{"id":22330,"date":"2001-09-21T15:59:32","date_gmt":"2001-09-21T13:59:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22330"},"modified":"2025-03-21T16:01:37","modified_gmt":"2025-03-21T15:01:37","slug":"genesis-2810-19a","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/genesis-2810-19a\/","title":{"rendered":"Genesis 28,10-19a"},"content":{"rendered":"<h3>14. Sonntag nach Trinitatis | 16. September 2001 | Genesis 28,10-19a | Karsten Matthis |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>Jakob hat einen phantastischen Traum: Was f\u00fcr ein unglaubliches und monumentales Bild! Eine Himmelsleiter steht auf der Erde und ihre Spitze ragt in den Himmel hinein. Jakob erblickt eine Himmelsleiter auf der die Engel Gottes auf und absteigen. Gott selbst steht unten am Ende der Leiter und spricht zum schlafenden Jakob. Nicht nur f\u00fcr die gottesf\u00fcrchtigen Erz\u00e4hler der Genesis wird ein k\u00fchnes, unfassbares Bild entfaltet: Gott steigt herab, sucht Jakob an seiner Schlafstelle auf und offenbart sich ihm. Der vom heimischen Hof geflohene und vom Zwillingsbruder Esau verfemte Jakob wird als w\u00fcrdig empfunden, in das Allerheiligste, in die Himmelswelt des einzigartigen Gottes, dem Gott der V\u00e4ter, zu blicken.<\/p>\n<p>Der sich auf der Flucht befindende Jakob ist kein Gro\u00dfer der Weltgeschichte, weder ist er politisch einflussreich noch moralisch integer. Der \u00dcberlieferung nach ist Jakob ein cleverer, listiger Hirte, der seinen Bruder Esau zweimal aus Habgier betr\u00fcgt. F\u00fcr ein Linsengericht kauft er ihm das Erstgeburtsrecht ab und erschleicht sich mit Hilfe seiner Mutter den v\u00e4terlichen Segen. Sp\u00e4ter werden seine Nachfahren von ihm berichten, dass er ein umherirrender Aram\u00e4er gewesen sei.<\/p>\n<p>Ganz selbstverst\u00e4ndlich dr\u00e4ngen sich Fragen auf: Warum wird Jakob und nicht Esau erw\u00e4hlt? Esau st\u00e4nde doch nach der Tradition als dem Erstgeborenen der Segen zu? Warum wird der listige Zwillingsbruder Jakob Erzvater der zw\u00f6lf St\u00e4mme Israels? Warum w\u00e4hlt sich Gott nicht einen bedeutenden Herrscher aus, um ihn zum Tr\u00e4ger seiner gro\u00dfen Verhei\u00dfung zu machen?<\/p>\n<p>Den Gott Israels st\u00f6rt es nicht, menschliche Konventionen gr\u00f6blich zu verletzen. Stattdessen wendet sich Gott an Jakob und \u00fcberbringt ihm eine gro\u00dfartige Verhei\u00dfung. Nicht nur einen reichen Landbesitz, sondern ebenfalls zahlreiche Nachkommenschaft und immerw\u00e4hrender Schutz spricht er dem Umherirrenden zu. An dieser unglaublichen Verhei\u00dfung m\u00fcsste Jakob irre werden, denn f\u00fcr einen Menschen mit dem Erfahrungshorizont eines Nomaden waren dies schier unglaubliche Versprechungen. Zahlreiche Nachkommenschaft, Reichtum und Landbesitz &#8211; noch heute sind dies nicht zu realisierende Tr\u00e4ume der Menschen im Nahen Osten.<\/p>\n<p>Als Jakob erwacht, erschrickt er \u00fcber den Traum zutiefst. Niemals hat er mit einer unmittelbaren Begegnung mit dem Himmel auf Erden gerechnet. Dass an dieser Stelle Gott zugegen ist, hatte er nicht vermuten k\u00f6nnen. Wie eine Auslegung dieser Jakob &#8211; Erz\u00e4hlung mutet der Satz aus dem Jesaja Buch an: &#8222;Ich lie\u00df mich suchen von denen, die nicht nach mir fragten; ich lie\u00df mich finden von denen, die mich nicht suchten.