{"id":22332,"date":"2001-09-21T16:01:41","date_gmt":"2001-09-21T14:01:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22332"},"modified":"2025-03-21T16:04:28","modified_gmt":"2025-03-21T15:04:28","slug":"genesis-2810-16","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/genesis-2810-16\/","title":{"rendered":"Genesis 28,10-16"},"content":{"rendered":"<h3>14. Sonntag nach Trinitatis | 16. September 2001 | Genesis 28,10-16 | Katja Moscho |<\/h3>\n<p>&#8222;F\u00fcrwahr, der Herr ist an dieser St\u00e4tte, und ich habe es nicht gewu\u00dft&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Jakob war ein Mensch, der wei\u00df.<\/p>\n<p>Er wei\u00df, wie die Welt tickt, die nach strengen Regeln und Gesetzen geordnet ist. Die Welt, in der Haben und Sein so eng miteinander verkn\u00fcpft sind, da\u00df nur der etwas z\u00e4hlt, der viele Morgen Land, eine gro\u00dfe Viehherde und einen Mercedes vorzuweisen hat. Und eine Welt, die gleichzeitig die Chance auf Besitz schon mit der Geburt gn\u00e4dig gew\u00e4hrt oder unbarmherzig vernichtet.<\/p>\n<p>Jakob ist der ewig Zweite, wenige Minuten zu sp\u00e4t geboren, erst nach seinem Bruder Esau. Ewig Zweiter auch vor dem Vater, der &#8211; verwurzelt in der Tradition, &#8211; nat\u00fcrlich seinen Erstgeborenen favorisiert: Den Sohn, den Erstgeburtsrecht und Segen als Stammhalter und Erben auszeichnen; der den Fortbestand der Sippe gew\u00e4hrleisten wird. Jakob dagegen werden all seine Klugheit, sein Einfallsreichtum und seine Zielstrebigkeit nichts n\u00fctzen: Auf legalem Weg wird er es nie zu etwas bringen. Vor der Welt nicht, vor seinem Vater nicht, vor sich selbst nicht und anscheinend auch vor seinem Gott nicht &#8211; verweigert der doch ihm als Zweitgeborenem den Segen.<\/p>\n<p>&#8222;F\u00fcrwahr, der Herr ist an\u00a0dieser\u00a0St\u00e4tte, und ich habe es nicht gewu\u00dft&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Jakob ist ein Mensch, der wei\u00df.<\/p>\n<p>Er wei\u00df sehr genau, was er will. Er leidet unter der Ungerechtigkeit dieser Welt, die er von klein auf an eigener Haut erfahren mu\u00dfte. Sein Zwiespalt zwischen Wollen, K\u00f6nnen und D\u00fcrfen wird immer abgr\u00fcndiger; er sehnt sich nach Anerkennung, zumal die Mutter als treibende Kraft wirkt, die ihn putscht und fordert. Wenn also Recht und Segen des Erstgeborenen die einzigen Mittel und Wege sind, um endlich Ansehen zu erlangen, dann mu\u00df er sie eben erzwingen &#8230; von Gott und Mensch &#8230; &#8211; egal auf welchem Wege. Wer k\u00f6nnte derartige \u00dcberlegungen einem Menschen verdenken, dem schon vor dem ersten Schrei ins Leben, vor jeder \u00c4u\u00dferung seiner Individualit\u00e4t, auch individueller Begabungen und Neigungen, alle Entfaltungsm\u00f6glichkeiten unausweichlich verweigert werden&#8230;<\/p>\n<p>Jakob ist ein Mensch, der wei\u00df.<\/p>\n<p>Jakob wei\u00df, wann seine Stunde gekommen ist. In einer g\u00fcnstigen Minute wird so um das Erstgeburtsrecht geschachert wie um ein St\u00fcck Vieh auf dem Markt, und den Segen des Vaters ergaunert er sich durch Betrug. Mit seiner List geht er zwar nicht \u00fcber Leichen, aber \u00fcber die Rechte seines Bruders, die W\u00fcrde seines erblindeten Vaters und letztlich auch \u00fcber seine eigene W\u00fcrde.