{"id":22336,"date":"2001-09-23T08:47:34","date_gmt":"2001-09-23T06:47:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22336"},"modified":"2025-03-23T08:51:13","modified_gmt":"2025-03-23T07:51:13","slug":"psalm-130-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/psalm-130-2\/","title":{"rendered":"Psalm 130"},"content":{"rendered":"<h3>Mittagsgebet um Frieden und Vers\u00f6hnung in der Schlo\u00dfkirche der Universit\u00e4t Bonn | 12. September 2001 | Ps 130 | Reinhard Schmidt-Rost |<\/h3>\n<p>Ps. 130 &#8211; Lied 299<\/p>\n<p>Liebe Hochschulgemeinde,<\/p>\n<p>dies ist nicht die Stunde der Lehre und nicht die Stunde der Weisheit &#8211; die Stunde der Forschung m\u00f6chte es wohl sein, aber wer wollte auf Wissen hoffen, solange Rauch und Staub noch die Opfer verh\u00fcllen &#8230;?<\/p>\n<p>dies ist nicht einmal die Stunde der Sprache, da Worte heute nichts anderes wirken, als den Staub noch ein wenig mehr aufzuwirbeln, den das Verbrechen erzeugte.<\/p>\n<p>Aber das Verlangen nach Ausdruck treibt die Sprachlosigkeit, sich in Worte zu fassen, zu tasten nach den Tr\u00fcmmern von Sinn, die auf G\u00fcltiges verweisen k\u00f6nnten, zu graben mit blo\u00dfen H\u00e4nden im t\u00f6tlichen Gewimmel der Bilder, um Bleibendes festzuhalten.<\/p>\n<p>Die Augen sind die vergangene Nacht \u00fcbergegangen und nun getr\u00fcbt von der fernen, ferngesehenen N\u00e4he des Unbegreiflichen und doch so unmittelbar Anschaulichen, dutzendfach wiederholten, ins Gewohnte herabgemilderten, zur Selbstverst\u00e4ndlichkeit reduzierten &#8230; das habe ich doch schon l\u00e4ngst gesehen, blind sind die an das Grauen gewohnten Augen und m\u00f6chten sich tr\u00f6sten mit Eindr\u00fccken von neuer Sicherheit, mit Bildern von Geretteten, obwohl doch so viele verloren sind, mit Eindr\u00fccken von T\u00e4tern, da\u00df das B\u00f6se greifbar wird &#8211; und nicht weiter die Atmosph\u00e4re mit Ungewi\u00dfheit vergiftet, mit Parolen der Stabilit\u00e4t &#8230;<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, ist es schon eine Zeit zu trauern? vielleicht &#8230; aber ich meine, es ist noch zu fr\u00fch, trauern geht nur um Verlorenes, aber wissen wir wirklich schon jetzt, was wir verloren haben, die wir nur von ferne standen und sahen?<\/p>\n<p>Wer in dieser Katastrophe geliebtes Leben verloren hat, der mag in dieser Stunde bereits trauern, obwohl der Bann des Entsetzens sicher gerade die Angeh\u00f6rigen l\u00e4ngst noch gefangen h\u00e4lt, und die bange Ungewi\u00dfheit viele verstummen verl\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p>Was aber haben wir verloren? Unsere Sicherheit vielleicht, wenn wir sie je hatten, aber welcher Wissenschaftler w\u00e4ren so selbstgewi\u00df, dass er aus seinen Leistungen, Forschungen und Erkenntnissen letzte Lebenssicherheit gewinnen k\u00f6nnte, die jetzt erst ersch\u00fcttert w\u00fcrde?<\/p>\n<p>Was haben wir verloren? Unsere Hoffnung auf Frieden, die wir nun wieder wie eine empfindliche Pflanze allein im Herzen h\u00fcten, und unter unseren Freunden? Aber k\u00f6nnen wir wirklich ohne die Hoffnung auf weltweiten Frieden leben?<\/p>\n<p>Was haben wir verloren? Unseren Glauben? Den Glauben an das Gute im Menschen? Den mag verloren haben, wer immer ihn in seinem reinen Herzen trug. Den Glauben an die G\u00fcte Gottes? Der wird denen ersch\u00fcttert, die glaubten, dass Gottes G\u00fcte die Freiheit der Menschen zum B\u00f6sen einschr\u00e4nken w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Den Glauben an die Verantwortung der Menschen vor Gott? Der wird mir gerade in diesen Stunden neu bekr\u00e4ftigt. Das Verbrechen weist den Glaubenden radikal auf diese Verantwortung vor Gott, &#8211; dass wir einander nicht nach dem Leben trachten, sondern helfen, soweit es in unseren Kr\u00e4ften steht, &#8211; da\u00df wir aneinander das Gute sehen, auch wo wir unsere Schw\u00e4chen erkennen, &#8211; dass wir einander die Zukunft nicht schwarz malen oder etwas wei\u00df machen, sondern uns gegenseitig korrigieren, &#8211; da\u00df wir uns &#8211; mit zwei Worten gesagt &#8211; als Gesch\u00f6pfe Gottes achten.<\/p>\n<p>Bitten wir in dieser d\u00fcsteren Stunde um die Kraft zu solchem Glauben, die als Kraft der Liebe in uns sp\u00fcrbar wird, die dem B\u00f6sen widersteht, die Liebe, die sich heute nur als Klage aussprechen kann.<\/p>\n<p>So wollen wir in diesem Augenblick der Besinnung noch einmal die Worte des Psalters h\u00f6ren: Ps. 22.<\/p>\n<p>Lied 430<\/p>\n<p>Vater unser &#8211; Segen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Prof. Dr. Reinhard Schmidt-Rost, Bonn<\/strong><\/p>\n<p><strong>Professor f\u00fcr Praktische Theologie und Universit\u00e4tsprediger<\/strong><\/p>\n<p><strong>an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<p><strong>E-Mail:\u00a0<a href=\"mailto:r.schmidt-rost@uni-bonn.de\">r.schmidt-rost@uni-bonn.de<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mittagsgebet um Frieden und Vers\u00f6hnung in der Schlo\u00dfkirche der Universit\u00e4t Bonn | 12. 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