{"id":22328,"date":"2001-09-21T15:57:13","date_gmt":"2001-09-21T13:57:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22328"},"modified":"2025-03-21T15:59:11","modified_gmt":"2025-03-21T14:59:11","slug":"genesis-2810-19a-20-22","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/genesis-2810-19a-20-22\/","title":{"rendered":"Genesis 28,10-19a (20-22)"},"content":{"rendered":"<h3>14. Sonntag nach Trinitatis | 16. September 2001 | Genesis 28,10-19a (20-22) | Heinrich Rusterholz |<\/h3>\n<p>(Zahlreiche Gespr\u00e4che mit Gemeindegliedern haben gezeigt, dass Jakob dem Namen nach bekannt ist. Gleichzeitig wurde deutlich, dass nur wenige die Geschichte voller Intrigen um Jakob, Esau, Isaak und Rebekka kennen. Da eine vertiefte Kenntnis der Person des fl\u00fcchtenden Jakob kaum vorausgesetzt werden kann, soll seine Geschichte kurz in Erinnerung gerufen werden. Deswegen habe ich mich auch entschieden, den Abschnitt mit Jakobs erkl\u00e4rter Bindung an Gott (V 20-22) ebenfalls zu lesen.)<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>I<\/p>\n<p>Engel sind heute popul\u00e4re Werbetr\u00e4ger. Als Garanten f\u00fcr himmlische Gen\u00fcsse, f\u00fcr unendliche M\u00f6glichkeiten und grenzenlose Freiheit werden sie mit Schokolade, Autos und Urlaub in Verbindung gebracht. Engelwesen werden zur Umsatzsteigerung bem\u00fcht. Dabei hat sie wahrscheinlich niemand je um Erlaubnis gebeten.<\/p>\n<p>In der evangelischen Kirche wurden die Engel lange Zeit kaum zur Kenntnis genommen. Sie wurden schlicht nicht beachtet oder gar verleugnet. Offenbar hat sie das nicht beeindruckt. Sie haben sich zur\u00fcckgemeldet.<\/p>\n<p>Da alle Menschen ein starkes Bed\u00fcrfnis nach Sicherheit und Geborgenheit haben, suchen sie Kr\u00e4fte, die solchen Schutz garantieren. Sie &#8211; wir alle &#8211; m\u00f6chten mit Bonhoeffer sp\u00fcren und bekennen: &#8222;Von guten M\u00e4chten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag&#8230;&#8220;. Darum ist es verst\u00e4ndlich, dass viele sich dieser M\u00e4chte versichern, sich ihrer gar bem\u00e4chtigen wollen. Sie sehnen sich nach Begegnungen mit guten Boten Gottes. Sie suchen sich ihren pers\u00f6nlichen Schutzengel. Einige berichten gar von eindr\u00fccklichen Erfahrungen mit Engeln.<\/p>\n<p>Wer durch solche Engelsboten Gottes Wirken sp\u00fcrt und einen Impuls f\u00fcr die Gestaltung des eigenen Lebens empf\u00e4ngt, wird dankbar sein. Wer sie jedoch zur Befriedigung eigener W\u00fcnsche sucht, wird sich dann fr\u00fcher oder sp\u00e4ter entt\u00e4uscht abwenden, wenn sie ihm nicht als Erf\u00fcllungsgehilfen dienen. Denn so wenig Gott \u00fcber sich verf\u00fcgen l\u00e4sst, so wenig lassen sich Engel herbeizwingen und sich in den Dienst zur eigenen Verwirklichung einsetzen. Ihre Aufgabe ist, auf die Gegenwart Gottes hinzuweisen. Meist machen sie das sehr diskret. So, dass die Menschen oft erst dann erkennen, dass sie im Alltag an ungewohntem Ort einem Engel begegnet sind, wenn der Bote Gottes in menschlicher Gestalt l\u00e4ngst wieder fort ist.<\/p>\n<p>II<\/p>\n<p>Wie erlebt also Jakob seine Begegnung mit den Engeln?