{"id":22324,"date":"2001-09-21T15:52:44","date_gmt":"2001-09-21T13:52:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22324"},"modified":"2025-03-21T15:54:34","modified_gmt":"2025-03-21T14:54:34","slug":"matthaeus-61-4-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-61-4-5\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 6,1-4"},"content":{"rendered":"<h3>13. Sonntag nach Trinitatis | 9. September 2001 | Matth\u00e4us 6,1-4 | Udo Schnelle |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Den ersten Christen hat sich Jesus von Nazareth vor allem als Lehrer eingepr\u00e4gt. Auch uns begegnet Jesus als Lehrer, denn in der Bergpredigt spricht er seit 2000 Jahren als Lehrer zu uns. Aus dem Zentrum der Bergpredigt stammt unser Predigttext:<\/p>\n<p>&#8222;Achtet darauf, eure Gerechtigkeit nicht zu \u00fcben vor den Leuten, um von ihnen gesehen zu werden, sonst habt ihr keinen Lohn vor eurem Vater in den Himmeln. Wenn du aber Almosen gibst (oder: Wohltaten tust), posaune nicht vor dir her, wie es die Heuchler tun in den Synagogen und auf den Stra\u00dfen, um von den Leuten ger\u00fchmt zu werden. Wahrlich ich sage euch: Sie haben ihren Lohn dahin. Wenn du aber Almosen gibst, soll deine Linke nicht wissen, was deine Rechte tut; damit dein Almosen im Verborgenen (bleibt). Und dein Vater, der ins Verborgene sieht, wird es dir lohnen.&#8220;<\/p>\n<p>Jesus redet nicht zu denen, die keine Gerechtigkeit \u00fcben, sondern zu denen, die sie tun. Es geht um die rechte Praxis der Gerechtigkeit, die das Verh\u00e4ltnis zu den Menschen, aber auch zu Gott bestimmt. Die Forderung ist eindeutig: Richte das Tun der Gerechtigkeit nicht darauf, von den Menschen gesehen zu werden. Sei nicht darauf aus, den Beifall der Menschen zu finden. Das Gute soll im Verborgenen geschehen und sich nicht selbst in der \u00d6ffentlichkeit darstellen. Eine Aufforderung, die in unserer heutigen Medienlandschaft sehr seltsam klingt. &#8222;Tue Gutes und rede dar\u00fcber; tue Gutes und stelle es zur Schau&#8220;. Diese Schlagworte bestimmen unsere Wirklichkeit. Wer beachtet und ins Gespr\u00e4ch kommen will, der mu\u00df bewu\u00dft in die \u00d6ffentlichkeit gehen. Nichts soll verborgen bleiben, sondern alle haben ein Recht darauf, \u00fcber die Medien alles zu erfahren. Die Selbstdarstellung ist f\u00fcr viele Berufsgruppen schon zur ersten Pflicht geworden. Politiker, Journalisten, Chefs gro\u00dfer Firmen, Rechtsanw\u00e4lte und auch Bisch\u00f6fe und Bisch\u00f6finnen leben von ihrer Darstellung in der \u00d6ffentlichkeit und sind nicht selten davon abh\u00e4ngig. In Umfragen und Politbarometern wird ihnen mitgeteilt, wie beliebt sie noch sind. Wenn von einer Bank, die ihre gro\u00dfen Gewinne im Verborgenen macht, eine Spende f\u00fcr einen guten Zweck \u00fcbergeben wird, zeigt sich der Firmenchef mit einem \u00fcbergro\u00dfen Scheck in der Zeitung. Es geht nicht mehr um die Inhalte, sondern vor allem um die Darstellung. Der Schein \u00fcbertrifft heute bei weitem das Sein.