&#8220; (Jes. 65,1). Jakob wird von Gott auf dem Schlaflager \u00fcberrascht. Nicht Jakob hat ihn gesucht, sondern der Gott der V\u00e4ter hat ihn gefunden.<\/p>\n<p>Nach diesem dramatisch, phantastischen Traum handelt Jakob \u00fcberraschend n\u00fcchtern. Er kann den Traum sofort einordnen und wei\u00df ihn auszulegen. F\u00fcr Jakob ist dieser Traum kein Hirngespinst &#8211; nein, er dr\u00fcckt Gottes all umfassenden Segen aus. Dieser Ort der g\u00f6ttlichen Offenbarung muss gekennzeichnet und die Verhei\u00dfung der Nachwelt \u00fcberliefert werden. Gott hat sich hier an der Pforte des Himmels, in Bethel, offenbart und die gro\u00dfartige Verhei\u00dfung, die bereits an Abraham und Isaak erging, erneuert. Hier an dieser heiligen Stelle soll nun ein Gotteshaus stehen. \u00dcber diesen heiligen Ort, an dem sich der Himmel \u00f6ffnete, soll die Nachwelt Kenntnis erhalten. Ein Mahnmal soll von nun an diese einzigartige Gottesbegegnung erinnern.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, &#8222;Pforten des Himmels&#8220; k\u00f6nnten wir dies mit so gro\u00dfer Gewissheit sagen, wo diese sind? Wir w\u00fcnschen und sehnen uns nach g\u00f6ttlicher Geborgenheit, aber als aufgekl\u00e4rte Menschen, da m\u00f6chten wir Gott nicht festmachen an einer Kultst\u00e4tte, an einem bestimmten Ort. Es gibt viele Kirchen in Deutschland mit gro\u00dfer Vergangenheit und starker innerer und \u00e4u\u00dferer Ausstrahlung, aber diese w\u00fcrden wir nun doch nicht pauschal als Himmelspforten bezeichnen. Der Hamburger Michel, die St. Lorenz Kirche in N\u00fcrnberg, der Dom zu Speyer, die wiedererbaute Frauenkirche in Dresden oder der K\u00f6lner Dom, um nur einige bedeutende Kirchen zu nennen, sind sicherlich beeindruckend und pr\u00e4gen ihre Stadt. Ihre Kircht\u00fcrme m\u00f6chten wir nicht missen und h\u00f6ren gern das Gel\u00e4ut ihrer Glocken. Nicht nur Christen aller Konfessionen sch\u00e4tzen diese und andere Kirchen als Denkm\u00e4ler, St\u00e4tten der Einkehr und als Ort von geistlichen Konzerten, aber &#8222;Tore des Himmels&#8220;, diese Klassifizierung wird niemand leichtfertig gebrauchen.<\/p>\n<p>Wo, wann und wie Gott sich offenbart, dies entscheidet er nur ganz allein. Gott l\u00e4sst sich nicht zwingen! Sein Wort l\u00e4sst sich nicht an einem Ort festmachen. Wo der Himmel \u00fcber Menschen aufbricht, und Gott sich offenbart, dass entscheidet der freie, souver\u00e4ne Gott. Aber unsere Gedenksteine, unsere Kirchen, Kapellen und Andachtsr\u00e4ume in Krankenh\u00e4usern oder Altenheimen sind und bleiben wichtig: Als Orte des Dankes, des Trostes und der immer wieder neu geschenkten Zuversicht, dass Gott Treue h\u00e4lt. Gottesdienste behalten ihren Sinn als feste Zeiten des H\u00f6rens, Lobens und Dankens. Der sonnt\u00e4gliche Gottesdienst bewahrt uns vor der Vereinzelung im Glauben, da wir dort andere Christen treffen und erleben, wie diese von Gottes Wort ber\u00fchrt und getragen werden. Die Predigt sch\u00fctzt uns davor, aus dem christlichen Glauben eine private Angelegenheit zu machen. Eine gute Predigt r\u00fcttelt wach und rei\u00dft uns aus unserer gef\u00e4lligen Selbstzufriedenheit heraus, aber Verk\u00fcndigung soll auch tr\u00f6sten und ermutigen f\u00fcr den Alltag.