<\/p>\n<p>Von Kind auf kennen die meisten von uns diese Geschichte von Jakobs Traum von der Schar der Engel. Dieses Bild von den auf einer Leiter oder Treppe auf und absteigenden Engeln beeindruckte Generationen und weckte die Erwartungen von vielen Gl\u00e4ubigen. Dieser Traum befl\u00fcgelte die Phantasie von vielen K\u00fcnstlern. Er brachte ihnen &#8211; und uns &#8211; etwas nahe, das uns fremd und zugleich so vertraut und ebenso wirklich ist, wie alle Wirklichkeit um uns her. Es ist die Welt in und \u00fcber uns, die wir mit berechnender Art nicht so ohne weiteres erfassen. Jakobs Begegnung mit den Engeln im Traum ist in gewisser Weise beispielhaft f\u00fcr weitere und auch pers\u00f6nliche Begegnungen von Menschen mit Boten Gottes.<\/p>\n<p>Dieses Bild vom offen stehenden Himmel und den gesch\u00e4ftigen Engeln l\u00e4sst auch unserer Phantasie und den Gedanken freien Lauf. Das Erschrecken Jakobs n\u00f6tigt uns jedoch, ernsthaft \u00fcber die Bedeutung dieser Erscheinung nachzudenken. Wir erkennen zun\u00e4chst, dass die stummen Boten Gottes die weite Distanz vom Himmel zur Erde \u00fcberbr\u00fccken. Sie machen zugleich deutlich, dass nur sie diesen Weg in beiden Richtungen begehen k\u00f6nnen und dass sich versteigt, wer ihnen folgt. Der Bericht l\u00e4sst aber offen, ob sie etwas, und wenn ja, was sie mit sich tragen. Ist das Jakobs Kummer, ist es seine Schuld? Z\u00fcgeln wir unsere Phantasie und lassen das Spekulieren, so verlockend es auch w\u00e4re, dar\u00fcber Vermutungen anzustellen!<\/p>\n<p>Nehmen wir schlicht zur Kenntnis, was auch Jakob sofort eingestehen musste: &#8222;Hier steht der Himmel nicht offen, damit ich, Jakob, mich dessen bem\u00e4chtige noch mich himmlischen Gen\u00fcssen hingebe. Der Himmel steht offen, weil Gott das Wort an mich richtet und mir bedeutet, dass er, der Gott Abrahams und Isaaks, auch mein Gott ist, der mich bereits im Mutterleib erw\u00e4hlt hat. Dieser Gott l\u00e4sst mich nicht fallen. Er wird mich auf allen k\u00fcnftigen Wegen beh\u00fcten.&#8220;<\/p>\n<p>Mit dieser Erkenntnis erwachte Jakob und ihm gingen tats\u00e4chlich die Augen auf: Er verstand, dass ihm dieses Land einst geh\u00f6ren werde. Er hat erfahren: Hier ist Bethel, das Haus der Gegenwart Gottes. Das soll der Stein, in dessen Schutz er geschlafen hat, als Mahnmal aufgerichtet, bezeugen.<\/p>\n<p>III<\/p>\n<p>Eindr\u00fccklich aber stumm weist der so aufgerichtete Stein auf die Gegenwart Gottes hin. Doch Gott legt sich nicht auf einen einzigen Ort fest. Erst sein Wort macht weitere Dimensionen seiner Gegenwart bekannt: Er wird Jakob zur Seite stehen, ihn an allen weiteren Orten beh\u00fcten und bewahren und ihm seinen k\u00fcnftigen Weg weisen. Er wird ihn also sicher geleiten, bis er endg\u00fcltig wieder da ankommen wird, wo er geschlafen hat. Gott hatte der Mutter Rebekka schon vor der Geburt ihrer beiden S\u00f6hne die besondere Stellung von Jakob zugesagt. An diesem Ort bekr\u00e4ftigte er dem Fl\u00fcchtenden sein fr\u00fcheres Wort mit der Verheissung: &#8222;Siehe ich bin mit dir und, wo du hinziehst, will ich dich beh\u00fcten und dich in dieses Land zur\u00fcckbringen.