<\/p>\n<p>Jesus vertritt ein anderes Konzept. Warum stellt er dem Drang nach \u00d6ffentlichkeit das Tun im Verborgenen gegen\u00fcber? Weshalb bremst er das menschliche Verlangen, sich selbst in den Vordergrund zu stellen? Wer seine Gerechtigkeit zu einer Schau vor den Menschen macht, der ist zuallererst mit sich selbst besch\u00e4ftigt. Nicht mehr das Tun und seine Folgen stehen im Mittelpunkt, sondern der Mensch selbst. Der auf die \u00d6ffentlichkeit ausgerichtete Mensch unterstellt sich dem Urteil anderer Menschen, er will in ihren Augen als gerecht erscheinen. Sein Tun gilt in Wahrheit nicht den anderen Menschen, es gilt ihm selbst. Auf diese Weise macht er sich abh\u00e4ngig vom Urteil der anderen, ja richtet sich nach diesem Urteil aus. Ein absichtsloses Handeln aus Liebe, ein Tun des Guten um des anderen Willen ist so nicht mehr m\u00f6glich. Man wartet vielmehr auf den Lohn der Menschen, auf Beifall und Anerkennung.<\/p>\n<p>Jesus verweist auf einen anderen Lohn, den Lohn Gottes: die Liebe. Unter den Augen Gottes ist der Mensch unabh\u00e4ngig von den Blicken der Menschen. Er mu\u00df sich nicht den Meinungen anderer unterwerfen und kann sich f\u00fcr die Gerechtigkeit auch gegen die Meinung der Mehrheit einsetzen. Wer nicht auf den Beifall der Menschen schielt, ist wirklich frei, unter den Augen Gottes f\u00fcr das Gute einzutreten. Das Gute, die gr\u00f6\u00dfere Gerechtigkeit, von der Jesus in der Bergpredigt immer wieder spricht, ist die sch\u00f6pferische Liebe, die auf den Lohn Gottes und nicht auf Bezahlung hofft.<\/p>\n<p>Der Lohn Gottes &#8211; f\u00fcr evangelische Christen eine beunruhigende Vorstellung! Versteckt sich dahinter nicht eine Werkgerechtigkeit, die wir bei anderen vermuten und die bei uns selbst nicht zu finden sein soll? F\u00fcr Jesus war der Lohngedanke ein nat\u00fcrlicher Bestandteil seines Gottesverh\u00e4ltnisses. Im Zentrum des Lohngedankens steht eine Vorstellung, die unser Leben in all seinen Beziehungen bestimmt: kein Tun und kein Unterlassen ist folgenlos. Wer das Gute tun und das B\u00f6se verhindern will, kann nicht folgenlos handeln. Er mu\u00df deshalb auch nicht auf die positiven Wirkungen, auf die Fr\u00fcchte, auf den Lohn seiner Arbeit verzichten. Deshalb ist es nicht ungew\u00f6hnlich, da\u00df der Lohngedanke auch in unserer Beziehung zu Gott eine wichtige Rolle spielt.<\/p>\n<p>Unser Predigttext setzt voraus, da\u00df der Selbstdarsteller seinen Lohn bereits erhalten hat. Er wurde schon von den Menschen entlohnt; an die Stelle des Gotteslohnes tritt bei ihm der Beifall, die Anerkennung oder die Bezahlung der Menschen. Jesus hingegen empfiehlt seinen Zuh\u00f6rern, sich ganz auf Gott einzulassen und auf seinen Lohn zu warten. Zahlt Gott besser als die Menschen? Ist sein Lohn wertvoller, so da\u00df es sich lohnt, darauf zu warten? Dieses Berechnen, das naheliegende Spekulieren auf den gr\u00f6\u00dften Vorteil durchbricht Jesus mit einem paradoxen Satz. &#8222;Deine Linke soll nicht wissen, was deine Rechte tut.&#8220; Gott ist nicht zu berechnen, im Angesicht Gottes sind keine Berechnungen m\u00f6glich. Der Wohlt\u00e4ter soll sich bei seinen guten Taten nicht selbst zusehen, sondern auf den Notleidenden blicken. Seine linke Hand soll nicht wissen, was die rechte tut, unauff\u00e4llig und nicht selbstgef\u00e4llig mu\u00df das getan werden, was nottut.