte er abermals die H\u00e4nde auf seine Augen. Da sah er deutlich und wurde wieder zurechtgebracht, sodass er alles scharf sehen konnte.<\/p>\n<p>Und er schickte ihn heim und sprach: Geh nicht hinein in das Dorf!<\/p>\n<p>Markus 8, 22-26<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>ich bin \u00fcberzeugt davon, dass jeder unter uns ein bestimmtes Bild von Jesus hat. Es hat sich entwickelt im Laufe unseres Lebens, von den Anf\u00e4ngen des Kinderglaubens bis zum heutigen Tag. Wir stellen uns sein \u00c4u\u00dferes vor: Mitte Drei\u00dfig, meist mit Bart, schlank (wer k\u00e4me schon auf die Idee, sich Jesus als \u00fcbergewichtig vorzustellen?), und mit harmonischen, etwas nachdenklichen Gesichtsz\u00fcgen.<\/p>\n<p>Und wenn wir an seine T\u00e4tigkeit denken, umherziehend durch St\u00e4dte und D\u00f6rfer Galil\u00e4as, auch dann hegen wir bestimmte Erwartungen. Die Geschichten von wunderbaren Heilungen geh\u00f6ren dazu. Die Evangelien scheinen voll davon. Dort, wo Jesus hinkommt, beseitigt er Krankheit, Behinderung, selbst den Tod.<\/p>\n<p>Und bei einer Gelegenheit hat er selbst dieses Bild unterstrichen. Als Johannes der T\u00e4ufer im Gef\u00e4ngnis liegt und \u00fcber die Frage gr\u00fcbelt, ob Jesus denn wirklich der lang Erwartete sei, von dessen Kommen er, Johannes, an den Ufern des Jordan gepredigt hatte, da antwortet Jesus mit einem Zitat aus den Propheten: &#8222;Blinde sehen und Lahme gehen, Auss\u00e4tzige werden rein und Taube h\u00f6ren, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt; und selig ist, der nicht \u00c4rgernis nimmt an mir.&#8220;<\/p>\n<p>Der Predigttext heute passt genau in dieses Bild. In nur wenigen S\u00e4tzen schildert er, wie Jesus einem Blinden das Augenlicht zur\u00fcck gibt. Er nimmt ihn bei der Hand, befeuchtet seine Augen mit Speichel und legt die H\u00e4nde heilend auf ihn. Kennern der Bibel wird vielleicht ungew\u00f6hnlich vorkommen, dass er dies zwei Mal tut &#8211; die Heilung geschieht stufenweise, denn der Blinde sieht zun\u00e4chst nur schemenhaft. Ich denke, dies soll betonen, wie schwierig die Heilung und wie gro\u00df das Wunder ist.<\/p>\n<p>Blindheit im Sinne k\u00f6rperlicher Krankheit, Blindheit als Behinderung geh\u00f6rt heute zu den Dingen, die wir &#8211; wenn \u00fcberhaupt &#8211; nur am Rande wahrnehmen. Zum gegenw\u00e4rtig hochgejubelten Lebensstil mit dem Dreiklang von &#8222;fit sein&#8220;, &#8222;Fun haben&#8220; und &#8222;cool sein&#8220; passt das nicht. Weil es st\u00f6rt, wird es ausgeblendet. Wie so manches andere.<\/p>\n<p>Kaputte Beziehungen interessieren nur, wenn andere davon betroffen sind. &#8211; Armut? Doch nicht bei uns! &#8211; Sterben? Aber bitte weit weg!<\/p>\n<p>Aber was ist das denn anderes, wenn ich einen Teil der Realit\u00e4t nicht mehr wahrnehmen will oder kann, wenn nicht eine k\u00fcnstliche, selbstgew\u00e4hlte Blindheit? Wegsehen, geflissentlich \u00fcbersehen, gar nicht erst hinsehen &#8211; das sind die Krankheitssymptome moderner Blindheit.<\/p>\n<p>Wie oft mache ich mich in Konfliktsituationen freiwillig zu einem der drei famosen Affen: nichts sehen, nichts h\u00f6ren, nichts sagen, um des eigenen Wohlbefindens willen, oder &#8211; weil das besser klingt: um des lieben Friedens willen. Aber ist das Frieden? Oder nur Waffenstillstand? Oder schon Kapitulation?<\/p>\n<p>Und auch dort, wo es nur um die Kleinigkeiten meines Alltags geht: nehme ich eigentlich noch alles in vollem Umfang wahr? Oder hat sich im Laufe der Zeit eine Betriebsblindheit eingeschlichen? Still und unbemerkt? Und mit welchen Folgen?<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte dazu an dieser Stelle eine Geschichte des griechischen Dichters Nikos Kazantzakis erz\u00e4hlen:<\/p>\n<p>Es war einmal, sagte er, ein kleines Dorf in der W\u00fcste. Alle Einwohner dieses Dorfes waren blind. Eines Tages kam dort ein gro\u00dfer K\u00f6nig mit seinem Heer vorbei. Er ritt auf einem gewaltigen Elefanten. Die Blinden hatten viel von Elefanten erz\u00e4hlen h\u00f6ren und wurden von einer heftigen Lust befallen, heranzutreten und den Elefanten des K\u00f6nigs ber\u00fchren zu d\u00fcrfen und ihn zu untersuchen, um eine Vorstellung davon zu bekommen, was das f\u00fcr ein Ding sei.