&#8220; Das allein ist grossartig.<\/p>\n<p>Noch grossartiger &#8211; aber weniger verst\u00e4ndlich &#8211; ist, dass Gott ausgerechnet dem Jakob die Treue h\u00e4lt, dem Menschen voller &#8222;krummer Touren&#8220;.<\/p>\n<p>Blenden wir kurz auf seinen Lebensweg zur\u00fcck: Jakob, der &#8222;Fersenhalter&#8220;, wurde so benannt, weil er bei der Geburt dem \u00e4lteren Zwillingsbruder Esau die Ferse hielt, wie wenn er ihn zur\u00fcckhalten und ihm den Rang streitig machen wollte. Jakob war, wie die Bibel berichtet, der Liebling seiner Mutter Rebekka, der Gott vor der Geburt der Zwillinge, vorausgesagt hatte, dass der \u00e4ltere dem j\u00fcngeren Sohn dienen werde.<\/p>\n<p>Wir kennen wahrscheinlich Jakob auch als den, der dem hungrigen Bruder gegen ein Linsengericht den Schwur abgetrotzt hatte, auf das Erstgeburtsrecht zu verzichten? Wollte er mit der zweifelhaften Tat schneller ans Ziel gelangen? Wollte er gar der Erf\u00fcllung des Willens Gottes etwas nachhelfen? Das wissen wir nicht. Wir wissen nur, dass er eine Schw\u00e4che Esaus brutal ausgen\u00fctzt hatte.<\/p>\n<p>Wesentlich eindeutiger ist die Anstiftung und Beihilfe der Mutter zum Betrug am Vater. Wir erinnern uns noch: Erblindet und dem Tode nahe bat Isaak den Esau, ihm ein Wild zu erlegen und ein gutes Gericht zu kochen, auf dass er ihn segne und so des Erbes versichere. Die Nachricht dar\u00fcber st\u00fcrzte Rebekka in ein Dilemma. Das n\u00f6tigte sie direkt, solches zu verhindern. So musste sie dem Esau zuvorkommen, denn f\u00fcr sie stand die Erf\u00fcllung der g\u00f6ttlichen Verheissung in Gefahr! Sie kochte ihrem Liebling Jakob ein B\u00f6cklein. Sie kleidete ihn in Esaus Kleider, damit ihn der erblindete Vater f\u00fcr seinen Erstgeborenen halte. Jakob spielte das \u00fcble L\u00fcgenspiel mit. M\u00f6glichweise f\u00fchlte er sich durch den Linsengericht-Schwur berechtigt. Er stellte sich dem Vater als Esau vor. Zur Untermauerung seiner L\u00fcge missbrauchte er Gott. Denn er erkl\u00e4rte dem Vater, Gott h\u00e4tte ihm das Wild so schnell zugef\u00fchrt. Trotz gewisser Zweifel segnete Isaak den Jakob und best\u00e4tigte ihm damit das Erbe.<\/p>\n<p>Heimgekehrt erkannte Esau auf der Stelle den doppelten Betrug Jakobs am Vater und an ihm. Erschrocken und tief traurig \u00fcber Jakobs Schandtat &#8211; und vielleicht auch \u00fcber die Folgen seiner eigenen Schw\u00e4che &#8211; wurde ihm klar, dass der Segen nur einmal erteilt werden kann. Zorn erf\u00fcllte ihn und bittere Entt\u00e4uschung. Er beschloss, seinen Bruder zu t\u00f6ten. Kaum hatte Rebekka das vernommen, versuchte sie zu retten, was noch zu retten war, Sie \u00fcberredete Isaak, den Jakob zum ihrem Bruder Laban weit weg nach Mesopotamien zu schicken. Dort, in ihrer Heimat, solle der heiraten, auf keinen Fall hier. Denn ob der Schwiegert\u00f6chter aus dem hiesigen Volk der Hethiter sei ihr das Leben verleidet. Jakob, der Intrigant, musste fliehen, denn jetzt war Esau ihm auf den Fersen.<\/p>\n<p>IV<\/p>\n<p>Auf der ersten Fluchtstrecke bringen ihm die Engel weder den Himmel noch die Erf\u00fcllung seiner geheimen W\u00fcnsche nahe. Aber sie wecken sein Bewusstsein f\u00fcr die Gegenwart und die Verheissung, dass Gott ihm die Treue halten werde.