<\/p>\n<p>Auch wenn keine Berechnungen m\u00f6glich sind, der Lohngedanke bleibt: Der Vater, der ins Verborgene sieht, wird es dir lohnen. Unter den Augen Gottes mu\u00df sich der Mensch nicht zur Schau stellen, um Anerkennung zu bekommen. Er braucht sich nicht zu verstellen, sondern kann das Gute um der Bed\u00fcrftigen willen tun. Sein Tun wird nicht folgenlos sein, denn Gott nimmt es in seine Liebe zu uns Menschen auf. Das Tun des Guten geschieht um des Gotteslohnes willen und damit ganz um des bed\u00fcrftigen Menschen willen, gleichg\u00fcltig, ob dieser daf\u00fcr etwas zur\u00fcckgeben kann oder nicht. Ein \u00fcberraschender Gedanke: Die Erwartung des Gotteslohnes erm\u00f6glicht \u00fcberhaupt erst das gute Handeln um des Guten willen.<\/p>\n<p>Was ist denn heute das Gute? Reicht es aus, treu Kirchensteuern zu zahlen und hier und dort eine kleine Spende zu geben? Allgemeine Regeln gibt es nicht, sondern jeder mu\u00df seinen M\u00f6glichkeiten und der Situation entsprechend immer wieder neu entscheiden. Das ist schwierig genug. Manch einer gibt generell nichts, andere entscheiden sich spontan. Mir flattern in letzter Zeit vermehrt Bittbriefe aus Afrika ins Haus. Unbekannte Menschen bitten um Hilfe und malen auch gleich drastisch die Folgen meiner m\u00f6glichen Verweigerung aus: Hunger und Tod. Wenn mir in der Stadt \u201aHaste mal ne Mark&#8216;-Jugendliche begegnen, wei\u00df ich meistens nicht, ob ich etwas geben soll. Man wird skeptisch gegen\u00fcber weltweit organisiertem Betteln und ist nur ungern Geldgeber f\u00fcr Alkohol und Drogen. Also keine Patentrezepte, sondern nur die m\u00fchselige Entscheidung von Fall zu Fall. Entscheidend f\u00fcr Jesus ist das Motiv des Handelns.<\/p>\n<p>Unter den Augen Gottes braucht sich der Mensch nicht zur Schau zu stellen, der Fromme mu\u00df nicht mehr scheinen als sein. Das griechische Wort in unserem Text f\u00fcr Heuchler meint urspr\u00fcnglich einen Schauspieler, der eine Rolle zu spielen hat und daf\u00fcr in der Antike eine Maske trug. Ein Heuchler t\u00e4uscht etwas vor, er ist ein Schauspieler, der nicht wirklich meint, was er sagt. Der Fromme soll nicht wie ein Schauspieler eine Maske tragen und nach dem Applaus des Publikums heischen, um so seine eigene gute Tat zu genie\u00dfen. Durch Selbstdarstellung kommt kein Mensch wirklich an die Liebe heran, denn er will damit die Liebe erwerben. Liebe l\u00e4\u00dft sich nicht erwerben, sie wird geschenkt, sowohl von Gott als auch von Menschen.Wer sein Menschsein auf die Darstellung nach au\u00dfen, auf den \u00e4u\u00dferen Menschen verlegt, der wird niemals im Inneren reich und neu. Das Schielen auf den Beifall der anderen ist immer ein verg\u00e4nglicher Akt, der immer neue und auff\u00e4lligere Mittel einsetzen mu\u00df, um \u00fcberhaupt noch wahrgenommen zu werden. Die t\u00e4glichen Talk-Shows im Fernsehen sind das auff\u00e4lligste Beispiel daf\u00fcr. Ein Leben unter den Augen Gottes hingegen wei\u00df sich getragen von der G\u00fcte und Liebe des Sch\u00f6pfers. Er allein wei\u00df, was wir brauchen und er gibt es uns, damit wir es teilen und weitergeben. Zu dieser Einsicht will uns der Lehrer Jesus von Nazareth f\u00fchren.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p>Prof. Dr. Udo Schnelle<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>13. Sonntag nach Trinitatis | 9. September 2001 | Matth\u00e4us 6,1-4 | Udo Schnelle | Liebe Gemeinde! Den ersten Christen hat sich Jesus von Nazareth vor allem als Lehrer eingepr\u00e4gt. Auch uns begegnet Jesus als Lehrer, denn in der Bergpredigt spricht er seit 2000 Jahren als Lehrer zu uns. 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