<\/p>\n<p>&#8222;F\u00fcrwahr, der Herr\u00a0ist\u00a0an dieser St\u00e4tte, und ich habe es nicht gewu\u00dft&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Aber ich wollte doch nur&#8230; eine Chance&#8230;&#8220;, k\u00f6nnte Jakob erwidern, &#8220; und schlie\u00dflich: Heiligt nicht der Zweck die Mittel &#8211; wenn auch\u00a0meinen\u00a0Zweck -?&#8220;<\/p>\n<p>Lug und Betrug also auf der ganzen Linie, sein Bruder Esau unwiderruflich um seine Lebensrechte betrogen, der Vater um seinen regul\u00e4ren Stammhalter &#8211; kein Wunder, da\u00df Jakobs Angst vor der Rache des Bruders w\u00e4chst. Er wei\u00df, wie die Welt funktioniert &#8211; wir m\u00fcssen nicht erst aus dem Europa des 21. Jahrhundert ins Israel vor oder nach Christi Geburt gehen, wo in diesen Tagen wieder ein Vergeltungsschlag den n\u00e4chsten provoziert. Seit Menschengedenken gehorcht die Welt dem Gesetz von Schuld und Rache, S\u00fcnde und Strafe, eben menschlicher, nicht-g\u00f6ttlicher Gerechtigkeit. Ordnung, die wie Glieder einer Kette schier undurchtrennbar in sich selbst verhakt ist, oft unbarmherzig, ja. Aber auch Schutz: Schutz als Mitglied der Gesellschaft, nicht betrogen oder beraubt zu werden wie Esau und Schutz als Individuum, in zwischenmenschlichen Beziehungen nur in m\u00f6glichst ertr\u00e4glichem Ma\u00dfe Verletzungen ausgesetzt zu sein. Indem Jakob sich \u00fcber die Ordnung hinwegsetzt, ist friedliches Zusammenleben bedroht und Orientierung gef\u00e4hrdet, und dieser Versto\u00df mu\u00df nach der Logik dieser Welt geahndet werden.<\/p>\n<p>Der weitere Verlauf der Erz\u00e4hlung, w\u00fcrde sie uns in der Weltgeschichte begegnen ebenso wie in unz\u00e4hligen Filmen, ist leicht zu erraten. Jakob flieht aus Angst vor Esaus Rache &#8211; &#8222;unstet und fl\u00fcchtig wirst du sein&#8220; hei\u00dft es schon bei Kain und Abel \u00fcber den Menschen &#8230; Esau verfolgt ihn mit seinen M\u00e4nnern, treibt ihn in die Enge oder wartet auf eine g\u00fcnstige Gelegenheit, und dann, vielleicht, wenn Jakob ahnungslos schl\u00e4ft, greift er an. Der Kampf wogt hin und her, viele Menschen sterben, bis endlich einer der Br\u00fcder f\u00e4llt oder sich ergibt. Ein neues Machtgef\u00e4lle manifestiert sich, das zweifellos erneuter Unterdr\u00fcckung bedarf, um wiederum die Verh\u00e4ltnisse zu sichern. &#8211; &#8222;Aber Jakob h\u00e4tte es doch auch nicht anders verdient-&#8220; &#8230; Verdient&#8230;?<\/p>\n<p>&#8222;F\u00fcrwahr, der\u00a0Herr\u00a0ist an dieser St\u00e4tte, und ich habe es nicht gewu\u00dft&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Lesung Gn 28,10-16<\/p>\n<p>Jakob ist also auf der Flucht, Herz und Gedanken erf\u00fcllt von Angst &#8211; wei\u00df er doch, da\u00df er nicht nur seinem Bruder Unrecht getan, sondern auch gegen die Gebote Gottes versto\u00dfen hat. Nicht nur Esaus Vergeltung mu\u00df er wohl f\u00fcrchten &#8211; &#8222;unstet und fl\u00fcchtig wirst du sein auf der Erde&#8230;&#8220;. All seine \u00fcberlegene Ruhe ist von ihm abgefallen, seine Angst treibt ihn, er hastet auf dem einzigen Ausweg, der ihm bleibt, vorw\u00e4rts, nur vorw\u00e4rts &#8211; aber wo in aller bedrohlichen Ungewi\u00dfheit der Zukunft ist hier schon &#8222;vorw\u00e4rts&#8220;? Gibt es das \u00fcberhaupt noch, jenes vielbesungene &#8222;vorw\u00e4rts&#8220;, wenn man wie er auf der Flucht ist in einem fremden Land und mit dem Wissen, nie mehr in seine Heimat zur\u00fcckkehren zu k\u00f6nnen? Wo liegt &#8222;vorw\u00e4rts&#8220;, wenn man vor einer absoluten und dunklen Unsicherheit der Zukunft steht?