{"id":22342,"date":"2001-09-23T08:56:57","date_gmt":"2001-09-23T06:56:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22342"},"modified":"2025-03-23T08:59:20","modified_gmt":"2025-03-23T07:59:20","slug":"lukas-175-6-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-175-6-2\/","title":{"rendered":"Lukas 17,5-6"},"content":{"rendered":"<h3>15. Sonntag nach Trinitatis | 23. September 2001 | Lukas 17,5-6 | Gerhard Weber |<\/h3>\n<p>Predigttext: Und die Apostel sprachen zu dem Herrn: St\u00e4rke uns den Glauben!<\/p>\n<p>6 Der Herr aber sprach: Wenn ihr Glauben h\u00e4ttet so gro\u00df wie ein Senfkorn, dann k\u00f6nntet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Rei\u00df dich aus und versetze dich ins Meer!, und er w\u00fcrde euch gehorchen.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>&#8222;Nichts wird so sein wie vor den Terroranschl\u00e4gen am 11. September 2001&#8220;. Diese Bef\u00fcrchtung hat in erschreckender Weise unser Leben erfasst. Seitdem hat sich Vieles ver\u00e4ndert. Wie der Staub der eingest\u00fcrzten Hochh\u00e4user legt sich Traurigkeit auf unsere Herzen, auf unser Leben. Wir k\u00f6nnen die Bilder nicht vergessen, sie nehmen uns gefangen, ob wir wollen oder nicht. Sie haben sich wie tiefe Spuren eingegraben. Sie ber\u00fchren uns, wir sind fassungslos.<\/p>\n<p>Das darf doch alles nicht wahr sein&#8230;es muss ein b\u00f6ser Traum sein&#8230;wir m\u00f6chten gern erwachen oder die Zeit zur\u00fcckdrehen, w\u00fcnschen sehns\u00fcchtig, es h\u00e4tte irgendwie verhindert werden k\u00f6nnen. Nein, wir m\u00fcssen uns dieser Wirklichkeit stellen. Es ist passiert und unser Leben ist aus den Fugen geraten. Dabei brechen viele Grundfragen des Lebens neu auf auch wenn sie lange Zeit verdr\u00e4ngt wurden oder wir schon dachten sie endg\u00fcltig beantwortet zu haben. Wir suchen Orientierung, nach etwas, was uns Halt und St\u00e4rke gibt.<\/p>\n<p>Unz\u00e4hlige Menschen haben eine Kirche aufgesucht um eine Zuflucht zu finden, weg vom Bildschirm des Fernsehers, der keinen Trost geben kann. Ich brauchte die N\u00e4he anderer Menschen, die Umarmung. Und wenn wir uns in die Augen schauten, haben Tr\u00e4nen uns verbunden. Unsere Gebete waren ganz bei den Opfern und ihren Angeh\u00f6rigen. &#8222;Oh, Gott, sei jetzt bei ihnen, lass sie nicht allein!&#8220;<\/p>\n<p>All unsere vielen kleinen und gro\u00dfen Sorgen und N\u00f6te mit denen wir unser Leben oft so schwer machen, spielen jetzt keine Rolle mehr. Da schenkt mir eine Kerze, die ich anz\u00fcnden kann, Trost und gibt mir ein wenig W\u00e4rme zur\u00fcck, wo mich innerlich fr\u00f6stelt.<\/p>\n<p>&#8222;St\u00e4rke uns den Glauben&#8220;, so bitten die Apostel, die J\u00fcnger Jesu, die fr\u00fchen Christen&#8230; Der Glaube, die Zuversicht ins Leben, ger\u00e4t immer wieder ins Wanken. Durch unvorstellbar grausame Ereignisse wie wir sie jetzt erlebt haben, durch pers\u00f6nliche Schicksalsschl\u00e4ge, Krankheiten und Niederlagen. Was verunsichert mich dabei so tief?<\/p>\n<p>Dass Gott seine Zusage, dass mein Leben auf dieser Erde einen Sinn hat, dass er dieses Leben bejaht und beh\u00fctet, dass er diese Zusage zur\u00fcck gezogen haben k\u00f6nnte.Oder dass seine Existenz eben doch nur in den W\u00fcnschen und Phantasien der Menschen zu finden ist und auf gar keinen Fall in der bitteren Wirklichkeit meines Lebens.<\/p>\n<p>Gegen diese inneren Zweifel kann uns nur der Glaube helfen, sonst nichts. Wobei der Glaube eben nicht darin besteht, das Unab\u00e4nderliche einfach hinzunehmen. Die Augen zu schlie\u00dfen und sich in eine jenseitige bessere Welt zu tr\u00e4umen.<\/p>\n<p>Der Glaube will unser Leben weit machen, unsere verengte Sichtweise aufbrechen. Dort, wo uns die Sorgen und N\u00f6te nur noch gefangen nehmen wollen, dort, wo die Bilder des Schreckens sich ganz tief in uns festsetzen, ist es lebensnotwendig f\u00fcr uns, um St\u00e4rkung unseres Glaubens und neues Vertrauen ins Leben zu bitten.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen uns auf die Suche zu machen, dass dieses Grauen unser Leben nicht l\u00e4nger bestimmt und uns handlungsunf\u00e4hig macht. Und gerade dort, wo wir so tief ber\u00fchrt sind, wo wir aus dem Trott des Alltags herausgerissen wurden, k\u00f6nnen wir die M\u00f6glichkeit nutzen, einen neuen Weg zu finden.<\/p>\n<p>Neues Vertrauen beginnt oft ganz klein, an den Grenzen des Lebens, wo wir einer existenziellen Bedrohung ausgesetzt sind. Als ein Geschenk, f\u00fcr das wir uns \u00f6ffnen k\u00f6nnen, aber das wir nicht selbst hervorbringen k\u00f6nnen. Ich habe da zwei gerade erwachsene Geschwister vor Augen, deren Eltern durch ein tragisches Ereignis get\u00f6tet wurden. Eine unvorstellbare Katastrophe f\u00fcr die Familie, eine tiefe Ersch\u00fctterung. An diesem Tiefpunkt des Lebens entstand eine enorme Kraft diese Herausforderung anzunehmen. Nach dem Sinn des eigenen Leben zu fragen und aus einer neu geschenkten Zuversicht zu sagen: &#8222;Gott hat mir dieses Leben geschenkt, es ist kostbar und wertvoll, ich bin dankbar daf\u00fcr und ich wei\u00df jetzt, dass es sich lohnt, mein Leben f\u00fcr andere einzusetzen.