<\/p>\n<p>Gott ist ihm pl\u00f6tzlich nahe und spricht ihn an. Jakob erschrickt und f\u00fcrchtet sich, denn er ist Gott begegnet, er hat den Himmel geschmeckt und Hoffnung f\u00fcr die Zukunft gesch\u00f6pft. Darum bindet er sich an Gott und gelobt ihm Treue in einer etwas kecken Weise. Denn er stellt die Bedingung, dass Gott ihm auf seinem weiteren Weg Brot und Kleider garantiere.<\/p>\n<p>Trotzdem geleitet die Verheissung, &#8222;Ich will dich nicht verlassen&#8230;&#8220;, den schuldbeladenen Menschen auf seinem schweren Weg durch Gegenwart und Zukunft bis ans Ziel. Denn die Zusage des Segens verspricht ihm keine schmerzlose Tilgung seiner Schuld. Wir erinnern uns wie Jakob Bitteres erf\u00e4hrt, wie er seine Familie, sein Land, alles was ihm vertraut und teuer ist verlassen muss. Bei Laban beginnt er neu und arbeitet hart, um dem Schwiegervater den Verlust der beiden T\u00f6chter, seiner Frauen, zu kompensieren. Dabei wird auch er zum Betrogenen. Schliesslich, nach 20 Jahren, kann er mit Rahel und Lea den Heimweg antreten.<\/p>\n<p>Wirtschaftlich ist er gesichert. Doch Angst und Schuld dr\u00fccken in, bis er mit Esau ins Reine gekommen ist. Das geschieht spontan bei ihrer ersten Begegnung. Esau schliesst seinen Bruder in die Arme. Er nimmt ihn auf und gew\u00e4hrt ihm Gnade. Damit findet der lange Weg des Jakob zwischen j\u00e4her Flucht und g\u00fctiger Aufnahme, von der Schuld hin zur Vergebung, vom Hass bis zur Vers\u00f6hnung ein gl\u00fcckliches Ende. Unabh\u00e4ngig von irgend einem heiligen Ort erfahren die beiden die vers\u00f6hnende Gegenwart Gottes.<\/p>\n<p>Auf seinem ganzen Weg hat Jakob Gottes Gegenwart erfahren. Sein Erleben lehrt uns, dass sich Gottes Verheissungen nicht herbeizwingen lassen und keineswegs ein Freibrief sind f\u00fcr eigene &#8222;krumme Touren&#8220;. Die Engel erl\u00f6sen ihn nicht. Sie machen ihn aber aufnahmef\u00e4hig f\u00fcr Gottes Wort und damit f\u00fcr die grosse Verheissung, die Jakob gilt und allem Volk der Erde.<\/p>\n<p>Das gilt auch uns. So d\u00fcrfen wir dankbar zur Kenntnis nehmen, dass Gott in unserem Leben &#8211; und damit auch auf unseren manchmal etwas krummen Wegen &#8211; gegenw\u00e4rtig ist. Er geleitet Israel und die Kirche, auf ihrem Weg in Gegenwart und Zukunft. Er n\u00f6tigt uns keinen Kraftakt ab, etwa so, dass wir krampfhaft nach Engeln suchen und Schutzengel beschw\u00f6ren m\u00fcssten. Gott will, dass auch wir auf unserem Weg offen bleiben f\u00fcr sein Wort &#8211; offen auch f\u00fcr seine Boten, die uns irgendwo im Alltag &#8211; aber auch an vertrauten Orten &#8211; , durch Wort und Tat bezeugen, dass er gegenw\u00e4rtig ist in dem, der bekannt hat: &#8222;Ich bin gekommen, damit sie Leben und reiche F\u00fclle haben.&#8220;<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p>Heinrich Rusterholz<\/p>\n<p><a href=\"mailto:u-h.rusterholz@bluewin.ch\">u-h.rusterholz@bluewin.ch<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>14. Sonntag nach Trinitatis | 16. 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