<\/p>\n<p>Jakob wei\u00df es nicht, wei\u00df auch und noch nicht einmal das. Absolute Orientierungslosigkeit, in der nicht einmal Zeit und Gedanke daran, sich ein sicheres und schirmendes Nachtlager zu suchen, ihm bleiben. Als er vom Sonnenuntergang irgendwo in der W\u00fcste \u00fcberrascht wird und sich f\u00fcr die Nacht niederlegt, wird sich Jakob noch schutzloser gef\u00fchlt haben als im hellen Licht des Tages. Lediglich ein einziger, nicht gerade gen Himmel ragender Stein dient Jakob als Schutzwall &#8230; was auch immer ihn in der Dunkelheit erwartet&#8230; Geheimnisvolle Nacht: Voller Gefahren &#8211; in der Nacht sind alle Katzen grau und jeder Hinterhalt gedeckt -, Ort des nicht-gewu\u00dften Unvergessenen, Ort der Tr\u00e4ume und Gesichter&#8230; Ort auch der Selbsterkenntnis, die Anklage erhebt&#8230;<\/p>\n<p>&#8222;Und Dunkelheit war \u00fcber der Tiefe [&#8230;]. Und Gott sprach: \u201aEs werde Licht&#8230;&#8216; [&#8230;] Und Gott sah, da\u00df es gut war&#8230;&#8220;&#8220;<\/p>\n<p>Jakob ist ein Mensch. Was wei\u00df er schon.<\/p>\n<p>Er ist vielleicht schlau, das ja, und sieht seine Umwelt klar und bisweilen schonungslos. Aber weiter sieht er nicht, seine allzu menschlichen Augen, verhangen von Furcht und Schuld, verm\u00f6gen nicht hinter die Kulissen und Fassaden, \u00fcber die Grenzen der Welt hinauszublicken. Alle List, aller Aktionismus &#8211; ob blind oder blendend &#8211; n\u00fctzen ihm an dieser Stelle nichts, unausweichlich bleibt er Teilchen im Getriebe, erf\u00fcllt seine Rolle im Konflikt auf Leben und Tod, der ihn und seinen Bruder gefangen h\u00e4lt. Jakobs Augen blicken auf sein Leben, seine Welt: Keine Chance, auszubrechen, den Teufelskreis zu stoppen: Was vermag schon ein einzelner, winziger Mensch auszurichten gegen Lauf und Gesetze der Welt. So ist es nun einmal, Auge um Auge, Zahn um Zahn; mein ist die Rache, spricht der Herr&#8230;.<\/p>\n<p>&#8222;F\u00fcrwahr, der Herr ist an dieser St\u00e4tte, und ich habe es\u00a0nicht\u00a0gewu\u00dft&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Ich habe es nie gewu\u00dft &#8211; noch nie, konnte es noch nie wissen &#8211; was sehen meine Augen schon anderes als Schuld &#8211; die eigene oder fremde -, Zw\u00e4nge, Verstrickungen und Zwiesp\u00e4lte&#8230; &#8211; noch nie habe ich es gewu\u00dft&#8230; &#8211; ist der Herr an dieser St\u00e4tte&#8230; an meiner St\u00e4tte&#8230;???&#8220;<\/p>\n<p>Mitten in dunkelster, tiefer Nacht der Ratlosigkeit geschieht etwas mit Jakob, diesem Fl\u00fcchtigen vor Vergangenheit, Gegenwart und drohender Zukunft. Alles andere h\u00e4tte er auf dem W\u00fcstenweg seines einsamen Lebens als Empork\u00f6mmling erwartet als das: Eine heil-same Gegenwart durchdringt ihn. Ihn, den Schuldigen, der, alles andere als sanftm\u00fctig und friedenstiftend, gegen die Ordnungen Gottes und der Menschen versto\u00dfen hat&#8230; Der zun\u00e4chst einmal nichts weiter zu erwarten hatte als g\u00f6ttlich-menschlichen Zorn und Strafe &#8211; ob gerechtfertigt oder nicht. Des Tags auf der Flucht und nachts dem Schutz der Dunkelheit ausgeliefert&#8230;<\/p>\n<p>In unserer menschlich-\u00e4rmlichen Sprache l\u00e4\u00dft sich kaum einen Ausdruck finden f\u00fcr die tiefe Ber\u00fchrung, die ein neues Licht wirft und Jakobs Leben umzukrempeln beginnt. Wie ein Tr\u00e4umender, so scheint sich Jakob zu f\u00fchlen, alles ist auf wundersame Weise wahr und doch zu \u00fcberw\u00e4ltigend, um es wirklich als real zu begreifen.