&#8220;So wird der Glaube zu einer pers\u00f6nlichen Erfahrung, durch die wir in unseren Lebenskrisen eine neue St\u00e4rkung erfahren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>So k\u00f6nnen bildlich gesprochen alte B\u00e4ume ausgerissen und Berge versetzt werden: Das, was uns im ersten Augenblick als un\u00fcberwindlich erscheint, das, was uns blockiert, wo wir gar nicht den Mut haben, einen neuen Schritt zu gehen, weil wir von der Aussichtslosigkeit schon im Voraus \u00fcberzeugt sind. Gerade der Maulbeerbaum mit seinem verzweigten Wurzelwerk steht f\u00fcr Standfestigkeit und mangelnde Flexibilit\u00e4t. Einen alten Baum verpflanzt man nicht.<\/p>\n<p>Aber die Wurzeln des Glaubens sind andere, sie graben sich tief in Gottes Zusage, dass er uns Glauben, Vertrauen und Zuversicht schenkt, wo wir uns ihm \u00f6ffnen gerade dann, wenn das Leben bedroht und verletzt ist. Wenn wir den Mut aufbringen, unsere Hilflosigkeit einzugestehen und uns von dort auf die Suche nach L\u00f6sungen machen, werden wir neue Glaubenserfahrungen machen, davon bin ich \u00fcberzeugt.<\/p>\n<p>Bei Dietrich Bonhoeffer, der 1945 von den Nationalsozialisten umgebracht wurde, k\u00f6nnen wir entdecken, welche Kraft Gott Menschen schenken kann, auch wenn sie in Bedr\u00e4ngnis sind. So beschreibt er aus dem Gef\u00e4ngnis seine Zuversicht folgenderma\u00dfen:&#8220;Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem B\u00f6sesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Daf\u00fcr braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie uns nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben m\u00fc\u00dfte alle Angst vor der Zukunft \u00fcberwunden sein. &#8230; Ich glaube, dass Gott &#8230; auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.&#8220;<\/p>\n<p>Der Werbeslogan: &#8222;Nichts ist unm\u00f6glich&#8220; klingt da verf\u00fchrerisch einfach, aber es ist ein hartes St\u00fcck Arbeit, die auf uns zu kommt. Unsere Welt ist durch den Terrorschlag durcheinander geraten, Mi\u00dftrauen und Angst breiten sich aus. Nur gemeinsam k\u00f6nnen wir uns diesen Angriffen auf das Leben stellen. Dazu will uns der Bibeltext Mut machen: Unseren Glauben zu st\u00e4rken bedeutet heute: jetzt erst recht besonnen reagieren, nicht aus Wut- und Rachegef\u00fchlen noch mehr unschuldige Opfer verursachen. Es sind schon genug Menschen ums Leben gekommen.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich ist wichtig, dass wir in diesen Tagen vor allem zusammenhalten, f\u00fcr andere beten und uns gegenseitig tr\u00f6sten, wo wir so tief verunsichert sind. Vertrauen aufzubauen gegen die bedrohlichen \u00c4ngste.<\/p>\n<p>Damit der Friede Gottes, der h\u00f6her ist als alle menschliche Vernunft und Unvernunft unsere Herzen und Sinne bewahre in Jesus Christus. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Gerhard Weber Pastor in St. Martin Geismar<\/p>\n<p>Charlottenburger Stra\u00dfe 10<\/p>\n<p>37085 G\u00f6ttingen<\/p>\n<p>email:\u00a0<a href=\"mailto:gerhard.weber.goe@t-online.de\">gerhard.weber.goe@t-online.de<\/a><\/p>\n<p>Lit.: Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung, G\u00fctersloh 1985, S 18f<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>15. Sonntag nach Trinitatis | 23. September 2001 | Lukas 17,5-6 | Gerhard Weber | Predigttext: Und die Apostel sprachen zu dem Herrn: St\u00e4rke uns den Glauben! 6 Der Herr aber sprach: Wenn ihr Glauben h\u00e4ttet so gro\u00df wie ein Senfkorn, dann k\u00f6nntet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Rei\u00df dich aus und versetze dich ins [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":14869,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[38,513,727,157,853,114,1675,603,349,3,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-22342","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-lukas","category-15-so-n-trinitatis","category-archiv","category-beitragende","category-bibel","category-deut","category-gerhard-weber","category-kapitel-17-chapter-17-lukas","category-kasus","category-nt","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22342","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=22342"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22342\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":22343,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22342\/revisions\/22343"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/14869"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=22342"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=22342"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=22342"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=22342"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=22342"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=22342"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=22342"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}