<\/p>\n<p>Einige von ihnen &#8211; vielleicht waren es die Gemeinde\u00e4ltesten &#8211; traten vor und verneigten sich vor dem K\u00f6nig und baten um die Erlaubnis, seinen Elefanten ber\u00fchren zu d\u00fcrfen. Der eine packte ihn beim R\u00fcssel, der andere am Fu\u00df, ein dritter an der Seite, einer reckte sich hoch auf und packte das Ohr, und ein anderer wieder durfte einen Ritt auf dem R\u00fccken des Elefanten tun.<\/p>\n<p>Entz\u00fcckt kehrten alle ins Dorf zur\u00fcck, und die Blinden umringten sie und fragten eifrig, was denn das ungeheuerliche Tier Elefant f\u00fcr ein Wesen sei. Der erste sagte: &#8222;Er ist ein gro\u00dfer Schlauch, der sich hebt und senkt, und es ist ein Jammer um den, den er zu packen kriegt.&#8220; Der zweite sagte: &#8222;Es ist eine mit Haut und Haaren bekleidete S\u00e4ule.&#8220; Der dritte sagte: &#8222;Es ist wie eine Festungsmauer und hat auch Haut und Haare.&#8220; Der, der ihn am Ohr gepackt hatte, sagte: &#8222;Es ist keineswegs eine Mauer, es ist ein dicker, dicker Teppich, der sich bewegt, wenn man ihn anfasst.&#8220; Und der letzte sagte: &#8222;Was redet ihr f\u00fcr Unsinn? Es ist ein gewaltiger Berg, der sich bewegt!&#8220; (Nikos Kazantzakis, Die Blinden)<\/p>\n<p>Wer blind ist, erkennt nur einen Teil seiner Welt. Und kommt zu falschen Schlussfolgerungen. Wer sich blind macht, das eigene Wahrnehmungsfeld eingrenzt, dem geht es ebenso. Und das kann fatale Folgen haben.<\/p>\n<p>&#8222;Blind vor Hass&#8220; sagen wir manchmal. Fanatismus ist die gef\u00e4hrlichste Form der Blindheit. Wozu Fanatismus f\u00e4hig ist, sehen wir t\u00e4glich in Bildern aus Pal\u00e4stina, Mazedonien, Afghanistan, Nordirland &#8211; die Liste ist lang.<\/p>\n<p>&#8222;Blind vor Kummer&#8220; &#8211; auch das gibt es. Menschen, die \u00fcber einen Verlust nicht hinweg kommen, sich einschlie\u00dfen in ihrer Trauer, im Gef\u00e4ngnis ihres Schmerzes leiden, unf\u00e4hig, einen Weg hinaus zu finden.<\/p>\n<p>&#8222;Blind vor Eitelkeit&#8220;. Die Macher, die Erfolggewohnten, deren Wahrnehmung nicht weiter reicht als bis zum Rand des eigenen Glanzes, denen jedes Mittel recht ist, ihre Ziele durchzusetzen.<\/p>\n<p>Ich glaube, wir sind uns einig: es gibt Formen der Blindheit, die nichts mit gesunden oder kranken Augen zu tun haben. Und niemand von uns wird wohl allen Ernstes behaupten wollen, sie oder er sei v\u00f6llig immun gegen solche Art Blindheit.<\/p>\n<p>Und das bringt uns zu der Frage: Wie l\u00e4sst sich diese Blindheit heilen? Gibt der Predigttext eine Antwort darauf?<\/p>\n<p>Ja. Das Wichtigste: es braucht andere Menschen dazu. Allein geht es offenbar nicht. F\u00fcr den Blinden im Evangelium ist es Jesus. F\u00fcr uns kann es jeder Mensch sein, der wie Jesus zu helfen bereit ist &#8211; und wir k\u00f6nnen es f\u00fcr andere Menschen sein.<\/p>\n<p>Das Zweite: Helfer und Hilfsbed\u00fcrftiger kommen einander sehr nahe. Jesus, so haben wir geh\u00f6rt, &#8222;nahm den Blinden bei der Hand und f\u00fchrte ihn hinaus vor das Dorf, tat Speichel auf seine Augen, legte seine H\u00e4nde auf ihn und fragte ihn: Siehst du etwas?&#8220;<\/p>\n<p>Hilfe ist also etwas sehr Handgreifliches. Wer helfen will, darf sich nicht scheuen, zuzufassen, muss, wenn es n\u00f6tig ist, auch &#8222;den Finger in die Wunde legen&#8220; k\u00f6nnen. Und wenn ich Hilfe brauche, sollte ich darauf gefasst sein, dass diese Hilfe mir nahe geht, dass sie auch einen empfindlichen Punkt bei mir ber\u00fchren kann. Aber gerade das ist es, was Heilung und Hilfe von wirkungsloser Gesundbeterei unterscheidet.<\/p>\n<p>Mein Wunsch zum Schluss: Achten wir auf uns selbst, auf unsere Sichtweise. Passen wir auf, nicht blindlings den bequemsten Weg einzuschlagen. Helfen wir anderen, nicht betriebsblind zu werden, sondern ihr rechtes Augenma\u00df zu bewahren.<\/p>\n<p>Wir haben die sch\u00f6ne, bildhafte Redewendung &#8222;es f\u00e4llt mir wie Schuppen von den Augen&#8220;. Es w\u00e4re wunderbar, wenn uns dies von Zeit zu Zeit passieren w\u00fcrde. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Peter Kusenberg, Pastor und freier Journalist<\/p>\n<p>Adelebsen-Erbsen<\/p>\n<p>E-mail:\u00a0<a href=\"mailto:peter.kusenberg@kirche-erbsen.de\">peter.kusenberg@kirche-erbsen.de<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>12. Sonntag nach Trinitatis | 2. September 2001 | Markus 8,22-26 | Peter Kusenberg | Und sie kamen nach Betsaida. Und sie brachten zu Jesus einen Blinden und baten ihn, dass er ihn anr\u00fchre. 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