<\/p>\n<p>Gott stellt nicht die Situation um, er ist kein Magier, der menschliche Verbindungen und Gef\u00fchle verzaubert, ohne die Freiheit und Verantwortlichkeit des Menschen zu achten. Aber seine Verhei\u00dfung durchbricht, was Welt und Menschen festzulegen im Sinn hatten. Sie gilt Jakob, dem fl\u00fcchtig Schuldigen und schuldig Fl\u00fcchtigen, dem Betr\u00fcger, \u00fcber den die Welt das Urteil f\u00e4llt: Einmal schuldig, immer schuldig. Dem Opfer der Verh\u00e4ltnisse, das im Staub liegenzubleiben scheint ohne die Kraft zu ewig wiederkehrenden Neuanf\u00e4ngen. Dem Fl\u00fcchtigen vor sich selbst und dem Leben, voller unstillbar-sehnender Sucht nach Anerkennung und Beziehung in der Selbstbezogenheit\u00a0jeden\u00a0Lebens. &#8211; Ihm &#8211; vielmehr: ihnen allen &#8211; gilt die Zusage Gottes: &#8222;Und siehe, ich bin mit dir und will dich beh\u00fcten, wo du hinziehst [&#8230;]. Denn ich will dich nicht verlassen [&#8230;]&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Auch wenn Jakob das Gef\u00fchl hat, allein auf weiter Flur zu stehen, sein Leben vorherbestimmt scheint &#8211; &#8222;unstet und fl\u00fcchtig sollst du sein&#8230;&#8220;: &#8211; Der Segen, den er sich vormals ergaunern wollte, wird ihm von Gott geschenkt. So wie Gott gleichsam als Vorzeichen das Kainsmal als Schutz \u00fcber eine Menschheit stellte, in der wie unter Zwang und immer wieder Schuldige zu Opfern werden und Opfer zu Schuldigen, ebenso bleibt Gott auch Jakob verbunden: &#8222;Ich bin mit dir&#8230;&#8220;.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr Worte: &#8222;Ich will dich nicht verlassen&#8230;jetzt und in alle Ewigkeit&#8230; ich bin bei euch, alle Tage bis an der Welt Ende&#8230; Mensch, mein Mensch, kein Tag wird sein, an dem ich nicht mit dir bin, an dem mein Segen dich nicht umgibt und du tiefer fallen kannst, als meine Hand dich tr\u00e4gt&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;F\u00fcrwahr, der Herr ist an dieser St\u00e4tte&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Was f\u00fcr Worte&#8230;, wird auch Jakob gedacht haben. Erf\u00fcllt von der Verhei\u00dfung, die ihm eine vollkommen neue Perspektive schenkt, voller \u00fcbersch\u00e4umender Freude, Hoffnung und beseligendem Vertrauen &#8211; mag ihn vielleicht eine noch gr\u00f6\u00dfere Sehnsucht nach Vollendung ergriffen haben. &#8222;Jetzt\u00a0wird alles anders, ich schw\u00f6re es,\u00a0jetzt\u00a0habe ich die Kraft, jetzt \u00e4ndere ich mein Leben &#8230;mich selbst&#8230; von Grund auf, du wirst sehen.