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, kein noch so pr\u00e4chtiger Kirchbau und kein Stein wird aus sich selbst heraus heilig. Kein noch so festlicher Gottesdienst und eine noch so rhetorisch ausgefeilte Predigt k\u00f6nnen f\u00fcr sich allein glaubw\u00fcrdig sein, wenn nicht Gottes Wort sie tr\u00e4gt. Ein Ort wird uns dann bedeutsam, gar heilig, wenn wir dem lebendigen Gott dort begegnet sind. Gott begegnen wir in seinem Wort und Sakrament, in welchen wir Vergebung, Segnung und Ermutigung erfahren. Gott schenkt uns diese Begegnung und wir erahnen, dass Himmel und Erde sich ganz nahe gekommen sind.<\/p>\n<p>Dass Gott an gewohnten, vertrauten Orten uns nahe kommen will, berichtet eine alte Legende: Zwei M\u00f6nche hatten gelesen, dass es am Ende der Welt einen Ort g\u00e4be, wo sich Himmel und Erde ber\u00fchrten. Eine T\u00fcr sei dort, es gelte nur anzuklopfen, einzutreten, und schon sei man am heiligen Ort. Und die M\u00f6nche beschlossen ihn zu suchen und nicht eher umzukehren, bis sie ihn gefunden h\u00e4tten, Und sie durchwanderten in vielen Monaten die ganze Welt, bestanden viele Gefahren, und fanden schlie\u00dflich, was sie suchten. Sie klopften an, bebenden Herzens sahen sie, wie sich die T\u00fcr \u00f6ffnete &#8211; und standen zu Hause in ihrer Klosterzelle. Da begriffen sie: Der Ort, wo Gott uns begegnen will, ist immer an der Stelle, den Gott uns allt\u00e4glich zugewiesen hat.<\/p>\n<p>Durch das Wort Gottes wird Bethel zum heiligem Ort, nicht durch das Aufstellen des Gedenksteins. Unsere Kirchen und Gemeindeh\u00e4user werden nur zu St\u00e4tten Gottes, weil seine Verhei\u00dfung \u00fcber ihnen liegt. Getragen von seinem Wort wird Kirche zur wahren Kirche, zum Haus Gottes. Sein Segen liegt auf unseren Gottesdiensten und auf sein Wort d\u00fcrfen wir trauen, welches er vor Tausenden von Jahren zu Jakob gesprochen hat: &#8222;Ich bin mit dir und will dich beh\u00fcten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe.&#8220; (Gen. 28, 15)<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p>Literatur:<\/p>\n<p>Dietrich Hombeck: 14. Sonntag nach Trinitatis, Deutsches Pfarrerblatt, Heft 8\/ 2001<\/p>\n<p>Dieter Walter: 14. Sonntag post Trinitatis, Homiletisch &#8211; Liturgisches Korrespondenzblatt &#8211; Neue Folge, Nr. 70\/ 2001<\/p>\n<p>Karsten Matthis, Dipl. Theol.<\/p>\n<p>Hochheimer Weg 11 a<\/p>\n<p>53343 Wachtberg<\/p>\n<p><a href=\"mailto:karsten.matthis@t-online.de\">E-mail: karsten.matthis@t-online.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>14. Sonntag nach Trinitatis | 16. September 2001 | Genesis 28,10-19a | Karsten Matthis | Liebe Gemeinde, Jakob hat einen phantastischen Traum: Was f\u00fcr ein unglaubliches und monumentales Bild! Eine Himmelsleiter steht auf der Erde und ihre Spitze ragt in den Himmel hinein. Jakob erblickt eine Himmelsleiter auf der die Engel Gottes auf und absteigen. 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