\u00a0Jetzt\u00a0bin ich stark genug, die Treppe Stufe um Stufe zu erklimmen&#8230;zu dir&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Und das Auge emporhebend, schweift Jakobs Blick in die Ferne. Am Horizont zeigen Rauchs\u00e4ulen den Ort an, an dem sein Bruder Esau auf der Verfolgungsjagd das Nachtlager aufgeschlagen hat. Leises Donnergrollen k\u00fcndet von einem erneuten Bombenanschlag in der Jerusalemer Innenstadt, und der Wind weht den Geruch der Armut unter den Br\u00fccken und aus anderen versteckten Schlupfwinkeln der St\u00e4dte hin\u00fcber. Leise weint ein Kind, das noch immer nicht versteht, warum der Boden unter Mamas F\u00fc\u00dfen manchmal so wankt, da\u00df Wort und Hand ihr ausrutschen, und Jakob sp\u00fcrt die unbarmherzige H\u00e4rte des Felsbodens, der ebenso versteinert scheint wie das Gesicht des Menschen, der sein Liebstes unwiederbringlich verloren hat. Jakobs Blick schweift umher, und er sieht Leben und Welt, wie sie SIND: &#8211; Ewig zwiesp\u00e4ltig; geliebt und verha\u00dft, verletzend und verbindend, hungrig und m\u00fcde des Lebens, voller Hoffnung und Angst, Schmerz und Freude&#8230; ewige Sehnsucht&#8230; Und er sieht die Himmelstreppe, sieht jetzt auch, da\u00df ihr Ende nicht auf der Erde wurzelt, sie noch nicht einmal ber\u00fchrt, sondern vom Himmel aus auf sie gerichtet ist.<\/p>\n<p>Er reckt sich, streckt sich mit aller Gewalt nach ihr aus, er w\u00fcrde alles setzen, um sie zu erreichen, ohne Erfolg. Und Jakobs Schrei vermischt sich mit unserem eigenen und dem aller Kreatur, angefangen bei Adam und Eva: &#8222;Warum, Gott? Wo sind deine Worte mehr als sch\u00f6n, wo sind sie sch\u00f6pferisch &#8230; wo heilend? &#8211; Nicht nur im Anfang war das Wort&#8230; Wo bist du, wenn wir es kaum ertragen k\u00f6nnen, das Leben &#8211; zerrissen zwischen zwei Welten &#8211; wenigstens&#8230;? Du siehst doch, wir k\u00f6nnen nicht mehr. Wir,\u00a0deine\u00a0Menschheit &#8211; um Himmels und Erdens willen, wo bist du?&#8220;<\/p>\n<p>Vielleicht war es eine solch zweifelnde, ja ver-zweifelte Zeit, in der sich Gott Jakob offenbart und ihm die Gewi\u00dfheit seines Segens zuspricht. &#8222;Ich werde mit dir sein&#8220; &#8211; dies war schon Abraham, sp\u00e4ter Mose auf den Kopf, auf Leben und Tod hin zugesagt. Gott ist der &#8222;Gott-mit-uns&#8220;, sein Name ist das Wort, das im Anfang war und in der Person Jesu Christi verhei\u00dfungsvoll Mensch wird: &#8222;Ich werde mit dir sein&#8220;. Ohne Voraussetzung oder Vorleistung umfa\u00dft seine Zusage alle Gesch\u00f6pfe; eine N\u00e4he, wie sie dichter und gleichzeitig ferner nicht sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Die Welt ist, wie sie ist; sie ist eine menschliche Welt, die menschlichen Gesetzen gehorcht, mit menschlichen Augen und Gef\u00fchlen wahrgenommen. So lange die Erde sich dreht, werden nicht aufh\u00f6ren Liebe und Ha\u00df, Schuld und Rache &#8211; und auch Vergebung -, Trauer und Freude, Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. Leben steht in der Spannung zwischen faktischer Unerl\u00f6stheit und verhei\u00dfener Erl\u00f6sung, eine Spannung, die Gott manchmal so furchtbar &#8211; zum F\u00fcrchten &#8211; fern erscheinen l\u00e4\u00dft. Fern gerade in seiner N\u00e4he, hat er sich doch selbst als ohnm\u00e4chtiger Mensch unter diese conditio humana gestellt. Ein menschlicher Gott und g\u00f6ttlicher Mensch, der mit uns Leben in seiner Tiefgr\u00fcndigkeit und Abgr\u00fcndigkeit teilt &#8211; bis hin zum letzten Schrei, der alles Leid der Welt in sich begreift: &#8222;Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;F\u00fcrwahr, der Herr ist an dieser\u00a0St\u00e4tte, und ich habe es nicht gewu\u00dft&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Gott ist nicht nur dort, wo Menschen gl\u00fccklich sind, wo Leben nach unseren Ma\u00dfst\u00e4ben gelingt. (Was sind schon unsere Ma\u00dfst\u00e4be&#8230;) Gott durchdringt auch Trauer, physische, soziale oder psychische Not, das Gef\u00fchl der subjektiven oder objektiven Ausweglosigkeit. Ja, Gott ist ebenso dort, wo Menschen die absolute und alles verschlingende Gottesferne empfinden: &#8222;Bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du da&#8230; Und spr\u00e4che ich: Nur Finsternis m\u00f6ge mich bergen und Nacht sei das Licht um mich her. Auch Finsternis w\u00fcrde vor dir nicht verfinstern, und die Nacht w\u00fcrde leuchten wie der Tag, die Finsternis w\u00e4re wie das Licht.&#8220;<\/p>\n<p>Dieses Licht wirft seine Strahlen schon in unsere Welt hinein, wir k\u00f6nnen sie \u00fcberall ersp\u00fcren. Neben allen Schreckensmeldungen des Tages finden sich in unseren Zeitungen Berichte mit \u00dcberschriften wie &#8222;Fabrik stellt ihre Produktion von Atombomben auf Kirchenglocken um&#8220;, so gelesen im Herbst letzten Jahres. Spuren des Evangeliums, die sich in unserem Leben entdecken lassen: Dort, wo zwei Menschen sich wieder vers\u00f6hnen und einen Neuanfang miteinander wagen k\u00f6nnen wie Jakob und Esau. Wenn einem Menschen, der die L\u00f6sung seiner Probleme im Alkoholkonsum suchte, so da\u00df die L\u00f6sung zum neuen und alles verschlingenden Problem wurde, wenn ihm neue Kr\u00e4fte zuwachsen, die den Teufelskreis der Sucht zu durchbrechen verm\u00f6gen. Wo statt Gewalt Dialog entsteht zwischen verfeindeten V\u00f6lkern wie Israelis und Pal\u00e4stinensern, oder wo Fremde in unserer Gemeinschaft, unserer Kultur heimisch und integriert werden, ohne ihre Wurzeln und Traditionen aufgeben und sich vollst\u00e4ndig anpassen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>In all unseren Bem\u00fchungen und auch in unserer Resignation bleibt Er der &#8222;Gott mit uns&#8220;:<\/p>\n<p>&#8222;F\u00fcrwahr, der Herr ist an dieser St\u00e4tte, und ich habe es nicht gewu\u00dft&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen und m\u00fcssen nicht nach den Sternen greifen, T\u00fcrme in Babel gen Himmel bauen. Gott selbst ist es, der Jakob freundlich entgegenkommt, von sich aus und ohne Erwartungen. Die alles entscheidende Bewegung geht von Gott aus, und Jakob &#8211; der Mensch, der bislang als so weltgewandt, schlau und wenig ehrfurchtsvoll erscheint &#8211; kniet still nieder. Die Begegnung scheint ihn in einer Tiefe und Intensit\u00e4t anzur\u00fchren, die ihn den Mut finden l\u00e4\u00dft, Welt mit neuen Augen zu sehen &#8211; wenn auch oft mit vorsichtigem Mi\u00dftrauen. Und letztendlich, nach 14 langen Jahren der Arbeit und des Ringens, wird er auch seinem Bruder Esau anders und neu begegnen k\u00f6nnen. Gott gibt Menschen immer wieder die Kraft, in der Welt mit all ihren N\u00f6ten und Freuden nicht nur zu \u00fcber-leben, sondern auch sie zu er-leben und zu gestalten.<\/p>\n<p>Die Mauern dieser Welt, ihre Gesetzlichkeiten und Ordnungen, m\u00f6gen uns manchmal Schutz und Sicherheit bieten angesichts der Unsicherheit, die als Todesbedrohung an allem Lebendigen nagt; wir sind und bleiben aber auch ihre Gefangenen.<\/p>\n<p>Doch wie Jakob damals in der W\u00fcste sind auch uns manchmal Fl\u00fcgel verliehen, die uns einen Moment aufsteigen und einen kurzen Blick hinter die Fassaden werfen lassen. &#8222;Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Wort&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Und das Wort, das schon im Anfang aller Ewigkeit war, durchkreuzt und \u00fcbert\u00f6nt alles Ohrenbet\u00e4ubende der Welt wie eine leise Melodie:<\/p>\n<p>&#8222;Wenn der Herr die Gefangenen Zions erl\u00f6sen wird, werden wir sein wie die Tr\u00e4umenden&#8230;.&#8220;<\/p>\n<p>Und der Friede Gottes,<\/p>\n<p>der h\u00f6her ist als all unsere menschliche Vernunft,<\/p>\n<p>bewahre unsere Herzen und Sinne<\/p>\n<p>in Seinem Wort,<\/p>\n<p>in Christus Jesus.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Liedvorschl\u00e4ge: 452,1.2.4.5 * 199 * 430 * 678, 1.2.4 Wir beten f\u00fcr den Frieden (Rhein. Regionalteil)<\/p>\n<p>Katja Moscho<\/p>\n<p>stud. theol.\u00a0(*)<\/p>\n<p>(*) Die vorstehende Predigt hat Katja Moscho, Theologiestudentin der Evangelisch-theologischen Fakult\u00e4t an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universit\u00e4t zu Bonn im Zusammenhang des homiletischen Seminars verfa\u00dft und mit mir als Leiter des Seminars durchgesprochen. Sie wird sie am 16. September 2001 im Rahmen ihres Gemeinde-praktikums in Aachen-Brand halten. Prof. Dr. R. Schmidt-Rost<\/p>\n<p><a href=\"mailto:R.Schmidt-Rost@web.de\">E-Mail: R.Schmidt-Rost@web.de<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>14. Sonntag nach Trinitatis | 16. September 2001 | Genesis 28,10-16 | Katja Moscho | &#8222;F\u00fcrwahr, der Herr ist an dieser St\u00e4tte, und ich habe es nicht gewu\u00dft&#8230;&#8220; Jakob war ein Mensch, der wei\u00df. Er wei\u00df, wie die Welt tickt, die nach strengen Regeln und Gesetzen geordnet ist. Die Welt, in der Haben und Sein [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":21105,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4,512,2,727,157,853,114,446,349,1674,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-22332","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-genesis","category-14-so-n-trinitatis","category-at","category-archiv","category-beitragende","category-bibel","category-deut","category-kapitel-28-chapter-28-genesis","category-kasus","category-katja-moscho","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22332","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=22332"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22332\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":22333,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22332\/revisions\/22333"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/21105"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=22332"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=22332"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=22332"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=22332"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=22332"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=22332"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=22332"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}